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Montag, 31. Juli 2006

Ingeborg Bachmann: Psalm 1 - Erläuterungen


Den Text des Gedichtes (aus: Die gestundete Zeit, 1953) findet man über das Bachmann-Forum (http://www.ingeborg-bachmann-forum.de/), und zwar mit dem Link http://www.uibk.ac.at/literaturhaus/2002/lit/lit.html.
Erläuterungen zu Vers
 1 Viele Psalmen beginnen mit der Aufforderung zum Gotteslob, so etwa Ps 117:
   „Lobet den Herrn, alle Völker, / preist ihn, alle Nationen!“
 2 Nachgeburt, neue Nahrung: Hier wird eine Zweiteilung der Zeit vorgenommen, wo
   eine neue Zeit nach der Vergangenheit („alles gewesen“, V. 7) angesetzt wird
 3 Geschmeiß: ekelerregendes Ungeziefer und dessen Brut; met. von Menschen
 4 Karfreitag: christlicher Feiertag zum Gedenken des (Erlösungs)Todes Jesu
 5 Hand am Firmament: die Hand Gottes; bereits in der altkirchlichen Kunst wurde die
   Gegenwart Gottes durch den Engel oder „die Hand Gottes“ (oft als Hand, bei der
   der kleine und der Ringfinger zurückgebogen sind) dargestellt. Im AT wird das Bild
   häufig für das Eingreifen Gottes gebraucht, vgl. eine Zusammenstellung unter
http://home.nikocity.de/adelshofen/bibel/die_hand_gottes_im_leben_eines_m.htm
 5 Firmament: Himmel, Himmelsgewölbe
 9 jemanden entrücken: ihn in den Himmel aufnehmen (von Elija wir in 2 Kg 2
   erzählt, dass er im feurigen Wagen entrückt wurde; vgl. Himmelfahrt Jesu)
10 freigehen: evtl. Verb zu Freigang, das ist ein Hafturlaub
11 Hier wird ganz unbestimmt (Subjekt, Modalverb) eine Krankenszene beschrieben,
   die mit der Szene der untätigen bzw. tätigen Gotteshand verbunden werden muss,
   evtl. über den ersten letzten Vers des Gedichtes.
16 Metzger: Da die Metzger „behandschuht“ sind, denke ich an Ärzte; vermutlich
   genügt es aber, die Handschuhe als Mittel anzusehen, dass die Täter sich nicht
   beschmutzen oder keine Fingerabdrücke hinterlassen.
18 Mond: In einem Gedicht Georg Heyms hängen die Dämonen der Städte dem
   Mond eine schwarze Larve vor (1911); Gefährdung des Mondes: ein
   apokalyptisch-expressionistisches Bild der Katastrophe.
20 die letzte Ölung: Sterbesakrament in der katholischen Kirche, als Salbung des
   Kranken an verschiedenen Körperteilen (Hände usw.) mit heiligem Öl. Zur
   Vorbereitung wird ein Kreuz aufgestellt, Kerzen werden angezündet, man legt
   einen Wattebausch dazu. - Durch die letzte Ölung soll der Christ auf einen guten
   Tod und Übergang in den Himmel vorbereitet werden.

Eine reizvolle Aufgabe besteht darin, Bachmanns Psalm 1 mit Celans „Tenebrae“ zu vergleichen, da beide Gedichte in der Psalm-Form gehalten sind; diese selbst ist ebenfalls zu thematisieren. - Bachmanns "Psalm" besteht aus vier Teilen (Psalm 1 - 4), doch halte ich es für möglich, Psalm 1 gesondert zu betrachten; auch bei Krolows "Robinson" wird oft Teil I isoliert gelesen.

von: norberto42 in: Gedichte
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Geändert am 9. Oktober 2006 um 18:21

Paul Celan: Tenebrae - Analyse


Den Text findet man u.a. bei http://ludens.elte.hu/~aherzog/lyrik/celan.htm.
Das Gedicht steht im Band „Sprachgitter“ (1959); es hat die Form eines Psalms. Damit ihr nachchristlich Sozialisierten wisst, was ein Psalm ist, solltet ihr einige in der Bibel lesen (etwa Ps 22; 23; 91; 130). Die Überschrift Tenebrae, lat. Dunkelheiten, ist ein klassisches Psalmenmotiv; vielleicht schlagt ihr einmal in der Bibelkonkordanz (http://www.erlangerliste.de/ressourc/lex.html, dort unter „Datenbanken“: Bibel) die Stichworte „Finsternis, Dunkel(heit), Nacht“ nach, wie in den Psalmen davon gesprochen wird. Auch in der Finsternis vertraut der Fromme darauf, nicht von Gott verlassen zu sein; das ist Psalmenfrömmigkeit. - Einen guten Überblick über die Psalmen bietet http://www.uni-bayreuth.de/departments/ev_theologie3/Lehre_So04/Ztbtheol/inhalte/ztbtheol_7.htm (mit einem Hinweis auf Psalmen in der Gegenwartsliteratur).
   Das lyrische Ich tritt in der Gemeinschaft „wir“ (V. 1 ff.) völlig hinter die anderen zurück und spricht den „Herrn“, also Gott an; das ist für Psalmen ungewöhnlich - normal ist, dass sich der einzelne Fromme an den Herrn wendet (mit Ausnahme etwa von Ps 137). Wer „wir“ ist, wird nicht gesagt, und auch der „Herr“ wird zunächst nicht identifiziert; aufgrund der Psalm-Form wird man in ihm den biblischen GOTT sehen dürfen. Das Gebet beginnt mit der Feststellung: „Nah sind wir, Herr...“ (V. 1). Offen bleibt, wer wem nah ist: wir einander? wir dem Herrn? Auch diese Aussage befremdet den Bibelleser; normal ist die Hoffnung, dass der Herr „mir“ nah ist in der Finsternis. Das anaphorische „nahe“ in der betonten Anfangsstellung wird dann näher bestimmt: „greifbar“ (V. 2). Das ist zunächst die unmittelbare Nähe dessen, was in greifbarer Nähe liegt (und dann oft verfehlt wird).
   In der 2. Strophe enthüllt sich ein anderer Sinn der greifbaren Nähe: Im Partizip „gegriffen schon“ wird einmal der Zustand des Greifbaren als überholt korrigiert, dann das Verständnis von „greifbar“ verändert: Greifbar ist der, der gefangen und gegriffen werden kann; Antonym wäre jetzt „freigelassen“. Mit dem Adverb „schon“ ist gesagt, dass dieses Gegriffenwerden noch nicht erwartet wurde, dass es unzeitig früh geschehen ist. Der Zustand der Gegriffenen wird dann so beschrieben, dass sie „ineinander verkrallt“ sind (V. 4); so kann man nur in einem Kampf sein - im Kampf mit dem Gegner in ihn verkrallt, in der Gaskammer die Opfer ineinander verkrallt. „ineinander“ (V. 4) bleibt unbestimmt, doch kann hier nicht der Herr mitgemeint sein, wie sich auch aus V. 4-6 ergibt. In einem Vergleich wird dann die Verkrallung gedeutet: „als wär / der Leib eines jeden von uns / dein Leib, Herr.“ (V. 4-6) Dieser Vergleich erhellt nichts, sondern ist rätselhaft: als ob es normal wäre, dass jemand in den Leib des Herrn verkrallt wäre! Wann war jemand in den Leib des Herrn verkrallt? Und was ist der Leib des Herrn? „Leib des Herrn“ ist im christlichen Glauben das geheiligte Brot, in dem der Herr Jesus Christus sich zur Speise gibt (Zitat des letzten Abendmahls, Mk 14,22). Aber verkrallt?
   Es folgt eine Bitte oder Aufforderung: „Bete, Herr“ (V. 7); so ungewöhnlich schon diese Aufforderung ist, ihre anaphorische Präzisierung (vgl. V. 1 f.) ist noch ungewöhnlicher: „bete zu uns“ (V. 8). Wieso soll der Herr zu uns beten, da doch der Mensch zum Herrn etwa Psalmen beten darf? Als sprachlich nicht angeschlossene Begründung kann der nächste Satz gelten: denn „wir sind nah“. Die in normaler Frömmigkeit sinnlose oder gotteslästerliche Aufforderung, der Herr solle zu uns beten, kann einen Sinn erhalten, wenn man die zweite Strophe noch einmal liest: Wir sind ineinander verkrallt, als wäre der Leib eines jeden von uns der Leib des Herrn; wenn derart jeder verkrallte Leib der des Herrn ist, also nicht nur so verkrallt ist, als ob es der Leib des Herrn wäre, sind die Leidenden dem Herrn nah. Die im Vergleich angebotene Nähe oder Identität mit dem Herrn wird hier als real vorausgesetzt; deshalb soll der Herr zu uns beten, wir sind ihm als Verkrallte nah. Was der Herr zu uns beten soll, wird nicht gesagt; vielleicht darf er um Hilfe bitten, da wir ihm nah sind?
   Darauf folgt ein Bericht in fünf Strophen (V. 11 ff.) über das, was „wir“ getan haben (im Präteritum), der mit einer Aussage im Perfekt endet, womit also diese Aktion als abgeschlossen und ihre Wirkung als bestehend markiert wird. In der letzten Strophe wird die 3. verkürzt wiederholt, indem der Herr aufgefordert wird zu beten und ihm versichert wird, dass wir nah sind (V. 21 f.). Diese Aussage steht am Beginn und am Ende des Gedichts und ist die letzte Aussage des Sprechers am Ende des ersten Teils; es ist also zu begreifen, worin diese wiederholt beschworene Nähe besteht und was sie bedeutet.
   Vielleicht sollte man hier schon einen ersten Blick auf die Eigentümlichkeiten des Sprechens werfen: Viele Wiederholungen fallen auf; „greifbar / gegriffen“ ist eine Alliteration, in der wie öfter im Folgevers der vorhergehende präzisiert wird; die Sprache ist einfach - nur „der Herr“ als Angesprochener deutet eine Tiefendimension des nur angedeuteten Erlebten an.
   Wie gesagt folgt ein Bericht, der ganz harmlos anfängt: Wir gingen zur Tränke; dann wird berichtet, dass da Blut war, dass Blut getrunken wurde und dass das Bild des Herrn darüber verloren ging. Der Bericht beginnt überraschend mit dem Satzadjektiv „windschief“ (V. 10) zur Charakterisierung des Ganges; windschief und baufällig sind sonst Häuser. Geht man windschief, ist man bedrückt, unter einer Last gebeugt, niedergeschlagen; das Ziel des Gehens ist dann sogar, sich (noch tiefer) zu bücken; im Enjabement wird das Ziel des Bückens abgetrennt: „nach Mulde und Maar“ (V. 12), eine Alliteration für ein Bodensenke. Im nächsten Vers, einer Strophe für sich, das Ziel des Ganges genannt: zur Tränke (V. 13).
   In der nächsten Strophe enthüllt sich jedoch eine neue Dimension des Trinkens (wie in V. 3 die der Greifbarkeit): „Es war Blut, es war, / was du vergossen, Herr.“ (V. 14 f. - vgl. Mk 14,24) Wird zunächst völlig überraschend vom Fund des Blutes berichtet, so wird es außerdem mit dem Blut des Herrn identifiziert; und schließlich wird es getrunken (V. 19). In der Tränke ist also nicht erfrischendes Wasser, sondern Blut; der Herr, der Blut vergossen hat, ist der Herr Jesus. Das wäre die erste, die christliche Lesart von V. 14 f.; denkbar ist die andere, dass der Herr das Blut anderer vergossen hat, indem er sie getötet hat oder hat töten lassen. Sprachlich lässt sich nicht entscheiden, welche Lesart richtig ist. Dass das Blut glänzte (V. 16 - wieder ein Vers als Strophe: Bedeutung dieser Beschreibung!), rückt es in die Nähe des Göttlichen; der Lichtglanz ist ein Zeichen, dass Gott selbst nahe ist. Wieso ist er nahe? Das Blut „warf uns dein Bild in die Augen“ (V. 18). Blut, Tod und Untergang ist also das Zeichen der Nähe Gottes - im Christentum des geopferten und auferweckten Gottessohnes, hier jedoch anders. Im nächsten Vers wird ausnahmsweise im Präsens berichtet, was das Ergebnis des ganzen Geschehens ist: Augen und Mund stehen (jetzt) offen und leer, während man nach dem Trinken doch den Mund schließt und in den Augen das Bild des Herrn sein sollte. Es ist aber nicht da, es ist weg; eine nähere Erklärung dazu fehlt. Dass wir Blut getrunken haben, wird nachgetragen (V. 19) und wiederum im folgenden Vers erläutert: Getrunken haben wir das Blut und das Bild; das Blut war also nicht so, dass es Gottes Bild bewahrt hätte, es war nur Blut. Und es hat nicht den Durst gelöscht, so lese ich; denn der Mund steht noch offen. Es hat nicht wie in der Kommunion der Christen Gemeinschaft mit dem Gott gestiftet, ist nicht als Zeichen künftiger Rettung getrunken worden, wodurch man in den Leib Christi aufgenommen wird; es war das Blut wessen auch immer, und das Bild des Herrn ist verschwunden.
   Wozu muss das alles Gott berichtet werden? Wozu soll es ihm berichtet werden? In der letzten Strophe wird man eine Antwort auf unsere Fragen suchen: Wie bereits vorher wird der Herr aufgefordert zu beten, und zwar mit der Begründung, dass wir nah sind, auch wenn das Bild des Herrn verschwunden ist und wir von Blut voll sind. Das Beten zum Gott, dessen Bild im Blut gefunden und wieder verloren wurde, ist zuerst und zuletzt widersinnig; so wird der Herr aufgefordert zu beten (V. 21), damit wir nicht sprachlos, mit offenem Mund (V. 18), blutgetränkt allein sind. „Wir sind nah.“ (V. 22) Wir sind nah, weil wir schon gegriffen sind und ineinander verkrallt, wie oben bereits erklärt worden ist. Nach dem Verschwinden des Bildes (V. 18) wird der irreale Charakter des Vergleichs deutlicher: „als wär...“ (V. 4-6). Erwartet der Sprecher wirklich, dass der Herr beten wird? Oder ist die Bitte zu beten nur der letzte Ausdruck einer verzweifelten Einsamkeit? Wenn man zu V. 13 allerdings Ps. 23 im Ohr hat, dass der Herr mein Hirte ist und mich zum Ruheplatz am Wasser führt, dann wird man den Bericht und das ganze Gedicht als Anklage gegen den Herrn verstehen, der „uns“ nur zur Bluttränke hat gehen lassen.
   Simon Petrus bekennt auf des Herrn Jesus Christus Frage, ob die Jünger ihn verlassen wollen: „Du hast Worte des ewigen Lebens.“ (Joh 6, 68) Davon kann hier nicht die Rede sein; der Herr wird aufgefordert zu beten, doch ob er den Gebeugten und ineinander Verkrallten etwas sagen wird, ist mehr als fraglich.
   Was in der 2. Strophe beschrieben und in der 4. berichtet wird, lässt an den Tod in der Gaskammer, allgemein an den Leidensweg der Juden denken; sie werden vor Gott ins Gespräch gebracht, doch der sagt nichts, auch wenn man ihn zum Beten auffordert. Das Gedicht ist letztlich ein Gegen-Psalm zu Ps 23; den Betroffenen ist der Herr abhanden gekommen, es bleibt nur die Leidensgemeinschaft „wir“.
** Ich kenne die Analyse von Winfried Freund: Deutsche Lyrik (2. Aufl. 1994, S. 179 ff.); doch scheint sie mir nicht haltbar zu sein, je weiter Freund darin fortschreitet. (Das Gedicht und) christliche (?) Notizen dazu von Bernd Giehl findet man unter
http://www.deutsches-pfarrerblatt.de/pfarrerblatt/servlet/de.pfarrerblatt.servlet.Query?mode=article&id=1582
Vgl. auch http://www.highbeam.com/doc/1G1:14125973/
** Man könnte Zoltan Kemenys Bild Ténèbres (1947) zum Vergleich heranziehen, ebenso Bilder von Eugène Gabritschevsky von 1947 (im Centre Pompidou in Paris): 
Praehistorischer Mensch und dreimal Sans titre, vgl. das zweite Bild hier (http://www.abcd-artbrut.org/article.php3?id_article=101)
** Eine Anthologie „Trauer und Trost. Perlen der Weltliteratur“ findet man unter http://www.mortalino.ch/trauertrost/thematisch/ainhalt.htm

von: norberto42 in: Gedichte
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Geändert am 16. Oktober 2006 um 16:40

Freitag, 21. Juli 2006

Orhan Pamuk: Schnee (2005) - Rezension

Ich habe die Lizenzausgabe für die BpB vor mir, nehme jedoch an, dass sie mit der Hanser'schen Ausgabe seitengleich ist.

Der Titel "Schnee" hat zwei Dimensionen: Einmal schneit es in Kars, als sich der Dichter Ka dort einige Tage aufhält, und erst in der Trennung von der Außenwelt wird das ganze Morden in Kars möglich; zweitens sind die 19 in Kars entstandenen Gedichte in der Form einer Schneeflocke einander zugeordnet, und zwar auf den drei Bacon'schen Achsen Erinnerung, Vernunft, Phantasie. Um es gleich vorweg zu sagen: Die zweite Schnee-Idee überzeugt mich nicht; die durch Eingebung entstandenen Gedichte bleiben, da sie nirgends erhalten sind, zu unbestimmt beschrieben, als dass ich in ihnen das Abbild einer göttlichen Weltordnung sehen könnte.

Im Roman dominieren zwei Themen, die inneren Probleme der Türkei oder des Türkischseins, das zwischen Europa, Islam und Armut sich zu definieren sucht, wobei die Lust zu gewaltsamen Lösungen und endlosen Debatten mitschwingt - insgesamt wird für den Leser etwas zu viel debattiert, die Themen wiederholen sich; wie weit diese Türkeidarstellung "richtig" ist, kann ich nicht beurteilen. Das zweite Thema ist die Liebe, die Liebeshoffnung und -erfahrung verschiedener Figuren - zunächst Kas zur schönen Ipek und die Kadifes zu Lapslazuli; aber da kommt noch einiges an Hoffnungen und Enttäuschungen hinzu. Dieser Aspekt Liebesroman ist der (mich) eher fesselnde, wobei zum Schluss letztlich unklar bleibt, warum Ka Lapislazuli verraten und so Ipek verloren hat. - Das Liebesthema ist mit zwei kriminalistischen Erzählfäden verwoben, den Morden während des Theaterspiels und den geheimen Treffen mit verfolgten Islamisten.

Die Erzählsituation befriedigt nicht: Zuerst hat man den Eindruck, ein allwissender Erzähler agiere souverän; dass ein Ich-Erzähler da ist, habe ich erstmals auf S. 123 bemerkt. Woher hat dieser Ich-Erzähler Orhan (Pamuk) sein umfassendes Wissen? Er war mit Ka befreundet und hat dessen akribisch genaue Aufzeichnungen von den Tagen in Kars gelesen (S. 496) - aber Ka hatte in den paar Tagen gar keine Zeit, alles genau zu notieren, und dass Ipek ihm weitere Details erzählt habe (S. 498), ist auch nicht plausibel. Dieser Ich-Erzähler Orhan (S. 301 ff.) spricht ebenso wie die Figur Fazil von dem Roman, den Orhan schreiben wird [also geschrieben hat], und von seinen Lesern sowie von dem, was diese glauben oder nicht glauben werden; der Ich-Erzähler kann derart in den Vordergrund treten, weil Ka vor einigen Jahren ermordet worden und das grüne Heft mit den 18 erhaltenen Gedichten und dem einen rekonstruierten verschwunden ist. Fazit: Der Ich-Erzähler weiß für seine Rolle zu viel; vielleicht wäre sein Versuch, sich aus Aufzeichnungen und Gesprächen zu informieren und aus diesem Wirrwarr von Perspektiven und Meinungen die Umrisse eines Bildes zu machen, besser gelungen.

Orhan Pamuk ist wegen des Buches in der Türkei heftig angegriffen worden; das war das Beste, was ihm als Autor passieren konnte.

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Geändert am 24. Juli 2006 um 15:57

Mittwoch, 12. Juli 2006

Peter von Matt: Die Intrige (Hanser, 2006)

Ich kenne vier Bücher des Germanisten Peter von Matt; das neue, "Die Intrige", kann sich mit dem "Liebesverrat" darum streiten, welches das beste von allen ist. "Die Intrige" ist also ein großes Buch, ein lesenswertes Buch: weil von Matt anschaulich Literatur referieren kann; weil er offensichtlich die europäische Literatur hervorragend kennt; und weil das Thema ein elementar menschliches ist.

Matt zeigt also, wie das Intrigieren mit dem Versuch des sich aufklärenden Menschen, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, verbunden ist; wie es die europäische Literatur seit der Ilias bestimmt; wie die scheinbar einfache Form der Fabel mit dem Fuchs als Akteur in der Literatur zentral ist. Und er zeigt in einem, was der Umbruch von der feudalen zur bürgerlichen Literatur im 18. Jahrhundert fürs Intrigieren bedeutet (das ist nichts mehr für Frauen) und wie sich der Umbruch zur Moderne ab 1900 in der Darstellung der Intrige spiegelt. Nebenher kriegt man noch einiges von Kriminalromanen mit, die man (also ich) nur dem Namen nach kannte.

Mich hat das Buch angeregt, einzelne seiner Gedanken weiterzuspinnen und sie an Themen zu binden, die mich interessieren; ich habe sogar Anregungen dafür gefunden, was ich in einem Jahr bei meiner Pensionierung sagen und nicht kann. Ein schönes Buch, für das ich seinem Autor danke.

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Geändert am 12. Juli 2006 um 00:15

Samstag, 8. Juli 2006

Kleines P.S. zu Schlink, Odysseus, Odyssee

Die Tradition, dass Odysseus am Ende nicht nach Hause fährt, ist bei Dante bezeugt: Dante kannte die Odyssee nicht im Original; er steckte Odysseus als Intriganten in die Hölle. Odysseus ist hier jemand, der in unbändiger Passion Wissen erwerben will und "bis ans Ende der Welt" fährt - vgl. dazu Peter von Matt: Die Intrige, 2006, Kap. XXVI bzw. S. 233 ff.

Samstag, 1. Juli 2006

Deutsche Lyrik 1945 - 1960, 3. Lektion


Das Verb „dichten“ ist älter als das Nomen „Dichter“, was sich erst seit dem 18. Jh. als Verdeutschung von „Poet“ durchgesetzt hat. Die Volksetymologie, „dichten“ heiße „dichte“ Aussagen zu machen, ist falsch; „dichten“ ist ein Lehnwort, schon über 1000 Jahre alt, was auf das lat. dictare: etwas zum Aufschreiben vorsagen, zurückgeht (Intensivum zu dicere). Das entnehme ich dem Wörterbuch von Kluge, 24. Auflage.
   Daraus ergibt sich, dass ein Gedicht nicht desto besser, je „dichter“, also je unverständlicher es ist; was „hermetische Dichtung“ genannt wird [und wozu Korte Benns „Nur zwei Dinge“ zählt, während Hoffmann dieses Gedicht traditionell nennt - ein Beispiel für die Problematik von Kategorisierung], stößt also in der Produktion des schwer Verständlichen an eine Grenze, die nur zum Un-sinn hin überschritten werden kann. Für den Jargon der Eigentlichkeit haben Theodor W. Adorno (http://www.kk.jgora.pl/gutenberg/etextde/Adorno%20Theodor%20-%20Jargon%20der%20Eigentlichkeit.txt) und Christian Schütze („Gestanzte Festansprache“, Stuttgarter Zeitung vom 2. 12. 1962) entlarvt, dass hinter den Phrasen des Erhabenen nichts steht - man konnte das auch schon im 19. Jh. in Andersens Märchen von des Kaisers neuen Kleidern nachlesen. Nur die Eingeweihten scheinen den Un-sinn zu verstehen und sich darüber zu verständigen; erst nach einiger Zeit merkt der gesunde Menschenverstand, dass da nichts ist, wenn Kindermund Wahrheit kund tut. Dichtung muss also auch für jemand verstehbar sein, der nicht zehn Semester Germanistik studiert hat; Dichtung muss vielleicht auch zitierbar sein.
   Nehmen wir ein neutraleres Beispiel, die Dichtung um 1900; George ließ sich als tiefsinniger Seher feiern, scharte sogar einen Jünger-Männer-Kreis um sich, hat aber viel Schwulst produziert; freiwillig lese ich von ihm nur das Gedicht „Komm in den totgesagten Park...“. Christian Morgenstern hat leicht und lustig gedichtet, steht auch im großen Conrady, kommt aber im Deutschunterricht der Sek. II nicht vor. Dabei hat er Zitierbares gedichtet, etwa das große Gedicht „Die unmögliche Tatsache“: Palmström ist von einem Auto überfahren worden und studiert daraufhin Gesetzesbücher, um den Fall juristisch zu begreifen. Und dann die letzte Strophe:
   Und er kommt zu dem Ergebnis:
   Nur ein Traum war das Erlebnis.
   Weil, so schließt er messerschaft,
   nicht sein kann, was nicht sein darf.
Das ist scharf beobachtet, ist große Dichtung, und ist sogar ist zitierbar! Ähnliches gilt von Wilhelm Buschs Gedichten „Die Liebe war nicht geringe“ oder „Ach, wie geht‘s dem Heilgen Vater!“; im zweiten wird erzählt, wie Joseph einen für den armen Heiligen Vater bestimmten Gulden in einer Wirtschaft verprasst und dann zur Einsicht kommt:
   Ach der Tugend schöne Werke,
   Gerne möcht ich sie erwischen,
   Doch ich merke, doch ich merke,
   Immer kommt mir was dazwischen.
Auch Wilhelm Busch kommt im Deutschunterricht höchstens in Kl. 5 und 6 vor, unter dem Aspekt „lustige Gedichte“; vielleicht sollte man ihn unter Weisheit einordnen und auch in Kl. 13 besprechen? Doch leider, leider kann man an ihm keinen „Epochenumbruch“ demonstrieren - damit ist er didaktisch erledigt.
   Uns ist es aufgegeben, die deutsche Lyrik von 1945 - 1960 zu erforschen; das werden wir also tun. Das kann uns aber nicht daran hindern, auch Grenzen sinnvollen Dichtens zu benennen; und es darf uns nicht daran hindern, beim Lesen selber auf dem Teppich zu bleiben. Ein schönes Beispiel fürs Abheben liefert Adelheid Petruschke, die zu Eichs Gedicht „Inventur“ zu V. 7 f. (ich hab in das Weißblech / den Namen geritzt) schreibt: „Das Ich vergewissert sich seiner Identität dadurch, dass es seinen Namen auf einen unverzichtbaren Gegenstand schreibt.“ (Lyrik der Nachkriegszeit 1945 - 1960, 2006, S. 25) Das kann man zwar ähnlich öfter lesen, ohne dass es durch Wiederholung richtig würde: Wenn man in einem Lager, wo Not herrscht, seinen Namen auf Geräte schreibt, markiert man sie als sein Eigentum, damit sie nicht so leicht geklaut werden (vgl. den Nagel vor begehrlichen Blicken verbergen!). Ich schreibe meinen Namen doch auch nicht in Bücher, um mich meiner Identität zu vergewissern, sondern um sie als meine zu kennzeichnen, damit sie die Chance haben, vom Ausleihen zurückzukommen. - In einem kleinen Aufsatz zu Weinrich: Semantik der Metapher [in der Rubrik „Lesen: Text(e)“ bei www.norberto42.kulando.de] habe ich das Nötige zu den Prinzipien des Verstehens gesagt. Wendet diese Prinzipien nüchtern an, egal, was Frau Petruschke schreibt oder Norbert Tholen sagt! Denkt selber, auch wenn es bequemer ist abzuschreiben! Wenn ihr dazu ein ganz großes Gedicht lesen wollt, klickt bitte an: http://www.hegel.net/werkstatt/artikel/grundkonzepte/der_zweifler.htm

von: norberto42 in: Lyrik
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Geändert am 21. Oktober 2006 um 20:10