Dass diese Erzählung vom Fortschritt der Menschheit eine Satire ist,
sieht man leicht. Viel interessanter ist der flotte Tonfall, in dem sie
erzählt wird und dem man auf den Grund gehen sollte. Wie kommt also der
Rhythmus des Gedichtes zustande?
Jede Strophe besteht aus fünf
Versen, die in einem biederen Kreuzreim miteinander verbunden wären,
wenn nicht der dritte Vers „verdoppelt“ wäre, sodass der vierte den
dritten rhythmisch wiederholt. Betrachtet man nämlich die Betonung der
Verse, dann sieht man, dass sie keinen gleichförmigen Takt aufweisen,
sondern eine Abfolge von vier und drei Betonungen, denen das Reimwort
am Versende entspricht. Man „hört“ also gewissermaßen in seiner
Erwartung das Normale:
vier Akzente - männliche Kadenz - Reimwort a
drei Akzente - weibliche Kadenz - Reimwort b
vier Akzente - männliche Kadenz - Reimwort a
drei Akzente - weibliche Kadenz - Reimwort b
- das wäre normal, aber faktisch wird dieses Schema abgewandelt:
vier Akzente - männliche Kadenz - Reimwort a
drei Akzente - weibliche Kadenz - Reimwort b
vier Akzente - männliche Kadenz - Reimwort a
vier Akzente - männliche Kadenz - Reimwort a
drei Akzente - weibliche Kadenz - Reimwort b,
wodurch
der vierte Vers beschleunigt gesprochen wird, weil man ja aufs ruhige
Ende des Schlussverses zusteuert. Beschleunigung erfolgt im vierten
Vers auch durch das Enjambement im Übergang zum fünften Vers. - Die
Erwartung, dass das Schema des Doppelverses 1/2 sich wiederholt, wird
dadurch erhöht, dass nach dem zweiten Vers jedesmal nicht nur ein Satz
zu Ende ist (Pause), sondern auch eine Sinneinheit, etwa das „Einst“
(1. Str.), der Rückblick aufs vergangene Sitzen (2. Str.) usw. Das
dritte Reimwort a befriedigt also die Erwartung, dass es aufs Ende
zugeht, nicht und leitet damit zügig zum fünften Vers über, auch wenn
es eine minimale Pause im Hinblick auf das zweite Reimwort a gebietet.
Dieses flotte Tempo im eher volkstümlichen Rhythmus der ungleichmäßigen
Takte passt gut zum satirischen Charakter der leichten Erzählung vom
Fortschritt, welchen die Menschen mit dem Kopf und vor allem mit dem
Mund, also bloß verbal und nicht wirklich zustande gebracht haben.
Einzelne Merkmal satirischen Sprechens könnte man in der Aufzählung der
teilweise unsinnigen Fortschritts-Schritte und beim schönen Wortspiel
„den Flöhen entfohn“ (V. 6) nachweisen; viel interessanter ist es zu
zeigen, dass die fortgeschrittenen Menschen noch die alten Affen sind:
- in der Identität der Kerls, die zuerst auf Bäumen und dann auf Bürostühlen saßen,
- in der Identität derer, die saßen und sitzen (2. Str.),
- die noch denselben Ton am Leib haben (V. 9 f.),
- die immer noch schießen und jagen (V. 16 f.),
- die bei Licht betrachtet immer noch die alten Affen sind (V. 29 f.).
Dass eine Fortschritts-Satire erzählt wird, zeigt sich auch in den
Wörtern, die betont werden: Einst/Dann (V. 1/3), behaart/asphaltiert
(V. 2/4), aufgestockt/dreißigsten (V. 4/5) zur Kennzeichnung der
erreichten Höhe des Fortschritts; saßen/sitzen (V. 6/8) als Identität
der sitzenden Kerls; genau derselbe Ton/seinerzeit (V. 9 f.) - das kann
man durchgängig zeigen, bis zur letzten Strophe: Kopf und
Mund/Fortschrit (V. 26 f.); abgesehen/bei Lichte/im Grund/(noch) immer:
die alten Affen (V. 28 ff.).
Was zeigt unsere kleine
Untersuchung? Sie zeigt, was eine Untersuchung des Rhythmus in
Verbindung mit dem Thema oder der Erkenntnis von der Sprechweise (hier:
Satire) leisten kann. Bei diesem Gedicht Kästners ordnet sich dem
Rhythmus ausnahmsweise der Aufbau unter: Zunächst wird erzählt, wie die
Affen aus dem Urwald in die Büros gelockt wurden, die Welt
dementsprechend aufgestockt werden musste (V. 1-7, Präteritum mit
Passiv oder Passiversatz - die Menschen sind also Objekte, nicht
Subjekte einer Entwicklung); danach wird berichtet, was die derart
fortgeschrittenen Menschen nun an fortschrittlichen Aktivitäten
entfalten (V. 8-25). Zum Schluss überblickt der auktoriale Erzähler das
Geschehen und bewertet es, zunächst leicht ironisch positiv (Perfekt
zur Bezeichnung des erreichten gegenwärtigen Zustands, V. 26 f.),
danach offen negativ (V. 28-30, Präsens).
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