Klausur zu Schlink: Der Vorleser - Motiv "Hanna verraten"

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Aufgabenstellung:
1. Analysieren Sie das Kapitel I 15 exakt nach Erzählweise und Zeitstruktur.
Ordnen Sie das erzählte Geschehen kurz in den Zusammenhang der Ereignisse ein (etwa eine halbe, maximal eine Spalte).
2. Zeigen Sie anhand der relevanten Stellen, welche Bedeutung das Motiv „Hanna verraten“ für die Komposition des Romans hat.
3. Wie urteilen Sie selber: Hat Michael in der in I 15 erzählten Episode Hanna verraten? Begründen Sie Ihr Urteil!
(Die Aufgaben werden etwa im Verhältnis 2 : 2 : 1 gewertet.)
Zeit: drei Schulstunden

Lösungserwartung:
1. Aufgabe:
a) I 15 besteht eigentlich aus vier Teilen (man kann auch anders zählen!):
In 72/10 berichtet der Erzähler summarisch, er habe „dann“ begonnen, Hanna zu verraten; damit wird ein Übergang in seinem Leben markiert.
   Es folgen Erklärungen (72/11 ff.) und ein Kommentar (72/15 ff.) zum Verrat(en).Diese Überlegungen sind zeitlos.
   In 72/23 ff. wird die Geschichte der Freundschaften des Sommers zeitraffend erzählt, eingeleitet durch einen (Nicht-)Bericht 72/22 f.; dieser Nicht-Bericht wird durch den Bericht (oder die Erklärung?) der Stadien des Nichtbekennens (73/1 ff.) erläutert und endet in einem Kommentar (Bericht?, 73/10 ff., zumindest Z. 14 f. ist Kommentar) der an 72/11 ff. anschließt, zum Verrat. [Die Geschichte der Freundschaften greift auf I 13 zurück.]
   Als Beispiel wird ein Abend mit Sophie szenisch erzählt (73/15 ff.), insgesamt zeitraffend, teilweise zeitgleich; eingeleitet wird die Episode durch einen Kommentar (73/14 f.), in dem bedacht wird, dass die Freunde bemerkt haben, dass Michael nicht ganz offen war. Die Episode wird von Kurzkommentaren (74/1 f.; 74/11 f.) des für Michael typischen Nichtsagenkönnes und Nichtwissens und unterbrochen; abgeschlossen wird sie durch einen Nicht-Bericht (74/18). (8 Punkte)
b) Michael ist im Frühjahr 1959 in ein merkwürdig asymmetrisches Liebesverhältnis mit Hanna geraten (I 6 ff.), das durch den Übergang in die neue Klasse und die dort sich entwickelnden Freundschaften (I 13 ff.) relativiert wird; in I 14 spricht er vom „Gleitflug der Liebe“ (67/24), der sich u.a. in Spannungen an seinem Geburtstag zeigt (S. 70 f.). Der erste Satz von I 15 könnte als Fortsetzung des Wortes vom Gleitflug gelesen werden. Es folgt der Bericht vom letzten Zusammensein und dem letzten Anblick Hannas im Schwimmbad (I 16), wonach sie verschwunden ist und wonach die Schuldgefühle Michaels eine neue Qualität gewinnen (I 17). Damit ist der Bericht von der ersten Liebe Michaels, Teil I des Romans, zu Ende. (2 Punkte)      
10 Punkte
2. Aufgabe:
Durch das Stichwort „Hanna verraten“ ist die erinnerte Lebensgeschichte Michaels bestimmt, werden also die drei Teile des Romans zusammengehalten und als bemerkenswerte Stationen seines Lebens verbunden. Für den ersten Teil des Romans deutet der Erzähler dies im Bericht seiner damaligen Überlegungen an: „In der einen kleinen Situation [d.i. Begegnung im Schwimmbad, N.T.] bündelte sich für mich die Halbherzigkeit der letzten Monate, aus der heraus ich sie verleugnet, verraten hatte. Zur Strafe war sie gegangen.“ (80/24 ff.) Daraus resultiert das Gefühl seiner Schuld, das ihn fortan begleitet.
   Nachdem Michael erkannt hat, dass Hanna nicht lesen kann (II 10), durchdenkt und sieht er ihr ganzes Leben mit anderen Augen; auch wenn sie damals nicht weggegangen ist, weil er sie verraten und verleugnet hat, bleibt für ihn der Verrat eine Tatsache. „Also blieb ich schuldig.“ (129/13) [Es folgt dann eine abstruse Überlegung, die nur seinen Schuldkomplex deutlich macht.] Auch im Rückblick auf sein ganzes Leben und Schreiben (III 12) zeigt sich, dass die Fragen des Verleugnens, des Verrats und der Schuld sein Leben auch nach Hannas Tod bestimmt haben (205/10 ff.).
   Eine zentrale Stelle im Teil II ist der Bericht über sein Bemühen, „Hannas Verbrechen zugleich verstehen und verurteilen“ zu wollen (151/24 ff.). Verstehen bedeute, sie nicht verurteilen zu können [eine seltsame Gleichung], sie nicht verstehe bedeute, sie wieder zu verraten [ebenfalls kryptisch]: „Ich bin damit nicht fertiggeworden.“ (152/1) Damit wird Michaels Stellungnahme zu den Studenten von 1967 und zur Vergangenheitsbewältigung vorbereitet (S. 160 ff.): Diese Studenten waren oberflächlich und selbstgerecht, nur Michael ist es nicht; er trägt das deutsche Schicksal, an seiner Liebe zu Hanna zu leiden (S. 163).
   Teil III des Romans behandelt das Leben Michaels nach dem Prozess, also weithin das distanzierte Verhältnis zu Hanna im Gefängnis; dieses Verhältnis (und auch der einzige Besuch im Gefängnis) wird im Bild von Nische und Platz als unzulänglich begriffen (187/5 ff.). Die beiden Bilder von Hanna im Gefängnis, auf der Bank, und von Hanna im Schwimmbad verbinden sich im anklagenden Blick; dann hat Michael „manchmal“ wieder das Gefühl, „sie verraten zu haben und an ihr schuldig geworden zu sein“ (190/13 f.). [Hier stimmt übrigens die Chronologie des Romans nicht: Was da in einer Woche alles passiert (183/28 ff.), ist ganz schön happig; auch dass er sich „wieder“ gegen das Gefühl der Schuld empört (190/14 f.), überrascht mich.]
10 Punkte (davon 3 für die Einsicht, dass das Thema die drei Teile des Romans verbindet, und 3 für eine intensive Analyse der zentralen Stelle S. 151 f., sofern ihre Bedetung erkannt ist)
3. Aufgabe
Ich halte die Überlegungen Michaels von I 15 für unzulänglich; sein Verhältnis zu Hanna ist auf Heimlichkeit angelegt und konnte 1959 auch gar nicht anders geführt werden (vgl. I 11). Wenn er jemandem Unrecht tut, dann Sophie, vor der er nicht ganz offen ist; doch sagt er, er „konnte“ von Hanna nicht reden (74/2) - das genügt. Die Berufung auf die eigene Sicherheit des Wissens (72/19; 73/11) ist für mich eher Beleg für den Menschentyp, den Schlink hier zeichnet: der aus dem Gefühl, nicht aus dem Wissen lebt (vgl. 84/17 f. u.ö.), als Beweis für Michaels Schuld. Ich kann Michael sein großes Wort von der Liebeswahl (162/16) nicht abnehmen; seltsam ist auch, dass Michael sein eigenes Schwanken (66/11 f.) nicht reflektiert. - Das ganze Gerede vom Verrat dient letztlich dazu, die Nichtverurteilung Hannas (S. 151 f., 162 f.) zu rechtfertigen.
   Wer verteidigen will, dass Michael Hanna im Gespräch mit Sophie (I 15) verraten hat, muss auch die Lebensführung der beiden einbeziehen (I 11, nicht ins Kino gehen usw.), wenn er plausibel argumentieren will; bloßes Liebes- und Aufrichtigkeitspathos ist hohl.
   [Die Art, wie Michael (ernsthaft!) seine Ausreden entlarvt (73/1 ff.), erinnert mich an die satirisch erzählten „Gewissensbisse“ Huckleberry Finns, der seinen Freund Jim nicht verraten hat: „Aber was ich mir auch vormachte - ich wußte, daß ich Hanna verriet...“ (73/10 f.); bei Schlink ist das leider ernst gemeint. Oder sollte es Satire sein, ohne dass die Leser es gemerkt hätten?]                                      
5 Punkte [für zwei Argumente, 3 für ein Argument; sofern jemand Michaels Ansicht verteidigt, müsste er auch zur Praxis der heimlichen Liebe der beiden (und am besten auch zu 66/11 f.) Stellung nehmen! Es genügt nicht, in Liebes- und Ehrlichkeitspathos zu verfallen; das Geschehen spielt immerhin 1959!]

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