Das Motiv „Odyssee“ in Schlink: Der Vorleser,

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untersucht anhand der Erläuterungen von M. Möckel (Hollfeld 2000, S. 85 ff.)

1. Möckels Darstellung des Motivs
In den beiden ersten Absätzen stellt Möckel das Motiv dar. Dabei unterläuft ihr ein Fehler: Sie hält die „Odyssee“ für einen lateinischen Text (peinlich!); und sie meint, Michael verstehe die „Odyssee“ zum Zeitpunkt seiner zweiten Lektüre als Geschichte einer Heimkehr - später korrigiert sie diese ungenaue Ausdrucksweise (Er hatte sie als solche nur in Erinnerung behalten, S. 173; er datiert sein neues Verständnis nicht, sondern setzt es präsentisch: „Aber es ist nicht die Geschichte einer Heimkehr.“, 173). Michaels erstes Verständnis sieht sie als Ausdruck seiner Sehnsucht, nach Hause zu kommen.
Möckel stellt richtig den Zusammenhang zwischen Michaels Reflexion der „Flucht“ bei seiner Berufsentscheidung, seinem neuen Verständnis der Rechtsgeschichte und dem Verständnis der „Odyssee“ her: Die Rechtsgeschichte kennt keinen Fortschritt, Odysseus kann nicht zu Hause bleiben. [Bei „Flucht“ wird das Scheitern im Roman positiv gewertet: Flucht ist auch Ankunft; Geschichte treiben heißt, an beiden Ufern tätig zu werden.]

2. Möckel erklärt die Tragweite des Motivs
Möckel meint, in diesem von Gegensätzen bestimmten Motiv die Fahrten und Wege Michaels insgesamt erkennen zu können:
a) seine Träume vom Haus,
b) seine Fahrt mit der Straßenbahn am ersten Tag der Osterferien,
c) seine Fahrt mit der Straßenbahn zum Begräbnis des Professors,
d) seine Reise nach New York,
e) seine Fahrt(en) zum KZ Struthof,
f) seine berufliche Flucht,
g) den Gedankengang, der ihn zur Erkenntnis von Hannas Analphabetismus führt,
h) das Ergebnis seines Schreibens.
Zum Schluss weist sie darauf hin, dass Schlink das Odyssee-Motiv so ähnlich wie viele Autoren in Deutschland nach dem Krieg verwendet. [Vgl. dazu Moormann / Uitterhove: Lexikon der antiken Gestalten, 1995, s.v. „Odysseus“!]

3. Stellungnahme zu Möckel
Zu den beiden Ungenauigkeiten habe ich oben schon etwas gesagt.
zu a) Das halte ich für richtig, auch wenn im Haustraum das Scheitern überwiegt (S. 10 f.)
zu b) Möckels Begründung halte ich hier für falsch, da sie sich nur auf einen irrealen Vergleich für ein Gefühl während des Fahrens beruft; vielleicht könnte man aus dieser Fahrt „mehr machen“, wenn die Reflexion des Aufwachens (47/6 ff.) und der Ausweglosigkeit seiner Liebessituation mit hinzunimmt (50/18: Ich hatte keine Wahl.)
zu c) und d) Das halte ich für falsch.
zu e) Das ist ein interessanter Gedanke: Die Fahrt führt nicht zu einer Erkenntnis; dieser Gedanke kann vielleicht mit g) zusammengenommen werden. Dann zeigt sich hier der antiaufklärerische Impuls des Romans, den man mit Hannas Weltvergessenheit (siehe meinen Exkurs zum Thema!) und Michaels Hoffnung auf Erlösung in ihrem Körper verbinden muss: Auch die Einsicht in Hannas Analphabetismus wird nicht von Michael gedacht, sondern der Gedanke bahnt sich irgendwie seinen Weg, so wie Michaels Gedanken nicht sein Handeln bestimmen (S. 21 f.) und die Geschichte des Rechts keinen Fortschritt kennt (S. 173). Ich würde dem auch noch hinzufügen, dass Michael mit Hanna letztlich nicht reden (50/19 ff.), also nur sprachlos fühlen kann, wie er ja dem Sprechen überhaupt keine Wahrheit zuerkennt (162/18 f.).
zu g) Für sich allein kann g) nicht überzeugen.
zu h) Die Ergebnislosigkeit seines Schreibens und Erinnerns bzw. die Unklarheit, ob es zu einer Befreiung führt, passt in gewisser Weise zu dieser Einsicht in die Sinnlosigkeit des Sprechens, macht das Schreiben eigentlich jedoch überflüssig.
In der Nachkriegsliteratur ist das Motiv auch anders verstanden worden; für Horkheimer/Adorno (Dialektik der Aufklärung, 1944, dt. 1969) ist Odysseus der Prototyp des Aufklärers.
Fasse ich meine Überlegungen zusammen, möchte ich das Odyssee-Motiv nicht vom Reisen her, sondern von der Ziel-losigkeit her verstanden wissen; Odysseus ist bei Schlink Symbol einer antiaufklärerischen Grundhaltung, die auf dem Weg wort- und bewusstloser Körperlichkeit zur Erlösung zu kommen hofft.
(Hiermit ist die Erörterung der These Möckels abgeschlossen; ihr dürft es euch in einer Klausur nicht so einfach wie ich hier machen und schreiben: "Das halte ich für falsch." Das reicht nicht als Begründung! - Der folgende 4. Punkt ist eine Kritik des Romans.)

4. Stellungnahme zu Schlink
a) Sich auf Homer zu berufen und dann von Heraklit aus die Heimkehr des Odysseus zu leugnen, ist ein Kunststück, das nur Antiaufklärer fertigbringen; bereits bei Dante ist Odysseus ein Mann, der nicht zu Hause bleiben kann - aber wenn man ihn so verstehen möchte, darf man sich nicht auf den griechischen Urtext berufen. (Am Rande: Dass man Homer in Kl. 10 liest, ebenso wie „Emilia Galotti“ und „Kabale und Liebe“, ist auch in Heidelberg hoffentlich nur selten, vielleicht aber auch nie passiert.)
b) Schlink stellt Michaels „Flucht“ vor dem juristischen Beruf und das Verständnis der Rechtsgeschichte zusammen (S. 172 f.), und zwar unter dem Bild der „Odyssee“ und in einer Reflexion: Fliehen heiße auch ankommen (172/10 f.), und ankommen heiße, wieder aufbrechen (ausgehen) müssen (173/17 ff. und 173/25 f.).
Michael argumentiert einmal mit dem Bild des Brückenbaus (172/17 ff.), wobei er auch verteidigt, dass wir vom „Erbe der Vergangenheit (...) geprägt sind“ (172/26), womit er quasi seiner Frau Gertrud die wahre, die blinde Flucht unterstellt, wogegen er ein Edel-Flüchtling ist; zum anderen polemisiert er gegen das Rechtsverständnis der Aufklärung (!), dass die Welt durch Recht wieder in eine gute Ordnung gebracht werde könnte (173/2 ff.) - dagegen stellt er seine tiefere Einsicht, dass der Gang der Rechtsgeschichte zwar zielgerichtet sei, dass das Ziel aber „der Anfang, von dem er ausgegangen ist und von dem er, kaum angekommen, erneut ausgehen muß“, sei. Lassen wir das Bild des Brückenbaus beiseite, weil zu unbestimmt ist, was es heißt, an beiden Seiten der Brücke tätig zu werden (172/19 - ich meine, man könne nur an einer Seite tätig werden, weil die Vergangenheit ja vergangen ist), und fragen: Was heißt das: an dem Anfang ankommen, von dem man ausgegangen ist, dort wieder aufbrechen und dabei doch eine zielgerichtete Bewegung ausführen? Es heißt nichts; es ist Wortgeklingel. Es ist antiaufklärerisch, gewiss, aber ohne den Mut zur Einsicht: „Alles vergeblich!“ (vgl. Benn: Reisen) Man kann auch Aufklärer sein, ohne vom gradlinigen Fortschritt zu träumen - aber das wird von Michael bzw. von seinem Autor Schlink nicht gedacht; da wird nur hin und her gefühlt und ein bisschen räsonniert, aber eben nicht gedacht: „Manchmal denke ich...“, manches weiß ich nicht, und den Rest habe ich vergessen - aber es bleibt der Wunsch, nach Hause zu kommen, von der Erinnerung frei werden, auch wenn das nicht geht...
c) Schlinks Erzähler übertüncht seine antiaufklärerische Haltung, wenn er Hannas Lesen- und Schreibenlernen als aufklärerischen Schritt in die Mündigkeit (Kants Formel) preist (178/15 ff.). Nicht umsonst weicht er dem persönlichen Schreiben an Hanna aus, liest ihr Klassiker vor und belässt sie im Zustand der Zuhörerin - was ich zuerst nicht verstanden habe, enthüllt jetzt einen tieferen Sinn; er wagt nicht offen zu sprechen oder klar zu denken, dass Schreiben sinnlos ist (dann bliebe das Buch ja ungeschrieben!) und dass es keine Heimkehr gibt - Schlink wagt nicht, einen solchen Erzähler zu konzipieren; lieber lässt er den Erzähler Michael mit antiaufklärerischen Gedanken spielen, ihn aber doch am Ende noch hoffen - sonst verkaufte das Buch sich nicht.
d) Nur so, in dieser Halbherzigkeit, in dieser quasireligiösen Hoffnung wider alles Hoffen (wie Abraham, Röm 4,18), kann Michael sein Schreiben und seine Lektüre der Klassiker rechtfertigen (oder schreiben die Klassiker etwas anderes als Worte?), auch wenn man als Mensch das Reden eigentlich „auch lassen“ kann. Er will die Geschichte loswerden, auch wenn er es nicht kann (206/26 f.); aber weil Hanna endlich tot ist, kann er ungestört weiter an seiner Liebe zu ihr leiden. Doch letztlich geht es nicht um die Liebe, sondern um das rechtliche Urteilen - und die Botschaft des Romans ist: Man kann über das Dritte Reich nicht urteilen; denn die Geschichte des Rechts..., siehe oben.
Vgl. in dieser Rubrik die anderen Aufsätze zu Schlink: Der Vorleser!

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