Brecht: An die Nachgeborenen (1939) - Analyse des Aufbaus

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(Zeilenzählung nach der Ausgabe "Gedichte", Klett 1985; in der Jubiläumsausgabe der Werke Brechts, Suhrkamp 1997, sind zunächst +2, ab "bin ich verloren" +3, ab Teil II +4 und ab Teil III +5 bei ders Verszählung zu rechnen.)
Das Gedicht, 1939 veröffentlicht, ist in Etappen entstanden; der älteste Teil, also Teil II, stammt aus dem Jahr 1934. Der Ich-Sprecher berichtet im Rückblick, wie er in die Städte und unter die Menschen kam (6. Str.), was für Städte das waren und wie es um die Menschen bestellt war: Es war die Zeit der Unordnung (V. 31 - bei Brecht eine Metapher für das Berlin der Weimarer Republik), die Menschen lebten im Aufruhr (V. 33 - vielleicht ein Bild für den Klassenkampf, der nach Brechts Auffassung ausgetragen wurde). Demgemäß hat das Ich sein beschädigtes Leben geführt (Str. 7): „So verging meine Zeit...“ (viermal Refrain, die beiden letzten Verse von Str. 6 - 9).
   Doch hat das Ich sich mit den Aufrührern empört (V. 33 f.); es berichtet von der Hoffnung, die hinter der Empörung stand (V. 45 ff.): dass sein Wirken dazu beigetragen hat, die Herrschenden weniger sicher zu machen; es berichtet von dem Ziel, das den Kampf bestimmt hat (Str. 9). Sein Widerspruch und Widerstand gegen die Herrschenden hat sich in seinem Leben als ein Kontrast gezeigt: zwischen den eigenen (geringen) Möglichkeiten (V. 45 und V. 49 ff.) und dem Gegenstand der Hoffnung bzw. der Klarheit des Ziels (V. 45 f. und V. 51).

Im zuletzt entstandenen Teil I reflektiert das Ich sein (augenblickliches) Leben „in finsteren Zeiten“ (V. 1), von denen es in Teil II berichtet hat. In den beiden ersten Strophen wird die Möglichkeit arglosen Sprechens (Str. 1), also zum Beispiel des Sprechens über Bäume (Str. 2 - Beispiel für klassische Naturlyrik) bedacht: Solches Sprechen ist in dieser Zeit „töricht“ (V. 2), vielleicht sogar ein Vebrechen (V. 7 ff. - ein deutliches Urteil über die Lyrik der Inneren Emigration, auch wenn diese nicht genannt wird). In Str. 3 und 4 reflektiert es, wie es an seinen Lebensunterhalt in diesen Zeiten kommt: widersprüchlich; sowohl sein Recht auf Essen wie die Sicherheit, etwas zu essen zu bekommen, sind begrenzt - „Und doch esse und trinke ich“ (V. 20).
   In der 5. Strophe wird das Ich eines weiteren Widerspruchs in seinem Leben inne: Es hat den Wunsch, weise zu leben, aber es kann so nicht leben: „Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!“ (V. 30, Wiederholung von V. 1, womit die Reflexion also eingerahmt wird - die Quintessenz der Überlegungen über die eigene Lebenszeit). Die Möglichkeiten des Lebens in der eigenen Zeit stehen im Gegensatz zu dem, was in alten Büchern als „Weisheit“ steht (V. 22 ff.); es sind die Lehren der Stoa und der Bergpredigt (sich nur u das eigene Leben kümmern, V. 23 f., oder um das Seelenheil, V. 25 f.) bzw. des Buddha (innerer Friede: den eigenen Wünschen entsagen V. 27). Die Lehren der Weisheit rufen zu einer Distanz von den Gesetzen des Lebens in unserer Welt auf, sie sind auf das eigene Ich gerichtet (die anderen kann man ohnehin nicht erziehen!); doch das Ich hat sich in die Städte begeben und mit den Empörten sich empört (Teil II). Deshalb kann es nicht weise sein (V. 29); es ist in die Widersprüche der vom Klassenkampf bestimmten Welt eingebunden, hat sich zum Kampf für die gerechte Sache (V. 63) entschieden.

Im Teil III richtet das Ich einen Appell „An die Nachgeborenen“ (Überschrift), die es persönlich mit „ihr“ anspricht; es blickt in die Zukunft und von der Zukunft zurück auf das Bild, das man sich dann von ihm bzw. seinen Zeit-Genossen („wir“, V. 58 ff.) machen soll. Das Ich nimmt also in diesem Perspektivenwechsel das Gericht über seine Kämpfer-Generation vorweg, indem es sich dem Urteil derer stellt, die später menschlich leben werden. Der Sprecher beklagt die Lage seiner Generation: „Ach, wir (...) konnten selber nicht freundlich sein.“ (V. 68 ff.) Seine Generation ist nämlich in „die Kriege der Klassen“ (V. 62) verstrickt, also in den Klassenkampf; in diesem Kampf sind auch die, welche für die gerechte Sache kämpfen, von Hass und Zorn erfüllt (V. 65 ff.) und werden dadurch menschlich entstellt (Züge verzerrt, Stimme heiser, V. 65 ff.). Erneut wird der Widerspruch aufgezeigt, der das Leben der Kämpfer bestimmt: den Boden für die Freundlichkeit der Welt bereiten wollen - selber nicht freundlich sein können (V. 68-70).
   Der Sprecher hat also den Maßstab des richtigen Lebens behalten, sieht jedoch, dass die Kämpfer dieser Norm nicht gerecht werden können bzw. konnten (V. 70; vgl. unsere Schwächen, V. 58); deshalb bittet er die kommende Generation um Nachsicht.
Die eigene Situation beschreibt er in Übertreibungen als „in der Flut untergehen“ (V. 55 f.) und totale Herrschaft des Unrechts (V. 63 f.); die Lage der Nachgeborenen ist das Ziel, für das „wir“ gekämpft haben: aus der Flut auftauchen (V. 55), Freundlichkeit (V. 69), der Mensch ist dem Menschen ein Helfer (V. 72, und nicht ein Wolf, vgl. Hobbes!).

Man merkt dem Gedicht noch an, dass es in Etappen entstanden ist; so besteht in der Erwähnung des Aufruhrs ein unmotivierter Widerspruch (V. 33 f. - V. 62 f.), der aus der Übertrebung des eigenen Leidens verstanden werden kann (V. 62 f.; vgl. auch V. 61). Auch sind die Bilder, mit denen die gegenwärtige Situation der Welt beschrieben wird, nicht aufeinander abgestimmt: finstere Zeiten (V. 1 und V. 30), Unordnung (V. 31), Sumpf (V. 43), Flut (V. 55). Das mindert jedoch den Wert und das Pathos des Gedichtes nicht: Es ist die Klage eines Kämpfers, der weiß, dass auch sein Leben im Kämpfen deformiert wird; es ist damit Anklage gegen die Herrschenden, welche den humanistischen Aufruhr provozieren: den Kampf für eine menschliche Welt; es ist eine Bitte um Nachsicht, durch Einsicht in die unabweisbaren eigenen Verfehlungen bedingt. Es ist eine Elegie (F. N. Mennemeier).
   Ganz anders ist das Gedicht „An meine Landsleute“ (1949), wo im Sinn der politischen Agitation verschiedene Gruppen aufgefordert werden, Erbarmen zu haben (mit sich, mit den eigenen Kindern) und friedlich Aufbauarbeit zu leisten
(Zur Biografie: http://www.tour-literatur.de/Links/links_autoren/brecht_links.htm)

(Kontroverse Interpretationen Brechtscher Lyrik. Für die Schule zusammengestellt von Valentin Merkelbach. Diesterweg 1974, S. 72 ff.
Interpretation von Günter Holtz, in: Gedichte und Interpretationen 5, RUB 7894, S.372 ff.)

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