B. Schlink: Der Vorleser - Analysen

Kommentare: 0     Stars : 0

Erzähltechnik und Zeitstruktur in Teil I, Kap.1 - 6
(Die Zeilen werden so gezählt, als ob sie alle wie auf S. 6 oben anfingen, also als ob jede Seite 30 Zeilen hätte. - Wesentlich ist es, dass man vom Erzähler als der handelnden Größe ausgeht, nicht einfach vom „Inhalt“ des Berichteten, und dass man schaut, wofür er seine Zeit verwendet und wie er davon spricht!)

5/10-21 summarisch berichtet: Krankheit des 15jährigen vom Herbst (Kap. 1)
   bis Februar
5/21 - 7/16 vom Montag im Oktober berichtet: Erbrechen, Hilfe,
   mit Vorgeschichte 5/23 - 6/1
7/16 f. vom Gang in die B‘straße berichtet (greift 5/18-21 auf)

8/10 ff. Rückblick auf das Haus in der B‘straße von „heute“ aus (Kap. 2)
8/22 ff. das alte Haus wird beschrieben
9/5 ff. Bericht von der Sicht des kleinen Jungen auf das Haus
9/18 ff. Bericht von späteren Träumen vom Haus, die alle so enden,
   dass der Eingang ins Haus nicht gelingt

12/10 ff. Bericht vom ersten Besuch (greift 7/16 f. auf), vermischt (Kap. 3)
   mit (Nicht-)Erinnerungssignalen (12/30 u.ö.):
   Treppenhaus und Wohnung werden beschrieben (12/15 ff.),
   vom Bügeln und vom eigenen Blick wird berichtet (13/29 ff.);

vom Weggehen (15/10 ff.), dem begehrlichen Blick, der erwidert (Kap. 4)
   wird, vom Wegrennen und vom Sich-Ärgern
   sowie vom doppelten „Rätsel“ (16/27 ff.): wie souveränes
   Handeln ausgesehen hätte und wieso die Frau faszinierte;
17/12 ff. wird vom späteren Verstehen des Rätselhaften berichtet:
   dass ein Rückzug ins Innere des Körpers als möglich erschien.

19/10 ff. Bericht vom zweiten Besuch eine Woche später, angefangen (Kap. 5)
19/11-20 summarisch wird die Woche vorher berichtet (-> 20/17 ff.);
19/22 - 20/16 Krankheit in Jugend und Kindheit wird kommentiert;
20/17 ff. Bericht vom Umgang mit Hanna und dem eigenen Begehren
   sowie von den zugehörigen Überlegungen in dieser Vorwoche;
21/16 ff. Rückblick auf das eigene Vernünfteln, Bericht vom heutigen
   Verständnis des eigenen Handelns und seines Musters (21/26),
   das dem Schema von „Fleisch“ und „Geist“ bei Paulus folgt (Röm
   7,14 ff.; vgl. Freud!): Der Mensch tut nicht, was er eigentlich will...

23/10 ff. Bericht vom Warten (greift 19/10 auf), vom Kohlenholen (Kap. 6)
   (von einem kleinen Kommentar 24/26-29 unterbrochen), vom Baden
   (und dem Widerspruch zwischen Hannas Worten und Tun 25/29 ff.)
   sowie vom Umschlagen des eigenen Fühlens (rot werden -> Behagen
   26/2 ff.; Angst -> Selbstverständlichkeit des Liebens 27/9 ff.)

Werte diese Übersicht aus: Erzähltechnik, Zeitstruktur, erzähltes Geschehen; der Erzähler „heute“!
Wichtig ist es, dass man die doppelte Perspektivität versteht: 1. Letztlich bleibt alles Berichtete an Michaels Ich-Perspektive gebunden. 2. Diese Perspektive schwankt zudem zwischen dem damals Erlebten und dem später (eventuell erst heute, also im Zeitpunkt des Erzählens) Verstandenen oder so Bewerteten; das damals Geschehene wird zum Teil nur undeutlich erinnert.

Links zur Erzähltechnik
http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_aut/schl/vorl/schl_vorl_0.html (Erzählstrukturen)
http://www.lehrerfortbildung-bw.de/faecher/deutsch/projekte/epik/der_vorleser/ (Erzählweise)
http://pauker.at/deutsch/Diplomarbeiten/Bernhard+Schlink.html (Stilanalyse)
http://www.ratsgymnasium-gladbeck.de/schuelerprojekte/dervorleser/ (Erzähltechnik, etwas simpel; interessant ist, wie das gleiche Phänomen mit vier verschiedenen Stichworten erfasst wird.)

Das Verhältnis Michaels und Hannas im 1. Teil - Phasen, Aspekte?
1. Dietmar Schäfer (Mentor) sieht folgende Phasen:
* Beginn der Beziehung - Michael ist fasziniert (Kap. 1 - 4)
* der erste sexuelle Kontakt - Michael verändert sich (5 - 7)
* die Entwicklung der Beziehung - ein Ritual entsteht (8 - 9)
* Spannungen - Michael ist oft ratlos und gibt immer wieder nach (10 - 12)
* das Ende der Affäre - Hanna ist plötzlich verschwunden (13 - 17)
2. Bettina Greese (u.a., Schönigh) sieht vier Phasen:
* Kap. 1, S. 6 f.
  6, S. 24-27
  8, S. 33 (Sie ergreift ihn.)
* Kap. 10, S. 45-49 (Sie festigt ihre Macht.)
* Kap. 11, S. 54-57 (Das Verhältnis gewinnt Innigkeit.)
* Kap. 14, S. 70 f.
  15, S. 72 f.
  16, S. 75 (Michael wendet sich von ihr ab.)
Bei B. Greese gibt es ein Schema (S. 31), in dem Michael anfangs als von Hanna abhängig dargestellt wird, dann jedoch einen Prozess wachsender Unabhängigkeit durchläuft, während die anfangs total dominierende Hanna zunehmend von Michael abhängig wird. Das Baden soll nicht nur, wie überall zu lesen ist, symbolisch reinigen; die ihn Badende ist für Michael auch eine Art Mutter(-Ersatz), wie seine Erinnerung (S. 28 f.) zeigt. - Vgl. auch meinen Aufsatz „Exkurs über Hannas Weltvergessenheit“ vom 15. April in diesem blog!
   Zum Begriff und zum literarischen Motiv der Verführung: http://www2.rz.hu-berlin.de/literatur/projekte/loreley/Material/lexikon.htm
   Den sexuellen Missbrauch von Jugendlichen definiert StGB § 182.   
   Statt „Liebesverhältnis“ könnte man das gemeinte Phänomen auch „Michaels Adoleszenz“ nennen (Juliane Köster, Oldenbourg; vgl. seinen „Abschied“ von der Familie, S. 31 f.) und auch im Blick auf den 2. Teil den Roman eventuell als Bildungs- und Entwicklungsroman verstehen (Schäfer, S. 28).[Eine neue Analyse des Verhältnisses zwischen Michael und Hanna gibt es in www.logos.kulando.de, dort ebensfalls unter "Romane und Novellen".]
P.S. Übrigens sind für den Hausgebrauch von Schülern die Erläuterungen zu Bernhard Schlink: „Der Vorleser“ von Magret Möckel (Königs Erläuterungen Nr. 403) trotz einiger Versehen nicht schlecht.

Wie sich Michaels Schuld ihm (im 1. Teil) darstellt
Die Formulierung des Themas besagt ausdrücklich, dass sie sich dem Leser anders darstellen kann (und sich mir auch, vor allem im 2. Teil, anders darstellt). Zweitens überlagern sich die beiden Zeitebenen des damaligen Erlebens und des heutigen Urteilens.
   Die erste „Schuld“, die Michael auf sich lädt, ist Schuld in der Perspektive der christlichen Erziehung. Sie beginnt damit, dass er die Augen nicht von Hanna lassen kann, als sie sich im Unterrock die Strümpfe anzieht (15/24 ff.); er bezeichnet den Vorgang als „Verführung“ (18/2 f.), gebraucht den Begriff aber (aus der Sicht „heute“) nicht mehr im eigentlichen Sinn. Mit dem Bericht von sexuellen Träumen (20/17 ff.) und von der moralischen Reflexion des Begehrens [ganz im Schatten der Bergpredigt: „Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.“ Mt 5,28; vgl. 21/1 ff.] , das er „heute“ als Vernünfteln betrachtet (21/17), leitet er den Bericht vom ersten Beischlaf ein, bei dem schließlich „alles selbstverständlich“ wurde (27/13); zudem erlebte Michael damals den ganzen Vorgang als normale Ablösung von der Familie (S. 31 f.), sodass sich der sündige Charakter der sexuellen Begegnung als überholte Erziehungsmaxime darstellt.
   Gleichwohl stellt sich ihm „heute“ (21/25) im damaligen Handeln ein Muster dar, welches er als Muster seines Handelns überhaupt erkennt (21/26 ff.): dass nicht er handelt, sondern dass es aus ihm heraus handelt. Das ist zunächst ein Muster, mit dem Paulus das Handeln des sündigen Menschen aus dem „Fleich“ (sarx) statt aus dem (heiligen) „Geist“ erklärt (Röm 7,14 ff.), wovon man jedoch im Glauben an Jesus Christus frei wird (Röm 8,1 ff.); es ist gleichermaßen das Konzept des großen Sigmund Freud, wonach „Es“ uns zu etwas treibt, was das Über-Ich verbietet - wovon es Erlösung geben kann, wenn aus dem Es Ich wird, also das Ich die beiden Pole Es und Über-Ich versöhnt. - Von beiden Modellen weicht der Erzähler jedoch ab, indem er dieses Es-hafte Handeln als sein eigenes bezeichnet (22/13 ff.), ohne dies jedoch näher oder gar theoretisch zu erklären. So bleibt der Erzähler in seiner Sicht ein Wesen voller Widersprüche; zumindest bleibt er sich rätselhaft.
   Die zweite Schuld ist „das Gefühl der Schuld“ (80/22 f.), was sich als Gefühl auch wieder verlieren kann (83/21 f.). Ab I 15 beginnt der Erzähler zu berichten, dass er Hanna verleugnet und so verraten habe; er erwähnt ausdrücklich „die Halbherzigkeit der letzten Monate“ (80/25 f.) und die Tatsache, dass er im Schwimmbad nicht sofort zu ihr gelaufen ist (80/23 f.; vgl. S. 78), wofür er sich durch Hannas Verschwinden (irrtümlich) bestraft glaubt (80/27). In Wahrheit ist Hanna die Frau, die sich seiner sexuellen Not „annahm“ (vgl. 6/9) und dabei durchaus auf ihre Kosten kam (33/28-30), auch wenn das Verhältnis später inniger wurde (56/27 f.). Mit dem Bild vom „Gleitflug der Liebe“ (67/24) bezeichnet er das Gesetz eines Vorgangs, nicht eigenes Handeln, finde ich. Er berichtet außerdem von einem Druck, unter dem Hanna steht und unter dem sie quasi von ihm Abschied nimmt (76/22 ff.); wieder einmal gleicht der Erzähler die Spannung zwischen Fakten und eigenem Schuldgefühl nicht aus.
   Seine Bewertung erscheint mir den Möglichkeiten eines Sechzehnjährigen nicht angemessen; der Erzähler hat einen Schuldkomplex, würde ich sagen; dafür spricht auch die abstruse Schuldreflexion des Studenten (129/11 ff.), dafür spricht des Erzählers Bemerkung, welche Gefühle der Verpflichtung sich „bis heute“ nach einer Nacht mit einer Frau bei ihm einstellen - er überfordert sich moralisch selbst, was mich wieder an die Herkunft seines Verhaltensmusters (S. 21 f.) aus dem Römerbrief denken lässt. Offensichtlich wird uns ein Mann mit einem wahnhaften Schuldkomplex vorgeführt. Ein anspruchvoller Vortrag behandelt die Frage, welche Bedeutung Scham und Schuld in dem Roman spielen: www.maikatze.de/grafik/Vorleser.pdf

Wir haben im Unterricht untersucht, wie sich Hannas Schuld (im 2. Teil) dem Gericht und wie sie sich Michael darstellt. Michael feiert als seine große Entdeckung, dass Hanna nicht lesen (und deshalb auch nicht das Protokoll angefertigt haben) kann (S. 126 ff.). Zur Bedeutung des Analphabetismus kann man sich u.a. informieren bei
http://www.schule-bw.de/unterricht/paedagogik/lesefoerderung/diagnostik/funktionaler_analphabetismus
Michael scheint anzunehmen, Hannas Bloßstellung als Analphabetin stelle notwendig eine Alternative zu der als Verbrecherin dar (128/2 ff.); dem kann ich nicht zustimmen.
   Für die Frage, wie sich Michaels Schuld (im 2. Teil) ihm darstellt, liegt Lauras Aufsatz unserem Kurs vor. Ich meine allerdings, dass Laura noch zwei Aspekte vermengte, die wir besser trennen sollten:
   Wie stellt sich Michaels Schuld ihm (damals - heute) dar? Und wie stellt sich Michaels Schuld dem Leser dar? Wir sind ja nicht verpflichtet, seine Wertungen zu übernehmen! Um abschließend urteilen zu können, muss man natürlich noch den dritten Teil des Romans heranziehen. Ein Schaubild zur Schuldproblematik insgesamt, mit Links:
http://people.freenet.de/dervorleser/erzaehl1.htm
   Eine Bemerkung zu dem emphatischen Bekenntnis: „Also blieb ich schuldig.“ (129/14) Michaels pointierte Schuldbekenntnisse in Richtung Hanna machen es möglich, im Sinn einer antoymischen Negation andere Schuld in Frage zu stellen. Diese Rhetorik (bzw. rhetorische Strategie) der Schuldbekenntnissse ist meines Wissens bisher nicht erkannt worden: Wenn ich eine These als Aussage vortrage, negiere ich die Gegenthese; wenn ich meine Schuld unterstreiche, spreche ich dich frei, lenke zumindest den Blick von deiner Schuld ab - Denken und Sprechen folgen in hohem Maß dem Gesetz antonymischer Bildungen. Außerdem legitimiert das pointierte Schuldbekenntnis Michaels Gewissen (oder was man so nennt): Wer derart schuldbewusst lebt (empfindet), leugnet oder übersieht wahre Schuld nicht.

Michaels Schuld in Teil III
Methodisch möchte ich die moralisch-politische Auseinandersetzung mit dem 3. Reich abtrennen und zunächst nur von der „menschlichen“ Schuld Michaels sprechen, obwohl diese die abgetrennte Frage (u.a. in der „Betäubung“) berührt.
   Das erste Mal, dass Michael hier Schuld auf sich lädt, resultiert aus seiner Scheidung und der Tatsache, dass er seiner Tochter Julia keinen Bruder schenkt (165/7 ff., speziell 165/25).
   Auf Gertruds Vorwurf, er weiche „vor der Herausforderung und Verantwortung des Lebens“ (171/30) aus, gibt er in einem Satz zu, dass er geflohen ist und erleichtert war, geflohen zu sein (172/1 f.). Das ist nur eine Randbemerkung, betrifft aber mit der Berufswahl einen wichtigen Lebensbereich; auf diese „Schuld“, die er nicht als solche benennt, kommt er nie mehr zu sprechen. [Frage: Ist sie der Betäubung vergleichbar?]
   Die vielen Halbheiten, die in Michaels Kontakt mit der inhaftierten Hanna auftauchen (dass er ihr nicht schreibt, S. 179, usw.), fasst er in der Differenzierung von Nische und Platz zusammen: Er habe der inhaftierten Hanna eine kleine Nische in seinem Leben zugebilligt, aber keinen Platz eingeräumt (187/5 ff.); jemandem nur eine Nische zubilligen heiße aber, ihn zu verscheuchen (180/1 ff.) - das bringe aber Schuld mit sich, wenn man jemanden gewählt hat (vgl. S. 162).
   In seinen Erinnerungen hat er das Gefühl (!), sie verraten zu haben (190/10 ff.), wogegen er sich wehrt - er fragt dann, rhetorisch sich entschuldigend: „Hatte ich nicht auch Rechenschaft von ihr zu fordern? Wo blieb ich?“ (190/20 f.) Damit greift er in falscher Geste auf das vor, was die Jüdin ihm in New York offenbart, die seinen Lebenslauf als einen von Hanna abhängigen, abhängig gemachten analysiert (202/3 ff.) und ihn fragt, ob Michael das Gefühl gehabt habe, „daß sie wußte, was sie Ihnen angetan hat“ (202/14 f.). Diese Analyse hört er, nachdem er erstmals (!) einer Fremden zugegeben hat, mit Hanna ein Verhältnis gehabt zu haben (S. 201). - Diese Analyse, die seiner eigenen Einschätzung widerspricht, wird aber weiter nicht beachtet.
   Im Schlusskapitel folgen einige unklare Reflexionen über Schuld:
- dass die alten Fragen nach seiner Schuld gegenüber Hanna unwichtig geworden sind (205/18 f.), weil sein Leben nun eben seines geworden ist [eine merkwürdige Begründung für einen Theoretiker der Schuld];
- dass manchmal die alten Schuldgefühle wieder hochkommen (206/20 - nota bene: die Schuldgefühle, nicht die Schuld!);
- den Widerspruch zwischen beiden Aussagen löst er mit dem Bild von den dicht aufeinander ruhenden Schichten auf (206/22 ff.), wo im Späteren eben Früheres begegne.

Wenn man zu Michaels oder Hannas Schuld Stellung nehmen will, sollte man sich seiner Urteilskriterien bewusst werden:

1. Zum juristischen Begriff der Schuld (bezogen auf Hanna):
http://www.rechtslexikon-online.de/Schuld.html
http://www.jura.uni-sb.de/CJFA/material/DStrafR/strafr_01_02/t_schuld.html
http://www.ls-wolf.euv-frankfurt-o.de/lehrstoff/grundbegriffe/schuld/theorien-schuld.htm

2. Zum philosophischen Begriff der Schuld (bezogen auf Michael):
über die Sammlung: http://www.erlangerliste.de/ressourc/lex.htm zum Stichwort „Philosophie“, dort etwa zu PhilLex und PhilSearch, oder zum Eisler-Wörterbuch (1904): http://www.textlog.de/eisler_woerterbuch.html

3. Zu krankhaften Schuldgefühlen (Michaels), die man jedoch nicht von der Rhetorik der Schuldbekenntnisse trennen sollte: http://www.persoenlichkeits-stoerungen.de/schuldgefuehle/

Ein rätselhaftes Diktum ist das von der verborgenen Wahrheit des Redens (166/18 f.): Er hat seinen Frauen von Hanna und von sich erzählt, damit jene sich einen Reim auf Michaels befremdliches Verhalten machen könnten (166/2 ff.), ohne dass besagte Frauen viel Interesse an seinen Erzählungen gezeigt hätten; seine Resignation schließt er mit der Sentenz, man könne das Reden auch lassen, weil dessen Wahrheit ohnehin in dem liege, was man tut. [Das dürfte eine Art Wittgenstein-Zitat sein: „Unsere Rede erhält durch unsere übrigen Handlungen ihren Sinn.“ (L. Wittgenstein: Über Gewißheit. Suhrkamp 1970, Nr. 229; vgl. Nr. 397 ff.)]
   Der Sinn dieses Diktums zeigt sich vermutlich, wenn die Stellen, an denen Michael nichts zu sagen weiß (27/1; 74/11 f.; 139/7 f.; 170/3 f.), mit denen konfrontiert werden, wo er etwas ganz fest zu wissen behauptet: Wer sich nicht zu seiner Geliebten bekennt, weiß genau, ob er sie verrät (72/18 f.); Michael wusste also, dass er Hanna vor seinen Freunden verriet (73/10). Hier wird also zwischen dem intuitiven Wissen und dem bloß äußerlichen Reden unterschieden, dem intuitiven Wissen allein kommt Wahrheit zu - das zeigt sich dann in seiner Vermutung, dass Hanna um ihre (!) Wahrheit kämpfte (128/24). In der „Aufarbeitung der Vergangenheit“ (s. dort!) zeigt sich die Bedeutung des Wortes von der verborgenen Wahrheit des Redens; vgl. auch die Beziehung des untersuchten Diktums zu Hannas Weltvergessenheit (s. meinen Exkurs über Hannas Weltvergessenheit).
   Der Rhetorik der Schuldbekenntnisse entspricht die strategische Rhetorik des Nichtwissens und Nichtsagenkönnens (z.B. 18/5 f.; 27/1; Kap. I 15); in diesem Kap. I 15 sieht man auch, wozu die Betonung des Nichtwissens gut ist: Wenn Michael so oft nichts Genaues weiß, muss es wohl stimmen, wenn er etwas genau zu wissen beansprucht (72/10 mit 72/18 f. und 72/23 f.). Genau wie bei der Rhetorik der Schuldbekenntnisse (s.o.) und dem Selbstrechfertigungszirkel des Erzählers in III 12 handelt es sich um eine kalkulierte Strategie, mit der man Einwände abwehren kann. Wozu diese Strategie erforderlich ist, sieht man bei der „Aufarbeitung der Vergangenheit“.

Eine gesonderte Untersuchung verdient das Thema „Aufarbeitung der Vergangenheit“ oder die Frage, was die Nachgeborenen die Taten der Nazis angehen - von Michael zunächst aus der Situation der zweiten Generation gestellt. [Das Thema wird in diesem blog norberto42 in einem eigenen Aufsatz vom 3. April behandelt: „Aufarbeitung der Vergangenheit“ in Schlinks „Der Vorleser“] Im 2. Kapitel des zweiten Teils wird Hannas Verfahren in diesen Kontext gestellt; Michael ist (mit seinen Zeitgenossen) durch „Betäubung“ beiden Phänomenen verbunden. Aus Teil II sollten folgende Kapitel berücksichtigt werden:
II 2 (über die moralische Arroganz der Jugend)
II 4 (über die Betäubung; dazu die Frage nach dem Vergleichen und dem Verstummen)
II 8 nur mit der Bemerkung, dass auch das Buch die Betäubung atmet (S. 114)
II 13 (wichtig wegen der Bemerkung: wir konnten uns kein Bild machen, mit eigener Phantasie-Theorie)
II 14 (das unkommentierte Gespräch mit dem Fahrer)
II 15 (wiederum: kein Bild; verstehen und verurteilen zugleich nicht möglich)
II 16 (es ging mir nicht um Gerechtigkeit...; zur Funktion der Betäubung)
Aus Teil III kommen hierfür in Betracht:
Kap. III 1 (wundersames Ende der Betäubung, mit dem großen Wort vom deutschen Schicksal, 163/9!)
Kap. III 4 (über das Anklagen, Verteidigen und Richten; über das Erbe der Vergangenheit, S. 172)

Hannas späteres Verhältnis zu ihrer NS-Schuld
S. 187 (Hannas Ansicht, wer von ihr Rechenschaft fordern kann)
S. 193 f. (Hannas Lektüre, mit Auswertung Michaels S. 202)
S. 196 f. (Hannas Rückzug derart, dass sie ihren Ort in der Welt neu definiert)
S. 203 f. Hanna bekommt keine Absolution von der Jüdin, wohl aber wird ihr eine Art „Anerkennung“ der Welt zugebilligt.
   Übrigens ist es Michaels Idee, das Geld für jüdische Analphabeten zu verwenden, die lesen und schreiben lernen wollen (203/16 ff.). Was bedeutet diese Idee für seine Sicht von Hannas Schuld? Man hätte das Geld ja auch für KZ-Häftlinge verwenden können, die 1984 immer noch auf ihre Entschädigung warteten!

Abschließende Fragen an das Buch

Nach der dritten Lektüre tauchen Fragen auf. Ich frage mich zum Beispiel, wieso
- die Phantasie (S. 143), die Betäubung (S. 160) oder die Versionen der Geschichte (206/1 f.) wie Personen oder wie schicksalhafte Mächte agieren; die Betäubung ist ohnehin ein seltsames Phänomen, vgl. zu ihrer psychologischen Deutung http://www.teachsam.de/deutsch/d_ubausteine/;
- der Erzähler, ein Jahr jünger als ich, aber doch Student, die Literatur der 60er Jahre nicht kennt (142/20 ff. - vgl. meine Anmerkungen zu seiner Bemerkung über das Verlagsprogramm der 60er Jahre, im Aufsatz über die Aufarbeitung der Vergangenheit);
- Hanna angeblich Bedenken gegen die Radtour hat (S. 51), obwohl sie diese doch selber vorgeschlagen hat (S. 41);
- Hanna dem Gericht das Recht bestreitet, Rechenschaft von ihr zu fordern (S. 187), obwohl sie doch angeblich akzeptiert hat, zur Rechenschaft gezogen zu werden (S. 128);
- Michael weiß, dass Hanna alles richtig machen wollte (105/16), obwohl er doch an seine Perspektive gebunden ist;
- der Kosename für Hanna ausgerechnet „Pferd“ sein muss (68/30 ff.), wenn später eine Parallele zur Stute von Majdanek hergestellt wird (115/19 ff.: allzu simpel!);
- der Koks auf Michael fallen musste (S. 25 - ein Slapstick), um einen Vorwand für die Verführung zu liefern;
- der Erzähler das einzige offene Gespräch mit seinem Vater vergessen konnte (137/2) und dann doch gern daran zurückdenkt, obwohl es angeblich nichts gebracht hat und peinlich endete (138/28 ff.);
- Michael von Liebeswahl (162/16) und Liebesverrat (S. 72 ff.) spricht, obwohl niemals ein Liebesbund geschlossen wird; obwohl die Liebesbeziehung (1959!) heimlich bleiben muss; obwohl er bekennt, er wisse nichts über Hannas Liebe zu ihm (67/25 f.); obwohl er damals nicht einmal 16 Jahre alt war; vgl. dazu F. Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches. Bd. I, Nr. 629 und 630 ff. (http://gutenberg.spiegel.de/nietzsch/menschli/mensch09.htm);
- er die Frage „Hanna oder Sophie“ (66/11) nicht als Liebesverrat bewertet hat, wohl aber sein Schweigen gegenüber den Freunden (S. 72 f.);
- er von der großen Liebeswahl spricht und doch weiß, dass seine Sehnsucht letztlich nicht Hanna gilt (200/8-10);
- Michael einerseits von der großen Liebeswahl spricht (S. 162), anderseits aber Hanna nicht schreibt, nachdem sie den großen Schritt zum Schreibenlernen getan hat (S. 177 f.);
- Michael die Fiktion der Liebeswahl aufrecht erhält (162/12), obwohl er doch weiß, dass Hanna ihn verlassen und getäuscht (153/13 ff.), also den (vermeintlichen) Liebesbund gebrochen hat;
- Michael die „Odyssee“ als das Grundbuch der Reise ohne Heimkehr ansieht (173/20 ff.) und doch von seiner gerade zitierten Sehnsucht spricht, nach Hause zu kommen (200/8 ff.);
- es Verrat sein soll, wenn man die Verbrechen eines geliebten Menschen verurteilt (S. 162 f.; bereits Augustinus wusste, dass man die Sünde hassen, aber den Sünder lieben kann; auch der Journalist Jens Bisky weiß, dass solche Unterscheidungen zum Wesen des Rechtsstaates gehören - nur der studierte Jurist Michael Berg weiß es nicht, kann es in seinen Hanna-Schuld-Gefühlen nicht wissen);
- er plötzlich weiß, dass es ihm nicht um Gerechtigkeit ging, als er beim Richter intervenieren wollte, sondern dass er angeblich nur „an ihr rummachen“ (153/27) wollte, obwohl er doch vom Zuschauer zum Teilnehmer geworden ist (131/26 f.);
- die Liebe merkwürdig abstrakt beschrieben wird („Besitz ergreifen“ und davon Abstand nehmen, S. 33 f. und S. 57; wie alles selbstverständlich wurde, 27/13 ff.; sagte mir, wo ich sie anfassen sollte, 33/28); auch wird der große letzte Liebesakt (77/14-19) in gut fünf Zeilen nur mit Begriffen völlig unanschaulich beschrieben, genau wie Hannas Weltvergessenheit (17/29);
- Figuren wie Gertrud (S. 164 f.) und auch Michael selber so blass bleiben, dass man sie sich kaum vorstellen kann;
- Michael nicht weiß, was er einem ehemaligen Kommilitonen sagen soll, als der ihn nach seinem Verhältnis zu Hanna fragt (S. 169 f.), obwohl er der Jüdin in New York bereitwillig Auskunft gibt (S. 201 f.);
- Hannas „menschliche“ Äußerungen über Literatur (43/24 ff.; 179/12 ff.) als erstaunlich genau treffend bewertend werden (179/11 f.): „Keller braucht eine Frau“, ein wahrlich „tiefes“ Literaturverständnis;
- und wann Michael „manchmal“ am Schreibtisch oder im Auto seinen Erinnerungen nachhängen, im Bett liegen oder in Hannas Wohnung sein kann (190/6 ff.); man kann die Chronologie ab S. 183 verfolgen: In einer Woche soll sie entlassen werden (183/28 - Telefonat); am nächsten Sonntag besucht Michael sie (184/10); dann kommen die Erinnerungen (190/6 ff.); am Nachmittag vor der Entlassung (und nach den Erinnerungen) ruft Michael im Gefängnis an (190/22 f.), am nächsten Morgen ist sie tot (192/10);
- diese Jüdin zu einer Blitzanalyse von Michaels Leben imstande ist (202/3 ff.) und Michael ihre elementare Einsicht nicht kommentiert;
- Michael aus dem Heute erzählt, aber lange Zeit so tut, als wüsste er nicht, dass Hanna Analphabetin ist („Aber sie hatte nicht darauf geachtet.“, 35/17 f.); sein damaliges Nichtwissen müsste er ausdrücklich als solches markieren, um es von seinem jetzigen Wissen abzuheben;
- die Geschichte mit Hanna ihn nicht mehr traurig macht (206/11 f.), während es ihn doch so traurig macht, wenn er an das Vergangene zurückdenkt (38/10 f.) - beides im Heute des Erzählens berichtet;
- seine Berufsentscheidung „Flucht“ und doch nicht Flucht (S. 171 f.) ist, das Studium der Rechtsgeschichte also ein Akt der Verantwortung vor der Vergangenheit, die Geschichte des Rechts aber wieder nur ein Irrweg ist (S. 172 f.);
- ihn überhaupt „die alten Fragen“ (205/11) bedrängt haben, wo doch Michaels Handeln stets sein eigenes Handeln ist (22/12 ff.);
- er sich nicht konsequent an sein Diktum hält, man könne das ganze Reden auch sein lassen, weil dessen Wahrheit ohnehin im Tun liege (166/18 f.).
Letztlich laufen die Fragen darauf hinaus, ob Michael Berg eben so ist, eben so erzählt - oder ob der Autor, dezent formuliert, etwas nachlässig gearbeitet hat; das hat er ganz sicher, als er Michael die rund 2.500 Seiten von „Krieg und Frieden“ in 40 bis 50 Stunden vorlesen lässt (68/1): 50 bis 60 Seiten pro Stunde vorlesen, das ist ein Witz, von der Auswahl des Titels einmal abgesehen. Auch dass 1959 ein 15jähriger Junge in einer derart patriarchalischen Professorenfamilie kochen konnte (S. 60), ist fragwürdig.


Man kann sich auch mit der Rezeption des Buches befassen. Material findet man mehr als genug, wenn man in der Suchmaschine eingibt: „Schlink: Der Vorleser“ +(Rezension OR Besprechung) oder +Kritik. Zwei äußerst kritische Stimmen seien genannt (leider fuinktionieren die Links nicht mehr, 09/07):
http://hometown.aol.de/rolftueschen/Schlink_Vorleser.html
http://www.michael-kraus.info/Deutsch/Vorleser.html
Nach der anfänglichen Begeisterung setzte in Deutschland DER SPIEGEL einige kritische Akzente; international wurde der Roman in England und USA ab 2002 ideologisch in Frage gestellt, u.a. von Jeremy Adler. Möglicherweise sind die simple patterns eine Bedingung des Bucherfolgs: Vogel ist die Amsel, Pflanze ist die Forsythie, Dichter sind Schiller und Lessing (und nebenher ein paar andere), Philosophen sind Kant und Hegel - zumindest die Namen kennt jeder, mit den Namen assoziiert man „Literatur“ und „Philosophie“.


Könnte es sein, dass auch die Ambivalenzen der Figur Michael eine Bedingung für den großen Erfolg des Romans sind? Zuerst legt Michael sich eine Hanna zurecht, die akzeptiert, dass sie zur Rechenschaft gezogen wird (128/21 f.); [dann wird er plötzlich Teilnehmer (131/27), was jedoch so endet, dass er nur an ihr rummachen will, s.o.;] dann hört er von Hanna, das Gericht habe nicht Rechenschaft von ihr fordern können (187/21 f.); später empört er sich über diese Äußerung (190/14 ff.); dann lenkt er den Blick auf die Lebenden, und seine letzte Frage ist: „Wo blieb ich?“ (190/21) Zigtausend Ermordete werden ausgeblendet, wenn Michael nur an seiner Liebe zu Hanna leiden und „das deutsche Schicksal“ zelebrieren kann (163/7 ff.).
   Die Ambivalenz zeigt sich für mich noch deutlicher im Zusammenhang mit der Odyssee-Metapher: Michael kennt die Odyssee aus der Schulzeit, er kennt den Text Homers (66/4 f.); er liest sie erneut (173/21) - das Epos hört mit dem Ende des Kämpfens und Rächens auf, wovon man sich anhand des Textes überzeugen kann. Doch Michael macht in einem Gewaltakt aus dieser Geschichte der Heimkehr die Geschichte einer ziellosen Bewegung (173/27 f.), indem er sie (das Epos aus dem 8. Jh. v.C.) mit dem Wort Heraklits (um 500 v.C.) vom Fluss, in den man nicht zweimal steigt, kombiniert und dieses Wort als das Wissen der (also aller) Griechen ausgibt (173/23 ff. - hätte er auf den Griechen Platon zurückgegriffen, wäre er zu einem anderen Ergebnis gekommen). Damit hat er eine schöne Metapher für seine Verzweiflung an der Rechtsgeschichte gewonnen (173/9 ff.). Persönlich jedoch pflegt er zuletzt die Hoffnung darauf, „nach Hause zu kommen“ (200/9 f.).
   So hat er von allem etwas, ein bisschen existenzialistische Geworfenheit und Bindungslosigkeit, ein bisschen Sehnsucht nach Heimat; er will seine Geschichte loswerden und kann es doch nicht (206/28) - nur Hannas Tod kann ihn davor bewahren, in der Endlosschleife des Fühlens weiter Verantwortung zu übernehmen, zu versagen, Schuld zu fühlen, zu sein wie die anderen und doch anders, obwohl es ihm gut getan hätte dazuzugehören (163/11 ff.), und er hatte auch das entsprechende gute Gefühl (89/15), aber dann ist ihm das selbstgerechte Auftrumpfen peinlich (160 ff.) - es ist jedoch nur gespürte Distanz (160/28): So bleibt er beim Fragen und kommt nicht zum Denken. Aber sein feines Gespür hat ihm geholfen, die Version seiner Geschichte zu finden, die geschrieben werden wollte (206/1 f.) - die anderen wollten halt nicht, da kann man nix machen.
   Bezeichnenderweise hat der Kopf weder bei Michael (21/28 ff.) noch bei Hanna (17/25 ff.) viel zu sagen - im Gegenteil, Befehle des Kopfes stören nur den ruhigen Rhythmus des Körpers (17/27-29): Das scheint dem Publikum gefallen zu haben, vgl. meinen Exkurs zu Hannas Weltvergessenheit. Muss ich noch sagen, dass sich gespürte Distanz zu einer vom Kopf begriffenen verwandeln kann?
21. Mai 2006
Bei l-o steht die U-Reihe unter http://www.lehrer-online.de/url/der-vorleser.
Ich möchte auf weitere Aufsätze in diesem blog hinweisen:
Schlink: Der Vorleser - Links, Linksammlungen
„Aufarbeitung der Vergangenheit“ in Schlinks „Der Vorleser“
Exkurs über Hannas Weltvergessenheit
Das Motiv „Odyssee“ in Schlink: Der Vorleser
Die Klausur zum Motiv „Hanna verraten“
Analyse und Erörterung von Jeremy Adler: Die Kunst, Mitleid mit den Mördern zu erzwingen

Im Blog http://logos.kulando.de/ etehen weitere Analysen und Interpretationen zu Schlink: Der Vorleser (unter der Kategorie: Romane, Novellen). 

Eintrag kommentieren

Registrierte Nutzer können sich hier einloggen

Name:

E-Mail:

Homepage:


Kommentar eingeben:

   

Zurück zu den Einträgen