This life is fulfilling me.

Eine Reise ins mögliche Unmögliche

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Ich liebe die Beatles. Ein alter Hut. Auch manchem bekannt ist, dass ich ihren Song "I want you (She's so heavy)" für das beste Lied des gesamten 20. Jahrhunderts halte. Obgleich es erst einmal sehr langweilig wirkt: Das Stück enthält auf mehr als acht Minuten Länge nur zwei Zeilen Text und stetig wiederkehrende Motive. Doch was es für mich ausmacht, ist schwer zu erklären. Es ist das harmonische Gefüge dieses Songs.

Nun habe ich vor einiger Zeit von einer Theorie gehört. Sie besagt, dass jeder Takt einer Kadenz ein eigenes harmonisches System darstellt. Ein Beispiel: Ein Lied in C-Dur, 4/4-Takt enthält über vier Akkorde die triviale I-IV-V-I-Kadenz, hat also die Akkordfolge C-F-G-C. Nun kann man laut der Theorie jeden Takt als einzelnes System betrachten und von der Funktion abweichen. Der zweite Takt hat demnach die Tonart F-Dur, der dritte G-Dur etc. Daher vergrößert sich der Tonumfang, im zweiten Takt kommt Bb und im dritten F# hinzu. Weiterhin kann ich im zweiten Takt anstatt F-Dur nun auch den Subdominantparallelakkord G-Moll spielen, welcher in der ursprünglichen Tonart C-Dur gar nicht vorkommt, sondern dort die Dominante G-Dur wäre. Funktional ändert sich also in der Gesamtheit nichts, nur die Harmonie. Für die anderen Takte gilt ähnliches.

Ich habe heute Stück "94" geschrieben. Es ist in E-Dur, hat obigen 4/4-Takt und folgende Akkorde, die jeweils eine Viertelnote lang erklingen, sofern nicht anders angegeben: | E E E E | A/E D/F# E/G# B/F# | F# E C#m/E B/D# | E E E- B/D# Achtel |

Es ergibt sich eine sehr interessante Harmonik. Das Stück steht dank der einrahmenden E-Dur-Akkorde immer noch in E, jedoch wird zwischendrin unbemerkt moduliert, was dem Stück neue Töne verleiht, die entsprechend freudig von der Melodie verwendet werden.

Was nützt es nun? Ich kann damit Tonmaterial erlangen, das unereicht blieb, und dazu unbemerkt modulieren. Wie einst die Beatles.

[unbekannt] am 16. Mai 2006 um 01:07
Wir leben im 21. Jahrhundert, die Zeiten, wo die Musik festgelegt war auf bestimmte Kadenzen und Akkordfolgen ist längst vorbei. Bach ist längst vorbei. Schönberg, Webern und Berg haben die Grundsteine gelegt für ein Haus, was wir atonalität nennen. Zwölftonmusik. Niemand wird dich daran hindern, deine Tonika mit Tönen aus der Molldominante anzureichern. Wir leben im 21. Jahrhundert, es gibt ein Phänomen namens Hiphop, welches sich absolut nicht nachvollziehbarer beliebtheit erfreut. Experimentelle Musik wie z.B. 4'33 von John Cage haben die letzten Grenzen dessen, was man als Musik betrachten kann gesprengt. Und du machst dir gedanken, dass Tonmaterial unerreicht bleibt?
Die Rockmusik von heute hat leider viel zu wenig einflüsse vom Jazz. Deswegen sind die alten Meister (Deep Purple, Rolling Stones, The Beatles) in gewissen Gruppierungen immer noch mehr State of the Art als es andere Musik aus der Zeit jemals war.
Nutze einfach die Töne, die du nutzen möchtest, ob du sie nun nach alten Regeln für erreichbar hältst oder nicht.
gruß,
der Kyle

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ninikupenda am 16. Mai 2006 um 01:34
Ja das stimmt wohl, dass ich es einfacher haben könnte. Es widerstrebt nur dem allgemeinen Harmonie- und Tonalitätsgefühl.
Tricks wie das Bartóksche Achsensystem helfen, dies zu umgehen. Es besteht aber immer noch ein Unterschied zwischen Atonaler Musik, Freejazz & Co. und den alten Harmoniegesetzen, die bis heute in der europäischen Musik gelten. Alles Gewohnheitssache, sicherlich. Auch für mich. Aber das zu umgehen, eben durch verstecke Modulationen, die keiner hört, wenn er nicht mit geschultem Ohr zuhört, ist dennoch eine wertvolle Gelegenheit.
Auch der Jazz ist wundervoll, schon alleine wegen seiner komplexen Harmonik, die die Musik nachhaltig beeinflusste. Nur klingt sie häufig für den gewöhnlichen Hörer nach Dissonanz. Freilich, was dissonant ist, bestimmt immer noch die Gewohnheit. Aber die Gewohnheit ist es wert, aufrecht erhalten zu werden. Zumindest in diesem Punkt sehe ich keinen Platz für avantgardistische Überlegungen, viel mehr halte ich das Harmonie- und Kontrapunktsystem aus Barock und Romantik für überaus wertvoll.
Erlaubt ist, was gefällt, denke ich. Sollen sie weiter Free Jazz machen und ihre Celli zu Tode prügeln. Ich huldige halt den alten Meistern... ;)
Lg

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