Wiili Winkler: Das Kind Europas - Analyse

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In seinem Aufsatz aus der SZ vom 24.08 2005 befasst sich Winkler mit der Frage, wie es kommt, dass geheimnisvoll auftauchende Menschen wie der sogenannte Piano-Mann von der Allgemeinheit bestaunt und als besondere Menschen verehrt werden. Im Titel wird eine Verbindung zu Kaspar Hauser gestellt, wie man nach der Lektüre von (6) erkennt; im Untertitel steht das Fazit von Winklers Antwort, dass nämlich „wir“ unsere Sehnsüchte in solche Menschen hineinprojizieren.
   Vor (1) sind einige Verse Trakls abgedruckt (ohne genauen Nachweis des Werks), wo einem reinen Menschen die Nähe zu Gott bescheinigt wird; dies entspricht der von Winkler insgesamt kritisierten Sicht der naiven Verehrer solcher Unbekannter.
In (1) - (4) wird insgesamt das Auftauchen Kaspar Hausers 1828, seine Rästselhaftigkeit und seine baldige Verehrung berichtet und schließlich in (4b) von Winkler erklärt. Mit dem Adverb „deshalb“ wird anschließend und in Parallele dazu das entsprechende Auftauchen und die bald folgende Verehrung des gerade entlarvten Piano-Manns berichtet und auch spöttisch erklärt. Winkler will also in seinem Aufsatz die Verehrung solcher Unbekannter als leichtgläubige Projektion aus der Eigenart unserer Gesellschaft entlarven und kritisieren.
   In (1) berichtet Winkler, wie Kaspar Hauser 1828 gefunden wurde und wie er auf seinen Biografen Anselm Feuerbach wirkte. In (2) berichtet Winkler, was an Hauser am rätselhaftesten war (2a); anschließend berichtet er kritisch, dass Hauser als ein echtes Naturkind verehrt wurde; mit der Bezeichnung „Deutungsindustrie“, dem Hinweis auf die vermeintliche Herkunft „frisch aus dem Paradiese“ sowie der Aufzählung aller möglichen Verehrer (vom Sonntagsspaziergängern bis zu Gaunern) bewertet Winkler die Vorgänge von 1828 kritisch. In (3) stellt er gewissermaßen aus der Innensicht der Verehrer dar, was Kaspar Hauser nach seiner Herkunft alles sein könnte; indem diese Vermutungen als „gewiss“ bezeichnet werden, obwohl sie doch falsch sein müssen, wird Winklers Spott deutlich; im Einleitungssatz hat er das Motiv der Verehrer benannt, dass der Mensch nämlich der Tröstungen (durch schöne Irrtümer) bedürftig sei. In (4) beruft sich Winkler auf die „Dialektik der Aufklärung“ und erklärt dann, wie aus den irrationalen Bedürfnissen der vermeintlich Rationalen Projektionsfiguren gesucht werden, die zeigen, dass der Mensch durch die Zivilisation sich selbst entfremdet worden sei.
   In (5) erklärt er dazu parallel die Verehrung des Piano-Manns; er erkennt darin ein „Muster“ (5a), das sich früher aus der zeitgenössischen Literatur und heute aus den Trivialmythen der Therapiegesellschaft speise; an beiden Herkunftsbezeichnungen fällt der abwertende Ton auf (Trivial-; ironische Kombination Therapie-Gesellschaft).
   In (6) wird nach dem Bericht von der Enttarnung des Piano-Manns dessen Täuschung bewertet; Winkler sieht eher nicht ihn als Betrüger, sondern die Gesellschaft als eine, die verehren, also betrogen sein will. In (7) berichtet und erklärt er zugleich, wie der Piano-Mann an seine Aura gekommen ist. In (8) berichtet Winkler vom üblen Ende Kaspar Hausers und setzt es ironisch wertend in Parallele zum „Ende“ des Piano-Manns: Der müsse nach Hause zurück, das sei noch schlimmer als der Tod Hausers.

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