Günter Eich: Inventur - Analyse

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Inventur
ist eine Bestandsaufnahme, das Wort betont die Handlung des Verzeichnens (H. Paul: Dt. Wörterbuch); es ist ein beim Wirtschaften gebrauchteter Begriff. Die Inventur erlaubt den Vergleich des Lagerbestandes und der Verkaufsunterlagen mit den Bestellungen, bzw. den Vergleich von Soll und Haben zur Errichtung des Inventars (Verzeichnis des gesamten Besitzes, aller Verbindlichkeiten: K.-D. Bünting: Dt. Wörterbuch).
   Wenn man den Titel ernst nimmt, kann man hier keine kindliche Perspektive der Neuorientierung erkennen (gegen Müller-Hanpft, in Rinssum). Fraglich ist auch, ob man als dominierenden Gestus den des Zeigens bestimmen kann (Neumann), wodurch der Sprecher sich des Besitzes versicherte und so die Dinge als seinen Besitz verteidigte. Das Inventarisieren ist als monologisch-schriftlicher Akt zu sehen; es ist eher ein Akt des Bilanzierens als Akt des Sichabgrenzens und Sichdefinierens (gegen H. Korte). Angesichts der Kargheit der Besitztümer und der Lebensumstände des Ichs (auf Pappe schlafen, aus einer Konservenbüchse essen) kann man in seiner Situation auch den Gefangenen erkennen, der Günter Eich nach dem Krieg war.
   Vom Text der sieben Strophen her besteht das Gedicht aus drei Teilen: In der ersten und letzten Strophe zählt das unbenannte Ich Dinge auf, die zum Inventar gehören, durchweg durch das Demonstrativum „dies“ eingeleitet, einmal durch „hier“ („hier“ muss es heißen, weil das Rasierzeug im Beutel, also nicht zu sehen ist, V. 3 f.). Durch diese beiden Strophen wird ein Rahmen für den Mittelteil geschaffen. In den Strophen 2-6 werden die wichtigen Geräte genannt und in ihrer Bedeutung erklärt, die das Ich zum Leben braucht, als erstes die „Konservenbüchse“ (V. 6); mit der Aussage „den Namen geritzt“ (V. 8) ist ein Stichwort genannt, das wiederholt wird (V. 9), um das erste kostbare Schreibgerät vorzustellen, den Nagel (3. Str.). Dieser 3. entspricht die 6. Strophe, wo die Bedeutung der noch kostbareren Bleistiftmine, des zweiten Schreibgeräts, erklärt wird. Damit sind zwei Funktionen des Schreibens benannt: Bezeichnung des Eigentums (V. 5 ff.), Fixierung von Versen (V. 23 f.).
   Was das Ich gegenwärtig hat, ist sein ganzer Besitz; als in der Zeit bestimmte, das Subjekt auch charakterisierende Tätigkeiten des Ichs werden das (vergangene) Ritzen (V. 7 f.), das stetige Verbergen des Nagels (V. 11 f.), das Schreiben am Tag und das Erdenken von Versen in der Nacht (V. 23 f.)genannt; Versproduktion scheint die Haupttätigkeit des Ichs zu sein. Die Erwähnung des Brotbeutels, des geheimnisvoll verschwiegenen „einiges“ und der Pappe (V. 13 ff.) dient dazu, die Unterscheidung von „tags / nachts“ (V. 18 ff.) einzuführen und damit dem Ich zu erlauben, sich als Verse produzierend vorzustellen. Dementsprechend ist das anschließend zuerst genannte Besitztum das Notizbuch (V. 25); damit setzt das Ich seine Inventur fort und führt sie zu Ende.
   Ob V. 15 f. mit ironischem Unterton gesprochen werden (H. Korte) oder das Zentrum des Gedichts ausmachen (D. Hoffmann), wer will das entscheiden? [Im Unterricht ergab sich, dass diese Bemerkung nicht zum Inventarisieren passt; dass sie vielleicht den streng monologischen Charakter des Inventarisierens aufhebt und Neumanns Sicht (Charakter des Zeigens) verständlich macht. Die Frage ist: Ist dem Dichter Eich hier ein technischer Fehler unterlaufen, oder müssen wir unser strenges Verständnis der Inventur revidieren? - Laura Schameitat hat durch ihre Frage die Diskussion angestoßen.] Ich sehe zunächst die Parallele zwischen dem Nagel, den das Ich vor begehrlichen Blicken verbirgt, und dem, was es niemandem verrät, weshalb es „einiges“ mit dem Körper bewacht (V. 17 f.). Was „einiges“ ist, wissen wir schlicht nicht - genauso wie wir die Verse des inventarisierenden Ichs nicht kennen - das Gedicht „Inventur“ ist ja ein Gedicht Günter Eichs, nicht des dichtenden Ichs. So scheint es mir verdächtig, im „Zwirn“ (V. 28) eine Metapher des Textes oder der Textproduktion zu sehen (P. H. Neumann).
    Jochen Vogt (Einladung zur Literaturwissenschaft, 4. Aufl. 2002, S. 141 f.) erkennt in den sieben Strophen des Gedichtes ein „Kryto-Sonett“: Wenn man je zwei Verse zu einem Langvers zusammenfasst, erhält man die berühmten 14 Verse eines Sonetts, was vielleicht besage, „daß selbst in einer historischen Situation wie 1945, in der alle Sicherheiten, alle traditionellen Formen zerbrochen und zerstört scheinen, die Erinnerung an diese Formen und Traditionen, oder sagen wir ruhig: an die Kultur, nicht endgültig verloren ist und wieder belebt werden kann“. Die einzelnen Verse weisen jeweils zwei Hebungen auf; die Anzahl der Senkungen in der Mitte variiert; auch sind sowohl Auftakt wie der Wechsel von männlichen und weiblichen Kadenzen am Versende unregelmäßig. Ich erkenne darin (gegen J. Zenke) keinen tieferen Sinn; wir haben auch kein „Lied“ vor uns, sondern ein Gedicht aus sieben Strophen mit einer klaren Versbindung, jedoch ohne Endreim - also etwas beinahe Prosaisches, wie es einer Inventur angemessen ist. Man kann einige Stabreime erkennen (meine Mütze, V. 1, mein Mantel, V. 2 usw.); in der Verteilung der klingenden Vokale (i auf Anfang und Ende, a/o auf die Mitte) eine Ordnung zu finden (wie J. Zenke) gelingt mir nicht.
   Der Bezug auf Richard Weiners Gedicht „Jean Baptiste Chardin“, dem es formal gleicht, ist von Eich bestritten worden; wenn man Weiners Gedicht (1916 auf Deutsch veröffentlicht) mit Korte als Spießbürgerkarikatur versteht, würde man selbst dann nicht von einem Plagiat sprechen, wenn Eich das ältere Gedicht gekannt hätte:
   „Dies ist mein Tisch,
Dies meine Hausschuh,
Dies ist mein Glas,
Dies ist mein Kännchen.
   Dies meine Etagere,
Dies ist meine Pfeife,
Dose für Zucker,
Großvaters Erbstück. [...]
   Gut ist‘s zu Hause,
Sehr gut zu Hause,
Dies meine Ecke,
Dies meine Hausschuh.
   Glattes Email
Glanzüberquillt,
Dies ist mein Weib.
Dies ist mein Bild.“
   Definiert das Ich sich über die Dinge und ihre Nutzung als Subjekt, wie H. Korte meint? Nimmt es also eine „Neukonstituierung“ vor? Ich denke, es macht Inventur, und das ist „Bestandsaufnahme“ (D. Hoffmann), und stellt sich über den Gebrauchswert der Dinge auch selbst als diese Gebrauchenden dar. Ob Eich selber damit eine Bestandsaufnahme gemacht und von vorn angefangen hat, wie Wolfgang Weyrauch es 1949 als Aufgabe der Kahlschlagliteratur gefordert hat, kann ich nicht entscheiden.
   Zum Vergleich könnte man (neben Hans Bender: Heimkehr; Hans Erich Nossack: Vorspruch und Frage; Theo Pirker: Die Geißel) Horst Lommer: Der Spuk ist aus (Epochen der deutschen Lyrik 1900-1960, S. 327 f.), heranziehen - pathetisch rechnet dort der Sprecher mit den Naziverbrechern ab, schwört bei den ewigen Sternen, klagt an und ruft die Überlebenden auf, endlich aufzuwachen. - Beachte auch meine Überlegungen zur Interpretation vom 11.08.06!

(Die von mir genannten Autoren sind aus der Sekundärliteratur bekannt:
http://www.lehrer-online.de/dyn/9.asp?path=/lyrik1945-1960)

Juliane Steuer am 20. Dezember 2006 um 21:04
Sehr interessante Sichtweise und viel Hilfe bei meiner Interpratation.

   

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