Ebner-Eschenbach: Die Nachbarn - Grundzüge einer Analyse

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(Zeilenzählung nach „Parabeln“, RUB 9539, S. 18-20)
Hauptfiguren: der Blonde und der Braune, sie sind nicht individuell gezeichnet; sie stehen an der Spitze gutmütiger Hirtenvölker;
Ausgangssituation: gute Nachbarschaft zu beiderseitigem Nutzen (Z. 3-6); Ereignis, das die Handlung in Gang setzt: Sturm beim Braunen, Nutzung des Holzes (Z. 7 ff.);
1. Wende (zum Schlechten):
a) Aufrüstung durch den Blonden (Z. 16 ff.); hier wertet der Erzähler den Vorgang als auf Irrtümern (blöde Augen, Z. 18; vermeintlich Gerüstete, Z. 25), Dummheit („auch Weise darunter“, Z. 22 f.) und Ängstlichkeit beruhend (Z. 22 f.); „Misstrauen schüren“ ist ebenfalls negativ; der Vorgang selbst wird (vom Erzähler) durch den Kontrast „Kultur“ - verwüstet (Z. 29/33) wie durch das Agieren von Knechten an Stelle des Herrn (Z. 28 ff.) bewertet; auch das Unmaß der Rüstung (Verhältnis 3 : 1, Z. 26 f.) spricht für die Unvernunft des Tuns;
b) Aufrüstung durch den Braunen (Z. 35 ff.); auch die innere Logik des Rüstens zeigt die Unvernunft des beiderseitigen Handelns, das ab Z. 40 bewertet wird: Soll der Braune „reich an Stöcken“ werden (Z. 39), so geraten beide Völker in Armut (Z. 42 f., Kontrast), was hyperbolisch formuliert wird: „alles war in Stöcke verwandelt“ (Z. 45); auch das Ergebnis des Lebens zeigt, wie unbedacht (Z. 41!) das auf Misstrauen beruhende Rüsten ist: Die Menschen sehnen den Krieg als Erlösung herbei, die Fürsten wünschen sich den Tod (Z. 46 ff., 51 ff.); Leben und Herrschen haben ihren Sinn verloren.
2. Wende (zur Einsicht): Durch Zufall treffen sich die beiden Fürsten. Ohne dass außer dem Hinweis auf die alte Liebe eine Erklärung gegeben würde, versöhnen sie sich (lassen Stöcke fallen: Metapher). Der Erzähler berichtet, dass sie ihr eigenes Rüsten nicht begriffen haben (Z. 72 ff.) und dass sie erkennen (weiß geworden, weise werdend), dass sie falsch gehandelt haben (Z. 76 ff.). Sie begreifen ihr Misstrauen (Z. 73) und ihre Furcht vor dem Verlust der Erdengüter (Z. 78) als Quellen ihrer entscheidenden Fehler.
   Der Verzicht auf historische oder psychologische Erklärungen („Zufall“) sowie auf genaue Orts- und Zeitangaben, die schematische Zeichnung der Figuren sowie der Kontrastgebrauch (verbunden mit der Zeitraffung) machen deutlich, dass eine moralische Erzählung vorliegt. Da es nicht um Individuen geht, sondern um Herrscherfiguren, muss man die genannten Fehlerquellen Misstrauen und Furcht mit dem unsinnigen Rüsten zusammen sehen, um die „Lehre“ der Autorin zu erfassen. Der auktoriale Erzähler könnte viel mehr wissen, als er sagt; ihm kommt es aber darauf an, dass er die Menschen und ihr Handeln bewertet und dass die Hauptfiguren schließlich auch zur Einsicht kommen, welche er von Anfang an gehabt hat; das Schicksal der Völker und die Beseitigung der Schäden, also die politischen Aspekte interessieren ihn nicht mehr. Der Erzähler ist so vielleicht im Blick auf die Leser konzipiert.

Wodurch bekommt diese Erzählung ihre Bedeutung?
Diese ergibt sich zunächst aus der Logik oder Struktur des erzählten Geschehens: Ein guter Ausgangszustand wird verlassen, und zwar durch eine Kombination negativer Elemente (blöde Augen, ängstliche Leute); die Menschen befinden sich in eineer extremen Notlage, in die sie sich selbst hineingebracht haben. Nach einer erneuten Wende geben sie die verfehlte Handlungslogik (des Rüstens) auf und steuern wieder auf die Normalsituation zu. Die normale Logik des Helfens und Tauschens aufzugeben war also ein verfehlter Versuch, das Leben zu verbessern. Es ist nämlich falsch, wenn man als Ergebnis seiner Schutzmaßnahmen nur die Sehnsucht nach dem Kampf (Gebet der Leute, Z. 47 ff.) oder nach dem Tod (Sehnsucht der Anführer, Z. 51) hat. - Dass die alt und weiß (und damit weise) Gewordenen zum Schluss (!) erkennen, was sie falsch gemacht haben, Z. 76 ff.), stellt die richtige Interpretation des Geschehens durch kompetente Akteure dar.
   An der Erzählweise fallen einige kommentierende Bemerkungen des Erzählers sowie die starken Wertungen auf: „Was lag ihnen an seiner hohen Kultur?“ (Z. 28 f.) In diesen Kommentar ist der Kontrast von „Kultur / Verwüstung“ eingebunden, eine von vielen konträrer Wertungen. Auch die Erkenntnis des ersten Boten wird vom Erzähler als falsch bewertet (blöde Augen; schien, Z. 17 f.); ähnlich sieht er die Rückkehr der „Liebe“ zwischen den Anführern, die in ihr altes Recht tritt (Z. 64).
   Wenn ich richtig tippe, dass die Erzählung 1897 veröffentlicht worden ist, kann man sie leicht in einen zeitlichen und thematischen Zusammenhang mit der deutschen Hochrüstung und imperialistischen Politik stellen, wie sie etwa aus Heinrich Manns „Der Untertan“ bekannt sind.   

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