Exkurs über Hannas Weltvergessenheit - zu Schlink: Der Vorleser

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Weltvergessenheit ist eine wohltemperierte Variante der klassischen Weltverachtung oder Weltflucht; unter diesen Stichwörtern findet man im Historischen Wörterbuch der Philosophie (Bd. 12, Sp. 521 ff.) die christlich-platonischen Quellen der genannten Strebungen. In Matthias Claudius‘ „Abendlied“ (1779) ist die Weltvergessenheit - im Vorgriff auf Gottes Heil (5. Str.) - an eine Mondscheinsituation gebunden (2. Str.):
„Wie ist die Welt so stille,
Und in der Dämmrung Hülle
   So traulich und so hold!
Als eine stille Kammer,
Wo ihr des Tages Jammer
   Verschlafen und vergessen sollt.“
Etwas weltlicher hatte Wieland 1768 von den Lustreisen der jungen Venus erzählt: „Irdische Paradiese, und Inseln, gleich den Inseln der Seligen, blühten unter ihren Blicken auf.“ Diese himmlischen Örter waren schön genug, „selbst den stoischen Marcus Antoninus eine Zeit lang der Sorgen für die Welt vergessen zu machen“. Mit Bezug auf das Motiv der Freundschaft hat Goethe (An den Mond, 1776/78) gedichtet:
„Selig, wer sich vor der Welt
Ohne Haß verschließt...“
   Was versteht man unter Weltvergessenheit, wer ist weltvergessen? Das ist „1. weit entfernt vom Getriebe der Welt, einsam gelegen: er lebt in einem w. Winkel  2. vgl. weltentrückt: ein w. Träumer“, sagt das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache des 20. Jahrhunderts. Das Duden-Wörterbuch weist das Adjektiv als Ausdruck der gehobenen Sprache aus, stellt es „weltverloren“ gleich und bestimmt als dessen Bedeutungen:
1. weltentrückt, 2. weit entfernt vom Getriebe der Welt, einsam - nur die 1. Bedeutung trifft jedoch auf „weltvergessen“ zu.
   Wer vergisst die Welt? Das Wort taucht heute (www) vorzüglich in der Reklame auf:
* Musik, die die Welt vergessen lässt;
* Saunen, die Sie die Welt vergessen lassen;
* sich manchmal die Bettdecke bis über beide Ohren ziehen und die Welt vergessen ... (Reklame für Schlafzimmer);
* und immer wieder Wellness, dazu eine fernöstliche Teestube in Berlin: „Zurücklehnen und die Welt vergessen. Tee ist hier nicht nur Getränk, sondern Medizin für die Seele, ein Heilmittel.“ Auch Spielsüchtige vergessen die Welt - aber ein bisschen östlich ist „Weltvergessenheit“ doch angehaucht, als Station auf dem Weg der Suche nach dem Selbst.
   Und dann natürlich: die Liebe! „Im Mittelpunkt dieses Bandes steht die wundersame Geschichte von Hasan von Basran und Nur-Ayni, der Vogelfrau. Sie erzählt, wie der Jüngling Hasan entführt wird und mit dem Schiff über die Meere getragen wird, hin zu einem Wolkenberg, auf dem die sieben Töchter des Dschinns leben. Sie lassen ihn die Welt vergessen, bis er Nur-Ayni begegnet.“ (Geschichten aus 1001 Nacht: Hassan und die Vogelfrau) Junge Leute sind noch kühn genug, in ihren Gedichten entsprechende Wünsche zu äußern:
„Ich wünschte ich würde die Welt Vergessen
Zurückziehen mich können, still und bessesen
Von dem Bilde, so schön, so klar
Meiner einzig' Geliebten - Angelika.“
(Gedicht des Sebastian B. Klostermeier, 2001)

Auf dieser gehobenen Sprachebene bewegt sich also Michael, als er „Jahre später“ (S. 17/Z. 12) versteht, warum er seine Blicke nicht von Hanna hatte lassen können: Hannas Bewegungen wirkten schwerfällig, sie schien „sich in das Innere ihres Körpers zurückgezogen“ (17/26) zu haben: „Dieselbe Weltvergessenheit lag in den Haltungen und Bewegungen, mit denen sie sich die Strümpfe anzog.“ (17/29 ff.) Wer solches kann, wird nicht vom Kopf gesteuert, sondern kann sich dem ruhigen Rhythmus des Körpers überlassen und die äußere Welt vergessen (17/27 ff.) oder „aus der Situation und nur aus ihr“ leben (40/1 f.). Und das war für Michael einfach verführerisch: „die Einladung, im Innern des Körpers zu Welt zu vergessen“ (18/3 f.). - Dazu möchte ich ein paar Bemerkungen machen:
1. Die erlöste Weltvergessenheit Hannas wird ihr einfach zugeschrieben; man kann sich nicht vorstellen und bekommt kaum beschrieben oder erklärt, woran man solche Weltvergessenheit erkennen oder bemerken kann; mich würden eher gelöste als schwerfällige Bewegungen in ekstatische Träume versetzen.
2. Die Einladung zur Erlösung Michaels wird unscharf formuliert: Soll er im Innern seines Körpers oder im Innern von Hannas Körper die Welt vergessen? Vermutlich ist die zweite Lesart die beabsichtigte - aber dazu passt die triviale Beschreibung des Aktes stilistisch nicht recht: „Auge in Auge, bis es mir kam“ (27/15). Ihm kam es nämlich schnell (34/5), wenn sie über ihm war (34/7 f.) - die verworfenste Äußerung ist übrigens die, dass sie ihn „ritt, bis es ihr kam“ (33/29); ansonsten wird gelegentlich geschrien (27/17 f.; 34/12 f.).
3. Da Michael vor seiner Erlösung in der Weltvergessenheit steht, wird von ihm erwartet, dass er sich zur Erlöserin bekennt und sie nicht verleugnet; das Pathos, mit dem in Kapitel I 15 die Gegensätze „verleugnen / sich bekennen“ eingeführt werden, erinnert mich an das Jesuswort vom Bekennen/Verleugnen vor den Menschen und vor dem himmlischen Vater (Mt 10,32 f. - vgl. das Pathos des Verratens, 72/10, das dem vom Verrat des Petrus gleicht, Mk 14,66 ff.; ob man Hannas Blick, 112/17, mit dem des Herrn, Luk 22,61, vergleichen darf, ist jedoch fraglich).
4. Der Erzähler betont, dass es sich um eine gehobene Verführung handelt, also eigentlich nicht um Verführung: „Verführung, die nicht Busen und Po und Bein ist, sondern die Einladung, im Inneren des Körpers die Welt zu vergessen“ (18/3 f.). Nach meiner Erkenntnis ist es so, dass Busen und Po nie Verführung „ist“, sondern dass davon Verführung „ausgehen“ kann, wenn jemand sie als Verheißung eines ekstatischen Erlebens sieht; also als Einladung, die Welt zu vergessen.
P.S. Nebenbei sei bemerkt, dass für weltvergessene Menschen offenbar neue Kriterien der Gerechtigkeit gelten, wie ich in meinem Aufsatz über die „Aufarbeitung der Vergangenheit“ in Schlinks „Der Vorleser“ gezeigt habe; diese dem ganzheitlichen Spüren verpflichtete Existenz der beiden Protagonisten H. & M. ist meines Erachtens in der Auseinandersetzung um Schlinks Roman zu wenig gewürdigt worden.

Wenn man dem Universal-Horoskop in „Mannis Welt“ (siehe „die Welt vergessen“ in einer Suchmaschine) glauben darf, schätzen die im Zeichen des Krebses Geborenen „einen sicheren Ort, wo man die Welt vergessen kann“ - das sind die nach dem 22. Juni Geborenen. O wundersame Erklärung: Hat Michael nicht im Juli Geburtstag (70/21 - vgl. 200/8-10)?

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