Wenn man Thomas Assheuer glauben darf, der Hartmut Rosas
Buch "Beschleunigung" (2005, stw 1760) in DIE ZEIT vom 26. Januar
besprochen hat, liegt hier endlich die große Zeittheorie vor (gewaltig,
monumental und erschöpfend sei der Anspruch dieser soziologischen
Theorie). Als Leser wird man jedoch an manches erinnert, was man
bereits kennt:
Dass Beschleunigung unsere Welt im Innersten zusammenhält, wissen wir von Paul Virilio;
dass wir nicht im Licht zeitstabiler Werte entscheiden, hat Niklas Luhmann
längst gezeigt: dass nämlich in der Politik nicht über Werte
entschieden wird, sondern nur über die Reihenfolge, in der den
unterschiedlichen Werten Rechnung getragen wird;
dass die vermehrte Güterproduktion mit einer Verknappung der Zeit einhergeht, konnte man bereits 1971 bei Staffan B. Linder nachlesen (und in einem großen Essay Nikolaus Pipers vor vielleicht 15 Jahren in der ZEIT);
und dass der Tod des Einzelnen anscheinend Menschen zwingt, das Leben
intensiv auszukosten (carpe diem), ist auch keine originelle Einsicht -
Hans Blumenberg
hat von der Zeitschere gesprochen, die zwischen der Lebensdauer des
Einzelnen und der größer gewordenen Weltzeit (genauer: deren Größe in
unserem Wissen immer mehr gewachsen ist) immer stärker
auseinanderklafft. Diese Zeitschere geht außerdem mit dem Verlust des
Gottesglaubens parallel; denn wenn ich glauben kann, dass Gott mich
selber gemeint hat, macht es nichts aus, ob die Welt sechstausend oder
sechshunderttausend Jahre alt ist; aber wenn ich ohne Gott in einem
Milliarden jahre alten Universum kurzzeitig herumirre (vielleicht sogar
nur in einem von vielen Universen - obwohl das ein Widerspruch in sich
ist), dann muss ich mein Quäntchen Zeit exzessiv nutzen.
Wenn ich ehrlich bin, kann ich aus Assheuers Besprechung nicht den großen Neuheitswert von Rosas Buch ("eine soziologische Gesamtsicht, die systematische Einbettung von Zeit und Beschleunigung in eine Theorie der Moderne") erkennen; denn dass ein neuer Sozialcharakter entstanden sei, "der Spieler oder Drifter", der sich alle Optionen offen hält und Bindungen scheute, ist fragwürdig; neu ist das Wort "Drifter", aber der Spieler ist als Typus in der Literatur schon lange bekannt - man kann es in Elisabeth Frenzels Buch "Motive der Weltliteratur" nachlesen. Freilich halten heute weder Ehen (und eheähnliche Verhältnisse) noch Berufe lebenslang - aber ob man das mit dem Typus Drifter hinreichend erklären kann, bezweifle ich; Berufstätigkeit der Frauen und soziale Sicherungssysteme erklären mehr als ein vermeintlich neuer Typus.
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