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Samstag, 26. August 2006

Eichendorff: Aus dem Leben eines Taugenichts

Analysen zu den beiden ersten Kapiteln:

Untersuchung des Motivs „Singen und Musizieren” - Skizze einer Gliederung:

1. Die Welt der Musik ist die Gegenwelt von Arbeit und Mühe.
- Die Vögel zwitschern, vgl. Ruf des Goldammers!
- Die anderen arbeiten, der Taugenichts bricht, durch Musik gerufen, musizierend auf.
- Durch seinen Gesang wird Beziehung zum Adel hergestellt.
- Sein Musizieren wird vom Portier nicht geachtet.
- Zur Zeit seiner Anstellung verstaubt die Geige.
2. Die Musik ist Äußerung des Innersten und damit auch die Sprache der Liebe.
- Die schöne Frau, ein Engel, singt und spielt.
- Lied von der schönen Frau.
- Vor anderen kann der Taugenichts nicht singen, ohne sich zu schämen.
- Im Lied bekennt der Taugenichts seine Liebe, wird verstanden.
3. Die Musik als solche ist noch ambivalent, erst das freie Herz versteht sie.
- Die Jagdhörner bereiten ihm Vergnügen, sprechen dem Portier jedoch nur von Mühsal.
- Der Portier arbeitet sich beim Musizieren ab, den richtigen Musikanten blüht das Herz auf.
- Als er sich verlassen vorkommt, stößt das Ständchen ihn in noch größere Traurigkeit.
Ergebnis: Insgesamt ist die Musik, wenn sie aus dem Herzen kommt, mit der Natur verbunden und drückt Freiheit aus, ruft zum Aufbruch aus der Welt bürgerlicher Arbeit und Mühsal, ist Symbol des ewigen Sonntags und dessen, was nicht von dieser Welt ist.

Diese Gliederung ist nicht die einzig mögliche. Isabelle und Simone hatten folgende drei Leitgedanken, die praktisch mit meiner Gliederung übereinstimmen:

Isabel und Simone hatten folgende drei Leitgedanken, die praktisch mit meiner Gliederung übereinstimmen:
1. Die Musik ist eine Gegenwelt gegenüber der Welt der Arbeit und Mühe; Musik ist immer mit Natur verbunden.
2. In der Musik werden Gefühle geäußert; z.T. ist sie hierin ein Ersatz für die Sprache.
3. Musik allein reicht nicht aus; man muss sie mit dem Herzen interpretieren.

Mir ist eine andere Möglichkeit der Gliederung, die an den Personen orientiert ist, eingefallen:
1. Wie nimmt der Taugenichts Musik (und welche) auf?
2. Warum interessiert sie ihn?
3. Was drückt der Taugenichts mit Musik aus?
4. Wie nehmen andere Menschen (und wer) seine Musik auf?

Diese Hauptgedanken können noch unterteilt werden; ihnen müssten alle Belegstellen zuzuordnen sein. Nur wenn man so die Hauptgedanken systematisch entfaltet, kann von einem Verstehen die Rede sein, nicht jedoch, wenn man die Stellen "von oben nach unten" locker miteinander verbindet und praraphrasiert.

Die Zeitstruktur der beiden ersten Kapitel
1. Kapitel
* Frühling (5/3 f.), am Vormittag (5/2-6): Der Taugenichts erwacht, bricht auf, singt beim Wandern und wird zum Mitfahren eingeladen;
* er fährt, er schläft (am Mittag: 7/11) ein (7/5-22);
* er erwacht im Schloss, begegnet verschiedenen Leuten und wird als Gärtnerbursche angestellt (7/23 - 8/27, ohne exakte Zeitangaben).
[Es folgt ein echter Erzählerkommentar (8/27-33).]
* Geraffte Erzählung von dem, was er täglich (8/34) im Garten tut; er denkt, wie er sich der schönen Dame annähern würde...
* Einmal wird er von ihr beim Singen überrascht (9/18 ff.) und bricht deshalb ab;
* am Abend bringt ihm die Kammerjungfer Wein (9/30 ff.), er spielt und singt bis in die Nacht.
* Am folgenden Tag meditiert er, ist mit sich unzufrieden (10/13 ff).
* Alle Tage (10/20 ff.) steht er nun zeitig auf und beobachtet die Dame (eine Woche lang, 11/7; kurzer Kommentar 11/6);
* einmal muss er jedoch niesen, schämt sich und kommt viele Tage (11/13) nicht mehr.
* Endlich (11/14) wagt er sich wieder zum Beobachten hinter den Strauch, sieht aber nur die Dicke; er wird verdrießlich, da er die schöne Frau viele Tage nicht sieht (- 11/34).
* An einem Sonntagnachmittag (11/35), als er einsam ist, beauftragt ihn die Gesellschaft zum Rudern und Singen; die schöne Frau hört sein Lied von der schönen Frau (-14/21); am Ende ist er traurig-ergriffen.
2. Kapitel
* Eines Morgens wird er frühzeitig zum Einnehmer befördert (-15/20).
* Sogleich bezieht er die Wohnung und richtet sich dort ein (-15/28).
* Den ganzen Tag sitzt er nun vor dem Haus (15/29 ff.) und denkt auch nach.
* Er baut Blumen an und legt alle Tage einen Strauß auf einen Tisch im Garten (16/10 ff.).
* Eines Abends bekommt er Streit mit dem Portier (16/27 ff.);
* er bringt „auch heute“ (17/25) den Blumenstrauß zum Tisch, wird dabei von der schönen Frau überrascht und gesteht ihr seine Liebe - sie nimmt die Blumen an (-18/14).
* Seit diesem Abend ist er unruhig, zerstreut beim Rechnen, verliert den Spaß am Sitzen; der Postwagen reizt ihn zum Aufbruch (18/15 ff.); die Blumensträuße werden nicht mehr geholt (19/21 ff.), er ist verstört und lässt das Unkraut wachsen [„kritische Zeitläufte“].
* Einmal kommt die Kammerjungfer und gibt ihm den Auftrag, Blumen zu besorgen (19/34 ff.); er versucht sie zu küssen;
* nun bringt er den Garten in Ordnung (21/1 ff.),
* klettert in der Nacht mit den Blumen auf einen Baum, denkt an die schöne Frau;
* die beiden Frauen kommen, um die Blumen zu holen (22/28 ff.);
* er sieht das Paar auf dem Balkon (24/20 ff.) und versinkt in einem Abgrund des Nachsinnens (25/8 ff.).
* Die kühle Morgenluft weckt ihn (25/15), Vögel und Morgenstrahlen rufen, er sieht weit ins Land; da packt ihn die Reiselust (25/33 ff.),
* er nimmt die Geige (26/21) und wandert los (26/24).
* Im Wandern singt er und entfernt sich (noch am Morgen 26/35) von Wien (26/25 ff.), er zieht gen Italien hinunter (-27/3).

Es werden die Ereignisse weniger Tage episodisch erzählt; die übrigen Ereignisse werden zeitraffend erzählt. Die Unbestimmtheit in vielen Zeitangaben und v.a. der Dauer des Aufenthaltes im Schloss sind Merkmale eines volkstümlichen Erzählens; an manchen Stellen weist das Geschehen ohnehin märchenhafte Züge auf. ["auch heute" ist eine Störung der Pesepktive - "heute" ist im strengen Sinn der Tag, an dem erzählt erzählt wird!]
   Was ist dem Erzähler also wichtig? Es ist der Aufbruch, die Fahrt und die Ankunft im Schloss; es ist der Tag der ersten glücklich-zufälligen Begegnung mit der schönen Frau; es ist der kleine Unfall des Niesens (Störung); es ist der Tag, an dem er ihr in Gesellschaft begegnet und sein Lied von der schönen Frau vorträgt (was beide wohl auf sie beziehen). - Im 2. Kapitel sind wichtig: die Beförderung zum Einnehmer; die zweite persönliche Begegnung mit der schönen Frau, das Liebesgeständnis; die Ereignisse der letzten Nacht (Hoffnung, Enttäuschungen) und der Aufbruch zur Reise nach Italien.
Man kann nun noch berechnen, wie viel Zeit (technisch: wie viele Seiten/Zeilen) der Erzähler sich für welche Ereignisse nimmt: Es sind vor allem die Tage der Ankunft und der Abreise vom Schloss, seine Beförderung zum Einnehmer sowie die beiden Tage, an denen der Taugenichts indirekt im Lied und direkt der schönen Frau seine Liebe gesteht. - Genauso könnte man auflisten, was ihm nicht so wichtig ist.

Der Taugenichts als Figur (Kap. 1 und 2)
Von anderen wird er als ein Taugenichts (5/9 f.), ein fauler Bengel (11/32), ein Lümmel (23/30) gesehen: Alle guten Lehren nützen nichts (8/21 ff.); er achtet nicht auf die Worte des gelehrten Herrn (14/9-11);
* er versteht auch auffallend oft nicht, was geschieht (wie es im Schloss zugeht 7/31 ff.; wie er Gärtnerbursche geworden ist 8/29 ff., vgl. 10/6 und 24/10 ff.; was ein anderer sagt, weil er selber noch schläft 15/6 f.; wieso er wieder aufbricht 25/33);
* Arbeit liebt er nicht - sein Aufbruch ist ein Flucht davor (S. 5 mehrfach); im Garten muss er leider arbeiten (8/36), doch weiß er sich der Arbeit zu entziehen (9/3 ff.); die Zustimmung zu seiner Anstellung erklärt er sich aus seiner Herzensangst (8/15 f.);
* seine Gedanken sind auf Redensarten beschränkt (8/33 und v.a. 10/13 ff.); die Einschätzung, dass er „Gott sei Dank, im Brote“ (8/33) ist, also eine Anstellung gefunden hat, passt gar nicht zu seinem Taugenichts-Aufbruch (S. 5!) - es liegt aber auch keine ironische Sicht des Sprechers vor, sondern er übernimmt hier die normale Sicht der Leute. Man könnte in dieser Äußerung sehen, dass er auf dem Weg zum Philister ist (vgl. S. 14 f.); man kann darin aber auch eine objektive Ironie sehen, eine Diskrepranz zwischen dem momentanen und wahren Taugenichts;
* Musik ist sein Element, weil letztlich sein Herz voller Klang ist (6/20); durch die Musik wird er zum Schloss befördert (6/25 ff.) und nähert er sich auch der schönen Frau an (9/19 ff.; 13/20 ff.), ebenso durch die Blumen (16/21 ff. und 17/25 ff.);
* Frauen findet er insgesamt schön (6/22 ff.; 11/20 ff.; 20/31 f.), doch ist seiner schönen Frau keine zu vergleichen (12/34 vs. 11/23). Sie erscheint ihm in allem, was er sieht (21/1 ff.). Ihr Blick geht ihm durch Leib und Seele (13/15 ff.), auch wenn ihren Blick nicht als Blick der Liebe versteht (18/8 ff.); eine größere Nähe als des Blicks wird ihm nicht gewährt, ist vielleicht auch nicht möglich.
   Der Taugenichts ist wesentlich im Aufbruch, zu Beginn vom Vater geschickt und vom Frühling gerufen (5), am Ende von der Liebe (18/15 ff.) ebenso wie von der Enttäuschung (25/8 ff.) getrieben, wobei die Post, die blitzenden Augen, das Posthorn (19/8 ff.) ebenso die Einladung zum Reisen aussprechen wie die Morgenstrahlen und die Ferne (25/25 ff.). Er hat keinen Namen, doch weil er dem Ruf voller Gottvertrauen (6/1 ff.) folgt, gerät ihm alles zum Guten. So kommt er auf der Reise im Schloss in einen Garten, der dem Paradies ähnelt (8/34), wo er auch seine schöne Frau trifft, die er verehrt, weil sie einem Engel gleicht (12/34 f.). Zwar leidet er am Standesunterschied (14/8 f., vgl. 7/8 ff.), an seiner Ziellosigkeit (6/29 f.) oder wenn er ertappt (11/7 ff.) bzw. beobachtet wird (9/27), doch tritt er auch ganz keck auf (6/25 ff.) und stellt sich vor, wie es wäre, ein Kavalier zu sein (9/8 ff.) - die Distanz zur Welt des Adels wird sowohl erlebt (12/20 ff. und 14/6 ff.) wie überbrückt.
   Auch in der Liebe ist er von Missverständnissen betroffen (9/32 ff.; 20/15 ff. und dann negativ 23/9 ff.), meistens zu seinen Gunsten. Im Garten ist er zudem in Gefahr, nach der Beförderung zum Einnehmer zum Philister zu verkommen (15/21 ff.), doch retten ihn der Anbau der Blumen, die Missverständnisse in der Liebe und seine Bereitschaft aufzubrechen davor, als Philister zu versumpfen. [Dass seine Einschätzung von der Heirat seiner schönen Frau (24/10 ff.) ein Missverständnis ist, wird übrigens erst im Fortgang des Erzählens richtig klar, im 10. Kapitel, im zweiten nur andeutungsweise.]
   Seine Empfindsamkeit lässt ihn einerseits leiden, weil er oder wenn er sich nicht geliebt glaubt (14/15 ff.; 19/32 f.; 25/8 ff.); anderseits lässt ihn dieses Leiden erneut aufbrechen (S. 25), wie ja auch das biedere Dorf, dem er gerade entflohen ist (S. 5), auf der Reise wieder als Heimat und kühler Grund erscheint (7/15 ff.).
   So ist der Taugenichts immer unterwegs, von Gott geführt (6/1 ff.), die Liebe und die Heimat zu finden; dort wenn er irgendwo bleiben zu können scheint, wird er wieder zum Aufbruch gerufen: „Unser Reich ist nicht von dieser Welt.“ (26/20, eine Anspielung auf Joh 18,36 - er erweist sich so als echter Christ, dem es jetzt schon vergönnt ist, vorübergehend im Paradiesgarten zu leben und die marianisch reine Frau zu lieben).

Wenn einer sich mal im Netz schlau machen will:
http://www.zum.de/Faecher/D/BW/gym/Novellen/eichendorff/taugenix.htm
http://www.btk.elte.hu/palimpszeszt/pali09/heger.htm (unbedingt lesenswert!)
http://www.fo-net.de/Schularten/Fachgymnasium/Aspekte/Texte/Epochen/Romantik/Romantische_Prosa/hauptteil_eichendorff__taugenichts.html (U-Reihe: einige Fehler im Textverständnis!)
http://www.lehrer-online.de/dyn/9.asp?path=/taugenichts (eine U-Reihe)
http://hanskleine.de/taugenichts/phda.htm (kommentierende Paraphrase, regt zum Nachdenken an)
http://www.xlibris.de/index.html -> Autoren -> Eichendorff (Interpretation)
http://www.beepworld3.de/members21/jo_aenne/taugenichts.htm (sehr knapp);
eine pdf-Datei (terhaar: Carel ter Haar: Materialien, Kommentar) - sehr schlau (S. 25-28, S. 32 ff. und S. 40-49 zu lesen genügt)
eine pdf-Datei: romantik-moderne-wistingshausen (Lena Wistinghausen: Das romantische Glücksmodell...) - eine Seminararbeit von der Uni, etwas simpel

Methodisches P.S.: Die beiden ersten Kapitel so intensiv gesondert zu untersuchen ist deshalb berechtigt, weil sie bereits gesondert von Eichendorff veröffentlicht (und wohl auch konzipiert) worden sind; das sieht man deutlich an der Bemerkung des Erzählers Taugenichts, dass ihm gelegentlich eines von den Lieder wieder einfällt und er dann wehmütig wird "- und ach das alles ist schon lange her!" (11/5 f.); diese Bemerkung passt nicht zur Situation am Ende der Novelle, sondern ist nur verständlich, wenn er eben auf die schöne Frau verzichten muss. Vielleicht deutet auch die Tatsache, dass eine Bemerkung des Portiers zu Italien nachgetragen wird (28/1 ff.) - nachgetragen werden muss? - in die gleiche Richtung; das gilt auch für die nachträgliche Erwähnung der verstorbenen Mutter (35/10) und der Erklärung, woher er Aureliens Handschrift kennt (55/17 f.).

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Geändert am 26. September 2006 um 11:42

Donnerstag, 24. August 2006

Bachmann: Psalm (1) - Celan: Tenebrae - ein erster Vergleich


Beide Gedichte sind in der Form eines Psalms geschrieben; das eine hat die Überschrift „Psalm“, das zweite ist in der Form des Psalms abgefasst: Der Herr wird (wie) in einem Gebet angesprochen, wobei der Bericht des Beters (ebenso wie die Überschrift „Tenebrae“) den Psalm 23 als Folie durchschimmern lässt. Im „Psalm“ wird eher fremdes Leiden bedacht und das Schicksal der Welt („alles“, V. 6 f.) gesehen; in „Tenebrae“ wird dagegen das Ergriffen-Sein der wir-Gruppe beschrieben und von ihrem gescheiterten Gang zur Tränke berichtet.
   In „Tenebrae“ spricht ein „wir“ (oder jemand für eine wir-Gruppe), welche über die leibliche Situation in die Nähe des Herrn gerückt wird: Beschreibung vom Verkrallt-Sein (2. Str., mit Vergleich), Bericht vom Trinken des Herrenblutes (V. 10 ff.). Im „Psalm“ spricht ein Ich (V. 1); es fordert unbekannte Hörer auf, mit ihm zu schweigen (statt den Herrn zu loben); die wir-Gruppe fordert den Herrn jedoch paradoxerweise auf zu beten, sogar „zu uns“ zu beten (V. 8).
   Im „Psalm“ wird die Forderung, nicht mehr zu beten (also zu schweigen), mit der Aktion Gottes begründet: Die Hand des Herrn hängt nur noch zur Ansicht am Himmel,
hat „alles“ (V. 7, alle Schrecken, V. 2) nicht verhindert und wird auch in Zukunft nicht eingreifen und sich so als machtvoll erweisen (V. 7 f.); sie entrückt sogar die neuen Mörder, erhebt sie in den Himmel und entzieht sie ihrer Verantwortung (V. 9). Dementsprechend kann das Sakrament der letzten Ölung für die Kranken und Toten nicht mehr vollzogen werden; sie müssen trostlos sterben. Resigniert kann das Ich nur dazu auffordern, die Scherben des abgestürzten Mondes liegen zu lassen.
   In „Tenebrae“ ist die Aktion Gottes die des christlichen Erlösers: Er hat sein Blut vergossen (möglicherweise jedoch nicht „sein“ Blut - das Pronomen „dein“ fehlt!). Dieses Blut hat zwar das Bild des leidenden Erlösers aufgerufen (V. 17), jedoch nicht wahrhaft vermittelt: „Augen und Mund stehn so offen und leer“ (V. 18). Der Erlöser kann nicht mehr erlösen, im Blutmeer ist sein Bild verschwunden. So mag die Forderung, der Herr möge beten, als Angebot zu verstehen sein, dass wir ihm beistehen, da wir ja nahe sind, wenn er uns schon nicht erlöst, sondern selber im Leiden verblieben ist. „Wir sind nah.“ (V. 22, vgl. V. 9 und V. 1) - das ist von einigen Schülern als Drohung gelesen worden, was mir aber sachlich nicht einleuchtet; denn dann müsste man das geforderte Gebet als Bitte um Verschonung verstehen - eine Bestrafung des Herrn ist jedoch nirgends angedeutet.
   In beiden Gedichten wird die Erfahrung des Leidens bzw. Mordens vor 1945 verarbeitet, indem sie über die alteuropäische Form des Psalmengebets mit der religiösen Hoffnung auf Rettung konfrontiert wird; im „Psalm“ wird die Tatenlosigkeit Gottes beklagt bzw. wird er der Komplizenschaft mit den neuen Mördern angeklagt; in „Tenebrae“ wird seine Hilflosigkeit beklagt. Das Fazit ist in beiden Fällen gleich: Zu diesem Gott wird nicht mehr gebetet.

von: norberto42 in: Gedichte

Samstag, 19. August 2006

Nuber: Beachte mich! (Psychologie heute, Juli 2001, S. 20 ff.) - Analyse


Frau Nuber stellt die Ergebnisse mehrerer neuer Bücher über Aufmerksamkeit vor; sie referiert, ohne die Auffassungen der verschiedenen Autoren zu bewerten. Sie beruft sich öfter auf Georg Franck und gibt der Auffassung von Hans Dieter Mummendey viel Raum; zur Anordnung des Stoffes benutzt sie zwei Unterscheidungen aus den vorgestellten Büchern: Methoden und Taktiken (s.u.).
   Frau Nuber leitet ihren Aufsatz ein, indem sie die Leser anspricht und sie über die aktuelle Lektüre des Artikels zum Thema „Aufmerksamkeit“ führt (1). In (2) führt sie den Begriff „Markt“ ein, wodurch sie erklärt, wieso es schwer ist, Aufmerksamkeit zu gewinnen. In (3) - (5) kommt sie dann auf das eigentliche Thema zu sprechen: dass es wichtig ist, Aufmerksamkeit für uns selber zu gewinnen [Damit leitet sie in (6) zum Hauptteil ihres Aufsatzes über: Zweimal sagt sie in (6), dass wir um Aufmerksamkeit kämpfen müssen.]. Im Folgenden erklärt sie dann (im Rückgriff auf verschiedene Autoren), mit welchen Mitteln man solche Aufmerksamkeit erringen kann (6) - (18).
   Zunächst referiert sie zwei Gründe, warum es heute erforderlich sei, um Aufmerksamkeit zu kämpfen [weil sie uns nicht mehr durch Institutionen gewährt werde (7) und weil die Konkurrenz größer geworden sei (8)]. Danach stellt sie zwei Methoden gegenüber, wie man um sich Aufmerksamkeit bemühen kann: auf die grobe und auf die verfeinerte Art (9 / 10) ff.; hierbei beruft sie sich auf Georg Franck.
   Bei der verfeinerten Art unterscheidet sie mit Berufung auf H. D. Mummendey zwei verschiedene „Taktiken“ der Selbstdarstellung, die selbstaufwertende und die selbstabwertende (12).
   Für die Anwendung beider Taktiken gibt sie verschiedene Tipps: Man solle nicht übertreiben (16), man solle authentisch sein (17, dürfe aber ein wenig schummern), man solle nicht zu stark übertreiben (18); auch für diese Tipps greift sie auf Äußerungen dreier verschiedener Autoren zurück (Mummendey, Laux, Schütz).
   Den Schluss ihres Aufsatzes bildet ein Trost für diejenigen, die in ihrer Selbstdarstellung nicht die Erfolgreichsten sind: Den ganz Erfolgreichen gehöre nicht unsere Sympathie (19).

Man könnte manches noch stärker inhaltlich füllen, z.B. die verschiedenen Mittel oder Taktiken der verfeinerten Selbstdarstellung aufzählen...
Aus der Technik Ursula Hubers, einfach die Resultate mehrerer Bücher resp. Autoren aufzuzählen, ohne sie zu prüfen, ergeben sich die Schwächen dieses Aufsatzes:
1. Verschiedene Ergebnisse können sich widersprechen;
2. die Ergebnisse überschneiden sich - sie unterscheiden sich nur scheinbar, nur in der Wortwahl.
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Geändert am 13. September 2006 um 04:51

Gedichtvergleich - Beispiele und Methode(n)

Methodisch müsste man Folgendes fragen, wenn man davon ausgeht, dass motivgleiche Gedichte verglichen werden sollen:
1. Sprechsituation: Wer spricht zu wem worüber?, dazu thematischer Aspekt und Gestimmtheit des Sprechers;
2. dominierende Sprechakte: klagen, berichten, auffordern, beschreiben, usw. - dazu
3. zeitlicher Aspekt: Blick in die Vergangenheit / Gegenwart / Zukunft? - 2. und 3. könnte man zusammenfassen unter
4. Aufbau des Gedichtes, evtl.
5. Sprechweise (Sprechart, Stil des Sprechers).
Es müssen nicht zwingend beide Gedichte vollständig analysiert werden; es genügt, eines zu analysieren und dann das zweite unter bestimmten Aspekten mit dem ersten zu vergleichen. Man könnte auch einen anderen Schwerpunkt setzen, wenn man nicht motivgleiche Gedichte untersucht,
z.B. zwei Gedichte: Blick auf das Dritte Reich (unterschiedliche Wertung),
oder: traditionelle - moderne Dichtung,
oder: Ost - West,
oder: politische Propaganda - kritische Dichtung,
oder: Naturlyrik - polit. Gedicht o.ä.

Beispiele und Arbeitsanregungen im Netz:
bnv-bamberg.de/home/.../flg/gk_deutsch/gedichte/eichendorff_becker.htm (zu simpel)
http://www.zum.de/Faecher/Materialien/dittrich/Lyrik/Gedichtvergleich_Urlaubs-ABC-Ferienplaene.htm (mit Einschränkungen)
http://www.4teachers.de/?action=material&id=10260 (mit Passwort)
http://www.zum.de/Faecher/D/BW/gym/romantik/eichend_vgl.htm
http://www.evajung.de/Schule/LK/LyrikGliederungen.html (intensiv)
http://people.debian.org/~leist/personal/studies/abitur/Deutsch-LK/html/l%F6sungsvorschlag-lyrik.html (intensiv)
http://www.experten-infos.de/literatur/literatur-tipps/deutsch-literatur-gedichtvergleich.php (Links)
sowie Dateien, die unter folgenden Stichworten zu suchen sind:
Paul Zech: Park an der Fabrik, und Bertolt Brecht: Der Blumengarten
Probekapitel_Abiprofi_Deutsch.pdf (Heine - Eichendorff)
Gedichtvergleich: Liebesgedichte (C.F. Meyer und Jörg Niebelschütz)
Almut Hoppe, Susanne Schütz: Beitrag zur Unterrichtsentwicklung. Die sechs Aufgabentypen... (1. Beispiel)

Ich möchte auch noch auf eine Weise des Gedichtvergleichs hinweisen, die ich im kulando-blog beschrieben habe: http://norberto42.kulando.de/post/2006/01/03/gedichtvergleich

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Geändert am 22. Oktober 2006 um 05:39

Donnerstag, 17. August 2006

Deutsche Lyrik 1945 - 1960, 4. Lektion: Methoden

Wir haben bei Eich: Inventur,
1. auf die Überschrift (Anweisung des Autors) geachtet;
2. die Bedeutung von „Inventur“ über das Wörterbuch erschlossen. Im Netz steht euch http://www.dwds.de/woerterbuch und http://wortschatz.uni-leipzig.de/ zur Verfügung - damit zu arbeiten müsst ihr selber lernen und üben;
3. die Sprechsituation erfasst (monologisches Inventarisieren); dabei haben wir die Störung des Inventarisierens (V. 15 f.) bemerkt und auszuwerten versucht;
4. den Aufbau des Gedichtes (also der Äußerung des Sprechers) beschrieben und für das Selbstverständnis des Sprechers ausgewertet (Mittelteil);
5. den Rhythmus untersucht. Der machte euch Schwierigkeiten, weil ihr von der traditionell gelesenen Lyrik an Metrum und Reim als Mittel lyrischen Sprechens gewöhnt seid; man kann aber auf noch andere Sprechweisen achten, z.B.
- die Anzahl der Hebungen pro Vers,
- die Anzahl der Silben pro Vers,
- die wirklich betonten Wörter,
- den Zeilenschnitt (Enjambement),
- Alliteration und Assonanz (Anklänge),
- Strophenlänge... mehr fällt mir gerade nicht ein.
Die reimlose Lyrik haben wir schon bei Goethe kennengelernt, dort spricht man von freien Rhythmen der großen Hymnen - schau in den Kommentar von Erich Trunz zum Beispiel! Bei Goethe äußerte sich also ein „großes“ Ich im Überschwang seiner Kraft, seines Herzens; in der Nachkriegslyrik ist es mehr die Skepsis gegenüber den großen geformten Gedanken und Formeln (durch Klang und Metrum wird ein Text semantisch überstrukturiert!), welche die Sprechweise bestimmt. Bei Brecht ist es dagegen die aus dem Theater bekannte gestische Sprechweise, wodurch der Hörer resp. Zuschauer zum Mitdenken eingeladen wird. Es gibt also mehr als ein Motiv des reimlsoen Sprechens - schaut und hört genau hin!
6. Begnüge dich nicht mit dem ersten Eindruck, mit dem ersten Verständnis. Überprüfe es, indem du dir die Grammatik des Satzes bewusst machst (Möglichkeiten des Satzbaus durchspielst, gerade bei Gedichten!) und auch im Wörterbuch nachschlägst, ob ein Wort vielleicht mehrere Bedeutungen hat (zum Beispiel: die Seekarten "aufrollen" bei Enzensberger).
7. Bereits bei Eich (vgl. meinen kleinen Aufsatz zur Interpretation mit den Literaturhinweisen) zeigt sich ein wichtiges Prinzip des Verstehens: den Bezug auf andere Texte (Weiner, Brinkmann) beachten: das Prinzip der Intertextualität; zu Celan: Todesfuge, kann man es anwenden (Bezug auf Gedicht des Freundes Weißglas); bei Celan: Tenebrae, wird dieses Prinzip systematisch von uns angewendet: Rückbezug auf die Psalmen, speziell Ps 23.
8. Behandle einen Text nicht wie einen Haufen von Wörtern, sondern wie ein Netz von Wörtern, Wendungen und Sätzen. Was damit gemeint ist, kannst du einmal in dem Artikel "Bedeutung" in der Kategorie "Semantik" bei http://www.norberto42.kulando.de nachlesen, anderseits an meiner Analysepraxis sehen: stets beachten, wer wann wozu wie spricht. Vereinfacht gesagt fragt man immer nur:
* Was steht da (und was steht nicht da!)?
* Wo steht es (im Satz, im Gefüge der Sätze)?
Die erste Frage beantwortet man durch Ersatzproben und Suche nach dem Antonym (und ein reiches sprachliches und historisches Wissen), die zweite durch Untersuchung des Aufbaus (ausgehend von der Sprechsituation, mit der Kenntnis sprachlicher Formen und Produkte verbunden, vgl. oben 3. und 6.).
9. Ich zumindest versuche, mit mich anderen Lesern (bzw. deren Analysen) auseinanderzusetzen; das heißt nicht, dass man von ihnen abschreibt, sondern dass man sein Verständnis mit ihrem vergleicht und dann fragt, welches Verständnis sich worauf stützt und eher dem Text gerecht wird - das ergibt zwar keine objektive, aber doch eine intersubjektiv geprüfte Lesart.
10. Man wird immer den Bezug zur Entstehungszeit mitbedenken; das ist schon Interpretation, geht also über Analyse hinaus, genau wie der Bezug auf andere Texte (s.o. 6.) eher Interpretation als Analyse ist. Die Unterscheidung Analyse - Interpretation ist also nur unscharf möglich.

Beachte auch die Beiträge über bildhafte Sprache in Gedichten (1. 9. 06) und über Montage-Technik (29. 9. 06) hier in der Kategorie "Lyrik"!
Ich habe im Sommer 007 mehrere Gedichte von Bachmann, Benn, Eich und Enzensberger analysiert, auch im Hinblick aufs Zentralabitur NRW 2009/10; die Analysen stehen bei logos.kulando.de, in der Kategorie "Gedichte nach 1900".
von: norberto42 in: Lyrik
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Geändert am 15. August 2007 um 00:53