Das Verb „dichten“ ist älter als das Nomen „Dichter“, was sich erst seit dem 18. Jh. als Verdeutschung von „Poet“ durchgesetzt hat. Die Volksetymologie, „dichten“ heiße „dichte“ Aussagen zu machen, ist falsch; „dichten“ ist ein Lehnwort, schon über 1000 Jahre alt, was auf das lat. dictare: etwas zum Aufschreiben vorsagen, zurückgeht (Intensivum zu dicere). Das entnehme ich dem Wörterbuch von Kluge, 24. Auflage.
Daraus ergibt sich, dass ein Gedicht nicht desto besser, je „dichter“, also je unverständlicher es ist; was „hermetische Dichtung“ genannt wird [und wozu Korte Benns „Nur zwei Dinge“ zählt, während Hoffmann dieses Gedicht traditionell nennt - ein Beispiel für die Problematik von Kategorisierung], stößt also in der Produktion des schwer Verständlichen an eine Grenze, die nur zum Un-sinn hin überschritten werden kann. Für den Jargon der Eigentlichkeit haben Theodor W. Adorno (http://www.kk.jgora.pl/gutenberg/etextde/Adorno%20Theodor%20-%20Jargon%20der%20Eigentlichkeit.txt) und Christian Schütze („Gestanzte Festansprache“, Stuttgarter Zeitung vom 2. 12. 1962) entlarvt, dass hinter den Phrasen des Erhabenen nichts steht - man konnte das auch schon im 19. Jh. in Andersens Märchen von des Kaisers neuen Kleidern nachlesen. Nur die Eingeweihten scheinen den Un-sinn zu verstehen und sich darüber zu verständigen; erst nach einiger Zeit merkt der gesunde Menschenverstand, dass da nichts ist, wenn Kindermund Wahrheit kund tut. Dichtung muss also auch für jemand verstehbar sein, der nicht zehn Semester Germanistik studiert hat; Dichtung muss vielleicht auch zitierbar sein.
Nehmen wir ein neutraleres Beispiel, die Dichtung um 1900; George ließ sich als tiefsinniger Seher feiern, scharte sogar einen Jünger-Männer-Kreis um sich, hat aber viel Schwulst produziert; freiwillig lese ich von ihm nur das Gedicht „Komm in den totgesagten Park...“. Christian Morgenstern hat leicht und lustig gedichtet, steht auch im großen Conrady, kommt aber im Deutschunterricht der Sek. II nicht vor. Dabei hat er Zitierbares gedichtet, etwa das große Gedicht „Die unmögliche Tatsache“: Palmström ist von einem Auto überfahren worden und studiert daraufhin Gesetzesbücher, um den Fall juristisch zu begreifen. Und dann die letzte Strophe:
Und er kommt zu dem Ergebnis:
Nur ein Traum war das Erlebnis.
Weil, so schließt er messerschaft,
nicht sein kann, was nicht sein darf.
Das ist scharf beobachtet, ist große Dichtung, und ist sogar ist zitierbar! Ähnliches gilt von Wilhelm Buschs Gedichten „Die Liebe war nicht geringe“ oder „Ach, wie geht‘s dem Heilgen Vater!“; im zweiten wird erzählt, wie Joseph einen für den armen Heiligen Vater bestimmten Gulden in einer Wirtschaft verprasst und dann zur Einsicht kommt:
Ach der Tugend schöne Werke,
Gerne möcht ich sie erwischen,
Doch ich merke, doch ich merke,
Immer kommt mir was dazwischen.
Auch Wilhelm Busch kommt im Deutschunterricht höchstens in Kl. 5 und 6 vor, unter dem Aspekt „lustige Gedichte“; vielleicht sollte man ihn unter Weisheit einordnen und auch in Kl. 13 besprechen? Doch leider, leider kann man an ihm keinen „Epochenumbruch“ demonstrieren - damit ist er didaktisch erledigt.
Uns ist es aufgegeben, die deutsche Lyrik von 1945 - 1960 zu erforschen; das werden wir also tun. Das kann uns aber nicht daran hindern, auch Grenzen sinnvollen Dichtens zu benennen; und es darf uns nicht daran hindern, beim Lesen selber auf dem Teppich zu bleiben. Ein schönes Beispiel fürs Abheben liefert Adelheid Petruschke, die zu Eichs Gedicht „Inventur“ zu V. 7 f. (ich hab in das Weißblech / den Namen geritzt) schreibt: „Das Ich vergewissert sich seiner Identität dadurch, dass es seinen Namen auf einen unverzichtbaren Gegenstand schreibt.“ (Lyrik der Nachkriegszeit 1945 - 1960, 2006, S. 25) Das kann man zwar ähnlich öfter lesen, ohne dass es durch Wiederholung richtig würde: Wenn man in einem Lager, wo Not herrscht, seinen Namen auf Geräte schreibt, markiert man sie als sein Eigentum, damit sie nicht so leicht geklaut werden (vgl. den Nagel vor begehrlichen Blicken verbergen!). Ich schreibe meinen Namen doch auch nicht in Bücher, um mich meiner Identität zu vergewissern, sondern um sie als meine zu kennzeichnen, damit sie die Chance haben, vom Ausleihen zurückzukommen. - In einem kleinen Aufsatz zu Weinrich: Semantik der Metapher [in der Rubrik „Lesen: Text(e)“ bei www.norberto42.kulando.de] habe ich das Nötige zu den Prinzipien des Verstehens gesagt. Wendet diese Prinzipien nüchtern an, egal, was Frau Petruschke schreibt oder Norbert Tholen sagt! Denkt selber, auch wenn es bequemer ist abzuschreiben! Wenn ihr dazu ein ganz großes Gedicht lesen wollt, klickt bitte an: http://www.hegel.net/werkstatt/artikel/grundkonzepte/der_zweifler.htm
norberto42
Deutsche Lyrik 1945 - 1960, 3. Lektion
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