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Samstag, 30. September 2006

Montage-Technik

Um das Gedicht "Topographien" von Heißenbüttel zu verstehen, muss man die Montagetechnik kennen (und erkennen):

* Schau dir Bilder von Francis Picabia an! Das ist ein Hinweis Heißenbüttels; ich würde schon auf Bilder von Braque, Léger (z.B. Contrastes deformés, 1911), Picassso oder Juan Gris nach 1910 hinweisen [später: Marcel Duchamp!]. Fragmentation ist der Titel, unter dem solche Bilder im Centre Pompidou in Paris zusammengestellt sind. Wenn Andreas Beyer ("Der souveräne, freie Blick", SZ vom 21. Oktober 2006) Recht hat, hat Paul Cézanne den entscheidenden Schritt zum konstruktiven Sehen getan und Picasso 1907 mit seinem Bild "Demoiselles d'Avignon" das erste Bild der Moderne gemalt (siehe http://search.live.com/images/results.aspx?q=Picasso%3A+Demoiselles+d%27Avignon&mkt=de-DE&form=QBRE&go.x=13&go.y=10&go=Search)
* Im TTS findest du S. 334 f. Gedichte von Bachmann, Enzensberger und Gomringer, die verschiedene Möglichkeiten der Textmontage zeigen (am einfachsten Bachmann: Reklame, worauf ich heute ja schon hingewiesen habe). Ein schönes Beispiel, eine schlichte Zusammenstellung einzelner Redensarten, nur durch die Überschrift zusammengehalten, ist folgendes Gedicht:

Brecht: Was ein Kind gesagt bekommt

Der liebe Gott sieht alles.
Man spart für den Fall des Falles.
Die werden nichts, die nichts taugen.
Schmökern ist schlecht für die Augen.
Kohletragen stärkt die Glieder.
Die schöne Kinderzeit kommt nicht wieder.
Man lacht nicht über ein Gebrechen.
Du sollst Erwachsenen nicht widersprechen.
Man greift nicht zuerst in die Schüssel bei Tisch.
Sonntagsspaziergang macht frisch.
Zum Alter ist man ehrerbötig.
Süßigkeiten sind für den Körper nicht nötig.
Kartoffeln sind gesund.
Ein Kind hält den Mund.

Lies vielleicht auch das Gedicht von G. Benn: Fragmente, um eine Rechtfertigung der Montagetechnik zu hören. Die Montage-Technik ist eine Möglichkeit, mit den in den poetologischen Gedichten gezeigten Schwierigkeiten fertig zu werden. Schau (oben) in die vier Lektionen zur deutschen Lyrik nach 1945!

von: norberto42 in: Lyrik
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Geändert am 25. März 2008 um 09:06

Freitag, 22. September 2006

Grundbegriffe sprachlichen Handelns

in Sachtexten oder theoretischen Texten:

Was steht an?                Was will (soll) der Hörer?            Was tut der Sprecher dafür?

1. Eine Abfolge                      wissen                                    berichten
zusammenhängender
Ereignisse                       unterhalten werden                       erzählen

2. eine Menge
von Phänomenen;           kennen; sich vorstellen                   beschreiben
ein Einzelding

3. Problem, un-                    verstehen                                erklären
bekannte Zusammenhäne

4. Entscheidung                   klar sehen                                bewerten

5. Handlung                          handeln                                 auffordern

Das alles sind einzelne Handlungen des Sprechers im "Dialog" mit dem Hörer; hierhin gehört dann auch noch alles, was mit dem Argumentieren (begründen - bezweifeln, ein Beispiel anführen , verallgemeinern, folgern usw.) und dem schönen Überzeugen (Rhetorik) zusammenhängt (appellieren, fragen, zuspitzen usw.) zusammenhängt: die Konstruktion des ganzen Gedankengangs. Die Kenntnis der Mittel oder Techniken des Argumentierens und Überzeugens wird jetzt von mir der Einfachheit halber vorausgesetzt.

Wir können mindestens zwei weitere Aspekte unterscheiden: Der Sprecher (Autor) gibt Hilfen für den Überblick über das, was er insgesamt sagt, will also dem Hörer (Leser) das Verständnis erleichtern. Hierhin gehören Handlungen wie: einleiten, einen Überblick geben, vorausdeuten, zusammenfassen, rückverweisen, etwas wiederholen. Vielleicht sollte man hierzu auch die Handlungen zählen, mit denen der Sprecher (Autor) die Aufmerksamkeit des Hörers (Lesers) gewinnen und erhalten will (direkte Anrede, auf ein aktuelles Ereignis anspielen, einen Scherz machen usw.).

Zweitens kann man (innerhalb der argumentativen Konstruktion des Gedankengangs) "das Gespräch" des Autors mit anderen Teilnehmern am großen Gespräch der Fachleute beachten. Hierhin gehört alles, was mit dem Zitieren, Verweisen, Zustimmen zu und Ablehnen von fremden Auffassungen zusammenhängt; hierhin gehört auch wieder die ganze Palette des Argumentierens.

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Geändert am 22. September 2006 um 23:25

Mittwoch, 20. September 2006

Gedanken zu H. Heißenbüttel: Topographien


Links zu Heißenbüttel (etwa Juli 2006)
http://www.ub.fu-berlin.de/internetquellen/fachinformation/germanistik/autoren/multi_fgh/heissen.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Helmut_Hei%C3%9Fenb%C3%BCttel
http://www.radiobremen.de/online/heissenbuettel/
http://www.stuttgarter-schule.de/heissenbuettel.htm
http://www.kkgwhv-schule.kwe.de/hhw/index.html
http://doehl.netzliteratur.net/mirror/heissenbuettel1.htm
http://www.stuttgarter-schule.de/rotermund_hh2001.htm
http://www.stuttgarter-schule.de/heissenbuettel5.htm
http://www.uni-stuttgart.de/ndl1/hoflitage/hbg_rez2.htm
http://www.reinhard-doehl.de/hhh/h_h_h.htm

Gedanken zu H. Heißenbüttel: Topographien a - e
Es liegen Ortsbeschreibungen vor. Dazu ist vorab zweierlei zu sagen: Die Orte sind nicht als Lokalitäten zu verstehen; und die Beschreibungen sind nicht als konsistente Sätze zu lesen, sondern als Montagen von Satzfetzen.
Das möchte ich an einem Beispiel zeigen (Text und Verszählung nach der Ausgabe „Epochen der deutschen Lyrik“, hrsg. von Walter Killy, Bd. 9): „aufgegitterte Spiegelbilder im Wellblech der Kanäle“ (V. 35). Das ist die Montage einer Wendung „Spiegelbilder im Wasser der Kanäle“ mit dem Bild eines Bauwerks (Wellblech), wobei unklar ist, woher das Attribut „aufgegitterte“ stammt. Vielleicht ließe sich durch eine Fleißarbeit ausmachen, aus welchen Kästen die gemixten Bruchstücke ursprünglich stammen. Die Frage ist, ob das fürs Verstehen wichtig ist.
Als Methode ergibt sich für mich daraus, bestimmte Wendungen zu sammeln, die der Beschreibung eines „Ortes“ dienen. Ich finde folgende fünf Orte beschrieben: das Ich (a), die Zeit (b), die Wiederholung von Mustern (c), gedankenloses Funktionieren (d), Geplapper leerer Gesichter (e) - diese fünf Orte gehören zusammen und bezeichnen das Gelände, in dem man sich bewegt. Es gilt also, diese fünf Orte kurz zu umschreiben:

a) das Ich: ungedecktes Gelände, schutzlos Angriffen ausgesetzt,
irreparable Schäden, Verluste,
Biografie unter den Gesetzen eines Romans,
weiße Flecken, Unbekanntes weithin,
das Profil aufgelöst,
Gesichter abgefallen,
darüber eine stahlblaue Schutzschicht;

b) Zeit: zergehend,
der langsame Schritt der nichts Erwartenden;

c) Wiederholungen: Strukturen der Landschaft,
unaufhörlich dieselben Gesichter, ununterbrechbar,
immer noch meine Schwester,
immer gleiche Spiegelbilder,
die glitzernden Parallelen des vor mir liegenden Geländes;

d) funktionieren: das Fehlen der Gedanken in den abgefallenen Köpfen,
einzige Schlupfwinkel: Bilder von Francis Picabia, Texte von Benjamin Peret;

e) was hört man den ganzen Tag?
inhaltsleere Sätze,
Gesprächsfetzen (ich kenne eine Sammlung vom Begräbnis von Bubi Scholz),
das menschenleere Gesicht:
die milchbraune Kreisform.

   Wer es denn wagte, er selber statt bloß Wellnesskonsument zu sein -
   Wer es denn wagte, selber zu lernen, statt Abikonsument zu sein -
   Wer es denn wagte, selber zu lehren, statt Versatzstücke einzuspielen -
   Wer es denn wagte mitzufühlen, statt alte Sprüche zu reproduzieren -
   Wer es denn wagte, sich auf sich selbst zu besinnen -


Möglichkeiten, sich das Gedicht zu erschließen:
* Lies Sabine Peters über H.H.: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/166029/
* Sammle Redensarten von Lehrern (Eltern, Schülern) in allen Variationen!
* Höre Musik von Big Sid Catlett, Art Tatum, Fats Navarro!
* Schau dir Bilder von Francis Picabia an!
* Lies Gottfried Benn: Fragmente!

Lies auch den kleinen Aufsatz "Montage-Technik" hier in der Kategorie "Lyrik"! 

von: norberto42 in: Gedichte
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Geändert am 30. September 2006 um 03:13

Sonntag, 17. September 2006

Krolow: Robinson I - Überlegungen zu Analyse und Interpretation


(Text unter http://www.hs-niederrhein.de/~agyviers/Schreibwerkstatt/original.htm)
Robinson berichtet in der Ich-Form von seinen Versuchen, Schiffe zu fangen.
   Weißt du, wer Robinson ist? Wenn nicht, informiere dich über den Roman Defoes (The Life an strange Surprising Adventures of Robinson Crusoe of York, 1719) im KLL.
   Was berichtet Robinson? Er berichtet, was er anfangs getan hat (V. 5-17) und wie es ihm jetzt ergeht (V. 18-20).
   In den Bericht von dem, was er anfangs getan hat (im Präteritum), sind zwei präsentische Äußerungen eingeschoben:
- eine Erklärung (V. 8), wie er Forellen fängt, zur Rechtfertigung (der Art) seines Greifens nach Schiffen;
- eine Anleitung, wie man mit Schiffen umgehen muss (V. 13 f.); damit kommentiert er das Scheitern seiner Fangbemühungen, bzw. er trägt eine Einsicht vor, die er durch das Scheitern gewonnen hat: dass man mit Schiffen zart umgehen muss.
   Die zweite Strophe ist der Bericht (Beschreibung?) von dem, was sich aus dem Scheitern der anfänglichen Bemühungen insgesamt (einschließlich des Rufens, V. 15-17) für Robinsons Lage „jetzt“ ergeben hat.
   Problematisch ist für mich V. 1-4, weil Robinson dort im Präsens berichtet, was er „immer wieder“ tut; aus dem Präsens ergibt sich, dass er das jetzt auch noch tun müsste: die Hand nach Schiffen ausstrecken, mit der Faust zugreifen. Das passt aber weder zur mühsam erworbenen Einsicht (V. 13 f.) noch zur Beschreibung seiner gegenwärtigen Lage (V. 18-20). Also müsste das Präsens in V. 1-4 als historisches Präsens und damit diese Äußerung ebenfalls als Bericht gelesen werden; in diesem Sinn hat Krolow selber sich zum Gedicht geäußert (in: Doppelinterpretationen, hrsg. von H. Domin 1966/1969, S. 153 ff.).

Damit sieht die innere Struktur des berichteten Geschehens so aus:
- Hand nach einem Schiff ausstrecken (immer wieder),
- in der Weise: mit der Faust zugreifen,
-> anfänglich: Fangergebnisse (Schiffe am Horizont),
* mit Rechtfertigung: Weise des Forellenfangs,
- Scheitern der Fangversuche (mehrere Gründe)
-> Einsicht: Erfordernis, mit Schiffen zart zumzugehen
-> Änderung der Methode: Namen rufen
* mit Erläuterung: „immer wie meiner“
[was impliziert: zweites Scheitern, weil die Namen ja nicht die richtigen sind]
-> Jetzt-Zustand: Fortdauer der Einsamkeit,
„in Gesellschaft mit dem Ungehorsam einiger Worte“ (also ohne Einsicht?)

Überlegungen zur Metaphorik:
Robinson - Schiffe erreichen (ergreifen) wollen - Versuche: zugreifen und rufen - Einsamkeit, „in Gesellschaft mit dem Ungehorsam einiger Worte“

Überlegungen zur Deutung:
Es gibt in den „Doppelinterpretationen“ die beiden bekannten Kommentare von Karl Krolow und Benno von Wiese. Die Frage ist, ob man das Gedicht nur auf die Einsamkeit eines Menschen beziehen will, dem es nicht gelingt, Kontakt mit der Welt herzustellen, oder ob man in diesem Gedicht speziell das Scheitern des Dichters erkennen kann, dessen Worte auch nicht imstande sind, die Dinge beim Namen zu nennen bzw. die sich dem Sprecher widersetzen.
von: norberto42 in: Gedichte
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Geändert am 30. September 2006 um 03:15

Günter Eich: Ende eines Sommers - Analyse


Zu Eichs Gedicht (1955) gibt es mehrere Interpretationen, zunächst die Rudolf Hartungs in Hilde Domins „Doppelinterpretationen“ (1966 und 1969, S. 49 ff.); Eva-Maria Kabisch führt es als Beispiel vor, wie man Gedichte von einer zentralen Metapher und einem Schlüsselwort interpretieren kann (1987); W. Freund zählt es zu den bedeutenden deutschen Gedichten, die zu interpretieren lohnt (Winfried Freund: Deutsche Lyrik, 2. Aufl. 1994, S. 163 ff.). Im www findet man den Text in historischen Zusammenhängen (http://deutsch.pi-noe.ac.at/literatur3/ly_natur_vtfg.htm über moderne Naturlyrik, oder in einer  WDR-Sendung über „Die Stunde Null - Die Künste nach 1945. Folge 4: Literatur nach 1945“, von Jutta Duhm-Heitzmann).
   „Ende eines Sommers“, die Überschrift, ordnet das Gedicht den Herbstgedichten zu; das Thema „Herbst“, auch wenn es dankenswerterweise in unserem Arbeitsbuch „Gedichte“ (Klett 1985, S. 327) nicht ausgewiesen ist, ist ein intensiv bearbeitetes Gedichtmotiv. In Alexander von Bormanns Anthologie „Die Erde will freies Geleit. Deutsche Naturlyrik aus sechs Jahrhunderten“ (1984) ist es mit den Themen „September“ (dazu gehört zeitlich Eichs Gedicht), Herbst und evtl. „Die gestundete Zeit wird sichtbar - Lieder von der Vergänglichkeit“ dreifach vertreten. A. von Bormann ordnet Eichs Gedicht übrigens dem Motiv „Und die Vollkommenheit ist ohne Klage - Herbst“ zu, während es nach seinem Tenor eher den Liedern von der Vergänglichkeit angehört, meine ich. Das Gedicht lädt dazu ein, es mit anderen Herbstgedichten zu vergleichen.
   „Ende eines Sommers“ ist nicht das Ende des Sommers; der Autor, der die Überschrift gesetzt hat, weiß, dass weitere Sommer folgen werden, auch wenn er jetzt den Blick auf (s)ein Ende lenkt. Ein lyrisches Ich (V. 5) äußert sich monologisch; niemand ist zu sehen, der ihm zuhörte oder gar antwortete. Es beginnt emphatisch mit einem Ausruf: „Wer möchte leben ohne den Trost der Bäume!“ (V. 1) Das ist eine Art rhetorischer Frage; niemand möchte es, denkt das Ich dabei. Aber welchen Trost spenden Bäume, und warum braucht man („wer“ zielt auf alle, zumindest alle Trostbedürftigen) ihn? Nach V. 1 ist die Strophe zu Ende; man hat Zeit, über die beiden genannten Fragen nachzudenken.
   Wem diese Frage absonderlich erscheint, möge Folgendes bedenken: „Der Baum ist ein Ursymbol. (...) Er spielt oft eine wesentliche Rolle in Märchen und Sagen, in Musik und Dichtung, in Volksbräuchen und Mythen. Immer wieder wurden ihm vielerlei Bedeutungen untergeschoben.“ (http://www.uni-koblenz.de/~odsbcg/baeume97/bkunst.htm) Nehmen wir ein Beispiel aus der Dichtung, in zeitlicher Nähe zu Eich, ein Gedicht Brechts:
„Ihr großen Bäume in den Niederungen
Mit mildem Licht von Wolken in den Kronen
Die finstern Wurzeln tief in sich verschlungen
So steht ihr da...“
Der Hinweis auf ein solches Gedicht kann nicht die genaue Lektüre Eichs ersetzen, im Gegenteil, er soll zunächst nur das Baum-Motiv als Motiv der Dichtung aufweisen und damit dann zur genauen, unterscheidenden Lektüre der Gedichte einladen.
   Im nächsten Vers des Gedichtes von G. Eich folgt ein weiterer Ruf, ohne dass er sprachlich mit dem ersten verbunden wäre; das einzige Bindewort im Gedicht ist „während“ in V. 4, womit V. 3 / 4 einander zeitlich zugeordnet werden. Alle anderen Äußerungen stehen unverbunden nebeneinander; das Ich überlässt sich seinen Assoziationen, es verfertigt keinen Gedankengang. [Zu diesem Thema wäre der Auszug aus Eichs Vortrag „Literatur und Wirklichkeit“ heranzuziehen, der in den „Doppelinterpretationen“ Eichs verweigerte eigene Interpretation ersetzt, dort S. 47 f.] Als Leser verbinde ich die beiden Rufe und nehme den zweiten als Erklärung des ersten: Der Trost der Bäume besteht darin, dass sie am Sterben teilhaben (V. 2) bzw. dass das Ich diese Botschaft von ihnen erhält. Trostbedürftig ist das Ich demgemäß, weil es weiß, dass es sterben wird. Das ist vielleicht der Gedanke eines alternden Ichs, vielleicht auch der eines Menschen, der willkürliche Zerstörungen und die Schmerzen vorzeitiger Trennungen erlebt hat; das Gedicht ist immerhin zehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg veröffentlicht worden, in dem rund 60 Millionen Menschen umkamen: Auch die Bäume haben am Sterben teil, obwohl sie fest zu stehen scheinen; wir sind als solche, die sterben, nicht allein.
   Vielleicht präzisiert das Ich seinen Eindruck von der Sterbnis-Teilhabe in den nächsten Versen, vielleicht springt es auch einfach von „Bäume“ zu deren Früchten (V. 3 f.). Die Pfirsische sind geerntet, die Pflaumen färben sich; das ist das, was man am Ende des Sommers wahrnehmen kann. Ist dieses Erntebringen das, worin sich die Sterblichkeit der Bäume zeigt? Das Verb „sich färben“ signalisiert Veränderung; es wird in V. 9 wieder aufgenommen. Ob das Ich sich draußen in einem Garten aufhält oder „ortlos“ sein Wissen bedenkt, wissen wir noch nicht; die Aussage, die das Ich zeitlich dem V. 3 zuordnet, dass nämlich unter dem Brückenbogen die Zeit rauscht, gibt dazu auch keine Auskunft. Es kann sein, dass das Ich eine Brücke über einen Fluss sieht, damit „das Fließen“ der Zeit im Bild verbindet und so V. 4 äußert; es könnte aber auch sein, dass aus der Metapher der fließenden Zeit bildlich der Brückenbogen herausgesponnen worden ist. Dass die Zeit „rauscht“, besagt, dass ihr Vergehen wegen ihres schnellen Fließens deutlich zu vernehmen ist, während man Pfirsisch und Pflaume betrachtet oder bedenkt - die Früchte in der Alliteration miteinander verbunden. Ob man dem auch noch Vogelzug, Verzweiflung usw. einschließlich des Pfennigs unter dem Stichwort „Spirans im Anlaut“ zuordnen kann, wie Freund es vorschlägt? Am Ende dieses Sommers wird jedenfalls die Zeit als vorbeirauschend erfahren, während die Bäume Früchte bringen.
   Es beginnt eine neue Strophe, wo sich zeigt, dass der Trost der Bäume nicht trägt [oder wird einfach die Trostsuche fortgesetzt?], vielleicht deshalb, weil an ihren Früchten überdeutlich das Rauschen der Zeit vernommen worden ist: „Dem Vogelzug vertraue ich meine Verzweiflung an.“ (V. 5) Das mag Beschreibung eines geistigen Vorgangs sein, aber auch Äußerung eines Vorsatzes - ich will es einmal mit dem Vogelzug versuchen; das lyrische Ich spricht asyndetisch, einen Satz nach dem anderen, jeweils in einem Vers (mit der einzigen Ausnahme von V. 7). Der Vogelzug fasziniert die Menschen seit langem, wenn er inzwischen auch weitgehend erforscht ist. An einem Gedicht Georg Trakls („Verfall“, 1913 veröffentlicht) möchte ich zeigen, für was der Vogelflug stehen kann:

   „Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,
Folg ich der Vögel wundervollen Flügen,
Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen,
Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.

   Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten
Träum ich nach ihren helleren Geschicken
Und fühl der Stunden Weiser kaum mehr rücken.
So folg ich über Wolken ihren Fahrten. (...)“

Wie in V. 1 / 2 und in V. 10 / 11 liegt es bei Eich nahe, auch diesmal im folgenden V. 6 die Erklärung dafür zu suchen, was der Vogelflug (V. 5) dem lyrischen Ich bedeutet: „Er mißt seinen Teil von Ewigkeit gelassen ab.“ Oben war expliziert worden, dass das lyrische Ich an seiner Vergänglichkeit leidet (V. 1 f.); jetzt wird erklärt, warum das Ich gerade dem Vogelzug seine Verzweiflung anvertraut (wie es das macht, bleibt ungesagt): Es ist dessen Gelassenheit gegenüber dem eigenen Vergehen, der eigenen Begrenztheit („seinen Teil von Ewigkeit“: seine Lebensdauer - anders kann Ewigkeit nicht geteilt werden, wenn sie überhaupt geteilt werden kann), die das Ich einlädt, sich dem Vogelzug anzuvertrauen. Jedenfalls hat der Trost der Bäume nicht ausgereicht [anders als bei Ina Seidel:

„Unsterblich duften die Linden -
Was bangst du nur?
Du wirst vergehn und deiner Füße Spur
Wird bald kein Auge mehr im Staube finden.
Doch blau und leuchtend wird der Sommer stehn...“].

   Es folgt das einzige Enjambement des Gedichtes: „Seine Strecken“ (V. 7); damit ist angedeutet, dass besagter Teil der Ewigkeit noch einmal aufgeteilt ist in Strecken. Ob man hier von der Verräumlichung der Zeit sprechen soll (Freund)? Oder ist die Strecke einfach die Dauer, die die Vögel brauchen, um eine bestimmte Strecke zurückzulegen? Diese Strecken „werden sichtbar im Blattwerk“ (V. 8); ich denke mir, dass das Ich zwischen den Ästen und Blättern hindurchsieht (damit wäre auch seine Position klar - wäre es auch möglich, V. 8 synonym „am Blattwerk“ zu lesen: am Blattwerk, das sich ebenfalls verfärbt unter dem Zwang des Vogelflugs?) und bemerkt, wie der Vogelzug sozusagen stückweise vorankommt. Dass die Strecken „als dunkler Zwang“ sichtbar werden, ist eine Metabasis, die zunächst völlig rätselhaft ist, vor allem auch deshalb, weil nicht gesagt wird, wer oder was wodurch Zwang auf wen oder was ausübt. Es gibt zwei Möglichkeit, dieses Rästsel zu lösen: Entweder sieht man, dass die Fortbewegung selbst einem unbekannten, also dunklen Zwang unterliegt, weil sie so regelmäßig und gleichmäßig ist, oder man sieht den Zwang im nächsten Vers erläutert, dass im Maß der Bewegung die Früchte reifen (vgl. „färben“ in V. 9 und 3), sozusagen unter dem Zwang des Vogelzugs. Beide Möglichkeiten des Verstehens bleiben für mich dunkel; der Vogelzug antwortet nicht - vielleicht entspricht das seiner Gelassenheit.
   Die nächste Strophe beginnt überraschend mit einer Forderung, einem Rat oder einer Einsicht des lyrischen Ichs: „Es heißt Geduld haben.“ (V. 10) Geduld muss man haben, wenn man auf etwas wartet; wenn das Erwartete später als erwartet geschieht.
   Was erwartet das Ich also, da es sich doch offenbar vor seinem Tod fürchtet? Im nächsten Vers wird die Antwort geliefert: „Bald wird die Vogelschrift entsiegelt...“ (V. 11). Hier muss man einen Bildbruch (Katachrese) feststellen, ohne dem großen Meister Eich zu nahe zu treten: Nur ein Buch oder eine Schriftrolle (ein Brief) kann versiegelt sein und entsiegelt werden - da nützt auch der Hinweis auf die Apokalypse und das Brechen der sieben Siegel nichts (Kabisch); eine Schrift kann dagegen nur entschlüsselt, dechiffriert werden. Entschlüsselt werden kann das, was vorher „dunkel“ (V. 8) war; erwartet würde dann, dass die „Schrift“ des Vogelzugs verstanden würde.
   Auch das passt nicht ganz, weil der Vogelzug bereits als gelassen erkannt war (V. 6); die Metapher „Schrift“ drückt dagegen ein Mehr gegenüber der Gelassenheit aus, dessen Verständnis vom lyrischen Ich erwartet, erhofft wird. In dieser Hoffnung erweist sich das lyrische Ich vielleicht doch als „alt“, dem eigenen Tod nahe und deshalb begierig, die Schrift zu verstehen? Es folgt die letzte Äußerung des Ichs, dass unter der Zunge der Pfennig (bereits) zu schmecken ist. Ich ergänze „bereits“, weil in diesem Bild der eigene Tod vom (den Pfennig bereits schmeckenden) lyrischen Ich vorweggnommen wird: „Wenn die Geister zum Tartaros hinabsteigen, (...) erhalten sie von frommen Verwandten eine Münze. Diese wird ihnen unter die Zunge gelegt: So können sie Charon, den Geizigen, bezahlen, der sie dann in seinem Nachen über den Styx [Grenzfluss der Unterwelt, N.T.] führt. (...) Geldlose Geister müssen ewig an dem diesseitigen Ufer des Flusses warten,“ doch könne sie sich auch in die Unterwelt reinmogeln. (R. von Ranke-Graves: Griechische Mythologie, Bd. 1, 1960, S. 105 f. - Dieses Buch ist für das Verständnis griechischer Mythen eigentlich unentbehrlich; wenn ich nicht irre, hat Albert Vigoleis Thelen während seines Mallorcaaufenthaltes daran mitgearbeitet, ohne dass er genannt würde. - Also: Merkt euch den Titel!) Mit dieser Hinweis auf den Charon-Mythos wird klar, dass das Ich seinen eigenen Tod bereits vorwegnimmt, wenn es den Pfennig unter der Zunge schmeckt.
   Unklar ist jetzt nur noch, wie die beiden Aussagen in V. 11 / 12 zusammenhängen. An dieser Stelle möchte ich auf Günter Eichs Selbstverständnis verweisen, wie er es in seinem Vortrag „Literatur und Wirklichkeit“ geäußert hat: Er schreibe Gedichte, um sich in der Wirklichkeit zu orientieren; erst durch das Schreiben „erlangen für mich die Dinge Wirklichkeit“. Er suche eine Sprache, „in der das Wort und das Ding zusammenfallen“, er sei aber im Erlernen (Finden) dieser Sprache noch nicht über das Dingwort hinausgekommen; in den Bereich des Zeitworts sei er noch nicht vorgedrungen - und wir können ergänzen, dass ihm auch die Konjunktionen noch fehlen, was es uns erschwert, ihn zu verstehen. - Da V. 11 und 12 zwei Teilsätze eines Satzes sind, kann man sie als gleichwertig ansehen; man könnte auch den zweiten als Begründung für den ersten nehmen: dass dies „bald“ geschieht, weil jetzt bereits der Pfennig zu schmecken ist, der Vorgeschmack des Todes da ist.
   Fragen wir noch einmal nach dem Zusammenhang der letzten Strophe mit den vorhergehenden: Zunächst sieht das lyrische Ich dem Sterben verzweifelt entgegen; zum Schluss ermahnt es sich dagegen zur Geduld angesichts der Entsiegelung der Vogelschrift. Das ist ein Widerspruch, dem wir dreifach begegnen können: 1. Wir können annehmen, wir hätten die Metapher von der Entsiegelung nicht verstanden [Hartung sieht in V. 11 eine Hoffnung ausgedrückt, die jedoch eine bittere sei - er löst den Widerspruch also auch nicht auf, a.a.O., S. 51]; 2. wir können einfach den logischen Widerspruch konstatieren und mit Eichs Sprachtheorie entschuldigen; 3. wir können den Widerspruch in die Psyche des lyrischen Ich verlegen und diesem bescheinigen, dass seine Haltung gegenüber dem drohenden Tod ambivalent ist. Eines können wir jedoch nicht, nämlich uns mit Winfried Freund ans Fabulieren geben: „Der Tod befreit den einzelnen von seinem Dasein (...) und läßt ihn einmünden in die Zeit, die war, ist und sein wird.“ (a.a.O., S. 168) Das ist quasi eine religiöse Überhöhung der Ambivalenz - aber davon steht bei Eich nun wirklich nichts.
von: norberto42 in: Gedichte
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Geändert am 23. September 2006 um 02:04

Gottfried Benn: Satzbau - Analyse


Alle haben den Himmel, die Liebe und das Grab,
damit wollen wir uns nicht befassen,
das ist für den Kulturkreis besprochen und durchgearbeitet.
Was aber neu ist, ist die Frage nach dem Satzbau
und die ist dringend:
warum drücken wir etwas aus?

Warum reimen wir oder zeichnen ein Mädchen
direkt oder als Spiegelbild
oder stricheln auf eine Handbreit Büttenpapier
unzählige Pflanzen, Baumkronen, Mauern,
letztere als dicke Raupen mit Schildkrötenkopf
sich unheimlich niedrig hinziehend
in bestimmter Anordnung?

Überwältigend unbeantwortbar!
Honoraraussicht ist es nicht,
viele verhungern darüber. Nein,
es ist ein Antrieb in der Hand,
ferngesteuert, eine Gehirnlage,
vielleicht ein verspäteter Heilbringer oder Totemtier,
auf Kosten des Inhalts ein formaler Priapismus,
er wird vorübergehn,
aber heute ist der Satzbau
das Primäre.

»Die wenigen, die was davon erkannt« - (Goethe) -
wovon eigentlich?
Ich nehme an: vom Satzbau.
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V. 3: „besprochen“ (Ingeborg Harms, nach StA 1,238) statt „gesprochen“ (so in „Sämtliche Gedichte“, Klett-Cotta o.J.)
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Erste Analyse:
Es spricht ein lyrisches Ich (V. 26), jedoch ausgesprochen unlyrisch, in einem dozierenden Tonfall, das im Plural majestatis sein Unterfangen einem „wir“ zuschreibt (V. 2) und begründet, warum ein bestimmtes Thema von ihm bedacht oder besprochen wird. Zu wem es spricht, wird nicht klar; die Sprechweise der der 1. Strophe passt zu einem Essay oder zu einer Vorlesung. Zunächst grenzt es es das eigene Thema („wir“, V. 2) von dem ab, was „alle“ haben: den Himmel, die Liebe, das Grab (V. 1), also die großen Themen menschlichen Lebens und Sterbens. Damit will es sich nicht befassen, weil diese Thematik „für den Kulturkreis [bereits hinreichend, N.T.] besprochen und durchgearbeitet“ (V. 3) ist; dazu sei also nichts Neues zu sagen. Als „neu“ stellt das Ich dagegen eine andere, nämlich seine eigene Frage dar: die „nach dem Satzbau“ (V. 4), wobei es die Fragestellung noch präzisiert: „warum drücken wir etwas aus?“ Das heißt: Warum sprechen wir überhaupt, warum bilden wir Sätze (vgl. „Satzbau“)? Eine weitere Begründung für die Fragestellung besagt, dass diese „dringend“ sei (V. 5).
   Wenn man überschaut, was das Ich weiterhin sagt, fällt auf, dass die Dringlichkeit der Frage nicht mehr erklärt wird. In Str. 2 wird der Inhalt der Fragestellung weit umschrieben, in Str. 3 einiges zu dem „warum?“ gesagt und noch einmal die Bedeutung der Frage angedeutet („das Primäre“, V. 23); in der letzten Strophe schließt das Ich seine Gedanken mit einem Zitat aus Goethes Faust recht offen ab. In der Form spricht das Ich prosaisch, nur durch den Zeilenschnitt entstehen Verse: Gedanken oder Aspekte von Gedanken werden isoliert und so hervorgehoben (vgl. V. 7 ff.); die Strophen sind unterschiedlich lang, was den Form-Charakter des Gedichtes abschwächt.
   In der zweiten Strophe führt das Ich die Vielfalt aus, in der wir etwas ausdrücken (reimen, zeichnen vor allem; unzählige Pflanzen, V. 10: Vielzahl; in bestimmter Anordnung,V. 13: Hinweis auf die Form).
   Zweimal hat das Ich „warum?“ gefragt, am Ende der 1. und zu Beginn der 2. Strophe; in der 3. schickt es sich an, das als Antwort vorzutragen, was es weiß - und das sind nur Vermutungen. Zunächst nämlich fasst es sein Nichtwissen in dem Satz(fragment) „Überwältigend unbeantwortbar!“ zusammen (V. 14); danach folgen drei Ansätze einer Antwort. Zunächst wird eine Erklärung mit Begründung bestritten (Honoraraussicht, V. 15 f.); dann wird auf fernsteuernde Quelle verwiesen (Gehirnlage, äußert sich als Antrieb in der Hand, V. 17 f., speziell beim Zeichnen und Stricheln, V. 7 ff., jedoch kaum beim Reimen); zum Schluss wird eine Deutung der Bedeutung versucht: Heilbringer oder Totemtier, jedoch nur „vielleicht“, V. 19). „Gehirnlage“ sollte als primäre Erklärung, Heilbringer/Totemtier als sekundäre verstanden werden; mit dem Attribut „verspätet“ ist angedeutet, dass die Zeit der Heilbringer (und Totemtiere) vorbei ist; deshalb ist evident, dass diese Wortschätzung des Formalen vorübergehen wird, weil die Zeit der Totemtiere ohnehin vergangen ist.
   Zum Rest von Str. 3 werde ich gleich etwas sagen; zunächst müssen wir uns der eigenartigen Äußerung „Überwältigend unbeantwortbar!“ (V. 14) noch einmal zuwenden. Warum sagt das Ich nicht nur: „Die Frage ist nicht beantwortbar.“? Was bringt das Wort „überwältigend“ zusätzlich? Und wie hängt es mit „unbeantwortbar“ grammatisch zusammen? Ich möchte diesen verkürzten Satz so lesen: „Dass die Frage nicht beantwortet werden kann [= unbeantwortbar], ist überwältigend.“ Diese Lesart ist eher als die zweite zu wählen: „Die Frage ist überwältigend und unbeantwortbar.“ Gegen die zweite Lesart spricht, dass hinter „überwältigend“ kein Komma steht, welches durch „und“ ersetzt werden könnte; ganz sicher ist die von mir gewählte Lesart aber nicht. Dass wir fortwährend etwas ausdrücken, immerzu Symbole bilden, ist unerklärlich - und das ist überwältigend, weil wir uns in unserem Wesen als Ausdrückende nicht fassen können. Wir stehen vor dem großen Geheimnis, so wie die Menschen früher vor GOTT gestanden haben: überwältigt von seinem Geheimnis. Beide Elemente von V. 14 weisen in die Richtung, in der früher GOTT gefunden wurde.
   In V. 20 setzt das Ich nun zu einer überraschenden Bewertung an, wobei noch zu klären sein wird, was dort bewertet wird: „auf Kosten des Inhalts ein formaler Priapismus“ (V. 20), und dann die zweite Bewertung: „er wird vorübergehn“. Wer wird vorübergehen? Der Priapismus, also die krankhafte Dauererektion (Benn: „Das Wort ist der Phallus des Geistes.“). In V. 20 wird der Inhalt (der Himmel, die Liebe, das Grab, V. 1) dem Formalen gegenübergestellt, wobei das Verhältnis von Inhalt und Form einseitig zugunsten der Form entschieden ist. Was ist also derart als formaler Priapismus bewertet? Es ist das (kann nur das sein), was die von fern angetriebene Hand hervorbringt: die Äußerung, die Kunst, in der ein „Inhalt“ in einer bestimmten überstrukturierten „Form“ dargestellt wird - der Unterschied zwischen Dichtung und normaler Äußerung ist ja der, dass ein Gedicht in der Form überaus stark strukturiert ist. Hier wird also das, was Benn selber als Möglichkeit der Dichtung gepriesen hat (vgl. „Ein Wort“, 1941; oder „Gedichte“, ebenfalls 1941, V. 7 f.:
„es gibt nur ein Begegnen: im Gedichte
die Dinge mystisch bannen durch das Wort.“
Dass in diesem Konzept von Dichtung neben dem Ich noch die Welt besteht und erst beide zusammen vom leeren Raum umgeben sind [„Ein Wort“, V. 8: „im leeren Raum um Welt und Ich“], fällt gegenüber den späteren Gedichten auf (vgl. zu „Nur zwei Dinge“), wird im „Satzbau“ negiert - sowohl im Gedanken wie in der einfachen Form des prosaischen Sprechens, siehe oben. Die krankhafte Störung, der formale Priapismus, wird vorübergehen, sagt das Ich; dagegen wird dann überraschend wieder der anfangs (V. 4 f.) hervorgehobenen Frage nach dem Satzbau ein Primat zuerkannt (V. 22 f.). Genau gelesen wird jetzt aber nicht von der Frage nach dem Satzbau, sondern nur vom Satzbau gesprochen: Der sei heute „das Primäre“ (V. 23).
   Es wäre möglich, „der Satzbau“ als Verkürzung der oben (V. 4 ff.) intensiv besprochenen „Frage nach dem Satzbau“ zu lesen; es ist jedoch auch möglich, „der Satzbau“ (im Anschluss an V. 20 f. in meiner Lesart) wörtlich zu nehmen. Dann wären die beiden Verse so zu verstehen: Die formalen Bemühungen, die Ergebnisse der Kunstproduktion also stehen heute (noch) im Vordergrund - doch Ich stelle diesen Satbau in Frage: Warum drücken wir überhaupt auf derart kranke Weise etwas aus? „Priapismus“ ist eine eigenwümliche Bewertung des lyrischen Ichs; die Frage ist aber bereits von Nietzsche gestellt worden (Die Fröhliche Wissenschaft, Nr. 354, vgl. http://gutenberg.spiegel.de/nietzsch/wissensc/0inhalt.htm -> 5. Buch -> 354) und im 20. Jahrhundert intensiv von Ernst Cassirer (Mensch als animal symbolicum) oder Hans Jonas (Homo pictor und die freiheit des Bildens), aber auch bereits in der Antike bedacht worden (vgl. etwa die Stichwörter „Kunst“ und „Schönheit“ in: Platon. Lexikon der Namen und Begriffe). In den letzten Jahren hat sich Klaus Sachs-Hombach mit dem Thema befasst; mehrere Aufsätze sind im www greifbar.
   Die letzte Strophe besteht aus einem Faust-Zitat und einer das Thema aufgreifenden Paraphrase dazu: „Die wenigen, die was davon erkannt“ (V. 24, als Zitat Goethes ausgewiesen); das ist „Faust“ (V. 590), und zwar eine Äußerung Faust im nächtlichen Dialog mit Wagner; Faust grenzt hier sein Wissen als neu oder ungewöhnlich gegen das der normalen Forscher ab:
„Wer darf das Kind beim rechten Namen nennen?
Die wenigen, die was davon erkannt, (...)
Hat man von je gekreuzigt und verbrannt.“ (V. V. 589 ff.)
Unklar ist, worauf das Ich mit dem Goethe-Zitat hinauswill: Genügt es ihm, seine Fragestellung als die der Wenigen, also als herausragend neu zu qualifizieren? Und dabei das in diesem Vers, aber nicht im Zusammenhang des „Faust“ (vgl. V. 534 ff.) unbestimmte „was“ inhaltlich mit seinem Thema zu besetzen? Oder will es sich damit in die Nähe der potenziell gefährdeten Wissenden stellen? Mir scheint, dass die erste Möglichkeit dem Abschluss des Gedichtes gemäß ist: ein kleiner Scherz: Goethe (resp. Faust) und Ich, wir wissen, auf welches Erkennen es ankommt: „ich nehme an: vom Satzbau.“ (V. 26) Hier braucht nicht mehr erörtert zu werden, ob vom Satzbau oder von der Frage nach dem Satzbau die Rede ist; mit dem Anschluss an Goethes „Faust“ (zwar ein Drama der offenen Form, aber das deutsche Drama schlechthin, ein Meisterwerk des „Dichterfürsten“ Goethe) wird mit einem ironischen Schlenker das Thema in inhaltlich offener Weise abgeschlossen; dass wir letztlich nichts wissen, macht die Tragödie der Gelehrten Wagner und Faust aus, mit dem Unterschied, dass Wagner das Scheitern des Wissensbemühungen noch nicht erkannt hat, während Faust daran verzweifelt und im Teufelspakt den Ausweg sucht.
** Das ist eine Analyse, die ohne Auseinandersetzung mit der Sekundärliteratur angefertigt worden ist. Leicht greifbar ist eine Analyse von Ingeborg Harms (Gedichte von Gottfried Benn, hrsg. von Harald Steinhagen. Reclam 1997, S. 177 ff.), die man noch heranziehen kann. Man könnte auch auf Liewerscheidt: Gottfried Benns Lyrik, 1980 (darin „Die „Statischen Gedichte“ und ihre Poetik, S. 44 ff.) zurückgreifen. Man findet bei Liewerscheidt Kommentare zu
„Probleme der Lyrik“ (Vortrag 1951) S. 44 ff,
„Ein Wort“ (Gedicht) S. 52 ff.
„Verlorenes Ich“ (Gedicht) S. 55 ff.
„Quartär“ (Gedicht) S. 58 ff.
„Nur zwei Dinge“ (Gedicht) S. 63 ff.
„Kleiner Kulturspiegel“ (Gedicht) S. 65 ff.
Ingeborg Harms kommentiert eher einzelne Wörter, etwa: Kulturkreis, besprechen, durcharbeiten, ausdrücken, zeichnen, Satzbau (kommt da - mir völlig unverständlich - auf die Handschrift zu sprechen), warum, Heilbringer, Totemtier, Priapus, Goethe;
die Verse 21-23 werden überhaupt nicht bedacht, zu wenig der Zusammenhang der Äußerungen beachtet, doch weist sie häufig auf Nietzsche als Bezugsgröße hin.
** In einer Lehrveranstaltung der Uni Düsseldorf steht „Satzbau“ als ein Beispiel neben anderen für Gedichte über Dichtung (http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/germ2/lehre/wise_01/kai_kur/01_10_22/01_10_22m.htm). Im Band „Gedichte“ (Klett 1985) gibt es im Anhang eine Übersicht über Gedichtmotive; davon sind in diesem Zusammenhang „Aufgabe des Dichters“ und „Der Dichter und die Sprache“ interessant (Achtung: Die Zahlen geben die Nummern der Gedichte an, nicht eine Seite!). Adelheid Petruschke (Lyrik der Nachkriegszeit, 2006) behandelt ausdrücklich „Poetologische Gedichte“ (S. 81 ff.).
von: norberto42 in: Gedichte
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Geändert am 22. September 2006 um 04:03

Donnerstag, 14. September 2006

Eichendorff: Aus dem Leben eines Taugenichts - weitere Analysen

Die Analyse der beiden ersten Kapitel ist elementar (s. Aufsatz vom 25. 08.!).
Ferner verdienen folgende Themen Beachtung:

 Ambivalenzen
Es fällt auf, dass alles, was dem Taugenichts begegnet, ambivalent ist:
Er bricht in die Ferne auf, wird in die ferne Weite gerufen (56/36 f.) - aber kommt in die Fremde (58/22).
Italien ist sein großes Ziel (27/3 und wieder 101/4) - aber er begegnet dem falschen, unverständlichen Italien (80/24 ff.; 50/18).  Das enge Dorf verlässt er (5/26 ff.) - aber er hat damit die Heimat verlassen (7/16 f.), die er letztlich sucht. Rom ist einerseits die heilige Stadt (60/28 ff.) - anderseits die Stadt der Heiden (61/11 ff. und 73/23 ff.).
   Diese Ambivalenzen muss man mit dem Wandern zusammendenken: Weil man nie das trifft, was man gesucht hat, muss man weiterwandern; nur so kann man verstehen, dass am Ende des erzählten Geschehens eine neue Reise nach Rom angekündigt ist. Hier scheint das christliche Motiv durch, dass wir nur Gast (Wanderer) auf Erden sind und dass unsere wahre Heimat bei Gott ist.

Missverständnisse
Aus dem Genannten erklären sich auch die "richtigen" Missverständnisse: Der Taugenichts erliegt ihnen, weil er der Ambivalenz erliegt und in den Dingen und Menschen etwas findet, was nicht "drin" ist, worüber er traurig wird - was ihn zum Aufbruch nötigt.
   Daneben gibt es die Missverständnisse, dass Taugenichts für eine Gräfin gehalten und entsprechend behandelt wird, anderseits Erstaunen hervorruft, wenn die "Gräfin" wie ein Mann raucht und trinkt... Diese auf die Verkleidung durch Herrn Leonhard (40/16 ff.) zurückgehenden Verwechslungen sind eigentlich nebensächlich und bilden einen Teil dessen, was besagter Leonhard später als "in einem Roman mitspielen" bezeichnet (97/20). Der Sinn dieser Verwechslungsepisoden ist mir nicht ganz klar geworden - anderseits müssen Vertreter des Schlosses irgendwie von seiner Italienreise etwas mitbekommen, wenn man ihn von dort mittels eines missverstandenen Briefes (S. 55) bzw. einer Reise (67/27 ff.) zurückrufen können soll; am ehesten könnte man hier noch eine ironische Zeichnung des Romanschreibens erkennen, vgl. das nächste Thema:

"Kunst" in der Novelle
Wir haben folgende Stellen als für das Thema relevant gefunden (neben dem normalen Musizieren des Taugenichts, das ja schon 5/34 ff.) erzählt wird: 13/5 ff.; 33/1 ff.; (35/10 ff.?; 57/30 ff.?) (Leben wie im Märchen S. 49-53?) 60/29 f.; S. 64-68; S. 70 f. mit 73/3; S. 75 f.; S. 83 ff.; S. 90 f.; 96/1-4; 96/35 ff.
Vielleicht lassen sich alle Personen und Aktionen auf eine Dreiheit zurückführen:
1. der wahre Künstler, der aus dem Volk stammt, dessen Kunst aus dem Herzen kommt oder der sie durch mündliche Überlieferung übernommen hat: der Taugenichts; ihm antwortet das Verständnis im Herzen, vielleicht auch sogar mit einem Lied (96/1-4);
2. derjenige, der die Kunst als Broterwerb betrachtet (die Wirtstochter als Typus): der Philister;
3. derjenige, der als Gelehrter die gerade modische Kunst konsumiert (13,5 f. u.ö.)
- 2. und 3. sind kritische Seitenhiebe.
In dem methodischen P.S. des vorhergehenden Aufsatzes habe ich zu zeigen versucht, dass die beiden ersten Kapitel ursprünglich für sich gedacht und in sich abgeschlossen sind; ich vermute, dass der Charakter des Schelmenromans nur den Kapiteln 3 - 10 anhängt, bei der Begegnung mit den beiden Reitern beginnt (S. 35) und in dem Motiv "einen Roman mitspielen" (97/20) aufgehellt und im Sinn des Kunstbegriffs im „Taugenichts“ auch kritisiert wird. - Das ist jedoch ein Thema für sich.

Motiv "Reisen, Fahren, Wandern" in den Liedern
Reisen - in der Natur sein - singen - Gott vertrauen [Gegensatz: Philisterleben] (S. 6);
Reisen - der Morgen - singen (s. 38 f.);
in die Fremde reisen - mit der Liebsten - Morgen (S. 54 f.);
Heimkehr des Wanderers - erwartet von Bergen, der Donau, dem Dom (S. 80);
summarischer Bericht vom Reisen (Lied der Studenten, formal mit einigen Brüchen, S. 90 f.).

Untersuchung des Motivs „Schlafen“ und „Träumen“ in den Kap. 1-6
Dass der Taugenichts nicht einfach nur deshalb schläft, weil er müde ist, sondern dass es sich um ein „entsetzliches und unaufhaltsames Schlafen“ (41/19) handelt, was sachlich nicht erklärbar ist und was auffallend häufig erwähnt wird, lässt uns fragen, was dieses literarische Motiv in Eichendorffs Novelle bedeutet.
   Gleich zu Beginn der Erzählung erwacht der junge Held aus dem Schlaf, wobei ihm „so recht wohl in dem warmen Sonnenscheine“ (5/6 f.) ist, während sein Vater „schon seit Tagesanbruch in der Mühle rumort“ (5/8) hat; hier erscheint der tiefe Schlaf als Gegensatz zum emsigen Arbeiten, und deshalb beschimpft der Vater seinen Sohn ja auch als „Taugenichts“ (5/10; vgl. 29/20 ff.). Im Schlaf wird er wegen kaum vorhandener Verdienste zum Zolleinnehmer befördert (S. 14 f.): Den Seinen gibt´s der Herr im Schlaf (Ps 127,2). Wenn zum ausgiebigen Schlafen noch gutes Essen und Trinken hinzukommen, zeigt es seine wahre Bedeutung: Es ist Kennzeichen eines paradiesischen (50/23 ff.; vgl. 8/34 ff.) oder einfach märchenhaften Lebens (53/25 ff.).
   Dass dem so ist, wird dadurch bestätigt, dass der Taugenichts gern in Gärten schläft (8/34 ff.; 28/10 ff.; 53/25 ff.); ihm ist - anders als dem Bauern - der Garten ein Ort der Ruhe und Naturverbundenheit, der Gesang ein Raum des Friedens (43/19 ff.): Die Erde selber rauscht, wenn man zu hören versteht, „wie in Träumen“ (43/20). Taumhaft sicher findet er, von Gott geführt (6/13 ff.), sein Ziel, wenn sich ihm die eigenen Gedanken verwirren, „als läge ich in einem Traum“ (36/33). Wenn nun gar dem Taugenichts in einem Garten noch die schöne Frau wie ein Engelsbild erscheint (9/16), ist die Grenze zwischen Wachen und Schlafen aufgehoben (9/17) - er ist voll des Göttlichen (GOTT als coincidentia oppositorum, Einheit der Gegensätze: mystische Erfahrung).
   Die „Träumereien“ (25/16) nehmen nach dem enttäuschenden Sommerfest die „Gedanken“ (25/10) des Taugenichts inmitten der „Ruinen“ seines Glücks (25/14) auf und lassen sie so erträglich werden, machen ihn zum „Schlafkameraden“ der Vögel (25/24 f.) und somit bereit zum neuen Aufbruch. Bereits die Fahrt nach Wien hat der Taugenichts verschlafen, da er voller Gedanken an die Heimat war (7/21). „Heimat“ ist, neben der schönen Frau und genau wie die Ferne, Gegenstand der Sehnsucht und Ort des erfüllten Lebens.
Heimat ist nun aber nicht einfach des Vaters Mühle, sondern der Inbegriff des glücklichen, freien Lebens. Dies zeigt der Traum, den der Taugenichts im Garten des Bauern hat: Die schöne Frau lebt und geht mit ihm; diese Idylle wird durch das Rumoren der Mühle und des Portiers, einen Repräsentanten der bürgerlichen Arbeit, gestört, und beider Rumoren ist in Wahrheit das Schimpfen des Bauern, der um das Gras seiner Wiese besorgt ist (S. 28 f.).
   Das märchenhafte, traumhafte und traumerfüllte Leben des Taugenichts ist nur einmal bedroht, als ihm ein philisterhaftes Leben im Schlafrock und sparsame Lebensführung als Möglichkeit erscheinen (15/21 ff.); doch ist er nicht tief oder ernsthaft gefährdet, weil er den Gedanken an die schöne Frau nicht aufgegeben hat (16/7 ff.). Mag er in den Augen der Leute ein Faulenzer sein (29/23 f.), in Wahrheit ist er der Taugenichts, dessen Reich „nicht von dieser Welt“ (26/20; vgl. Joh 18,36) ist und der nur den lieben Gott walten läßt (26/30 ff.). In dem Moment, wo er sich von seinen Sorgen lossagt und zu Bett geht, ist er im gelobten Land und kann glücklich einschlafen (50/19 ff.).

Kurze Untersuchung des Motivs „Arbeit” in Kap. 1 und 2
(Seiten/Zeilenzählung: neue RUB-Ausgabe)
Grundsätzlich sieht der Taugenichts das Arbeiten als etwas an, was die anderen besorgen: Der Vater arbeitet (5/7 f.; 5/11 f.), die Bedienten im Schloss, vor allem der Portier (7/33 ff.; 16/32 ff.; 24/28 f.). „Die Trägen, die zu Hause liegen”, arbeiten und sind der Sorge anheimgegeben (6/5 ff.). Als er aufbricht, freut der Tauge-nichts sich, alle Bekannten und Kameraden „wie gestern und vor-gestern und immerdar” arbeiten zu sehen (5/28 f.). Er selber hat den Frühling verspürt, der ihn hinausruft ins Weite, ins Freie, in die Ferne (5/2 ff.; 5/12 ff.; 18/16 f.). Konkret ruft der Frühling aus dem Schnabel des Goldammers: „Bauer, behalt deinen Dienst!” (5/22)
   Was tut der Taugenichts, worin erfüllt sich sein Leben? Er schläft (5/5 ff.; 7/22 u.ö.); er zieht in die freie Welt hinaus (6/29 ff.; 26/23 f. u.ö.); er macht Musik, singt und spielt auf der Geige (5,23 f.; 5/34 ff. u.ö.); er lebt im Garten wie im Paradies (8/34 ff.; 10/20 ff.), trinkt Wein (8/35 f.; 10/1 ff.) und verehrt seine schöne Frau (9/14 ff.). In diesem märchenhaften Traumland lebt er voller Gottvertrauen (6/13 ff.).
   Auf dem Schloss wird er dennoch angestellt - wenn man es recht bedenkt, vermutlich nur, um die schöne Frau kennenzulernen und entschieden nach Italien aufzubrechen. Er wird als Gärtner (7/31 - 8/33) bzw. als Zolleinnehmer (14/23 - 16/9) eingestellt, aber beide Engagements werden von ihm bei aller Freude nicht ohne Distanz er-zählt. So wertet er z.B. sein Schlosserlebnis insgesamt als „wunderlich” (7/31). Angeblich nimmt er „nur in meiner Herzensangst” (8/15 f.) die Stelle an; bei aller perspektivischen Beschränktheit des Ich-Erzählers ist hier eine in der Spannung des Empfindens begründete objektive Ironie nicht zu übersehen: Die nützlichen Lehren des Gärtners hat er fast alle wieder vergessen (8/28 f.), und obwohl er sich wie ein begossener Vogel fühlt, preist er seine Anstellung mit „Gott sei Dank” (8/33). Dass er insgesamt nicht weiß, wie es dazu gekommen ist, ist die einzige Entschuldigung für einen echten Taugenichts, eine Stelle angenommen zu haben (8/29 f.). So kommt er sich beim Meditieren von bürgerlichen Redensarten auch wie ein rechter Lump vor (10/19 f.); dass ihm ein Leben mit Schlafrock und -mütze erstrebenswert erscheint (15/24 ff.), muss als Verirrung ins Philister-Leben gewertet werden (vgl. sein erstes Lied, besonders die zweite Strophe!) Folgerichtig drängt es ihn, bald wieder aufzubrechen, gerade weil es ihm gut geht (18/15 ff.).
   Folgende Stellen möchte ich noch nennen: Er hat viel zu tun (8/36), gilt aber als Faulpelz (11/32; 23/30) und hat Lust auf blauen Montag (12/1 f.); Verhältnis von Arbeit und Liebe (9/28 f.; 18/15 ff.); Streit um die edle Jägerei (16/27 ff.); er pflanzt Blumen statt Kartoffeln (16/10 ff.). - Die Schlossepisode ist ein ironisch überzeichnetes Stimmungs-, nicht Charakterbild!

Das Verhältnis des Taugenichts zu Frauen
Im strengen Sinn hat der Taugenichts ein Verhältnis nur zu einer einzigen Frau, seiner schönen gnädigen Frau. Vorab sollen die anderen Nicht-Verhältnisse untersucht werden, damit wir dann das eine Verhältnis vor diesem Hintergrund besser verstehen können.
   Zunächst ist zu sagen, dass Mägde nur Dienstboten, aber keine Frauen sind (42/36 f.; 44/34 ff.), dass der T. als Steuereinnehmer durchaus „ein niedliches Gesichtchen“ (19/10) wahrnimmt; doch wahrt er zur hübschen Magd schamhaft Abstand (S. 50 f.; 86 ff.). Die Kammerjungfer tritt als Vermittlerin zur Welt der Herrschaften und vermeintlich zur gnädigen Frau auf. Sie bietet ihm die Stelle als Gärtnerbursche an (8/9 f.), bringt ihm Wein (10/1 f.), bestellt Blumen für ihre gnädige Frau (20/21) und steckt ihm einen Zettel zu (71/36), wodurch sie sich in den Dienst der Verführung stellt. Sie schlägt auch vor, er solle das Lied von der schönen Frau singen (13/12 ff.); sein ungeschickter Versuch, „sie zu erhaschen und zu küssen“ (20/31 f.), schlägt fehl. Sie wird häufig vom T. als schnippisch bezeichnet (13/9 f.; 72/5); sie hält ihn schlicht für einen Lümmel (23/30; 71/35; 79/29 ff.).
   Auf seiner Reise nach Italien begegnet er in einem Dorf einem hübschen Mädchen, der Wirtstochter; sie macht ihm eindeutig erotische Angebote (trinkt zuerst vom Wein, gibt ihm eine Rose, deutet ihm die Möglichkeit einer Anstellung an, 32 f.); er möchte sie wohl küssen (32/18), mehr aber auch nicht - in seinen „philosophischen“ Gedanken wird klar, dass sie ihm das Leben des sesshaften Philisters böte (34/12 ff.), ihn also seinem Wesen entfremdete. So wird sie ihm nur Anlass, an seines Vaters Mühle und seine gnädige Frau zu denken (34/29 ff.), also an „die Heimat“; hier wird schon die Umkehr aus der Fremde (80) vorweggenommen.
   Die andere Dame neben seiner gnädigen Frau, die ihn zum Mitfahren eingeladen hatte (6/25 ff.), gefällt ihm auch (6/23 f.); er schaut nach ihr, als seine gnädige Frau sich seinen Blicken entzieht (11/20 ff.): Sie glänzt wie eine Tulpe, also gar nicht lilienhaft, und blinzelt ihm auch zu; ob sie es ist, die ihn in Italien mit Blumen überschüttet und zum Rendezvous bestellt (71-80), wird nicht ganz klar. Auch die Gräfin in Italien erscheint ihm reizend, weil er sie mit seinen gnädigen Frau verwechselt (79/6 ff.); sie ist „so recht zum Erschrecken schön“ (79/11). Sie repräsentiert Frau Venus (61/17), doch kann sie ihn nicht gefährden.
   Den zuletzt genannten Frauen ist der Taugenichts durch seine Musik aufgefallen (S. 6 und S. 32); das gilt auch von Fräulein Flora (S. 96) wie von seiner gnädigen Frau, der er ein eigenes Lied widmet (S. 9, 13 f.). Flora-Guido bekennt, dass sie ihn schön findet (39/15); sie fällt ihm nie als Frau auf.
   Die einzige Frau seines Lebens, zu der er auf seiner ganzen Reise unterwegs ist, ist die schöne junge gnädige Frau (6/22 f.); er hält sie für eine Adelige (9/6). Sie arbeitet nicht, sondern geht mit einem Buch oder einer Gitarre durch den Garten (9/14 f.), ist wesentlich in der Ferne und „wie ein Engelsbild“ (9/16; 12/34) anzuschauen: eine Gestalt aus dem Paradies oder Himmel (11/35), madonnenhaft mit der Lilie der Unschuld. Er kann sie nur sehen und beobachtet sie heimlich frühmorgens (10/30 ff.); er singt ihr ein eigenes Lied, was Fremde nicht verstehen können (S. 13 f.); er bindet täglich einen Strauß Blumen für sie (16/21 ff.), und sie nimmt mit einem Strauß auch sein Liebesbekenntnis entgegen (S. 18/12 ff.); erst vor der Hochzeit läuft er ihr nach und ergreift ihre Hand (99 f.). Aber sie entzieht sich ihm auch, seinen Blicken am Morgen wie seinen Blumensträußen; doch ist sie immer in seinen Gedanken (16/7 f.; 28/24 f.); er träumt von ihr (28/26 ff.); einen fremden Brief hält er für an ihn gerichtet (55/18 ff.); eine fremde Dame hält er für seine gnädige Frau (62/5 ff. ihre Stimme usw.); ihr Bild erblickt er auf einem Gemälde in Rom (68/2 ff.); sogar eine fremde Hochzeit hält er für seine eigene (88/26 ff.). Das ist natürlich einmal komödienhaft, dann aber auch romanhaft, wie Leonhard ihm erklärt (97/19 f.).
   Das Stichwort „Roman“ und damit „Kunst“ steht für ein Leben in Fülle. Wenn er eine einfache Frau als die schöne gnädige Frau bekommt, die zudem ein Engel ist, dann ist das normale Leben mit seinen Unterscheidungen in vorgestellten und wirklichen Adel (9-14), in Adel und Volk, in Arbeit und Freizeit, in Heimat und Ferne überwunden. Romantisch gesprochen, wird in dem Lied „Schweigt der Menschen laute Lust“ (S. 43 und 93) das Geheimnis dieses Lebens gedeutet; religiös gesehen ist es ein von Gott geführtes Leben (Lied S. 6): Aus jeder Einsamkeit wird er zu neuem Aufbruch gerufen (z.B. S. 25 f.; 34 f.). Letztlich ist dieses Leben weder leb- noch erzählbar, es erscheint als eine Folge von Verwechslungen und glücklichen Zufällen, und wenn es ernst wird in der Ehe, schweigt der Erzähler und flieht in den Märchenschluss oder in eine dezente romantische Ironie. 03/01 Tn
   Um die Gefahr der Verführung durch die beiden Frauen, die auf ihn zugehen, zu begreifen, muss man an die Ambivalenz Roms denken: Rom ist die heilige (christliche) Stadt, aber eben auch die heidnische, die Stadt der Venus (S. 60 f.); Italien ist das Land der Ferne (27/3), aber auch die Fremde (58/22; 80/24 ff. mit 101/4 ff.); „daheim“ ist die Heimat, aber auch der Ort des entfremdeten Arbeitens (Rumor). Nur durch den Aufbruch mit der schönen Frau in die Ferne (54/25 ff.; 101/3 ff.) kann man sich dem Leben der Faulen, die zu Hause liegen (Lied S. 6, 2. Strophe), entziehen - solange man den Ruf der Morgenstrahlen und den Gesang der Lerche noch hört. Nur ein Taugenichts, der den lieben Gott walten lässt (6/13 ff.), kann das verstehen und unbeschadet meistern. 05/06 Tn

Zur Romantik insgesamt: http://odl.vwv.at/deutsch/Romantik/muster.cgi?p=pg

Zwei Klausur-Ideen:

1. Thema
Analysieren Sie die Episode 35/1 - 40/2; zeigen Sie anhand dieser Episode, was den Taugenichts (das Wesen des T.) ausmacht. [Anforderung: wesentliche Elemente erfassen und sie im Vergleich mit anderen Textstellen als "typisch" nachweisen]
   Diese Aufgabenstellung muss im Prinzip so angepackt werden: 1. Ich zeige, was den Taugenichts ausmacht; dafür muss ich auf den Rest der Erzählung zurückgreifen. 2. Ich untersuche, was ich hier finde. 3. Ich vergleiche die beiden Merkmalsmengen und komme zum Ergebnis, dass ich hier wesentliche Elemente des "Taugenichts" finden kann (oder dass ich es nicht kann) oder dass ich sogar einige neue Züge gefunden habe. [In dem Sinn wäre zu prüfen, ob der T. nicht ab der Begegnung mit den beiden Reitern Züge des Picaros, als des "Schelmen" aufweist, die später in der Formel "einen Roman mitspielen" (97/20) gerechtfertigt bzw. kritisiert werden.]

2. Thema
Als der Graf dem heimgekehrten Taugenichts erklärt, was geschehen ist (97/9 - 98/12), greift er auf den Begriff (die lit. Gattung) „Roman“ zurück (97/19 f.): Der Taugenichts habe in einem Roman mitgespielt.
1. Stellen Sie zusammen, was in den Worten des Grafen einen Roman ausmacht.
2. Prüfen Sie, ob bzw. inwiefern sich dieses Lebenskonzept (Leben als Roman) mit der ursprünglichen Konzeption des „Taugenichts“ (Kap. 1 und 2) verträgt.

Lösungserwartung zum 2. Thema: Dem Roman liegt eine Verwirrung der Herzen zugrunde; Verkleidung, Verfolgung, Täuschung sind Mittel, um zu einer "Lösung" zukommen; am Schluss gibt es Endeckung, Reue, Versöhnung, "wir sind alle lustig beisammen, und übermorgen ist Hochzeit!" (98/11 f.) - Die ursprüngliche Konzeption des "Taugenichts" (Kap. 1 und 2: Der Taugenichts ist wesentlich der, der ins Weite und Freie aufbricht;Musik ist ihm das Mittel, sein Glück auszudrücken, und zugleich verbindet sie ihn mit anderen Menschen; die Gefahr besteht darin, sich in den Verhältnissen zu arrangieren und Philister zu werden. Seine unerfüllte Liebe und der Ruf des Morgens veranlassen ihn zum neuen Aufbruch "nach Italien". - Die beiden Konzeptionen sind eigentlich nicht miteinander vereinbar, "in einem Roman mitspielen" müsste demnach zuletzt ironisch gelesen werden; vom Taugenichts werden beide Konzeptionen am Schluss so "verbunden", dass er gleich nach der Hochzeit nicht sein Schlösschen bewohnen, sondern nach Italien aufbrechen wird (wobei unklar bleibt, wie das mit seiner Frau gelingen kann - daher endet die Erzählung hier "roman-" bzw. "märchenhaft").

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