F. Schiller: Don Carlos / Don Karlos - Aufbau, Analysen, Themen, Interpretation

Kommentare: 5     Stars : 0

„Don Carlos”, die traditionelle Schreibweise, wird seit neuestem durch „Don Karlos” ersetzt, was man beachten sollte, wenn man mit einer Suchmaschine arbeitet. Manche Suchmaschinen berücksichtigen die unterschiedlichen Schreibweisen bereits von sich aus.

Das angekündigte (http://www.krapp-gutknecht.de/Produkte/Theater_auf_DVD/Don_Carlos/Don_Karlos.htm) Lehrerheft zu „Don Karlos” ist gerade erschienen (Sept. 2008), mit 96 statt der angekündigten 80 Seiten. 

Zeittafel im Kontext des „Don Carlos”
10.11. 1759 Geburt Schillers (zweites Kind eines Arztes und Offiziers)
1773 - 1780 Schüler auf der Militärschule des Herzogs, Studium der Medizin; erste Dissertation gescheitert;
1781 - 1782 in Stuttgart: Militärarzt und Dichter
13.01. 1782 „Die Räuber“ in Mannheim mit Erfolg aufgeführt;
07/08 1782 Arrest; literarische Arbeit vom Herzog verboten;
22.09. 1782 Flucht mit A. Streicher, zunächst nach Oggersheim;
12/82-07/83 in Bauerbach/Thüringen: Arbeit u.a. an “Don Carlos”: Auf der Grundlage einer Erzählung des Abbé de Saint-Réal tritt ein glänzender Carlos gegen einen miesen Philipp und dessen Berater an (1. Akt).
1783 - 1784 in Mannheim Theaterdichter; Bekanntschaft mit Charlotte von Kalb; „Die Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet“;
4/85 - 7/87 als Gast seines Verehrers und dann Freundes C. G. Körner in Leipzig und Dresden; „Don Carlos“ zunächst bis III 9 (in der Zeitschrift "Thalia") veröffentlicht; bei der endgültigen Fassung (1787) ist der König wesentlich differenzierter dargestellt, Posa als neuer Held installiert; das übermäßig lange Stück wird von Schiller gekürzt und auch in Prosa gesetzt; vor seinem Tod kürzt Schiller das Stück noch einmal auf die heutige Länge;
1787 - 1788 in Weimar: Begegnung mit Ch. von Kalb, Wieland, Herder und Goethe sowie seiner späteren Frau; Abschluss der Arbeit „Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der Spanischen Regierung“; Professor in Jena;
1789 Übersiedlung nach Jena, Freundschaft mit W. von Humboldt;
1790 Heirat;
1794 Freundschaft mit Goethe;
1805 Tod Schillers.

Friedrich Burschell: Schiller. Rowohlt: Reinbek 1968, S. 206, sieht in Schillers Freundschaft zu Körner und seiner glücklich-unglücklichen Liebe zu Frau von Kalb den biographischen Hintergrund des Dramas; in Posa stelle Schiller sich als Figur der Aufklärung dar. Die Biografien von Claudia Pilling u.a. (Rowohlt, 2002), Kurt Wölfel (dtv, 2004), Rüdiger Safranski (Carl Hanser, 2004) und Norbert Oellers (Reclam, 2005) bieten viele Literaturhinweise. Noch mehr bietet das von Matthias Luserke-Jacqui herausgegebene Schiller-Handbuch (Verlag J. B. Metzler, 2005).

Don Carlos (Aufbau)

* Der königliche Garten in Aranjuez
I 1 Carlos - Domingo: D. wirbt um Carlos´ Vertrauen, dieser fühlt sich umstellt;
er offenbart als Problem, dass er seine Braut an den Vater verloren hat;
I 2 Carlos - Marquis von Posa: Geschichte ihrer Jugend erzählt;
Marquis Posa kommt als Gesandter der Niederlande um Hilfe;
Carlos´ Bekenntnis: Ich habe „keinen Vater“ (193 f.) und liebe meine „Mutter“ (271); er vertraut sich ganz dem Marquis an.
* Die Hofhaltung der Königin in Aranjuez
I 3 Königin und Hofdamen im Gespräch; die Eboli muss den um sie werbenden Grafen nicht heiraten.
I 4 dieselben (ohne Olivarez) - Marquis Posa: Posa deutet die Verhältnisse im Königshaus in einer Geschichte an; die Königin schickt die Damen weg.
I 5 Königin - Carlos: Carlos wirbt um sie; Königin rät, sich dem Schicksal zu fügen und Spanien zu lieben.
I 6 Königin - König - Granden: König straft die Mondecar, Elisabeth belohnt sie; König klagt über Carlos, Alba empfiehlt sich ihm als getreu; eine Hinrichtung ketzerischer Rebellen wird angekündigt.
I 7 Carlos - Marquis: Carlos kündigt an, er werde an Albas Stelle das Amt des Statthalters der Niederlande fordern.
I 8 dieselben - Graf Lerma: Lerma bittet Carlos zum König.
I 9 Carlos - Marquis: schließen einen Bruderbund.

* Im königlichen Palast zu Madrid
II 1 Philipp - Carlos - Alba: Carlos setzt durch, dass Alba sich während ihres Gesprächs vom König entfernt.
II 2 Philipp - Don Carlos: Carlos wendet sich an den Vater, Philipp reagiert im Wesentlichen als König und verweigert ihm das Amt des Gouverneurs in Flandern.
II 3 Philipp - Alba: Alba erhält das Amt.
Ein Vorsaal vor dem Zimmer der Königin
II 4 Carlos - Page: Carlos erhält einen Brief und den Schlüssel für ein Geheimzimmer vom Pagen der Königin.
II 5 Alba - Carlos: Alba will (muss) sich mit Carlos versöhnen, der hat keine Zeit für Alba; Beleidigungen, Streit, Duell.
II 6 dieselben - Königin: Die Königin beendet das Duell.
* Ein Kabinett der Prinzessin von Eboli
II 7 Eboli - Page: Der Page berichtet von seinem Auftrag und kündigt Carlos an; Überlegungen der Eboli, was dieser weiß.
II 8 Eboli - Carlos: Eboli wirbt um Carlos, der sich zurückhält, was diese als
Schüchternheit deutet; er bewundert ihre edle Seele, erfährt vom Liebesbrief des Königs. Beide erkennen, dass sie die Liebeszeichen missverstanden haben; Carlos nimmt den Brief mit, Eboli ist verzweifelt.
II 9 Eboli: Sie erkennt, dass Carlos sich von der Königin eingeladen glaubte,
vermutet Liebe und will dies dem König sagen.
* Ein Zimmer im königlichen Palaste
II 10 Alba - Domingo: Sie schmieden einen Plan, mittels der Eboli die fortschrittliche Königin und den gleichgesinnten Carlos zu entmachten.
II 11 Domingo - Eboli: Die Eboli lässt dem König ausrichten, sie sei seinen
Wünschen nicht mehr abgeneigt, und teilt Domingo mit, dass die Königin Philipp betrügt.
II 12 dieselben - Alba: Absprache der drei.
II 13 Alba - Domingo: Sie frohlocken siegesgewiss.
* In einem Kartäuserkloster
II 14 Carlos - Prior: Prior verspricht dem Carlos Gelegenheit für ein absolut verstrauliches Gespräch.
II 15 Carlos - Marquis Posa: Carlos bittet Posa, für ihn ein Gespräch mit Elisabeth zu arrangieren, und zeigt ihm des Königs Brief an die Eboli; Posa durchschaut die Situation, zerreißt den Brief, wirft Carlos Egoismus vor, lobt die Tugend der Königin und deutet einen wilden,kühnen Plan an (mit Königin).
Info, dass die Post nach Flandern kontrolliert wird.

* Das Schlafzimmer des Königs
III 1 König: glaubt sich von seiner Frau betrogen (Medaillon und Papiere liegen ihm vor).
III 2 König - Graf Lerma: Lerma bestätigt die Tugend der Königin, der König bleibt mißtrauisch.
III 3 König - Herzog Alba: Alba bekennt, mehr gewußt zu haben, und erzählt die Episode von Aranjuez; König später reserviert.
III 4 König - Domingo: Domingo erzählt das Gerücht, der König sei nicht der Vater seiner Tochter; König bleibt skeptisch und droht ihm und Alba mit öffentlichem Gerichtsverfahren.
III 5 König: sucht jemand, der ihm die Wahrheit sagt, und verfällt auf Marquis Posa.
* Der Audienzsaal
III 6 die Granden: Info, dass der König schlecht gelaunt ist
und Medina Sidonia eine Flotte verloren hat.
III 7 König - die Granden: König ist gnädig gegen Medina Sidonia und lässt sich über Marquis Posas Verdienste informieren.
III 8 Posa - Alba: Überleitung zu
III 9 Marquis Posa: besinnt sich vor dem Gespräch mit dem König.
III 10 König - Marquis Posa: Posa erklärt, warum er den Dienst aufgekündigt hat („kann nicht Fürstendiener sein“); er zerstreut des Königs Bedenken, dies sei bloß ein Trick, entwirft das Bild einer freien Welt, klagt über die Lage in Flandern. Der König warnt ihn vor der Inquisition und gibt ihm den Auftrag, das Vertrauen Carlos´ und der Königin zu erwerben.

* Saal bei der Königin
IV 1 Königin - Damen: Eboli ist wieder da, Anspielungen der anderen Damen; Überleitung zu IV 2 und 3:
IV 2 dieselben - Posa: Posa will Königin allein sprechen.
IV 3 Königin - Posa: Posa deutet ein Doppelspiel an und entwirft den Plan, Carlos solle zu den Aufständischen gehen und von der Königin dazu verleitet werden; diese spielt nach anfänglichem Zögern mit.
IV 4 Carlos - Lerma: Lerma warnt Carlos vor Posa.
IV 5 Carlos - Posa: Carlos ist zerstreut, wird durch Posa zu Königin bestellt; Posa bittet ihn um seine Brieftasche, er fürchtet einen Hinterhalt des Königs.
IV 6 Posa: Er reflektiert sein Verhältnis zu Carlos.
* Kabinett des Königs
IV 7 König - Tochter: Beruhigt und dann beunruhigt über seine, des Königs, Ähnlichkeit mit seiner Tochter.
IV 8 König - Lerma: Lerma kündigt Elisabeth an.
IV 9 König - Elisabeth - Infantin: Elisabeth zeigt ihm den Diebstahl an und erblickt das Medaillon; Gespräch über ihr Verhältnis zu Carlos; König rast, Königin fällt um.
IX 10 dieselben - Alba, Domingo u.a.: König wünscht Alba und D. zum Teufel.
IV 11 dieselben - Posa: Alba wird entlassen.
IV 12 König - Posa: Posa gibt Carlos´ Brieftasche dem König, der findet den Brief der Eboli; Posas Intrige: Königin habe den Prinzen veranlasst, nach Flandern zu gehen; er erhält einen Haftbefehl gegen Carlos (für alle Fälle).
IV 13 Carlos - Lerma: Lerma informiert den Prinzen, dass der König den Inhalt seiner Brieftasche kennt; Carlos glaubt sich verraten und will Elisabeth warnen.
* Ein Zimmer der Königin
IV 14 Königin - Alba - Domingo: Königin weist die beiden zurück, die ihr ihre Dienste anbieten wollen.
* Zimmer der Prinzessin von Eboli
IV 15 Eboli - Carlos: Carlos bittet Eboli um eine Gelegenheit,Elisabeth zu sprechen.
IV 16 dieselben - Posa, Wache: Posa lässt Carlos verhaften.
IV 17 Eboli - Posa: Posa will wissen, was die Eboli weiß, tötet sie dann aber nicht.
* Ein Zimmer der Königin
IV 18 Königin: bemerkt Unruhe im Palast, Überleitung zu
IV 19 Königin - Eboli: Eboli gesteht den Diebstahl und einen Ehebruch mit dem König.
IV 20 Eboli - Olivarez: Eboli wird ins Kloster geschickt.
IV 21 Königin - Posa: Posa gesteht seine Niederlage ein; er spricht über sein Verhältnis zu Carlos und bekennt, sich für ihn geopfert zu haben, aber seine Liebe zu Elisabeth aus politischen Gründen nicht gedämpft zu haben. Königin verachtet ihn.
* Vorzimmer des Königs
IV 22 Alba u.a.: Don Raimond von Taxis will zum König, weil er einen Brief Posas nach Flandern abgefangen hat.
IV 23 dieselben - weitere Granden: große Unruhe, Posa soll zum König, der König hat geweint.
IV 24 Granden - Eboli: Eboli will dem König die Wahrheit sagen, wird nicht vorgelassen, Alba hat gesiegt.

* Ein Zimmer im königlichen Palast...
V 1 Carlos - Posa: Posa klärt Missverständnisse des Prinzen auf, dessen Geist sich wieder aufhellt.
V 2 dieselben - Alba: Alba will den Prinzen freilassen; der besteht darauf, dass der König selber kommt.
V 3 Carlos - Posa: Posa erkennt, dass er sich verrechnet hat, und will den Prinzen nach Brabant schicken; dieser will mit seinem Freund zum König gehen. Posa wird erschossen.
V 4 König - Carlos - viele Granden: Carlos weigert sich, den Vater zu umarmen; er preist die Freundschaft des Toten und sagt sich vom Vater als dessen Mörder los.
V 5 dieselben - Offizier: Offizier meldet den Aufstand in Madrid; König ist verzweifelt, gibt sich auf.
V 6 Mercado - Carlos: Der Leibarzt der Königin bestellt Carlos für die nächste Mitternacht zur Königin.
V 7 Carlos - Lerma: Lerma informiert Carlos, dass die Königin den Aufstand veranlasst hat; er informiert ihn über einen Fluchtplan, gibt Waffen und verehrt ihn als den künftigen besseren König.
* Vorzimmer des Königs
V 8 Alba - Feria: Alba will zum König gehen, um ihn über Posas Pläne zu informieren (Aufstand in Flandern, Eingreifen der Türken), die ein Kartäusermönch verraten hat.
V 9 dieselben - König: Der König trauert um Posa, an dessen Achtung ihm gelegen wäre; er ermannt sich wieder, läßt den Inquisitor Kardinal rufen und gibt Auftrag, den im Palast wandelnden „Geist“ des Kaisers zu stellen.
V 10 König - Großinquisitor: König möchte den Rat des Inquisitors einholen; der weiß bereits alles über Posa und wirft dem König vor, nicht loyal gehandelt zu haben. Philipp bekennt, menschliche Schwäche gezeigt zu haben, und übergibt schließlich seinen Sohn der Inquisition.
* Zimmer der Königin
V 11 Königin - Carlos: Die Königin deutet an, dass sie jetzt alle Rücksicht auf Menschen fallen und ihr Herz sprechen lassenwolle; Carlos hat sich von seiner Liebe zu ihr frei gemacht und bekennt sich zu seinem königlichen Beruf. Elisabeth bewundert ihn. Der König erscheint; Elisabeth fällt in Ohnmacht, Carlos wird der Inquisition übergeben.

Analyse I 1  

Schon bald erfährt man von Domingo, dass Carlos seit acht Monaten von einem „feierlichen“ Kummer befallen ist (V. 21 ff.). Dieser rätselhafte Kummer ist Anlass des Geprächs zwischen dem Mönch Domingo und Prinz Carlos, die sich im Garten des Schlosses in Aranjuez gegenüberstehen: Domingo will in Carlos‘ Geheimnis eindringen, doch dieser lehnt es ab, Domingo ins Vertrauen zu ziehen.
   Domingo drängt Carlos also, „dies rätselhafte Schweigen“ zu brechen und sich dem Vater, König Philipp II., anzuvertrauen (V. 4 ff.). Carlos wendet sich von Domingo ab, dessen dramaturgische Funktion in dieser Szene weithin darin besteht, die Vorgeschichte der gegenwärtigen unerfreulichen Situation aufzuhellen: Der Aufenthalt in Aranjuez hat anscheinend auch dazu gedient, Carlos aufzuheitern (V. 3 f.) - am Hof mache man sich Sorge um ihn (V. 24 ff.).
   Carlos hat sich von Domingo abgewandt, fährt jedoch beim Stichwort „Mutter“ empor. Im Wechselgespräch der beiden wird dann die Vorgeschichte der jetzigen Situation berichtet: Philipp, nach Carlos‘ Geburt verwitwet, hat Elisabeth, ehemals Braut seines Sohnes Carlos, „die schönste Frau auf dieser Welt“ (V. 45), geheiratet und hat von ihr eine Tochter (V. 31 ff., könnte somit einen weiteren Sohn bekommen). Carlos ist deswegen gekränkt und auf den Vater erzürnt, wie er andeutet (V. 28 f.).
   Domingo scheint aus Carlos‘ Worten herauszuhören, dass Carlos seiner früheren Braut böse ist, und erzählt eine Episode, um deren Interesse am Wohlergehen des Prinzen zu belegen (Unfall beim Turnier, Elisabeth sorgte sich mehr um Carlos als um ihren Mann, V. 53 ff.). Carlos hat sich die Geschichte „in Gedanken“ angehört, tut sie jedoch als „witzige Geschichte“ ab - vermutlich misstraut er dem Boten Domingo - und weist „ernsthaft und bitter“ (Regie, V. 68) dessen Werben um Vertrauen zurück (V. 69 ff.). Dieser stellt sich jedoch als Carlos‘ „Freund“ dar. Dagegen deutet dieser voller Spott an, dass sein Verhältnis zum Vater äußerst gespannt ist (V. 77 ff.). Zugleich enthüllt er, dass Domingo als des Vaters Vertrauter auf dem Weg zum Kardinalsamt, also mehr an seiner Karriere als am Wohlergehen anderer interessiert ist.
   Domingo lässt sich in seinem Vorhaben nicht beirren und verweist auf das Beichtgeheimnis (V. 89 ff.), um Carlos die Offenbarung seines Kummers zu erleichtern; auch dieses Angebot lehnt Carlos mit dem dunklen Hinweis ab, er wolle Domingo als Beichtvater („Siegelführer“, V. 97) nicht in Versuchung bringen, das Siegel des Beichtgeheimnisses zu brechen. Dies kann besagen, dass Carlos‘ Vergehen schlimm ist, kann aber auch andeuten, dass er sich nicht auf Domingos Verschwiegenheit wegen dessen Nähe zum König verlässt. Er begründet sein Misstrauen doppelt, einmal mit den Karriereplänen Domingos (Papstamt, V. 104), sodann mit der Tatsache, dass er Domingo als Gesandten des Königs ansieht (V. 105 f.). Domingo tut erstaunt; da holt Carlos noch weiter aus und gesteht, dass er sich von einem Ring von Spitzeln des Königs umstellt sieht.
Domingo hört auf, in Carlos‘ Geheimnis zu dringen, und fragt, ob Carlos zum Empfang kommt; der meldet sich eher resigniert dazu an, Domingo geht ab. In einem kleinen Schlussmonolog bedauert Carlos seinen Vater und deutet an, dass dieser „die fürchterlichste der Entdeckungen“ machen könnte, ohne zu sagen, worin diese bestünde. Aufgrund des Gesprächs kann sie nur mit dem Dreieck Philipp - Elisabeth - Carlos zu tun haben.

Zuerst hat Domingo das Gespräch bestimmt: Er spricht beinahe allein (bis V. 66); Carlos schweigt und wendet sich ab); Carlos setzt „ernsthaft und finster“ (Regie, hinter V. 68) zur Abwehr von Domingos an Versuchen an und erreicht, dass dieser „stutzt“ (V. 80). Er fasst jedoch Domingo bei der Hand (V. 99), als er ihm offen (V. 101) einen Korb gibt. Zum Schluss hat Carlos die größeren Anteile am Gespräch (ab V. 99).
  Domingos Versuch, dieses Geheimnis zu ergründen, was Carlos offensichtlich belastet, ist gescheitert; doch ist Carlos‘ Situation deutlich geworden: Er sieht niemanden, dem er vertrauen könnte, und ist damit für seinen alten Freund offen, dem er in der nächsten Szene begegnet. Ansonsten ist bisher nur der Konflikt zwischen Vater und Sohn deutlich geworden (Elis. Frenzel: Motive der Weltliteratur, unter „Vater-Sohn-Konflikt“), ohne dass dessen Ursache zu erkennen wäre: Carlos sieht sich wenig geliebt (V. 37 f.), ist seinerseits zornig auf den Vater, der ihm seine Braut weggenommen hat (V. 28 f.). Die Spannung zwischen Vater und Sohn, zwischen König und Kronprinz wird das Geschehen bestimmen, wobei eine schöne Frau zwischen ihnen steht. Möglicherweise wird auch der Mönch Domingo mit anderen zwischen den Parteien vermittelnden oder sie beeinflussenden Figuren eine Rolle spielen.

Analyse I 2
In dieser Szene tritt Posa erstmals auf; die Szene kann noch als zu I 1 gehörend angesehen werde, doch erhält das Geschehen jetzt einen deutlichen Antrieb, weil Posa des Prinzen Herzenswunsch planend und handelnd vertreten will. Man sollte I 1 nur als Folie sehen, vor der das Handeln in I 2 steht.
   Im ersten Teil des Gesprächs (bis V. 180) treffen die beiden Jugendfreunde für Carlos überraschend aufeinander. Seine Fragen und sein Jubel zeigen seine Überraschung, lassen ihn in Posa einen von Gott (V. 142) geschickten Engel (V. 144) sehen und Hoffnung für sein krankes Herz (V. 134) schöpfen. Posa ist darüber bestürzt, versteht nichts (V. 135 ff.) und ist auch enttäuscht: Er hat einen starken statt eines zitternden Carlos erwartet und trägt sein Anliegen vor: Er kommt als „Abgeordneter der ganzen Menschheit“ (V. 157), also der Menschlichkeit, und sucht einen Retter Flanderns (V. 153 ff.). Carlos enttäuscht dessen Hoffnung und tut alte Freiheitsgedanken als „Träume“ ab (V. 179), was Posa so nicht glauben will (V. 179 f.)
   Bis zu dieser Stelle, dem Anfang ihrer Begegnung, waren die Gesprächsanteile etwa gleich; von jetzt an bestimmt Carlos das Gespräch mit seinen Klagen und seiner Bitte um Freundschaft: „Laß mich weinen, an deinem Herzen (...), du einz‘ger Freund“ (V. 180 ff.), worauf Posa mit „sprachloser Rührung“ (V. 190, Regie) antwortet. Posa verlässt also die Bühne der politischen Aktion und geht auf Carlos als Mensch zu; dieser klagt, dass er keinen Vater hat (V. 193 f.), und erinnert Posa an eine alte Dankesschuld (bis V. 260), womit er zugleich einen Teil ihrer Vorgeschichte darlegt. Posa reicht ihm die Hand (hinter V. 260) und stellt sich seiner alten Verpflichtung.
   Damit ist der Weg für Carlos frei („jetzt“, V. 263), das vor Domingo gehütete Geheimnis (V. 267) zu lüften: dass er seine „Mutter“, also Elisabeth liebt (V. 270). Posa analysiert nach einem Schreckensruf (V. 270) die Lage nüchtern durch seine Fragen (V. 284 ff.); damit gibt er Carlos Gelegenheit, die Situation darzustellen und auch zu bewerten: In dieser Konfrontation mit dem Vater führt sein Weg „zu Wahnsinn oder Blutgerüste“ (V. 281). Carlos öffnet sich ganz auf Posas Bitte (V. 321) und zeichnet die dramatische Situation des Konflikts mit seinem Un-Vater (V. 305 ff. und V. 330 ff.); er sieht wie Posa (V. 345 f.), dass dieser Konflikt zum politischen Aufstand führen kann (V. 352 ff.). Damit ist der Handlungsrahmen des Dramas gespannt.
   Nach einigem Stillschweigen (V. 357) schaltet Posa sich in diesen Konflikt ein und übernimmt mit seinem Denken die Führung: Carlos solle nichts ohne ihn unternehmen, was dieser überglücklich verspricht (V. 362 f.); dann überlegt Posa, wie er ein Treffen der Königin mit Carlos arrangieren kann (V. 363 ff.) - und das bedeutet, dass er Carlos Herzenswünsche mit seinem eigenen politischen Ziel verbinden zu können glaubt: eine Utopie - wenn sie denn gelingt.

Zur Analyse von I 5
Die Szene I 5 ist die Schlüsselszene des 1. Aktes, weil die Liebe des Prinzen Carlos zu Elisabeth von dieser in politische Bahnen geleitet wird: „Elisabeth
War Ihre erste Liebe. Ihre zwote
Sei Spanien!“ (V.791/93) Sie gibt Carlos das, was sie ihm geben kann: „Die Freundschaft Ihrer Mutter. / Und diese Tränen aus den Niederlanden.“ (V. 805 f.)
   Wer hat das Gespräch herbeigeführt? Carlos hat es sich gewünscht (V. 369 f.), um Elisabeth seine Liebe zu gestehen; Posa hat es eingefädelt, um Carlos von seinem Liebeswahn zu heilen und in sein eigenes politisches Programm einzubinden (I 2 und I 4). Elisabeth hat Posa heimlich nach Carlos gefragt (V. 528 ff. und V. 610 f.) und die allegorische Erzählung Posas verstanden (V. 599 ff.) - sie hat so indirekt dem Gespräch zugestimmt (V. 610 f., vgl. V. 619 ff.), auch wenn sie über die Möglichkeit, Carlos zu sprechen, erschrickt (Regie, nach V. 620 und V. 622: „mit wachsender Verwirrung“).
   Zu Beginn stammelt Carlos mehr oder weniger klare Liebesgeständnisse; Elisabeth wehrt ihn ab und bittet ihn zu gehen (bis V. 655). Auch wenn Elisabeth an der Hofetikette leidet (I 3), ist ihr die Situation mehr als peinlich - sie weiß, dass sie den König „von diesem Überfalle“ berichten muss (V. 636 f.); so wirkt sie zunächst hilflos. Als Carlos sich weigert zu gehen, fragt Sie offen: „Was wollen Sie von mir?“ (V. 665). Damit leitet sie eine zweite Phase des Gesprächs ein, wobei Carlos ihre Ehe mit Philipp in Frage stellt und sich an dessen Stelle träumt (bis V. 703), was sie nicht hinnimmt. Sie gesteht: „Ich liebe [dich, N.T.] nicht mehr.“ (V. 714) Als Carlos ihre Aussagen „hinterfragt“, beruft sie sich auf ihre Pflicht und das unabwendbare Schicksal (bis V. 721).
   Als Carlos auch dies in Frage stellt und in Gedanken mit dem „Umsturz der Gesetze“ (V. 728) spielt, übernimmt Elisabeth die Gesprächsführung; sie greift seine Worte auf, um Carlos zurechtzuweisen, indem sie ironisch die Vision einer künftiger Leichen- und Mutterschändung entwirft (V. 734 ff.); so macht sie deutlich, dass Carlos die äußerste Grenze überschritten hat: Er verflucht sich darauf selbst (V.745) und schreit, dass er in seinem Konflikt wahnsinnig werde (V. 750 ff.). Sie hatte Carlos zuvor „lange und durchdringend“ (Regie, hinter V. 733) angeschaut; mit dem langen Blick hat Elisabeth Zeit gewonnen und ihre Gedanken geordnet.
   In der vierten Phase des Gesprächs äußert sie kurz Verständnis für des verzweifelten Carlos‘ „namenlose Pein“ (V. 755); doch dann fordert sie („Erringen Sie..., Ermannen Sie sich..., Verdienen Sie... und opfern Sie..., Bringen Sie..., [die zweite Liebe] sei Spanien“) ihn auf, sich seiner politischen Aufgabe zu stellen und dort seine Erfüllung zu finden. Carlos ist überwältigt und wirft sich vor ihr nieder (Regie, hinter 794): „Ja, alles, was Sie verlangen, will ich tun!“ Damit hat Elisabeth sich durchgesetzt und, ohne es zu wissen, Posas Ziele verwirklicht; nach einigen kurzen Worten, in denen sie Carlos „die Freundschaft Ihrer Mutter“ (V. 805) versichert, gibt sie ihm die Bittbriefe aus den Niederlanden. Kurz darauf erscheint der König.
   Der Schluss wirkt so, als beruhte er auf einem Zufall: Carlos geht bereits und kehrt noch einmal mit einer Frage um; da erst gibt sie ihm die Briefe, als sei ihr diese Aufgabe für ihn gerade eingefallen - hat sie doch auch erst kurz vorher die Briefe gelesen (V. 609). Carlos ist nun entschlossen (I 7), Flandern zu retten: „Sie will es - das ist mir genug.“ (V. 901 f.) Für eine politische Entscheidung ist das eine schwache Begründung, genau wie schon der Freundschaftsbund mit Posa Carlos reicht, sein Jahrhundert herauszufordern (V. 1013 f.)
   Carlos hat in seiner Liebe den Spruch des Himmels und der Natur vernommen (V. 673); er hat sich auffallend häufig auf das Herz als die bestimmende Größe berufen (V. 679, 696, 701, 715, 718); Elisabeth hat die Tugend als Möglichkeit dagegen gesetzt (V. 761, 767); sie identifiziert ihn als den Enkel des großen Karls (V. 763 f.), auf den sein Amt wartet (V. 787). Das ist ihm als (sublimierte?) wahre (Ersatz)Liebe angepriesen worden (V. 797 ff.); ob das einen Mann überzeugen kann, der sich beinahe so oft wie sein Geistesverwandter Ferdinand von Walter auf die Stimme des Herzens beruft?
   Auch Elisabeth wirkt in ihrer Königsamt-Rhetorik nicht ganz überzeugend: Carlos solle „die Wollust, [als König, N.T.] Gott zu sein“ (V. 790 f.), fühlen; das klingt aus dem Mund einer Frau, welche sich so deutlich als Mensch gezeigt (I 3) und Posas Entschluss, „sich selbst zu leben“ (V. 516), bewundert hat, etwas seltsam. Carlos‘ Verzicht und sein Entschluss, für Flandern einzutreten, entsprechen zwar Posas Plan, kommen aber doch recht schnell zustande, sodass man sie als Leser oder Zuschauer mit Skepsis betrachten kann.

Dramatische Situation am Ende von I
Als Herr und Lenker des Geschehens hat sich Posa gezeigt:
- Er hat sein politisches Ziel zunächst zurückgestellt und Karlos menschlich aufgefangen (I 2);
- er hat der Königin neben familiären auch Briefe aus den Niederlanden übergeben und so seine Befugnisse überschritten (I 4);
- er hat das Treffen Elisabeths mit Karlos arrangiert und darauf vertraut, dass die Königin seinen Ball „Briefe aus den Niederlanden“ weiterspielt (I 4);
- er schließt den Freundschafts- und Bruderbund mit Karlos, dem künftigen König Spaniens (I 9, vgl. I 2).
   Karlos leidet an der „unmöglichen“ Liebe zu Elisabeth, der Frau seines Vaters Philipp. Die Annäherungen Karlos‘ werden von Elisabeth energisch abgewiesen; sie verweist den Kronprinzen auf Spanien als seine zweite Liebe - als Mensch bleibe ihm die Freundschaft seiner Mutter (I 5). Sie übergibt ihm die Briefe aus den Niederlanden. Dadurch und durch den Freundschaftsbund mit Posa gestärkt ist der anfangs deprimierte Carlos schließlich entschlossen, sich beim König für die Niederlande einzusetzen (I 7; I 9). Er drängt auf einen Bruderbund, der auch den künftigen König binden soll (I 9), mit Posa, dem Freund und Bürger.
   Elisabeth, eine der Natur verbundene Frau, hat Posas allegorische Erzählung von den unglücklich Liebenden verstanden, sich über die Etikette hinweggesetzt und so indirekt das Treffen mit Carlos ermöglicht (I 4). Sie spielt Posas Spiel mit, hält Carlos jedoch auf freundschaftliche Distanz. Mit der Übergabe der Briefe greift sie von sich aus in das politische Spiel ein (I 5) und setzt auf die Karte der Freiheit.
   Philipp hat sich als eifersüchtiger Gatte, als argwöhnischer Vater und als unerbittlicher König eingeführt (I 6); Elisabeth leistet ihm Widerstand, was seine Kritik an ihr und der Mondecar betrifft - sie hat gegenüber Karlos nur Grenzen der Etikette, nicht der Moral überschritten.
   Die erste Frage am Ende von I ist die, ob Karlos‘ (noch unklarer Wunsch) beim König Erfolg haben wird. Latent bleibt die Frage, wie Posa sich als Gegenspieler des Königs und als Lenker der (potenziell von ihm instrumentalisierten) Figuren bewähren wird. Die dritte Frage lautet, ob Karlos sich mit der „Freundschaft“ Elisbeths begnügen wird. - Der König ist noch nicht handelnd in Erscheinung getreten, die Bedeutung des Freundschaftsbundes ist noch unklar, auch wenn Karlos gestärkt daraus hervorgeht. (überarbeitet 6/08)

Analyse II 2 (Aufbau, Stellung innerhalb von II)
Es kommt zu dem von Carlos gewünschten Gepräch mit König Philipp. Dieser will den Infanten empfangen (V. 1018), doch Carlos möchte als Kind den Vater sprechen (V. 1022 ff.) und setzt es durch, dass Alba sich auf Geheiß des Königs entfernt (II 1).
   Carlos beklagt, er sei verstoßen, und bittet mit großem Pathos (fällt nieder, 1040) um Versöhnung mit dem Vater (dreimal „jetzt oder nie“, V. 1056, 1060, 1070); der König weist seine dramatischen Gesten, erst recht seine Tränen (V. 1068) als Verstellung zurück. Da beklagt Carlos seinen Vater als einen „Fremdling“ (V. 1078), der nicht zu den Menschen zählt; doch gibt er den Kampf um das Vaterherz (V.1090) noch nicht auf; er beschuldigt die Höflinge, ihn aus des Königs Gunst vertrieben zu haben, und zeigt Philipp auf, wie dieser in ihrer Mitte allein ist (ab V. 1092 ff.). Dieses Stichwort nimmt Philipp „ergriffen“ auf (V.1111); Carlos hat einen ersten Teilerfolg errungen.
   Nun ergreift Carlos die Gesprächsführung und zeichnet das Bild vom „Erdenparadies“ (V. 1130), wenn sie beide Hand in Hand zusammenwirkten. Nach einem kurzen Wortwechsel darüber, wer denn wohl dieses Paradies bisher verhindert habe (V. 1131 ff.), zeigt Carlos, was ihn antreibt: „Ich bin erwacht, ich fühle mich.“ (V. 1151) Die Weltgeschichte rufe ihn zu Taten (1158 ff.).
   Mit seiner zweiten Bitte (V. 1161 ff.) leitet er eine neue Phase des Gesprächs ein: Er bittet um den Oberbefehl über das Heer, das nach Flandern gehen soll (V. 1164 ff.). Dreimal wiederholt diese Bitte (V. 1190 ff.), die der König entschieden ablehnt: Das Amt erfordere einen Mann; Alba werde gefürchtet; der „Herrschbegierde“ (1192) Carlos‘ könne er nicht sein bestes Heer anvertrauen. Als letzte Begründung seiner Bitte führt Carlos an, er selber brauche eine Luftveränderung, um sich als Mensch zu erholen (V. 1223 ff.). Diese unpolitische Begründung kontert der König mit dem Hinweis, solche Kranke bedürften guter Pflege unter der Obhut des Arztes (V.1229 ff.); er bleibt hart.
   Carlos ist außer sich; er fragt noch einmal den „Vater“ (V. 1234); der „König“ steht jedoch zu seiner Entscheidung (V. 1236). Philipp behält so die Unterscheidung von Vater und König bei, mit der Carlos das vertrauliche Gespräch erzwungen und auch einen Teilerfolg erzielt hat; bei politischen Entscheidungen will Philipp König, nicht Vater sein.
   In der folgenden kurzen Szene (II 3) deckt Philipp auf, dass Alba ihn als erster vor einem Anschlag seines Sohnes gewarnt hat (V. 1253 f.) und dass Carlos künftig seinem Thron näher steht, was jener aber nicht weiß (vgl. V. 2276 f. - einer der fatalen Irrtümer Carlos‘ in diesem 2. Akt). Alba, der von Carlos beleidigt worden war (V. 1033 f., vgl. V. 1389 f.), ist über dessen Verachtung (V. 1250) empört und legt Philipps Auftrag, sich mit Carlos zu versöhnen (V. 1251 f.), recht eigenwillig aus (II 5). Er ist „erklärter Feind des Prinzen“ (V. 2167 f.) und schmiedet mit Domingo ein Komplott gegen Carlos (II 10).
   Der Prinz hat den Weg zum Vaterherzen gesucht, wenn auch anders, als Domingo sich das vorgestellt hat (V. 5 f.). Für den Leser ist unklar geblieben, was zur Verstimmung zwischen Carlos und dem König geführt hat, ob das primär Albas Warnung (II 2) oder des Prinzen Liebe zu Elisabeth (I 1, I 2) gewesen ist; ob Philipp seinen Sohn ausgeschlossen (V. 1134 ff.) oder dieser des Vaters Gegenwart gemieden (V. 874 f.) hat.

Analyse II 15
Carlos und Posa haben sich zu einem Treffen im Kartäuserkloster verabredet, zwei Tage (V. 2266 f.) nach ihrem letzten Gespräch (in I 9); jeder wartet ungeduldig auf den anderen (II 14). Wie sich im Gespräch ergibt, will Posa wissen, wie Carlos‘ Gespräch mit dem König verlaufen ist, während Carlos Posa dafür einspannen will, ein Rendezvous mit Elisabeth zu arrangieren - die Situation gleicht der zu Beginn ihres ersten Gesprächs (I 5).
   Der Marquis fragt zuerst; Carlos antwortet „nebenbei“ (V. 2279), dass Philipp seine Bitte abgelehnt hat, worüber Posa maßlos enttäuscht ist (bis V. 2278). Dann trägt er sofort seine Bitte vor: „Ich muss sie sprechen -“ (V. 2281 f.), weil er neue Hoffnung habe. Er begründet diese damit, Elisabeth sei jetzt „frei“ (V. 2290), und erzählt die Geschichte seiner Begegnung mit Fürstin Eboli. Posa hat des Freundes Hoffnung als neuen Fiebertraum abgelehnt (V. 2287) und analysiert die Situation Carlos‘ gegen dessen schöne Hoffnungen negativ (V. 2323 ff.).
   Nach Carlos‘ Einwand, die Eboli sei „tugendhaft“ (V. 2328), bestimmt Posa das Gespräch: Er analysiert die Tugendhaftigkeit der Eboli als erzwungen, was sich zeige, wenn man sie mit der Elisabeths vergleiche (bis V. 2367). Als der Prinz seine Überlegungen heftig ablehnt (zweimal, V. 2367 und V. 2383) und erneut seinen Wunsch äußert, Elisabeth zu sprechen, was Posa ermöglichen soll, geht dieser energisch vor: Zuerst zerreißt er den Brief des Königs an die Eboli, also den Beweis von des Königs Untreue oder zumindest dem Versuch dazu. Dann blickt er Carlos lange durchdringend an (V. 2403; vgl. auch V. 733 und V. 1191) und holt zu einer moralischen Entlarvung von des Prinzen Egoismus aus (bis V. 2423): Carlos liebe, anders als früher, nur noch sich selbst. Der ist erschüttert, wirft sich in einen Sessel und beginnt zu weinen; Posa hat ihn moralisch besiegt.
   Der Marquis macht sich nun daran, seinen Freund wieder aufzurichten: Es liege nur eine „Verirrung lobenswürdiger Gefühle“ (V. 2426, ähnlich V. 2437 und V. 2445) vor: „Du hattest diesmal selbst dich missverstanden.“ (V. 2440) Das genügt, um Carlos so zu erheben, dass er Posa um den Hals fällt und alles tun will, „was du und hohe Tugend mir gebieten“ (V. 2462 - unklar ist, ob mit „hohe Tugend“ die Tugend selbst oder die tugendhafte Königin gemeint ist). Posa hat ihm nämlich angedeutet, ihm sei gerade ein kühner Plan eingefallen, „ein Anschlag, den höhere Vernunft gebar“ (V: 2457 f., vgl. V.2452 f.); aus Elisabeths Mund solle Carlos ihn hören und zu diesem Zweck sie wiedersehen. Sie umarmen sich zum Abschied; Posa wird noch informiert, dass die Post nach Flandern kontrolliert wird, dann gehen sie auseinander.
   Posa hat sich mit seinen politischen Zielen gegen die Herzenswünsche seines Freundes durchgesetzt, wenn auch nicht mittels seiner Psycho-Analyse (V. 2324 ff.), so doch mit moralischem Druck und mit etwas Gewalt (Brief zerrissen). Man gewinnt den Eindruck, dass Posa die Königin und ihre Ausstrahlung instrumentalisiert, um Carlos für seine wenn auch früher von Carlos geteilten politischen Ziele (vgl. 2413 ff.; V. 2010 ff.; V. 152 ff.) einzuspannen. Ihm fallen schnell Pläne ein, wenn es schwierig wird; er ist sich der Mitwirkung Elisabeths sicher. Carlos scheint ihm blind zu folgen, ohne selber mitplanen zu dürfen; er beugt sich den moralischen Argumenten Posas.

Dramatische Situation am Ende von II:
Karlos hat seinen Vater gesprochen, aber nicht den König erweichen können, ihm das Heer nach Flandern anzuvertrauen; seinen Teilerfolg beim König erkennt er nicht (II 3). Er hat auch nicht der Liebe zu Elisabeth entsagt und missversteht das Angebot der verliebten Prinzessin Eboli als Angebot Elisabeths. Dadurch kränkt er die verschmähte Eboli, die sich jetzt entschließt, aus Rache mit Domingo zusammenzuarbeiten, sich dem König hinzugeben und das vermeintliche Verhältnis Elisbeth-Carlos aufzudecken.
   Karlos wendet sich im Kartäuser-Kloster an seinen Freund Posa, um diesen dazu zu bewegen, ein Treffen mit Elisabeth zu arrangieren, weil er diese jetzt von ihrer Ehe frei glaubt. Posa stimmt ihn jedoch um, dass er wieder Flanderns Rettung als sein Hauptziel ansieht. Posa deutet an, einen großen Plan gefunden zu haben (V. 2452 f., V. 2457 f.), den die Königin Karlos darlegen soll.
   Damit ist Karlos wieder in der Situation von I 5: Er will tun, was man ihm gebietet, muss jedoch Posa machen lassen; die Situation hat sich aber durch Philipps Entscheidung für Alba und durch das Komplott der Eboli mit Domingo für die Gruppe Posa - Elisabeth - Karlos verschlechtert. Posas Plan kann auch bloß der Entscheidung Philipps entgegenwirken, weil Posa das Komplott ja nicht kennt.
   Die Fragen lauten in dieser Situation: Was wird sich aus dem Komplott Domingos ergeben? Was plant Posa? Wie wird er mit Karlos dem Komplott begegnen? (Und ist Karlos jetzt wirklich von seinem Liebeswahn geheilt?) (überarbeitet 6/08)

Täuschung und Selbsttäuschung (in „Don Carlos“ II)
Der 2. Akt steht auffallend unter dem Thema der Täuschung. Die Täuschung als Intrige, als „Kabale“ gehört bei Schiller zur Welt des Hofes, vgl. „Kabale und Liebe“. Als deren Meister erweist sich Domingo (II 10-13), der mit Alba und der Eboli zusammen gegen Carlos und die Königin konspiriert. Dieses Zusammenspiel läuft für die Männer auf die Sicherung der konservativen Monarchie, für die Eboli auf Rache an der angeblich verlogenen Königin und dem sie demütigenden, weil verschmähenden Carlos hinaus.
   Fürstin Eboli hat zuvor Carlos in ein heimliches Liebesspiel hineinziehen wollen, was um der Etikette willen nur hinter verschlossenen Türen stattfinden kann (II 4.6-8); sie ist bereit, um der Liebe willen des künftigen Königs heimliche Geliebte zu sein (1830 ff.). Die enttäuschte Eboli traut der Königin das gleiche ränkevolle Liebesspiel zu; in ihrer Enttäuschung will sie den „Betrug“ (V. 1946) der „Gauklerin“ (V. 1943) entlarven (vgl. V. 2133 ff.)
   Carlos ist zu seinem Vater gegangen, um diesen als Vater zu gewinnen und den Auftrag zu erhalten, das Heer nach Flandern zu führen. Er verquickt also zwei Motive, wie er bereits seinen diesbezüglichen Entschluss an Elisabeths Wunsch festgemacht hatte (V. 902). Der König weist seine vom Herzen bestimmte Annäherung als „Künste“ und „Gaukelspiel“ zurück (V. 1046, 1067). Das Spiel der Eboli wie das Verhalten des Königs werden von der Etikette bestimmt, deren Bedeutung bereits im 1. Akt deutlich geworden ist.
Im Gespräch mit dem König bekennt Carlos zweimal, dass er sich selbst gefunden hat (V. 1104, 1151 ff.), dass er sich dem Ruf der Weltgeschichte stellen will - Selbstfindung und Selbstverwirklichung aus I wirken nach; seiner Vision vom „Erdenparadiese“ (V. 1130) antwortet der König aber mit dem Einwand, Carlos sei ein Träumender (V. 1176), also gerade nicht „erwacht“ (V. 1151).
   Ein zweites Mal glaubt Carlos sich gefunden zu haben, als er den Brief der Eboli als den der Königin liest (V. 1298 und 1344, vgl. 1309); er sieht selbst, dass er sich getäuscht hat (und die Eboli enttäuscht hat) und glaubt, mit dem Geständnis der Wahrheit bei der vermeintlich reinen Eboli durchzukommen (V. 1844 ff.). Dass er sich irrt, weiß der Leser alsbald (II 9 ff.), und Posa biegt ihm bei, dass er da nur einem neuen Fiebertraum erlegen ist (V. 2287): „Du hattest diesmal selbst dich missverstanden.“ (V. 2440)
   Posa glaubt nun, mit einem kühnen Plan, den angeblich „höhere Vernunft gebar“ (V. 2458, vgl. 2450 ff.), sowohl Flandern wie Carlos retten zu können, nachdem er die Unschuld der Eboli im Vergleich mit Elisabeth als eigennützig und unecht erwiesen hat (V. 2329 ff.). Es ist aber noch offen, ob sein Plan wirklich aus der Vernunft stammt, da Posa an dessen Anfang bereits seinem Freund Carlos den Brief des Königs durch einen Betrug entwendet (V. 2399 f.).

Analyse III 10
Der König, von der Eboli über das (angebliche) Verhältnis seiner Frau mit Carlos informiert (II 10), ist voller Zweifel (III 1) an ihrer Treue und wendet sich nacheinander an Lerma (III 2), Alba (III 3), der ihn über das Treffen der beiden in Aranjuez informiert, und Domingo (III 4), der ihn mit dem Gerücht von der Illegitimität seiner Tochter konfrontiert, um schließlich zu bemerken, dass er von ihnen keine „Wahrheit“ (V. 2820) erhält; er sucht „einen Menschen“ (V. 2809), also jemand, der ihm wirklich offen und uneigennützig die Wahrheit bietet (V. 2820 ff.), und stößt dabei auf den Namen des Marquis Posa (2839), der unter allen seinen Beratern keinen Gegner hat (V. 2889 ff.) und den er zu sich bestellt (2930 f.).
   Posa hat sich bei Carlos, seinem Jugendfreund, als Abgesandter der Niederlande eingefunden (V. 153 ff.), hat der Königin entsprechende Briefe überreicht (Regieanweisung nach 505, V. 808); als Carlos‘ Bitte, das Heer nach den Niederlanden zu führen, vom König abgelehnt worden ist (II 2), hat Posa einen neuen Plan gefasst, den er aber Carlos nicht darlegt (V. 2452 ff.). Zum König gerufen, reflektiert er seine Situation und beschließt, in diesem Gespräch unabhängig von des Königs Absichten seinem eigenen Auftrag getreu zu handeln: „Ich weiß, / Was ich - ich mit dem König soll“ (V. 967 f.) und ihm „eine Feuerflocke Wahrheit“ (V. 2969) zu vermitteln.
   Das Gespräch in der langen Audienz entwickelt sich in mehreren Schritten. Zuerst dominiert der König, der sich von Posa ein erstes Bild machen will (bis 3004); Posa hält dabei an einer Stelle inne (3005) und zeigt, dass es außer dem Untertan auch noch den (der Vernunft gehorchenden) Weltbürger (3007) gibt, als der er sich dann vorstellt (bis 3084). Als der König sich erhebt und ihm gegenübersteht (Regie), muss er sich gegen den Vorwurf der Schauspielerei verteidigen (bis 3134). Das Auftreten Lermas unterbricht das Gespräch und Posa trägt dann seine Bitte vor: Angesichts der chaotischen Verhältnisse in Flandern fordert er vom König Gedankenfreiheit für die Untertanen (3215 f.), worauf er sich niederwirft und damit gleichsam der rebellischen Forderung die Spitze nimmt. Er begründet dann seine Forderung (bis 3252), worauf der König zunächst mit einem großen Schweigen reagiert (Regie); darauf antwortet dieser, Posa dürfe ein freier Mensch sein, mehr sei nicht drin (bis 3294). Der König beendet mit einem Machtwort dieses Thema und bindet dann Posa an sich, indem er ihm höchst vertrauliche Aufträge gibt: das Vertrauen der Königin und des Prinzen zu „gewinnen“, das Posa ohne des Königs Wissen längst besitzt - eine Übereinstimmung, die zu unübersehbaren Konsequenzen führen kann.
(Damit sind der Rahmen und der Aufbau des Gesprächs in sieben Schritten musterhaft beschrieben. Da die Gesamtanalyse zu umfangreich würde, begnüge ich mich mit der Analyse des zweiten Schrittes.)
   Posa hält in seiner Ausführung inne und scheint einen Einwand zu bedenken („Doch -“, 3005). Der König bemerkt es und fragt ihn danach (3005); Posa lenkt den Blick auf das Problem der Freiheit des Wortes (3007 f.), worunter auch die Gründe fallen, die ihn bewogen haben, aus dem Dienst des Königs zu scheiden (vgl. 2991 ff.). Vom König etwas provokativ befragt (3013 f.), stellt er die Chance, diesem die Wahrheit zu sagen, im Wert höher als sein dadurch vielleicht gefährdetes Leben. Der König blickt ihn darauf „mit erwartender Miene“ an. Posa hat nun das Wort und nutzt es zur großen Selbstdarstellung mit dem erstaunlich offenen Bekenntnis: „Ich kann nicht Fürstendiener sein.“ (V. 3022 und 3065) als Rahmen.
   Was das heißt, erklärt Posa in zwei Aspekten:
1. Als Diener müsste er auf Anerkennung („Beifall“, 3028) seines Herrn aus sein, statt auf den Wert seiner Taten an sich zu achten. Er will aber nicht in diesem Sinn bloß Meißel in der Hand eines anderen, sondern selber „Künstler“ sein (3036 f.): „Mir hat die Tugend eignen Wert.“ (3030).
2. Die entsprechende Möglichkeit, die ganze Menschheit zu lieben, sei ihm in Monarchien deshalb genommen, weil er als Diener nach der Logik des Dienens nur sich selbst lieben könne (bis 3039). Hier spricht Posa im Sinn einer Sentenz des an Kant geschulten Autors Schiller:
 „Der eine fragt: Was kommt danach?
 Der andre fragt nur: Ist es recht?
 Und also unterscheidet sich
 der Freie von dem Knecht.“ (auswendig zitiert, im Moment nicht nachweisbar)
Der König sieht unter dem Stichwort „Gutes stiften“ die Differenz zwischen dem frei Denkenden und dem loyalen Bürger aufgehoben und bietet Posa an, sich selbst eine passende Aufgabe („Posten“, 3043) zu suchen. Posa lehnt dieses Angebot ab, weil es diesen Posten nicht gebe, und kommt in seiner Begründung auf die aufklärerische Frage nach der Wahrheit zu sprechen. Er bindet den Zugang zum Glück (bis 3054) und die Möglichkeit zur Bruderliebe (3059/64) an das Recht, die Wahrheit unverkürzt zu suchen und zu sagen (3055 ff., 3061), wogegen ein König nur eine frisierte Wahrheit dulden könne. Die Freiheit, die hier in der Trinität von Glück, Liebe, Wahrheit gefordert wird, führt auf den Weg der Aufklärung (vgl. Kants Antwort auf die Frage: Was ist Aufklärung?).
   Den Einwand oder Vorwurf des Königs: „Ihr seid ein Protestant.“ (3065 f.), der diese Aufklärung in die Sprache des 16. Jh. „übersetzt“, weist Posa zurück (3066 f.), indem er dem König „religiös“ widerspricht, politisch aber Recht gibt: Das Geheimnis königlicher Macht werde durch Denken entzaubert (3068/70). Weil er selbst gedacht habe, sei er „gefährlich“ (3073). Posa versucht die voraussehbare Angst oder Sorge des Königs zu zerstreuen: Er wolle seine Wünsche nicht in die Öffentlichkeit tragen (3074 f.); was das bedeutet, wissen wir seit Kants genanntem Aufsatz von 1784. Posa stellt sich als bloß denkenden Mitbürger „derer, welche kommen werden“ (3080), seine Vorstellungen als bloßes „Gemälde“ (3081), nicht als politischen Plan dar, um des Königs Angst zu zerstreuen; er stellt dem König anheim, mit einem Befehl („Ihr Atem“) ihm Stillschweigen aufzuerlegen. Abschließend fragt der König, ob er als erster von solchen Gedanken Posas erfahre; Posa lügt, als er „Ja“ sagt (3084).
   Posa hat diesen Teil des Gesprächs wesentlich bestimmt. Er hat einen kühnen Vorstoß unternommen und gleichzeitig mit dem Hinweis, er sei kein Revolutionär (3075/78) und wolle sein Vision jetzt noch nicht verwirklicht sehen (3079 f.), sondern im Namen der Weltgeschichte sprechen (vgl. 3188/92), aus höherer Vernunft sozusagen, dem König die Möglichkeit gegeben, moderat zu reagieren. Beide gewinnen im Hinblick auf den ausstehenden Ausgang der Weltgeschichte Zeit. (Das ist das Ergebnis.)
   Durch Guthke („Schillers Dramen“, 1994) angeregt möchte ich kurz ausdrücklich auf das Stichwort „Künstler sein“ als Ziel Posas hinweisen (3037); in diesem Künstlersein spielen Pflicht und eigenes Wollen im Sinn Schillers bzw. Kants zusammen. Das utopische Gesamtbild seiner Vorstellungen nennt Marquis Posa entsprechend ein „Gemälde“ (3081).

Posa als Künstler
Angeregt durch Guthkes Ausführungen zu III 10 kann man das Motiv des Künstlers, der die Welt gestaltet und sich selbst damit verwirklicht, weiter verfolgen (in IV 3, 5, 12, 13; letzte Begegnungen in IV 21 und V 1, 3; nachträgliche Würdigung in V 4, 8, 9).
   Man kann dabei einmal darauf achten, an welchen Stellen das Motiv des Künstlers anklingt, etwa in Posas Äußerung:
„Zur höchsten Schönheit wollt ich ihn erheben“ (V. 4328),
und die Königin brauche sich nicht zu schämen,
„Der Heldentugend Schöpferin zu sein“ (V. 4354). Carlos solle die erste Hand an den rohen Stein des neuen Staates legen (V. 4281 f.; vgl. 4356 f.: Carlos als „Maler“) Dementsprechend wird der König von Carlos als „der große Künstler“ (V. 4762), also als Anti-Künstler verspottet; Posa sei dagegen ein „feine(s) Saitenspiel“ gewesen, das folgerichtig „in Ihrer metallnen Hand“ zerbrochen ist (V. 4821 f.).
   Man kann aber auch untersuchen,
a) welche Sachfragen bei Posas Künstlertum zur Debatte stehen und
b) wie Posa von den Figuren unterschiedlich beurteilt wird -
c) womit sich unser eigenes Urteil über Posas Handeln bilden mag.
   Da ist zunächst der politische Plan Posas, den angeblich „höhere Vernunft“ gebar (V. 2458; 3479 f.; 4801; 4977 ff.), welcher zum einen den Aufstand der Niederlande unter Carlos‘ Führung vorsieht (V. 3460 ff.), zum anderen den gleichzeitigen Angriff der türkischen Flotte (V. 4966 ff.) zur Entlastung der Aufständischen. Dabei ist es Posa selbst bewusst, dass hier das Mittel fast so schlimm wie die Gefahr ist (V. 3460 f.); er gesteht der Königin, dass er Carlos‘ Liebe zu ihr bewusst politisch instrumentalisiert hat (V. 4327 ff.), und er bekennt Carlos, sein Plan sei daran gescheitert, dass er des Freundes „Herz“ vergessen habe (V. 4526 f.).    Carlos rühmt in der harten Auseinandersetzung mit seinem Vater Posas Fähigkeit, solchermaßen mit Menschen zu spielen (V. 4801). Vorher hat er jedoch wie die Königin solch zynisches Spiel beklagt (V. 3969 f.; 4513 f.; 4385 ff.). In V 1 wird deutlich, dass Posas Unaufrichtigkeit oder halbe Ehrlichkeit zum Scheitern seines Plans beigetragen hat, dass aber deren Aufklärung und sein Opfertod ihm die ergebene Bewunderung Carlos‘ sichern. (Zum Stichwort „unaufrichtig“ vgl. V. 3405; IV 5; V. 3577 f.; IV 12; „weltkluge Sorgfalt“ V. 4526).
   Posa reflektiert seine Schuld im Gespräch mit Elisabeth (V. 4220 ff.) und mit Carlos (V. 4619 ff.), wobei er gesteht: „Raserei
War meine Zuversicht. Verzeih - sie war
Auf deiner Freundschaft Ewigkeit gegründet.“ (V. 4645/47)
Mit dem Lob der Freundestreue, die bis in den Tod reicht und Carlos zur großen Entsagung führt (V. 5310 ff.), endet das Stück (V 4, 9).
   Auch die menschliche Vollendung führt in den Untergang; politisch hat das Freiheitspathos des Marquis sich nur der gleichen Mittel wie der König zu bedienen gewusst und nichts erreicht.

Neue Untersuchung: Aufbau III 10
1. Einleitendes Gespräch: warum Posa nicht im Dienst des Königs ist;
Posa unterscheidet, wie er als Weltbürger - als Untertan spricht.
Er bekennt: Ich kann nicht Fürstendiener sein (V. 3023).
2. Er erklärt, warum er nicht Fürstendiener sein kann:
Der König verbreitet kein Menschenglück;
Posa möchte den Bruder lieben und denken dürfen.
„Ich kann nicht Fürstendiener sein.“ (V. 3065, Wdhg. von 3022)
Er beruhigt den König: Diese Vision betrifft erst die Zukunft (V. 3079 f.);
der König höre sie als erster aus seinem Mund (V. V. 3083 f.)
3. Der König äußert den Verdacht, Posas Rede sei ein Trick, um Karriere zu machen.
Posa entschuldigt diese kleinliche Denkweise des Königs (V. 3091 ff.)
und zeigt, dass der König zum „Gott“ gemacht worden und doch sterblich geblieben
ist (V. 3109 ff.); der König ist betroffen (V. 3121 f.).
4. Am Beispiel von Flandern und Brabant zeigt er, dass der König nur den Tod sät;
er fordert ihn auf, das Menschglück zu fördern und Gedankenfreiheit zu geben.
Er verbindet diese Forderungen mit einer politischen Analyse des europäischen
Geschehens (V. 3162 ff.) und mit seiner Philosophie der Freiheit (V. 3217 ff.).
5. Der erstaunte König (V. 3216) denkt über Posas Reden nach (V. 3252/53).
er warnt ihn vor der Inquisition, will ihm persönlich aber alle Freiheit lassen und
erlauben „Mensch zu sein“ (V. 3278). Als Posa noch einmal auf Flandern zu
sprechen kommt, winkt der König ab (V. 3285 ff.).
6. Philipp stellt Posa ab sofort in seinen Dienst, nachdem dieser sich noch geziert
hat (V. 3295 ff.).
7. Er erinnert sich seines Anliegens („Wahrheit“, V. 3302, vgl. 2820) und erteilt Posa
den Sonderauftrag, Elisabeth und Carlos auszuforschen (bis 3350).
„Der Ritter wird künftig ungemeldet vorgelassen.“ (V. 3353 f.)
(Diese neue Untersuchung vom April 2007 wird nachgetragen, weil III 10, die Schlüsselszene des 3. Aktes, ungemein komplex ist - ich habe einen zweiten Versuch des Verstehens unternommen; eine detaillierte Analyse der ganzen Szene ist im Unterricht aus Zeitgründen kaum zu leisten.)

Dramatische Situation am Ende von III
Der 3. Akt wird von der Figur des Königs und dem Aufstieg Posas bestimmt: Philipp zeigt sich als hilfloser Mensch (bis III 5), als kluger König (bis III 7) und als Gesprächspartner Posas, den er in seinen Dienst nimmt (III 10).
   Der Ehebruch des Königs ist geschehen, die Schatulle Elisabeths ist erbrochen (vgl. IV 1 und IV 9) - der König ist vom Zweifel an Elisabeths Treue erschüttert und sucht Gewissheit; Lermas Bekenntnis zu Elisabeths Tugend überzeugt ihn so wenig wie die Vorwürfe Albas und Domingos. Auf der Suche nach einem Menschen und Freund, der ihm die Wahrheit sagt, ist er auf den Marquis Posa gestoßen (III 5), dessen Auftritt als Prophet eines freiheitlichen Staates ihn fasziniert und den er als Ratgeber und zur Untersuchung von Elisabeths Treue einstellt, ohne dessen Verbindungen zu Elisabeth und Karlos zu kennen.
   Damit scheint das Komplott der Eboli und Domingos abgeschmettert zu sein. Die Fragen lauten jetzt: Hat Philipp seine Zweifel wirklich überwunden? Was wird aus Flandern? Was wird aus Posas Plan von II 15? Wozu wird er seine neue Machtstellung nutzen? Eine Wende des Geschehens zum Guten (im Sinn der Menschlichkeit) scheint möglich zu sein; Don Karlos ist in den Hintergrund getreten. (überarbeitet 6/08)

Analyse IV 3
Diese Szene ist eine Schlüsselszene des 4. Aktes, weil Posa hier seinen Plan enthüllt und Elisabeth ihre Rolle zuweist. Elisabeth scheint Posa gut zu kennen (V. 3417), ohne dass jemals klar würde, woher sie ihn kennt; dass er im Turnier für sie gekämpft hat (V. 485) und ihr Briefe überbringt (I 2), kann die Bekanntschaft nur bestätigen, nicht erklären. - Elisabeth hat bemerkt, dass der Schlüssel ihrer Schatulle fehlt (IV 1); der Zuschauer weiß aus dem Auftreten der Eboli nach ihrer „Krankheit“, dass sie mit dem König geschlafen und die Schatulle erbrochen hat. Was Elisabeth vom Geschehen seit I 5 weiß, wissen wir nicht; sie hat das Duell Carlos‘ mit Alba beendet und mit diesem danach gesprochen - mehr weiß man nicht. Der Akteur ist hier der Marquis; sein Handeln knüpft an die Absprache mit Carlos in II 15 an.
   Posa möchte die Königin allein sprechen und beruft sich dabei auf seinen Auftrag; im Wortgeplänkel darüber, wie es möglich ist, dass ausgerechnet er in des Königs Auftrag kommt (V. 3379 ff.), bezeichnet Elisabeth den Marquis als einen Menschen, der nichts „unternähme, was nicht geendigt werden kann“ (V. 3400 f.), was der (vielleicht nur rhetorisch?) bezweifelt - ein hellsichtiger Hinweis auf das Ende des 4. Aktes, wo er gescheitert ist; das Gespräch IV 21 sollte man als Gegenstück zu IV 3 lesen.
   Elisabeth wirft ihm dann, um sich seine neue Position zu erklären, in Posas Worten „Zweideutelei“ vor (V. 3405, ohne das Wort selber auszusprechen); sie spricht von „Unredlichkeit“ (V. 3405 f.) und fragt, ob der gute Zweck solche schlimmen Mittel heiligen kann (V. 3408 f.). Posa rechtfertigt sich damit, dass er den König nicht betrügen, sondern ihm „redlicher“ dienen wolle, „als er mir aufgetragen“ hat (V. 3415 f.) - eine Erklärung, die Elisabeth als zu Posas Charakter passend gelten lässt; sie unterschätzt offensichtlich Posas Intrige, die sie noch nicht kennt, und glaubt den Worten vom redlichen Dienst.
   Sie fragt dann: „Was macht er?“ (V. 3417) Vermutlich meint sie den König; Posa überbringt ihr dessen Auftrag oder Befehl (V. 3418 ff.). Als sie weiter fragt und dabei ihm zugesteht, ihr etwas als geheim vorzuenthalten (V. 3430 ff.), rechtfertigt Posa sein Schweigen mit der engelgleichen (V. 3441) Tugend Elisabeths, welche Warnungen an sie überflüssig machten - zu Recht, wie sich in IV 9 und IV 14 zeigt.
   Als Posa des Prinzen Bitte erwähnt, Elisabeth zu sprechen, lehnt sie das indirekt mit dem Bekenntnis ab, sie sei unglücklich; wenn das Carlos sähe, würde er auch nicht glücklicher. Posa kontert: Das würde Carlos tätiger machen (ein Vorgriff auf seine Enthüllungen in IV 21). Er entwickelt dann seinen Gedanken, Carlos müsse etwas tun und Flandern müsse gerettet werden. Auf Elisabeths Frage erklärt er, das Mittel dazu sei „fast so schlimm als die Gefahr“ (V. 3461). Elisabeth spricht es aus: „Rebellion“ (V. 3468). Posa weist ihr den Part zu, dies Carlos zu sagen. Er erklärt ihr, wieso der in Flandern erfolgreiche Carlos vom König dann akzeptiert würde (V. 3468 ff.).
   Die Königin zögert, bei diesem Plan mitzumachen; schrittweise begeistert sie sich dafür, als Posa ihr erklärt, dass bewährte Heerführer des alten Kaisers Karl den unerfahrenen Carlos dann berieten; sie überlegt schon, welche Mittel sie zum Gelingen beisteuern kann (V. 3494 ff.). Sie erkennt bedrückt, dass Carlos‘ Rolle in Madrid diesen jedenfalls nicht ausfüllen kann. Als sie sich noch einmal überlegen will, ob sie wirklich mitspielt, setzt Posa sie unter Zeitdruck (V. 3500 ff.), er müsse Carlos eine Antwort übermitteln. Die Königin willigt unter diesen Umständen in das Gespräch mit dem Prinzen ein. Posa hat offensichtlich sein Ziel, die Königin für den von ihm geplanten, von Carlos angeführten Aufstand in Flandern zu gewinnen, erreicht.
   Im Schlussgeplänkel geht es um die Frage, wie der Marquis zu seiner Vollmacht („Freiheit“, V. 3506) kommt, die Königin jederzeit zu besuchen; Posa erklärt ihr aber nichts. Sie ist jedoch davon begeistert, dass nun in Flandern die Freiheit in Europa einen Platz finden kann; das veranlasse sie dazu, „meinen stillen Anteil“ (V. 3513) zu leisten. Als Herzogin Olivarez erscheint (V. 3514), hört das vertrauliche Gespräch sofort auf und der Ton der Etikette kehrt zurück.
   Ein Teil von Posas Plan ist offenbar geworden; die Königin ist bereit, bei Posas Spiel mitzumachen, obwohl sie seine Unredlichkeit gegenüber dem König und die vermeintlich gute „Rebellion“ erkennt. Es scheint so, als könnte Posas Plan zur Rettung Flanderns und zur Aktivierung des Freundes Carlos gelingen.

IV 9 – Analyse: Gesprächsabschnitte
Situation:
Elisabeth vermisste die Schlüssel ihrer Schatulle und wollte diese deshalb aufbrechen lassen (IV 1); dies ist inzwischen geschehen – sie hat entdeckt, dass sie bestohlen worden ist, und will beim König Hilfe holen.
   Philipp hat ohne Wissen Elisabeths aus dieser Schatulle Briefe und ein Medaillon Carlos’ in seinen Besitz gebracht und ist von Eifersucht aufgewühlt (seit III 1); er hat gerade erst wieder in dieser Eifersucht seine Tochter von sich gestoßen (IV 7) und will Elisabeth in dieser Stimmung nicht sprechen (IV 8). Doch sie betritt das Zimmer ohne Erlaubnis.
IV 9 – Gesprächsabschnitte
1. Elisabeth bittet kniefällig um Hilfe und teilt dem König mit, was ihr fehlt; dieser wiederholt beinahe sarkastisch einzelne Phrasen, sodass (ab 3691) seine Vorwürfe deutlich werden, welche Elisabeth zu entkräften weiß. Der König ist bewegt, ohne dass dies deutlich erklärt würde.
2. Als die Infantin das vermisste Medaillon auf dem Boden entdeckt, was den König als Täter zeigt, klagt Elisabeth ihren Mann ironisch und auch ihn beklagend wegen seines Vorgehens an. Der König geht zum Gegenangriff über, indem er an ihre Lüge in Aranjuez erinnert (3720). Es kommt zu einem Streit um die verletzte „Ehre“ (3729 ff.). Gegen des Königs Frage nach dem „Warum?“ behauptet Elisabeth sich: Sie wollte Carlos sprechen (und setzt ihre Einsicht über „den Gebrauch“, also die höfische Sitte); und sie will jenen in Zukunft nicht gering schätzen müssen, nur weil er ihr Verlobter war.
3. Gegen diese Selbstbehauptung setzt der König seine Drohungen (ab 3772): Er wolle keine Verfehlung mehr hinnehmen; Elisabeth verteidigt sich mit der Frage: „Was hab ich denn begangen?“ Der König geht so weit, dass er droht, sich über jede Schranke hinwegzusetzen: „Dann meinetwegen fließe Blut -“ (3777). Sie kann ihn nur noch bedauern – der König stößt in der Wut seine Tochter fort und wirft seiner Frau Ehebruch vor.
4. Damit hat er eine Grenze überschritten – Elisabeth nimmt die Infantin und kündigt an, sie werde in Frankreich Helfer und Rechtsbeistand suchen. Sie geht und bricht zusammen (ab 3794). Philipp lenkt ein, entschuldigt sich auch unbeholfen („fürchterlicher Zufall! Blut“); er fürchtet einen Skandal und bittet Elisabeth aufzustehen.
Ergebnis des Gesprächs:
In der Härte der Konfrontation ist einiges klar geworden: Der König traut der Treue seiner Frau nicht; diese setzt der Etikette ihren Willen und ihre Selbständigkeit entgegen. Der König greift zwar schon unbewusst auf das Ende des Geschehens vor („Dann meinetwegen fließe Blut -“), scheut hier aber noch vor dieser letzten Konsequenz zurück, weil Elisabeth ihre Unschuld als Ehefrau glaubhaft dargestellt hat (vgl. IV 10): ein retardierendes Moment vor dem Untergang. Erst wenn das Reich durch den Hochverrat der Kronprinzen gefährdet ist (V 11 nach IV 3), bricht die Katastrophe herein.

Ich möchte ausdrücklich auf diese Kurzform der Analyse als Möglichkeit hinweisen, die mit der Zeitknappheit bei Klausuren rechnet; zu ihr gehört:
* Situation der Gesprächspartner, wie sie sich aus der Vorgeschichte ergibt;
* Abschnitte oder Phasen des Geschehens (nicht des „Inhalts“!);
* Ergebnis des Gesprächs.
Eine solche Kurzanalyse stellt eine große Hilfe für das Verstehen dar, weil sie es verhindert, dass der Blick sich in den Einzelheiten verliert.
   Ein Kurzanalyse kann auch dazu dienen, mit der Zeitknappheit in Klausuren pragmatisch umzugehen: Entweder verzichtet man auf die Detailanalyse und begnügt sich mit einer Analyse auf der Ebene der Gesprächsabschnitte bzw. –phasen; oder man setzt diese Übersichts-Analyse in Einzelanalysen fort, soweit die Zeit reicht.  

Dramatische Situation am Ende von IV
Die Situation ist verworren, viele Handlungsstränge laufen nebeneinander: Zunächst wird Posas Plan offenbart: Er möchte Karlos an die Spitze einer Revolte stellen (IV 3); er spielt aber auch gegen Karlos nicht mit offenen Karten (IV 5) und erhält vom König alle Vollmachten (IV 12). Elisabeth kann die Vorwürfe des Königs abwehren (IV 9); die Intrige der Eboli wird entdeckt (IV 9; IV 12; IV 19). Da aber Lerma Karlos über Posas Agieren informiert (IV 4 und 13), wird Karlos unsicher (IV 6 und 13) und hängt sich erneut an die Eboli (IV 15), was unklare Folgen hat (IV 16 f.). Der Königin gesteht Posa schließlich, dass sein Plan gescheitert ist, weil er zu hoch und unaufrichtig gespielt hat, dass er sich jetzt aber für Karlos opfert (IV 21) und dieser so der Utopie verpflichtet sei; sein Brief in die Niederlande wird abgefangen (IV 22), Alba verkündet Domingo den Sieg (IV 25).
   Der Verlierer des 4. Aktes ist Marquis Posa. Die Fragen nach diesem Akt lauten: Warum ist Posas Plan gescheitert? Was wird aus dem von Posa verhafteten Karlos, der an Posas Treue zweifelt? Was wird aus Elisabeth und ihrer Ehe? Worin besteht der von Alba und Domingo gefeierte Sieg? (überarbeitet 6/08)

Analyse V 1 (und V 3)
Vielleicht darf man V 3 als die Schlüsselszene des 5. Aktes bezeichnen; zu ihr gehört unmittelbar V 1 (eine Art Doppelszene bzw. große Szene mit Unterbrechung durch V 2): Posa erklärt seinem Freund das undurchschaubere Geschehen und stirbt für ihn, was aus Carlos einen anderen Menschen macht (V 11).
   Carlos glaubt sich dank Lermas Information von Posa hintergangen (IV 4 und IV 13), hat sich dann in seiner Verzweiflung an die Eboli gewandt (IV 15) und ist verhaftet worden. Posa kommt vermutlich zu Carlos, um ihm sein eigenes Handeln und des Freundes Situation zu erhellen bzw. ihm Beistand zu leisten (V. 4489 f.). Er hat jedoch dessen Gefühle bzw. dessen Unverständnis, wie sich bald im Gespräch ergibt, verkannt.
   Die erste Regieanweisung („steht auf...“) zeigt dies; Carlos „fährt erschrocken zusammen“, als Posa erscheint. Er „freut“ sich, dass dieser ihn nicht vergessen hat (V. 4492) und ihm doch irgendwie „gut geblieben“ (V. 4493) sei. Posa versteht Carlos‘ traurigen Tonfall erst, als dieser von Posas „Milde“ und harter Tugend spricht und sich selbst als „Opfer“ bezeichnet (V. 4495 ff.); da fragt Posa: „Wie meinst du das?“ (V. 4506) Carlos stellt nun seine Sicht dar: Seine Liebe zu Elisabeth habe ihn zerrüttet, Posa könne als Günstling des Königs der Retter Spaniens werden; er billigt Posas vermeintliche Planung, weil er selbst offenbar Spanien zu retten „gesollt und nicht gekonnt“ habe (V. 4507 ff.). Posa ist erschüttert, dass ihm diese vermeintliche Untreue von Carlos vergeben wird (V. 4522 ff.), und bekennt, dass er sich verrechnet hat: „Mein Gebäude stürzt zusammen ich vergaß dein Herz.“ (V. 4526 f. - so hatte ihm bereits Elisabeth vorgeworfen, er habe sie und ihr Herz vergessen, V. 4343 ff.). Carlos versteht Posas Reaktion nicht und wirft ihm nun vor, dass auch Elisabeth geopfert werde, nimmt aber den Vorwurf sogleich zurück (V. 4528 ff.).
   Diesen Vorwurf weist Posa als ungerecht ab (V. 4536) und gibt Carlos dann einige Briefe (vgl. IV 5) zurück; im Gespräch über diese Briefe zeigt sich, dass Carlos weiß, dass der König einige seiner Briefe kennt, was aber Posa nicht wusste: Lerma hatte jenen informiert (V. 4540 ff.). Posa erklärt ihm dann, dass er Carlos aus g tem Grund verhaftet habe, um ihn vor Gräfin Eboli zu schützen. Da geht Carlos ein Licht auf, er ist „wie aus einem Traum erwacht“ (V. 4558): „Ha! Nun endlich! Jetzt seh ich - jetzt wird alles Licht -“ (V. 4558 f.). [Darüber kommt Alba und unterbricht das Gespräch, um ihm mitzuteilen, dass er frei ist (V 2). Carlos beharrt jedoch darauf, dass der König selber kommt, ihm dies mitzuteilen.]

Analyse V 3
Carlos fragt verwundert, wieso wohl Alba trotz Posas Aufstieg gekommen sei; Posa versteht, dass dessen Kommen seinen eigenen Unte gang bedeutet, den er durch den Brief nach Flandern (IV 22) selbst eingeleitet hat. Er preist das Gelingen seines neuen Plans (bis V. 4604) und schickt sich an, von Carlos Abschied zu nehmen; Carlos ist erschüttert. Posa erklärt dann in einer langen Rede, die nur gelegentlich kurz von Carlos unterbrochen wird, wie und warum er so gehandelt hat: um Carlos in vermeintlicher Feindschaft „kräftiger zu dienen“ (V. 4634). Dann bekennt er, dass er im Vertrauen auf Carlos‘ Freundschaft („auf deiner F eundsc aft Ewigkeit g gründet“, V. 4647) diesem nicht seinen Plan mitgeteilt hat, was Carlos zu seinem unbedachten G ng zur Eboli veranlasst habe (V. 4640 ff.); das wiederum habe ihn gezwungen, Carlos zu verhaften und den verräterischen Brief nach Brabant zuschreiben (V. 4670 ff.).
   Während der Rede ist Carlos aus seiner Versteinerung erwacht und aufgest de (V. 4648 ff ); als er dann be reift, dass Posa den Brief absichtlich hat entdecken la sen, begreift er diese Opfertat nd erstarrt (V. 4709). Er will sofort zum König, um diesen über den Betrug aufzuklären; Posa verhindert das. Im heftigen Wechselgespräch erinnert Posa ihn daran, dass Carlos selbst für den Freund einst eine Strafe übernommen hat - dabei sieht er ihn „bedeutend“ an (V. 4715 ff.) - hier schließt sich der in I 2 eröffnete Kreis im Dank für die alte Freundestat. Posa ist also das Opfer, nicht Carlos (V. 4504 f.). Carlos ist gerührt, voller Bewunderung (Regie, hinter V. 4718 - solche wird ihm selber dann von Elisabeth zuteil, V 11).
Posa kann nun sein Testament eröffnen: „Rette dich für Flandern!
Das Königreich ist dein Beruf. Für dich
Zu sterben war der meinige.“ (V. 4718/20) Carlos widerspricht: Nein!
Er will zum König gehen, um ihn durch solche Freundestat menschlich zu rühren und selber Verzeihung zu erlangen (V. 4720 ff.). Da wird Posa durch die Gittertür erschossen; er sagt zu Carlos noch, dass Elisabeth alles weiß. Er stirbt. Der König erscheint mit den Granden.
   Von Posas Freundschaftstat ist Carlos überwältigt, von seinem Tod erschüttert; er sagt sich vom König als Vater los (V 4 - im Gegenzug zu I 1 f. und vor allem II 2), um Posas Testament zu erfüllen, und beschuldigt ihn des Mordes an Posa. Der König ist dadurch seelisch zerstört. Was aus dem verzweifelten König in der allgemeinen Bestürzung wird, ist unklar.

Analyse V 11
Diese Szene ist der Höhepunkt des Dramas, weil sie Carlos‘ Vollendung im Untergang zeigt: Er wird verhaftet (und hingerichtet), aber er ist als Mann und Königssohn infolge der Freundschaftstat Posas reif geworden.
   Gegen Lermas guten Rat (V 7) ist Carlos nicht geflohen, sondern hat auf das nächtliche Treffen mit der Königin gewartet, weil Posa den Auftrag dazu gegeben hat (V. 4887 ff.). Die Königin soll Carlos in seiner Mission nach Flandern bestärken (IV 21), was sachlich gar nicht mehr nötig wäre, da Carlos, von des Freundes Opfertod überwältigt, bereits entschlossen ist, dessen Testament zu erfüllen (V 3) und die Aussöhnung mit dem Vater ausgeschlossen hat (V 4).
   Elisab th eröffnet das Gespräch mit dem als Kaisergespenst verkleideten Carlos; sie weiß nicht, in welcher Verfassung Carlos zu ihr kommt, und schließt mit Berufung auf den großen Toten jede menschliche An äherung aus (V. 5283 ff.); dann bittet sie Carlos um ihrer Zusage willen, Posas Auftrag zu erfüllen (V. 5291 ff.). Als der Prinz begeistert verspricht, ein „Paradies“ (in Flandern, in Spanien?) zu erschaffen, ist Elisabeth ihrerseits begeistert (V. 5297 ff.); sie spricht dann von Posas zweitem Auftrag und will die Stimme ihres Herzens sprechen lassen, dass sie nämlich Carlos immer lieben werde (V. 5302 ff., vgl. V. 4368 ff.).
   Carlos ahnt, was kommt, und lässt die „Königin“ (statt Elisabeth) nicht aussprechen: „Vollenden Sie nicht...“ (V. 5310). Von nun an redet eigentlich nur er noch. Er erklärt ihr, er sei aus einem Traum erwacht (V. 5310/12, vgl. V. 1151). Er sei frei von Leidenschaft; es gebe höhere Güter, als Elisabeth zu besitzen; er sei „zum Mann gereift“ (V. 5324) und müsse nur noch „die Erinnerung an ihn“ pflegen (V. 5325 f. - vgl. den Wechsel des Pronomens: „sie selbst“, V. 1266). Elisabeth bewundert diesen großen Carlos (V. 5330 und V. 5351) in einer in ihrem Pathos nur noch schwer erträglichen Weise (V. 5349/51, „Männergröße“). Carlos gesteht ihr nicht einmal mehr die „Freundschaft“ zu, die sie ihm doch zugesagt hatte (V. 732 ff.), sondern nur den Titel „unsers Bundes einzige Vertraute“ (V. 5331 f.). Er will sich beeilen, „mein bedrängtes Volk zu retten von Tyrannenhand“ (V. 5345 f.); deshalb kann er auch Elisabeth einmal küssen und sie in den Armen halten, ohne zu wanken; „er verlässt sie“ (Regie, hinter V. 5355):
„Das ist vorbei. Jetzt trotz ich jedem Schicksal
Der Sterblichkeit.“ (V. 5356 f.). Er kündigt an, mit seinem Vater „einen öffentlichen Gang zu tun“ (V. 5364), also einen Krieg zu führen; er verspricht, diesem letzten Masken-Betrug keinen weiteren folgen zu lassen (V. 5367 f.). Da tritt der König hinzu und übergibt seinen Sohn dem Großinquisitor zur Hinrichtung, während Elisabeth in Ohnmacht fällt.
   Die Szene dient dazu, die durch Posas Opfertod verursachte menschliche Reifung Carlos‘ zu zeigen und so das Loblied auf die Freundschaft abzuschließen. Politisch wäre mehr gewonnen worden, wenn er sich mit dem König ausgesöhnt (V 4) oder zumindest auf Lermas Rat hin die Flucht ergriffen hätte (V 7); doch die Idee der Freundschaft und der hohen Freiheitsideale gilt in diesem Drama mehr als deren politische Verwirklichung. Im Vordergrund steht das Individuum, das im Entsagen reift und in der Hingabe an die Idee des Guten und Schönen vollendet wird. Die Familie ist darüber zerbrochen, der alte Vater überlebt seinen Sohn und lässt ihn sogar töten.

Dramatische Situation am Ende von V
Am Ende des Geschehens steht, dass die Freundschaft gesiegt hat, dass Karlos der Mann geworden ist, der er werden sollte, die Freunde aber von den Realpolitikern besiegt werden.
    Posa opfert sich in einem letzten Täuschungsmanöver für den Freund und wird erschossen. Karlos ist hierdurch umgewandelt (erwacht), hat sich vom Vater losgesagt und stellt sich dem von Posa ihm zugedachten Auftrag, die Niederlande zu befreien; er entsagt Elisabeth, die sich in den Dienst von Posas Vermächtnis stellt. Der König ist von Posa ebenso beeindruckt wie gekränkt; er ermannt sich zum Widerstand und bittet den Inquisitor, seinen Sohn hinzurichten. Ehe er fliehen kann, wird Karlos verhaftet; die Vision der großen Freiheit bleibt Vision. (überarbeitet 6/08)

Posa: Pläne und Gegenkräfte

Posa tritt in I 2 handelnd ins Geschehen ein - nein, es kommt erst durch ihn zustande, weil er seinen Studienfreund Carlos veranlassen will, etwas zur Rettung der Niederlande vor spanischer Unterdrückung zu unternehmen (V. 154 ff.); weil Carlos jedoch vor lauter Herzeleid handlungsunfähig ist, ändert Posa „nach einigem Stillschweigen“ (V. 357) seinen Plan ab: Er gibt Elisabeth Briefe, darunter einen aus den Niederlanden (V. 505) und vertraut darauf, dass Elisabeth diesen Ball aufgreift und weiterspielt - er muss Elisabeth also gut kennen, eine Tatsache, die im ganzen Drama nicht aufgeklärt wird. Diese gibt die Briefe dann auch an Carlos weiter (V. 808), worauf der entschlossen ist, Flandern zu retten, weil Elisabeth dies von ihm wolle (I 7).
   Dieser Plan scheitert jedoch, weil Philipp seinem Sohn das Heer nach Flandern nicht anvertrauen will (II 2); später erfahren wir, dass Alba ihn vor seines Sohnes Ehrgeiz gewarnt hat (V. 2556).
   Nach diesem Misserfolg und den Turbulenzen um Ebolis Angebot (dazu später mehr) analysiert Posa die Situation, soweit er sie überblickt, und fasst einen neuen zweiten Plan (II 15), in den er Carlos nicht einweiht (V. 2451 ff.). Elisabeth bekommt diesen Plan erklärt (IV 3: Rebellion in Flandern unter Carlos‘ Führung), damit sie als die den Prinzen beherrschende Frau diesem den Plan übermittelt; sie sagt Posa schließlich widerstrebend ihren stillen Anteil zu (V. 3512 f.), weil es sie reizt, der Freiheit einen Platz zu verschaffen. Dieser Plan ist gescheitert, erklärt Posa der Königin (V. 4216 f.), ehe Elisabeth mit Carlos gesprochen hat; die von ihm genannten Gründe (V. 4619 ff.: Briefe) können mich nach IV 12 und IV 9 aber nicht überzeugen.
   Deshalb hat er, wie er Elisabeth mitteilt, einen Notplan gemacht, der für ihn das Selbstopfer bedeutet (V. 4234 ff.). Er legt sein Testament in das Herz der Königin (V. 4265 ff.); Carlos erklärt er, wie der Notplan entstanden ist (V. 4675 ff.), und verweist ihn vorsorglich unmittelbar vor seinem Tod an die Königin (V. 4734 f.). Elisabeth braucht Carlos den Notplan nicht mehr mitzuteilen, weil der aufgrund des Opfertodes bereits so erschüttert ist, dass er ganz im Bann der Ideen Posas steht (V 10) und so auch verhaftet wird (V 11).
   Es wird dann auch noch von einem Kriegsplan Posas berichtet, aus dem sich seine Reisen erklären ließen (V. 4994 ff.); aber der steht im gleichen Zwielicht der Täuschungen im Notplan wie die genannten Briefe (V. 4977, 4984) - dieser Plan lässt sich ebenso gut aus den Reisen „erklären“ wie die Reisen aus dem Kriegsplan.

Feindliche Gegenkräfte:

Domingo und Alba haben bereits lange gegen den Prinzen intrigiert (III 3 und 4); als sich ihnen eine Gelegenheit bietet, mit der enttäuschten Eboli ein Komplott gegen die Königin und Carlos zu schmieden (beides gefährliche Neuerer in Domingos Augen, V. 2010 ff.), arrangieren sie den Ehebruch des Königs und den Einbruch bei der Königin (II 11 ff.) - eine Intrige, die Posas Karriere einleitet (III 5 ff.), deren Folgen aber die Königin ausbaden muss (IV 7) und über die Posa informiert wird (IV 12). Dass Carlos den General Alba beleidigt (V. 1032 ff.), verschlimmert die Sache nicht wesentlich; Alba informiert den König jedoch über das heimliche Treffen in Aranjuez (III 3).
   In den Turbulenzen in Madrid verkündet Alba den Sieg der eigenen Kräfte und steht bis zum Schluss zum König (V 4 f., V 8 f.).

Von Posa selbst entfesselte Gegenkräfte:

Der größte Gegner seiner Planung ist Posa in seiner Vermessenheit selbst. So ist der Prinz handlungsunfähig, weil Posa dessen Leidenschaft für Elisabeth aus strategischen Gründen geschürt hat (IV 21); deswegen muss Posa seinen ersten Plan abwandeln (I 2).
   Wegen seiner nicht überwundenen Liebe zu Elisabeth fällt Carlos dann auf die anonyme Einladung der Fürstin Eboli herein (II 4) und gibt zu erkennen, dass er mit einer anderen Dame gerechnet habe (II 8), woraus die Eboli ihre Schlüsse zieht und sich für ein Komplott hergibt (II 9 und II 11 ff.). Dieses Komplott gefährdet Ehe und Leben Elisabeths und vermutlich auch des Prinzen Carlos (III 1 ff.).
   Die zweite Krise beschwört Posa herauf, indem er gegenüber Carlos nicht mit offenen Karten spielt (II 15) und diesen darauf festlegt, ihm zu vertrauen (V. 2451). Er zerreißt auch den Brief des Königs an die Eboli, den er mit einem Trick an sich gebracht hat (nach V. 2400); als Carlos‘ Freund Lerma den Prinzen über bestimmte „trickreiche“ Aktionen Posas informiert (IV 4) und Carlos seinem Freund Posa auch noch seine Brieftasche geben muss (IV 5), wird er misstrauisch gegen diesen (IV 6, wo Posa sein Schweigen vor sich selbst rechtfertigt). Nach einer weiteren Information Lermas (IV 13) glaubt der Prinz, Posa als Freund verloren zu haben, und geht erneut zur Eboli (IV 15), um ihr sein Herz auszuschütten, wobei er von Posa verhaftet wird (IV 16). Dementsprechend klagt er auch bei Posa und macht ihm indirekt Vorwürfe, was dieser nicht versteht (V 1), weil er von Lermas Eingreifen nichts weiß.
   Auch Posas Idee, Carlos durch die Königin in seine Flandern-Aufgabe einweisen zu lassen (IV 21; V 3), führt letztlich dazu, dass Carlos nicht wegkommt, sondern gefangengenommen wird; er nimmt Elisabeths Einladung zum nächtlichen Treffen an, weil dies Posas Wille sei (V 6), und schlägt die letzte Möglichkeit zur Flucht aus (V 7). Vorher hat er das Angebot des Königs, sich mit ihm auszusöhnen, ebenfalls wegen des Opfertodes Posas ausgeschlagen - im Sinn einer Realpolitik (und des Familienfriedens) zweifellos ein Fehler: Realpolitik ist nach einem Märtyrertod, wie Posa ihn inszeniert hat, nicht mehr möglich („Für mich ist er gestorben.“, V. 4838).
   Überblickt man die Kräfte, die gegen Posas Pläne arbeiten, so muss man sagen, dass Posa mit seinem eigenwilligen und auch vermessenen Planen die Verwirklichung seiner Pläne am stärksten verhindert hat.

Über Posas Pläne und Handeln, seine Lügen, seine Heimlichkeiten und die Instrumentalisierung der Menschen (der Herzen) zu urteilen ist eine eigene Aufgabe. Posa übt einmal Selbstkritik (V. 4220 ff.) und wird von Elisabeth kritisiert (V. 4342 ff.); indirekt wird er von Carlos kritisiert (V 1); der König würdigt seine politischen Schachzüge (V. 5057 ff.), wehrt sich aus persönlichen Gründen aber dagegen und bezweifelt auch, dass Posa eher für Carlos als für seine Utopie gestorben sei.
   Seine Lügen rechtfertigt Posa gegenüber Elisabeth (V. 3414 ff.), seine Heimlichkeit vor Carlos rechtfertigt er nach dem gleichen Muster (V 6, speziell V. 3648 ff.).


Tiefenkonstellation der Figuren, Logik des Geschehens

Es fällt auf, dass Karlos zu Beginn des Geschehens fremdbestimmt ist und nur das will, was Elisabeth, Posa und hohe Tugend vorgeben (I 7, II 15). Es gelingt ihm nicht, sich zu ermannen; er kann die Probleme, vor denen er als Sohn, Mann und Infant steht, nicht lösen – er steht nicht vor einem Konflikt, sondern ist einfach von den Problemen bedrückt oder erdrückt (I 1 f.). Er unternimmt einen ersten Versuch, die zu lösen (II 2), der weithin scheitert und durch seine Enttäuschung ihn seinem Verderben näher bringt (II 4 – 13).
   Eine Lösung zeichnet sich erst ab, als Posa sich entschließt, nicht die Eboli zu ermorden, sondern sich zu opfern und so Karlos die Flucht zu ermöglichen (IV 17 – V 4). Wieso darin die Lösung liegt, versteht man, wenn man Posas Bedeutung für Karlos versteht:
1. Posa, der durch den utopischen Freundschaftsbund Karlos verpflichtet ist (I 9), ist der Vater von Karlos’ Liebe (4327 ff.), die jedoch ungeklärt ist (II 15; IV 21). Er ist zugleich der Vater von Karlos’ Utopie (meine schöne Pflanzung, 4255/63). Er ist also ein Übervater, der zweite Vater des Prinzen Karlos. Als solcher verhindert er, dass Karlos mündig wird.
   Es fällt auch auf, dass Karlos in keiner Weise der löwenstarke Jüngling und Denker ist, als den Posa (152 ff.) und Domingo (2010 ff.) ihn kennen; dieser löwenstarke Jüngling ist vielmehr Posa – ein Spiegelbild des wahren Karlos.
2. Beim König rückt Posa durch Zufall und Geschick an die Stelle des Infanten (III 10), und zwar im Sinn der Realpolitik (mein Freund, 3824/30; sein Sohn, 4304 f.), auch wenn Posa seine Freiheitsforderung gestellt hat.
3. So muss Posa – durch äußere Ereignisse mehr schlecht als recht begründet – in einen Konflikt kommen: Bringt er die Eboli um und festigt seine realpolitische Stellung oder opfert er sich, damit die Utopie und Karlos für die Utopie überleben (4309 ff.)? Das erklärt er Elisabeth: „Einer war verloren, und ich will dieser eine sein“ (4310 f.);
   Er hat zuvor aber schon erklärt, dass die Wahl „für Karlos“ auch besagt: für „das kühne Traumbild eines neuen Staates“ (4280, explizit 4298 – 4303); er sagt dort zwar auch, er selber hätte die Utopie verwirklichen können – aber da er sein Werk mit einem Mord hätte beginnen müssen, darf man seine Aussage als „Rhetorik“ relativieren. So fordert er zum Schluss auch von Karlos: „Rette dich für Flandern!“ (4718) und nicht: „Rette dein Leben!“
4. Karlos versteht vor allem eines: „Für mich ist er gestorben.“ (4787) Und er sieht ein Zweites: Sein Vater Philipp hat ihn ermorden lassen (IV 4); damit ist das Vater-Sohn-Problem für Karlos erledigt. Die Stimme der Natur zählt nicht mehr (4765). Karlos wird erstmals vor eine Wahl und damit in seinen Konflikt gestellt: Überwiegt die Liebe zu Elisabeth oder seine Liebe zur Menschheit, zur Utopie? Dieser Liebeskonflikt ist aber kein Konflikt, weil die Liebe zur Freiheit nur die verstandene Liebe zu Elisabeth ist – sagt Posa (4337/42, vgl. Elisabeth in I 5: Spanien als zweite Liebe). Diese Wahl wird für Karlos dadurch möglich, dass Posa den Weg der Realpolitik mit der Utopie im Herzen beschritten hat. Posa hat stellvertretend für Karlos den Konflikt des Infanten gelöst: realpolitische Karriere oder utopisches Ideal?
   Die Wahl wird ferner dadurch möglich, dass der Übervater Posa gestorben ist und so Karlos den Weg zur Selbstbestimmung frei gemacht hat. Indem Posa als „Figur“ stirbt, kann er als „Person“ in Karlos weiterleben und ihn wieder zum löwenstarken Jüngling machen, der dieser einst war. Auch das heißt: Für mich ist er gestorben.
5. Man kann Posas Tod auch als Sühne dafür ansehen, dass er „von stolzem Wahn geblendet“ war (4641, vgl. sein Bekenntnis 4220 ff. und Elisabeths Vorwurf, 4382 ff.).
6. Karlos’ Wahl ist im Grunde schon in V 1 entschieden, da er akzeptiert hat, dass Posa ihn, den Freund, vermeintlich um der Utopie des freien Staates willen geopfert hat (3965 ff. und 4506 ff.). So kämpft er auch nicht mit sich, sondern ist „wie aus einem Traume erwacht“ (4558, vgl. 5312!). Für Elisabeth bleibt am Ende nur der Titel „unsers Bundes einzige Vertraute“ (5331 f.), jede Nähe ihres Herzens weist Karlos zurück (5306 ff.).
7. Auch Philipp wendet sich in seiner Selbstbehauptung von seinem Sohn ab und opfert ihn (V 9 f.); er lässt sich vom Inquisitor bestätigen, dass des christlichen Gottes Beispiel erlaubt, die Stimme der Natur als Vater zu überhören. (Dramaturgisch ist V 10 überflüssig, weil Philipp bereits in V9 entschlossen ist.)
8. Die Eboli gehört nicht zu den Hauptfiguren (wie schön auch das Zauberviereck

                                      Elisabeth     Philipp

                                      Karlos         Eboli 

der Liebesverwicklungen mit Karlos -> Elisabeth – Philipp -> Eboli -> Karlos als Schema anzuschauen ist!). Fürstin Eboli hat die Funktion, die Intrige in II ins Rollen zu bringen, so die Verkommenheit höfischen Lebens zu zeigen und Posa vor die entscheidende Wahl in IV 17 zu stellen. Sie zeigt nur das Problematische in Karlos Liebe zu Elisabeth auf, spielt aber selbst keine Rolle in der inneren Problematik des Prinzen Karlos; ihre Reue rehabilitiert sie menschlich (IV 19); es gelingt auch ihr nicht, dem König die Wahrheit zu sagen (IV 24).

(Diese Analyse der Tiefenkonstellation der Figuren ist vom Mai 2008 und steht im Zusammenahng mit der Arbeit an einem Lehrerheft, das bei Krapp & Gutknecht im Herbst 2008 erscheinen soll. Alle alten Analysen, die aus den Jahren 2002 bzw. 2007 stammen, müssten von der jetzigen Einsicht in den Aufbau des Dramas [I 5 / V 11 sowie II 2 / V 4 als spiegelbildliche Szenen] und von der Bedeutung des Freudschaftsbundes aus neu geschrieben, zumindest gelesen werden.)


Hinweis auf zwei Lexika:
Elis. Frenzel: Motive der Weltliteratur. Kröner (versch. Auflagen), Artikel „Vater-Sohn-Konflikt“.
Elis. Frenzel: Stoffe der Weltliteratur. Kröner (versch. Auflagen), Artikel „Philipp II“.

Unterrichtsreihe zu D. C.: http://www.lehrer-online.de/don-carlos.php

Ausführliche Inhaltsangabe: www.logos.kulando.de, dort unter „Dramen“!

Zur Technik der Szenenanalyse s. http://norberto42.kulando.de/post/2005/12/22/figurenrede_im_drama_szenenanalyse mit weiteren Links! Man kann auch http://www.lehrer-online.de/don-carlos.phpdort dann "Linktipps zu unterrichtlichen Verfahrensweisen" anklicken!

Eine U-Reihe aus dem Schuljahr 08/09, die sich stark an Safranski anlehnt (es fehlen wesentliche Aspekte), ist http://www.schueller-viersen.de/karlos.htm 

Robert am 10. Oktober 2007 um 18:05
Eine super Zusammenfassung und Interpretation!
Ich screibe morgen meine Deutsch Klausur und diese Seite war sehr hilfreich den Inhalt und die Deutung zusammenzufassen!

   

Christian am 16. Oktober 2007 um 17:06
Ein riesen dank an den Autor!
Diese Interpretationen haben mir echt geholfen!!!

   

jullechen am 22. Oktober 2007 um 12:13
kann vllt auch die szenenanalyse von akt 1 und szene 6 hier reingepackt werden??? bräuchte ich ganz dringend^^
ansonsten is det hier super :)

   

Norbert am 22. Oktober 2007 um 17:31
Na, in I 6 tritt erstmals der König selber auf; ich würde die Phasen des Gesprächs herausarbeiten... vgl. meinen Aufsatz http://norberto42.kulando.de/post/2005/12/22/figurenrede_im_drama_szenenanalyse

0 Punkt(e) vergeben    

Leon am 10. Dezember 2007 um 13:43
Ich finde das alles hier echt eine tolle Arbeit, schreibe morgen auch meine Deutschklausur in der Jgst. 11.
Ich hatte den Don Carlos vorher nicht so ganz verstanden, aber jetzt blicke ich mehr durch, auch sehr hilfreiche Deutungen!! SUPER!

   

Eintrag kommentieren

Registrierte Nutzer können sich hier einloggen

Name:

E-Mail:

Homepage:


Kommentar eingeben:

   

Zurück zu den Einträgen