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Freitag, 30. Juni 2006

Deutsche Lyrik 1945 - 1960, 2. Lektion

In der 1. Lektion solltet ihr gelernt haben, dass es „die deutsche Lyrik“ so nie gegeben hat. Ich möchte erklären, welche Frage sich stellt, wenn man die deutsche Lyrik 1945 - 1960 verstehen will.
   Man muss um 1900 ansetzen, nach Realismus und Naturalismus: bei Dichtern wie Rudolf G. Binding (Jg. 1867), Stefan George (Jg. 1868), Hugo von Hofmannsthal (Jg. 1874) und Rainer Maria Rilke (Jg. 1875). Sie alle dichteten erlesen und wollten den tieferen Sinn der Welt den Uneingeweihten entschlüsseln; George hatte dazu sogar einen Kreis von Jüngern um sich geschart und ließ sich noch 1928 als Dichterfürst feiern, der ein besonderes Amt innehabe. Von den Genannten, zu denen man auch noch Hesse (Jg. 1877), Schröder (Jg. 1878), Carossa (Jg. 1878), Wilhelm Lehmann (Jg. 1882), Oskar Loerke (Jg. 1884) u.a. zählen kann, hat Hofmannsthal in der Krise um die Jahrhundertwende als einziger bemerkt, dass es mit der Sprache nicht so einfach weitergeht wie bisher (Chandos-Brief, 1902, s. TTS S. 304 f.).
   In der Dichtung setzte sich das in einer Suche nach neuen Formen des Sprechens um: im Expressionismus, wie er von Gottfried Benn (Jg. 1886), Georg Trakl (Jg. 1887), Georg Heym (Jg. 1887) u.a. nach 1910 praktiziert wurde (auch noch von Brecht, Jg. 1998, um 1920). Nach dem ersten Weltkrieg war die Zeit des Expressionismus vorbei, Trakl und Heym waren tot - die einen suchten neue Formen (Dadaismus), die anderen suchten die alten Formen zu beleben: naturmagische Dichtung um die Zeitschrift „die Kolonne“, wozu auch Lehmann, Loerke, Georg Britting (Jg. 1891), Elisabeth Langgässer (Jg. 1899) und auch Günter Eich (Jg. 1907) gehörten. In gewisser Weise lebt bei ihnen die alte romantische Vorstellung fort, wie Eichendorff sie in „Wünschelrute“ formuliert hat: dass ein Lied in allen Dingen schläft, was durch ein Zauberwort erweckt wird.
   Die Neuorientierung in der Weimarer Zeit trieb Bertolt Brecht und andere zum Kommunismus; Dichtung sollte im Dienst der politischen Aufklärung stehen. 1933 wurde in Deutschland mit allem Linken und allem Modernen kurzer Prozess gemacht, im Mai gab es die großen Bücherverbrennungen und die entschlossene Wendung zum Provinziellen... - wie das weiterging, steht in der 1. Lektion.
   Die Erfahrung des Dritten Reiches, der vielfachen Verbrechen und des Krieges ließ die Dichter zunächst einmal ratlos da stehen: Worüber sollte man dichten? Und wie sollte man es sagen?[Am einfachsten ist die (frühe) Lyrik nach 1945 vielleicht zu verstehen, wenn man weiß, was 1945 und vorher geschehen ist. Dazu solltet ihr ganz einfach einmal in die großen Darstellungen der Leiden dieser Zeit schauen, etwa in die Bücher von Edgar Hilsenrath („Nacht“), Primo Levi („Ist das ein Mensch?“), Jorge Semprun („Die große Reise“) und ähnliche Werke - wer bloß Schlink liest, versteht natürlich nichts davon!.] Die einen haben dazu gesagt: so wie früher (naturmagische Dichtung); und die Leute kannten das und haben es auch geschätzt. Die anderen haben gesagt: Das geht jetzt nicht mehr; und sie haben neue Inhalte und neue Formen (und Anschluss an die europäische und amerikanische Moderne) gesucht, was die meisten Deutschen nicht verstehen konnten. Aus der Unsicherheit, wie man überhaupt noch „gültig“ sprechen und dichten kann, erklärt sich auch die Vielzahl poetologischer Gedichte, wie man sie bei Adelheid Petruschke vorgestellt bekommt, aber auch der Ausbruch aus den normalen Sprechweisen in der konkreten Poesie.- Mit diesen Versuchen (Was sagen? Wie dichten?) befassen wir uns; man kann sagen, dass besagter Anschluss um 1960 gefunden war; damit war aber auch ein neues Selbstverständnis der Dichter verbunden - jedenfalls der Verzicht auf ein Sehertum und Dichteramt, teilweise der Rückzug in eine artistische (Benn) oder dunkle Sprache (hermetische Dichtung: Celan, Jg. 1920; Bachmann, Jg. 1926), bald auch die Wendung zu politischen Themen (Enzensberger, Jg. 1929) und zu sprachlichen Experimenten (Gomringer, Jg. 1925; Heißenbüttel, Jg. 1921) oder neuen Sprechweisen (Kaschnitz, Jg. 1901). - Wenn ihr das Alter der Dichter beachtet, seht ihr, dass eine bestimmte „Richtung“ oft auch die Sache einer Altersgruppe ist.
   Diese Lektion kann man nur verstehen, wenn man viele Gedichte liest, Erläuterungen bedenkt und sich Zeit zum Lesen nimmt; sie bietet eine allererste Orientierung. Davon abgesehen fällt vielen das Verständnis bereits des Umbruchs im Expressionismus (nach 1900) schwer, weil sie noch altdeutsch eingerichtet wohnen oder (trotz PC-Nutzung und Fremdsprachenkenntnis) begeistert Kirmes in Glehn und Abitur in Giesenkirchen in Formen feiern, die nicht über das 19. Jahrhundert hinausgekommen sind.
   Vielleicht hilft mein kleiner Aufsatz "Montage-Technik" vom 29.09.06 in dieser Kategorie "Lyrik" dabei, den Umbruch zur "Moderne" um 1900 besser zu verstehen?     

Adelheid Petrusche hat zwei „Lektürehilfen“ bei Klett veröffentlicht, einmal zur deutschen Lyrik nach 1945 (1987, 2. Aufl. 1988), wo allerdings die wirklich kanonischen Gedichte von Eich, Benn, Brecht und Celan fehlen - kanonisch an dem gemessen, was allgemein rezipiert und analysiert wird. Im Hinblick auf die Themen des Zentralbiturs 2007/08 ist dieses Büchlein geringfügig überarbeitet worden (Eich: Inventur, ist hinzugekommen, die politische Lyrik ist überarbeitet; Brinkmann ist rausgeflogen), zum Schluss stehen einige Prüfungsaufgaben und Lösungen: Lyrik der Nachkriegszeit 1945 - 1960 (bei Klett 2006). Klug, aber knapp sind die Analysen von Hermann Korte (Lyrik von 1945 bis zur Gegenwart, 1996 bei Oldenbourg); sehr viele Texte mit Aufgabenstellungen, Erläuterungen und kurzen Einzelanalysen bietet Dieter Hoffmann (Arbeitsbuch Deutschsprachige Lyrik seit 1945, 1998 bei Francke); Korte und Hoffmann liegen inzwischen in zweiter Auflage vor.

Die Zusammenfassung von Braungarts Vorlesung in Regensburg 1997/98 über die dt. Lyrik des 20. Jh. findet ihr unter http://www.uni-regensburg.de/Fakultaeten/phil_Fak_IV/Germanistik/Braungart/skripten/ws98/vl26298.html; solche Zusammenfassungen solltet ihr "draufhaben", d.h. von dort aus denken und sie auch reproduzieren können. Im Übrigen sind die vorhergehenden Vorlesungen dort einzusehen, u.a. über Benn, Brecht, Bachmann und Celan. (28. August 2006)

von: norberto42 in: Lyrik
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Geändert am 17. April 2007 um 07:31

Mittwoch, 28. Juni 2006

Paul Celan: Todesfuge - Hinweise zu Analyse und Aufbau


Die Überschrift des Gedichtes muss man ganz wörtlich nehmen: Es ist (wie) eine Fuge vom Tod; es werden also ein Thema und sein Gegenthema mehrfach variiert und zu Ende geführt. Der Unterschied zur musikalischen Fuge besteht darin, dass in der Musik zwei Stimmen gleichzeitig gespielt werden können; weil dies in der Sprache nicht möglich ist, muss der Sprecher eine Form suchen, in der er dennoch die beiden Themen fugenartig variieren kann. Wenn man die Einsicht in den Aufbau der Fuge sowie die entsprechende Großschreibung von Buchstaben berücksichtigt, ergibt sich folgendes Schema:

1. Durchführung
1. Thema V. 1-4
2. Thema V. 5-9
1. Thema V. 10-12
2. Thema V. 13-14
Weiterführung des Themas V. 15

Zwischensatz (Episode)
V. 16-18

2. Durchführung
1. Thema V. 19-21
2. Thema V. 22-23

Zwischensatz
V. 24-26

3. Durchführung
(In Form eines Kanons werden die einzelnen Themen verschachtelt:)
V. 27-28a / V. 28b
V. 29 / V. 30-34
Coda: V. 35 f.

Man kann dem Schema der Fuge auch die Strophen zuordnen:
1. Durchführung: 1. Strophe
Zwischensatz: 2. Strophe
2. Durchführung: 3. Strophe
Zwischensatz: 4. Strophe
3. Durchführung: 5. Strophe
Coda (Koda): 6. Strophe
Die Einsicht in den Aufbau der „Todesfuge“ macht es leichter, die Durchführung der beiden „Themen“ zu verfolgen. Jörg Schippers schlägt vor, bereits V. 10-13 als zweite Durchführung zu zählen und auf insgesamt vier Durchführungen zu kommen.

In diesem Zusammenhang, d.h. in ihrer Zuordnung gewinnen die Elemente des Textes ihre Bedeutung. Zunächst soll jedoch erklärt werden, was einzelne Wendungen ihrer Herkunft nach bedeuten:
* schwarze Milch [oder abgrenzen: schwarze Milch der Frühe?] ist ein Oxymoron, also ein „Unding“; in Rose Ausländers Gedicht „Ins Leben“ (1939) spricht das lyrische Ich davon, dass es von der Trauer mütterlich „mit schwarzer Milch und schwerem Wermutwein“ gespeist wird;
* Widerspruch zwischen der Milch der Frühe und den Trinkzeiten;
* ein Grab in den Lüften schaufeln (heben): eine Wendung aus dem Gedicht „Er“ von Celans Freund Immanuel Weißglas (1944); den Text findet man in Eric Horns Celan-Projekt (http://www.celan-projekt.de);
* mit den Schlangen spielen: metaphorisch verstanden bedeutet dies, dass er mit den „Tieren“ spielt, die zum Bösen verführen (Gen 3,1 ff.), wenn man sich auf die Bibel bezieht; zu Schlange als Symbol vgl.
http://www.sgipt.org/galerie/tier/schlang/schl_kult.htm
http://www.hannelore.org/grossegoettin/schlange.htm;
* Margarete: Gretchen aus Goethes „Faust“, stellvertretend für die deutschen Frauen;
* „es blitzen die Sterne“ (Zitat aus Puccinis Oper „Tosca“, so P. R. Neumann);
* seine Rüden herbeipfeifen: „Rüde“ ist nicht nur Name des männlichen Tiers, sondern auch Bezeichnung für den Hetzhund; es genügt (gegen D. Hoffmann), an die Wachhunde in den KZs zu denken, die auch auf Häftlinge gehetzt wurden, vgl. V. 33 (vgl. die Ankunft des Kindertransports in Jorge Semprun: Die große Reise);
* zum Tanz aufspielen: In Auschwitz wurde zum Antreten volkstümliche Musik gespielt; es gab auch regelrechte Orchester; die Pointe liegt im Kontrast (vgl. auch V. 16) der befohlenen Tätigkeiten: ein Grab schaufeln - zum Tanz aufspielen (gegen D. Hoffmann, der an das Tanzen der ostjüdischen Chassidim denkt);
* Sulamith, die schöne Geliebte des Hohenliedes; Gegenfigur zu Margarete;
* aschenes Haar: graues Haar(?) das zu Asche wird(?);
* Eisen im Gurt: Pistole;
* Aufforderung, süßer oder dunkler zu spielen: vgl. I. Weißglas: Er;
* der Tod ist ein Meister aus Deutschland, von  I. Weißglas, Er, übernommen („Spielt sanft vom Tod, er ist ein Meister aus Deutschland“, V. 7);
* als Rauch in die Luft steigen: nach der Verbrennung im Krematorium.

Man kann den Bericht von dem, was die Sprechergemeinschaft „wir“ (in V. 9 als „seine Juden“ identifiziert) tut, von dem Bericht, was „ein Mann“ (er, der, V. 5 ff.) tut und sagt, unterscheiden; Wechsel vom Berichten zum Anreden der Milch in V. 10, also mit der ersten Wiederholung des Themas. Zu beachten ist, dass Satzzeichen fehlen und die einzelnen Sätze und Wendungen nicht durch Konjunktionen miteinander verbunden werden: Fuge; durch die Großschreibung werden einzelne Teile der Fuge markiert. „Schwarze Milch der Frühe“: drei Takte in einem harten Trochäus; den Takt des restlichen Textes schätze ich als einen Anapäst ein (gegen D. Hoffmann: Daktylus), wodurch das Sprechen beschwingt wird. Den einzigen Endreim gibt es in V. 30/31. Das Handeln des Mannes ist vom Kontrast zwischen einem seelenvollen Tun und seiner Behandlung der Juden bestimmt; er steht über ihnen wie über Tieren (Parallele V 7 // V. 8), die er ja auch erschießt oder zu Tode hetzt (V. 31 ff.) und dann verbrennen lässt; er wohnt in einem Haus, sie schickt er ins Grab in der Luft. In gewisser Weise wird er, der KZ-Aufseher oder -Kommandant, mit dem Tod, dem Meister aus Deutschland, identifiziert (seine Augen sind blau, V. 17; sein Auge ist blau, V. 30). Mit der Gegenüberstellung der beiden Frauen, der deutschen Margarete und der jüdischen Sulamith, endet das Gedicht. - Weitere Bezüge und Querverbindungen sollte jeder selber suchen oder herstellen.
Hilfsmittel: Vgl. außer dem schon genannten Celan-Projekt Eric Horns v.a.
http://www2.vol.at/borgschoren/lh/lh5.htm#fuge
http://polyglot.lss.wisc.edu/german/celan/,
http://www.lehrer-online.de/dyn/9.asp?url=556691.htm
www.orbis-linguarum.net/2002/20_02/kolagot.pdf,
member.eduhi.at/schenner/papers/1998-schenner-FBA-celan.pdf (zu „Todesfuge“ und „Engführung“), http://www.weissensee-verlag.de/php/cat-kapitel.php3?Buch=3-934479-41-3&Nummer=9 (zu "Engführung");
die Analysen von Ursula Jaspersen (in: begegnung mit gedichten, hrsg. von Walter Urbanek, 1977, S. 304 ff.); W. Riedel / L. Wiese (Einführung in die Lyrik, 1995, S. 189 ff.) Dieter Hoffmann (Arbeitsbuch Deutschsprachige Lyrik seit 1945, 1998, S. 25 ff. und S. 248 ff.) sowie den Stundenentwurf von E. Goette / S. Herrmann (in: Gedichte für die Schule interpretiert, hrsg. von Karl Hotz und G. C. Krischker, 1993, S. 176 ff., mit Darstellung des Aufbaus einer Fuge). Eva-Maria Kabisch hat mehrfach (u.a. in: Standorte, 1991) in der „Todesfuge“ vier Stimmen benannt, welche das Thema des Tods im Lager vortragen:
1. Schwarze Milch der Frühe, die paradoxe Metapher der Hoffnungslosigkeit...;
2. Ein Mann wohnt im Haus, das Handeln des Lagerkommandanten...;
3. dein goldenes Haar Margarete - dein aschenes Haar Sulamith, Bild und Gegenbild, Leben und Tod: Gold - Asche; die Coda;
4. Der Tod ist ein Meister aus Deutschland, das Schlussmotiv.

Bemerkungen zu Paul Celan

nach der Lektüre von „Paul Celan“. Dargestellt von Wolfgang Emmerich. Rowohlt 1999

1920 in der Bukowina als Paul Antschel geboren, einer Landschaft, die 1918 von Österreich-Ungarn zu Rumänien verschoben wurde; gemischte Bevölkerung (Ukrainer, Rumänen, Juden, diese meist deutschsprachig), 1941 von der Deutschen Wehrmacht besetzt, 1944 von der Roten Armee erobert, 1945 zwischen Ukraine (UdSSR) und Rumänien aufgeteilt. Die Eltern wurden 1942 von den Deutschen ermordet; Paul schuftete im Arbeitslager Tabaresti, ab 1944 als Arzthelfer, gibt 1945 nach Bukarest (u.a. als Lektor, rumänisierte seinen Namen zu Ancel, aus dem später der Name Celan gemacht wurde), 1947 nach Wien (Verhältnis mit Ingeborg Bachmann), 1948 nach Paris (u.a. Fabrikarbeiter, Student, Lektor...)
Seine (frühe) Dichtung ist als Reflex des Leidens an der Judenvernichtung, an der Ermordung seiner geliebten Mutter und an der „Schuld“ des Überlebenden zu verstehen (vgl. Primo Levi: Die Scham, in: Die Untergegangenen und die Geretteten, dtv 11730, S. 70 ff.). Von diesen elementaren Eindrücken sind auch Natur- und Liebesgedichte erfüllt. In der Meridian-Rede 1960 (zum Büchnerpreis) hat er gesagt, dass jedem Gedicht vielleicht sein „20. Jänner“ eingeschrieben sei, dass also versucht werde, im Gedicht solcher Daten eingedenk zu bleiben. Mit dem 20. Januar spielt er auf Büchners Erzählung „Lenz“ an, aber auch auf das Datum der Wannsee-Konferenz (20. 1. 1942) und möglicherweise auf das Datum, an dem er Ingeborg Bachmann kennengelernt hat, vielleicht auch auf eine Stelle aus Jean Pauls Roman „Titan“ (Emmerich, S. 8 ff.). Man sieht hier, wie vielschichtig solche Worte Celans zu deuten sind.
Die „Todesfuge“, 1944 konzipiert und 1945 endgültig ausgearbeitet, kann als Gegengesang zu Weißglas‘ Gedicht „Er“ verstanden werden; Oxymora wie „schwarze Milch“ waren seit Trakl gängig; vielleicht wird auch auf Jer 4, 7 f. und Psalm 137 angespielt - im Gedicht werden jüdische und deutsche Tradition zitiert und auch distanziert. 1947 wurde es unter dem Titel „Todestango“ auf Rumänisch veröffentlicht; 1948 erschien sein Gedichtband „Der Sand aus den Urnen“, den Celan jedoch wieder einstampfen ließ, weil er viele Fehler enthielt. Celan wollte ein Dichter detuscher Sprache sein, der Sprache, die ihn mit der Mutter verband, die ihn auch in deutsche Dichtung eingeführt hatte.
1952 erschien „Mohn und Gedächtnis“, womit der Ruhm Celans begründet wurde, auch wenn seine Gedichte teilweise als poetische Vergangenheitsbewältigung missverstanden wurden. 1952 wurde Celan zur Lesung vor der Gruppe 47 in Niendorf eingeladen, wobei er auch bei der Lektüre des Gedichts „Todesfuge“ teilweise ausgelacht, jedenfalls nicht verstanden wurde. Diese Missverständnisse des Jahres 1952 waren für ihn ein Anstoß, sein Dichten zu verändern; der Band „Von Schwelle zu Schwelle“ (1955, seiner Frau Gisèle gewidmet) war der letzte mit „schönen“ Gedichten; danach legte er sich eine „grauere“ Sprache zu, was er in seiner Bremer Rede 1958 theoretisch verteidigte. Dazu passt das Gedicht „Sprich auch du“ (vgl. dazu Beda Allemanns Nachwort in „Ausgewählte Gedichte“, es 262, S. 151 ff.). Aus dem 1959 erschienenen Band „Sprachgitter“ ist besonders „Engführung“ zu nennen, ein Gegengedicht zu „Todesfuge“. Peter Szondi hat es in seinen Celan-Studien (Suhrkamp 1972, S. 47 ff.: Durch die Enge geführt) auszulegen versucht; vgl. auch die Auslegung beider Gedichte: member.eduhi.at/schenner/papers/1998-schenner-FBA-celan.pdf
Es sei noch einmal angemerkt, wie stark Celans Dichtung von der Beziehung zu anderen Texten lebt, etwa zu Ossip Mandelstam, auch zu Ingeborg Bachmann („Bahndämme, Wegränder, Ödplätze, Schutt“ als Antwort auf Bachmanns Gedicht „Große Landschaft bei Wien“) und anderen.
Es ist beinahe unmöglich, Gedichte aus der Zeit nach 1945 einfach einmal in einer Unterrichtsreihe „Deutsche Lyrik 1945 - 1960“ zu besprechen; dafür muss man sich viel mehr Zeit nehmen, als uns in der Schule zur Verfügung steht.

von: norberto42 in: Gedichte
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Geändert am 19. Dezember 2008 um 19:14

Mittwoch, 21. Juni 2006

Brecht: An die Nachgeborenen (1939) - Analyse des Aufbaus

Der Text des Aufsatzes steht jetzt unter http://logos.kulando.de, dort unter: Gedichte 20. Jahrhundert

von: norberto42 in: Gedichte
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Geändert am 24. Juni 2009 um 11:17

Dienstag, 20. Juni 2006

Deutsche Lyrik 1945 - 1960, 1. Lektion

Der unmittelbare geschichtliche Hintergrund ist die Lyrik 1933 - 1945, wobei die drei zeitlichen Grenzen 1933, 1945, 1960 problematisch sind: Menschen ändern sich nicht von heute auf morgen, ebenso ändern sie nicht ihre Schreibweise von einem Tag zum andern; ferner gehört Josef Weinheber z.B. sowohl zur ersten wie zur zweiten Art der Lyriker. Mit diesen Einschränkungen kann man drei Arten Lyrik kurz vor 1945 unterscheiden:

a) die dem NS angepasste Lyrik:
Josef Weinheber: Dem Führer (1939, http://www2.vol.at/borgschoren/lh/lh4.htm - 6. Dokument!)
Martin Simon: Der Befehl (1940)
Will Vesper: Das Neue Reich. Dem Führer zum 50. Geburtstag (http://ingeb.org/Lieder/sechsjah.html)

b) die Lyrik der Inneren Emigration (um die Zeitschrift "Das innere Reich"), die nach 1945 i.W. im Westen fortgesetzt wurde:
Karl Krolow: Für mein Kind (1942)
Georg Britting: Wo der Waldweg lief (1936)
[Ralf Schnell: Selbst- und Fremdwahrnehmung der Inneren Emigration im Dritten Reich (2004 - pdf-Datei)]

c) die Lyrik der Exilliteratur, die nach 1945 i.W. in Ostdeutschland veröffentlicht und fortgesetzt wurde:
Bertolt Brecht: Wie künftige Zeiten unsere Schriftsteller beurteilen werden (1939)
Bertolt Brecht: An die Nachgeborenen (1939)

Das Gedicht "An die Nachgeborenen" sollte man kennen; wir untersuchen seinen Aufbau.

Zur Literatur im Dritten Reich und zur Exilliteratur gibt es zwei Vorlesungen von V. Härle (2002), die man herunterladen kann, und zwar die Vorlesungen Nr. 8 und 9: http://www.ph-heidelberg.de/wp/haerle/epochen/
Texte, nach Jahreszahlen geordnet, findet man leicht in dem Sammelband "Epochen der deutschen Lyrik 9. 1900 - 1960", bearbeitet von Gisela Lindemann. dtv 1974 und 1984. Das Gesamtwerk ist von Walter Killy herausgegeben worden.

Noch ein Wort zur Rezeption der Lyrik: Ich habe 1961 am Kreisgymnasium Heinsberg Abitur gemacht; die deutsche Lyrik 1945 - 1960 kam in unserem Deutschunterricht nicht vor, nicht einmal die des frühen 20. Jahrhunderts, sofern sie modern war. Was die normalen Deutschen an Lyrik gelesen haben, sind etwa die heiteren Verse Eugen Roths ("Ein Mensch", 1935; "Mensch und Unmensch", 1948; "Der letzte Mensch", 1964); und die bringt man weder in den drei Kategorien der Lyrik vor 1945 noch in denen der Nachkriegslyrik unter - das sind Kategorien einer kleinen Anzahl von ausgesuchten Lesern. Noch in dem von Benno von Wiese in den 50er Jahren herausgegebenen Sammelband „Die Deutsche Lyrik“, Bd. II, 23. - 25. Tausend 1970 gedruckt, kommen als Nachkriegsautoren nur vor: Benn, Weinheber, Britting (zweimal), Brecht, wobei die besprochenen Gedichte der drei Letztgenannten fast alle vor 1945 verfasst sind.
Was heute rezipiert wird, seht ihr zum Beispiel daran, zu welchen Autoren es "Interpretationen" bei Reclam gibt: Gedichte von G. Benn, hrsg. von H. Steinhagen; Gedichte von B. Brecht, hrsg. von J. Knopf; Gedichte von P. Celan, hrsg. von H.-M. Speier.

Der weitere geschichtliche Hintergrund der Lyrik nach 1945 ist die sogenannte Moderne ab 1900; vielleicht ist der Überblick über die Geschichte der deutschen Lyrik, die Eberhard Hermes in seinem Buch „Abiturwissen Lyrik“ (Klett, 1985 = 9. A. 2000, S. 103 ff.) gibt, geeignet, einige Merkmale der Moderne (dazu S. 135 ff.) zu erfassen:
* Das Problem der Moderne besteht darin, dass die überlieferten Ausdrucksmittel der Sprache nicht mehr auf die erlebte Wirklichkeit passen.
* Ein erster Lösungsversuch habe darin bestanden, „das alltagssprachlich vermittelte Oberflächenbild einer zusammenhängenden Realität zu durchstoßen, um der Wirklichkeit unmittelbar zu begegnen“. Beispiel dafür wäre A. Lichtenstein: Ein dicker Junge spielt...
* Der nächste Schritt sei dort erfolgt, „wo zum Zeilenstil die Häufung der Bilder und ihre Isolierung voneinander dazukommt“. Beispiel dafür wäre Hans Arp: Ein Tag fällt vom Lichtbaum ab...
* Die letzte Stufe der Auflösung „wäre dann der Verzicht auf Sprache überhaupt“, z.B. in Hugo Balls „Wolken“: elomen elomen lefitalominal....
[Hieran schließt Hermes seine Ausführungen über die hermetische Literatur Ingeborg Bachmanns und Paul Celans an.]
Damit sind drei Merkmale expressionistischer Lyrik beschrieben, die in den 20er Jahren endete und deren „Fortführung“ 1933 politisch verhindert wurde - damit sind wir bei der Lyrik im Dritten Reich als der unmittelbaren Vorgeschichte der Lyrik nach 1945.
http://www.xlibris.de/Epochen/VJahrhdt/VJhdrt1.htm bietet einen Überblick über die Literaturgeschichte 1900 - 1933 und damit in den Beginn der Moderne - zugleich ein Beitrag zum sogenannten Epochenumbruch von 1900

Der zeitgeschichtliche Hintergrund der Lyrik 1945 - 1960 ist die Zeit der Not, der Aufarbeitung der Verluste, des Wiederaufbaus nach dem Krieg - aber auch der Konfrontation der Weltmächte USA - UdSSR mit der ständigen Drohung eines Atomkriegs. Mir fällt bei den Gedichten auf, wie wenig positiv gestimmte Äußerungen wir bei ihnen finden; offensichtlich ist poetisches Sprechen ein anderes als das alltägliche, ein anderes auch als das politische. In der nicht-poetischen Wirklichkeit waren die Leute weithin damit befasst, sich eine neue Existenz aufzubauen; in intellektuellen Kreisen herrschte jedoch ein skeptisches Denken vor, weithin von der damaligen Modephilosophie des Existenzialismus (Sartre, Camus) bestimmt. Als Vertreter eines teilweise apokalyptisch gestimmten Denkens sei Günther Anders genannt (Die Antiquiertheit des Menschen, 2 Bd.). Als Dichter der Kurzgeschichten möchte ich Heinrich Böll nennen; dessen Erzählung „Wanderer, kommst du nach Spa..." habe ich hier in diesem Blog unter „Erzählungen“ ausführlich analysiert.  
   Am ehesten waren noch Menschen positiv gestimmt, die sich nach 1945 als Sieger sehen konnten; das waren nicht einfach die Überlebenden, sondern diejenigen, die etwa zur KP gehörten und erlebt hatten, wie die Rote Armee mit den anderen Alliierten die Nazis (nicht primär „Deutschland") besiegt hatte. Aber auch Leute, die wirklich inneren Widerstand geübt hatten, konnten aufjubeln und befreit dichten (wie Horst Lommer: Der Spuk ist aus; Walter Bauer: Wenn wir erobern die Universitäten). Ansonsten sind es elementare menschliche Erfahrungen, die auch Dichter vorsichtig positiv stimmen können: dass ein Kind heranwächst; dass Vertrauen und Liebe möglich sind; dass eine Landschaft oder eine Stadt da ist und sich in ihrer Schönheit offenbart. Selten sind Gedichte wie das von Johannes Bobrowski: Die Zeit Picassos, in dem eine Kunsterfahrung poetisch geformt ist.
   Im Vorgriff auf die 2. und 3. Lektion möchte ich jetzt schon andeuten, dass es sowohl den Kitsch [vorsichtiger: trivialen Ausdruck] der positiven wie der negativen Gestimmtheit gibt; dabei ist "der positive Kitsch" leichter zu durchschauen als der negative, denke ich, weil der negative sich oft dunkel-tiefsinnig zu geben weiß: Dem Tiefsinn traut man eher als den platten Formeln [etwa von J. R. Becher, E. Rehwinkel] Sinn zu...

Eine große Übersicht über Hilfsmittel für das Verständnis der deutschen Lyrik 1945 - 1960 habe ich in http://logos.kulando.de/post/2009/07/27/deutsche-lyrik-1945-1960-hilfsmittel gegeben.

von: norberto42 in: Lyrik
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Geändert am 28. Juli 2009 um 12:54

Dienstag, 13. Juni 2006

Deutsche Lyrik 1945 - 1960 / Links

Der Rahmen der Lyrik ist die deutsche Literatur 1945 - 1960 :
http://oregonstate.edu/instruct/ger341/lit45-95.htm
http://members.aon.at/livingbox/literaturnach1945.html
http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/nachkriegsliteratur.htm
http://www.phil.uni-erlangen.de/~p2gerlw/ressourc/epoc_11a.htm
http://www.literatur-live.de/gerhardt/braun.htm
http://berg.heim.at/tibet/450508/6-Deutsche-Nachkriegsliteratur-1945-1949.htm (die Zeit über 1949 hinaus verfolgen)
http://de.dir.yahoo.com/Unterhaltung_und_Kunst/Literatur/Literaturgeschichte/Literatur_nach_1945/
http://www.wcurrlin.de/kulturepochen/kultur_nach_1945.htm
http://www.learn-german-online.net/learning-german-resouces/literatur.htm (dt. Literatur: Links)
http://www.hamburger-bildungsserver.de/index.phtml?site=faecher.deutsch (Fach Deutsch -> Literaturgeschichte, sehr hilfreich!)
http://www.pinselpark.de/geschichte/spezif/literaturg/index.html
http://de.dir.yahoo.com/Unterhaltung_und_Kunst/Literatur/Literaturgeschichte/Literatur_nach_1945/
http://www.literarischesleben.uni-goettingen.de/ (äußerst detailliert)

Der weitere Rahmen der Lyrik ist die deutsche Geschichte:
http://www.lehre.historicum.net/didaktik/bdgnach1945.html (deutsche Geschichte!)
http://www.bpb.de/popup/popup_druckversion.html?guid=A898EE (deutsche Geschichte 1945 - 1949)
http://www.literatur-live.de/strand/work/rmg_sek/gerhardt2.htm
http://www.zeit.de/2006/08/I_Zeitleiste_1946-1966 

Die Trennung von Literatur und Lyrik ist eine Trennung von Wörtern; man findet unter "Literatur" manches, was genauso gut unter "Lyrik" stehen könnte (Angabe zu Autoren z.B.). Weitere Links zur deutschen Lyrik 1945 - 1960:
http://www.fachdidaktik-einecke.de/9_diagnose_bewertung/zentralabitur_nrw2007_deutsch_schwerpunkte_arbeitshinweise.htm (Links zu allen Themen des Zentralabiturs NRW 2007/08, auch zur Lyrik nach 1945)

Ein anderses Suchwort ist Nachkriegsliteratur bzw. Nachkriegslyrik:
http://www.literaturwelt.com/epochen/nachkrieg.html
http://www.uni-regensburg.de/Fakultaeten/phil_Fak_IV/Germanistik/Braungart/skripten/ws98/vl271197.html (weitere Vorlesungen, jetzt an der Uni Tübingen)
Dann gibt es auch noch den engeren Begriff der Trümmerliteratur! Es ist auch klar, wie man weitere Links findet: indem man Namen (und Werke) in der Suchmaske eingibt, auch die Namen von Zeitschriften ("Der Ruf") und Gruppen (Gruppe 47), z.B. http://kultur-netz.de/archiv/literat/gruppe47.htm
www.gymnasium-barntrup.de/de (mit Bildern und Links)

Speziell zur konkreten Poesie:
http://www.virtuelleschuledeutsch.at/literatur3/ly_konkret_vtfg.htm
http://de.wikipedia.org/wiki/Konkrete_Poesie
http://www.reinhard-doehl.de/konkret1.htm
http://www.stuttgarter-schule.de/
http://www.kurt-schwitters.org/m,700019,1.html
http://www.anatol.cc/032-Poesie.htm
http://www.harmonie-online.de/wiki/Konkrete_Poesie
http://www.sacrion.org/30611/30692.html?*session*id*key*=*session*id*val* (Heißenbüttel)

Verschiedene theoretische Positionen von Dichtern zur Lyrik im Miniformat stehen hier: http://www.uni-greifswald.de/~dt_phil/litwiss/Gratz/Kartei/rg-ismen.html

Die im Netz greifbaren Texte versucht man hier zu sammeln (nach Autoren): http://www.litlinks.it/litlinks.htm

Die U-Reihe steht bei l-o unter http://www.lehrer-online.de/dyn/9.asp?path=/lyrik1945-1960. Für die Einzelanalysen schaut ihr bitte in der Rubrik "Gedichte" nach! Ein mir nicht namentlich bekannter Kollege hat Ergebnisse seines Unterrichts (Frühjahr 2006) unter http://deutsch.boba109.net/?p=5 ins Netz gestellt; interessant ist die Zeitleiste (die man am besten als .doc herunterlädt, dann sieht man auch Bilder) und die Zusammenstellung seiner Materialien: Nachkriegslyrik (u.a. als pdf-Datei). Die Schüleranalyse zu Eich: Inventur, ist eher dürftig!

Ende Juni 2006 / 11. August 2006

von: norberto42 in: Lyrik
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Geändert am 21. August 2006 um 14:28