von Lea und Alexa

Was man nicht alles so wiederfindet, wenn man in seinen alten Sachen kramt. Eine Geschichte, die ich vor vielen Jahren angefangen habe zu schreiben, die ich immer wieder mal fortgesetzt hab und die scheinbar auch noch nicht ganz fertig ist. Damit ich sie nicht so schnell wieder vergesse und verliere, kommt sie hier her. Viel Spaß

 

Es war kein Tag wie jeder andere, als ich da stand und auf dich wartete. Nein, ich hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben; dass du kommen würdest hatte ich im Blut. Dich sehen, das war es, was ich wollte. Aber das Lächeln, welches du für gewöhnlich bei dir trägst, hattest du an diesem Tag zu Hause gelassen. Müde, benutzt und wortkarg bist du neben mir hergelaufen. Wir beide wussten, was uns bevorstand. Doch zusammen, so hatten wir es uns geschworen, würden wir es durchziehen. Schon nach ein paar Häuserecken blieb ich plötzlich stehen. Dein starrer Blick folgte weiter dem Nichts und es  dauerte eine Weile, bist du merktest, dass ich nicht mehr neben dir ging. Mit deinen unglaublich treuen braunen Augen sahst du mich fragend an. Nach ein paar langen Sekunden musste ich den Blick einfach senken. In deinen Augen stand soviel, was mir Angst machte. Erst zögernd, dann entschlossen kamst du auf mich zu, nahmst meine Hände, zogst mich zu dir und mit heißem Atem hauchtest du in mein Ohr: „Für uns". Ich schloss meine Lider, atmete tief durch, hob meinen Kopf und schaute dich an. Diesmal wich ich deinem erwartungsvollen Blick nicht aus. Kaum sichtbar verzog sich dein Mund zu einem winzigen Lächeln. Es war nicht das für dich typische; umso mehr stand es für die Umstände, in denen du es zeigtest.

Hand in Hand gingen wir schweigend nebeneinander her. Mein Blick gesenkt, deiner in die Ferne. Und endlich standen wir vor den großen, schweren Toren, die für etwas Neues stehen sollten. Das Haus war prachtvoll, das helle Licht fiel durch die Fenster auf den frisch gemähten Rasen der riesigen Parkanlage vor der Villa. Ich musste unwillkürlich schlucken, denn ich liebte und hasste dieses Haus, in dem ich aufgewachsen war. Ein leises Klimpern erklang und ich sah, dass mein kleines Windspiel, das ich zu meinem 8. Geburtstag geschenkt bekommen hatte, immer noch vor dem Fenster meines Zimmers hing. Es war eines der wenigen Zimmer, die nicht erleuchtet waren. Ich spürte, wie der Druck deiner Hand stärker wurde. Du hattest dieses Haus noch nie von Innen gesehen, der Eintritt ist dir stets verwehrt worden. Mit zitternden Händen nahm ich den Schlüssel aus meiner linken Jackentasche. Ich wusste nicht, ob er noch passte. Wir hatten auch eigentlich nur obligatorisch mitgenommen, falls die Eingangstore wirklich verschlossen sein sollten. Das war der Fall, meine Eltern hatten wohl Angst vor ungeladenen Gästen. Nur wussten sie nicht, dass das für uns kein Hindernis darstellte. Zum einen hatten wir ja den Schlüssel, zum andern hattest du vorher schon gesagt, zur Not würdest du über den hohen Zaun steigen, das sei es dir wert. Ich sei es dir wert. Aber diese Aktion blieb uns erspart, denn mein Schlüssel passte noch. Ich wusste, dass die Kameras, die überall im Eingangsbereich versteckt waren, uns schon längst entdeckt hatten. Aber es schien niemanden zu stören. „Oder sie haben die ganze Zeit auf mich gewartet", schoss es mir durch den Kopf. Wie geplant führte ich dich zum Dienstboteneingang. Ich war fest davon überzeugt, dass Emma uns reinlassen würde. Als sie die Tür öffnete und mich sah, schossen ihr sogar Tränen in die Augen und sie umarmte mich herzlich. Dir schenkte sie ein Lächeln. Ein wahres Lächeln. Emma hatte zum größten Teil meine Erziehung übernommen und im Gegensatz zu meinen Eltern, hatte sie sehr früh von dir gewusst. Wir plauderten eine Weile über alte Zeiten, sie fragte, wie es mir ergangen sei, was ich so trieb. Meine Antworten waren knapp. Ich hatte nicht all zu viel erlebt, zumindest nichts, was ich mit meiner alten Welt teilen mochte. Allerdings konnte ich Emma davon überzeugen, dass es mir gut ging und ich immer noch jeden Abend meine heiße Milch mit Honig trank, genauso, wie wir es immer zusammen getan hatten, bevor ich zu Bett ging. Auch wenn ein Teil davon nicht ganz der Wahrheit entsprach. Natürlich ging es mir nicht gut, aber das sollte mein Geheimnis bleiben.

Irgendwann gerieten wir in ein peinliches Schweigen. Du hast an meinen Ellenbogen gestupst und ganz leise gefragt: „wollen wir weiter?". Ich hauchte ein „Ja", denn erst jetzt würde das Abenteuer wirklich starten. Ich verabschiedete mich von Emma und musste ihr versprechen, das nächste Lebenszeichen nicht wieder erst nach so langer Zeit zu senden. Dann machte sie sich an ihre Arbeit. Das Fest meiner Eltern schien noch im vollen Gang zu sein und somit war es ein leichtes unbemerkt in das erste Stockwerk zu gelangen. Es hatte sich nicht viel verändert, seit ich geflohen war. Mein Zimmer war nicht verschlossen und es sah genauso aus, wie ich es verlassen hatte. Nicht viel schnick schnack, aber ein riesiges Prinzessinnen Bett, das meine Mutter mir zu meinem 6.Geburtstag geschenkt hatte und das so groß war, dass ich mich als Kind immer unter den ganzen Decken so verstecken konnte, dass mich keiner fand. Einfach, aber gut.

Als du mein Zimmer betreten hattest, war dein Gesichtsausdruck eher ablehnend. Diese Welt, meine vergessene, war absolut nicht deine. Ich steuerte direkt auf meinen riesigen Wandschrank zu; ich wollte keine Sekunde zu lange hier sein. Ganz hinten rechts, unter einem Brett im Fußboden lag, was ich brauchte. Wenn das Versteck bis jetzt keiner gefunden hatte... Mit zitternden Händen klappte ich das lose Holz hoch und sah den roten Samt, der die Kiste mit meinen mir wichtigsten Sachen umhüllte. Ich weiß noch, wie du hinter mir standest und mir über die Schulter gesehen hast. Natürlich hatte ich dir nicht verraten, was sich alles darin befand. Das sollte für immer mein Geheimnis sein. Nur ein paar Dinge solltest du sehen, diese Dinge sollten uns weiterhelfen, uns verbinden... . Ich nahm die Kiste und setzte mich auf mein Bett. Du hast dich neben mich gesetzt und zärtlich mein Knie gestreichelt. „Das ist sie also. Willst du mir jetzt verraten, was das alles soll?". Davor hatte ich die ganze Zeit am meisten Angst gehabt. Dir alles sagen zu müssen. Das Schrecklichste und zugleich schönste, so hoffte ich. Vorsichtig legte ich die Kiste bei Seite nahm dein Gesicht in meine Hände und küsste dich sanft. Als sich unsere Lippen trennten, hatte ich Tränen in den Augen und dir stand die Angst ins Gesicht geschrieben. „Was..?", aber ich gebot dir mit einer Geste zu schweigen. „Ich liebe dich. Du weißt, dass ich es tue. Nie wird sich daran etwas ändern, nie, hörst du? Ich war in meinem Leben nie so glücklich wie in der Zeit, die ich mit dir verbringen konnte. Deshalb hab ich mich für dich und unsere Zukunft entschieden und gegen meine Familie. Dich zu treffen war das Beste was mir passieren konnte. Ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich." Ich spürte wie meine Hände zu zittern begannen und in dem Augenblick, da ich meinen Blick senkte sah ich das salzige Wasser in deinen Augen. Deine Stimme klang so unglaublich belegt, als du sagtest: „Und ich liebe dich. Schau mich an, bitte schau mich an und sag, was du mir sagen willst...". Mit deiner linken Hand hast du mir eine Haarsträhne aus der Stirn gestrichen. Verzweifelt nahm ich deine Hand, die Tränen konnte ich jetzt nicht mehr aufhalten und schluchzend sagte ich dir, was ich schon seit Jahren wusste: „Ich werde dich nie verlassen, aber ich werde gehen. Ich habe nicht mehr lange zu leben." Von dir war ein leises „Nein" zu vernehmen und deine Hand verkrampfte. Unsere Blicke trafen sich und dieser Augenblick schien mir ewig zu dauern. Beide weinend fielen wir uns in die Arme. Ich wollte dich küssen, dich spüren, dich nie wieder loslassen, halten, ganz fest und für immer in meinen Armen halten. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir so gesessen hatten, aber ich musste mich von dir lösen um dir den Grund unseres „Abenteuers" zu zeigen.

Langsam öffnete ich die  Kiste. Dort waren alle Beweise meiner tödlichen Krankheit versteckt. Früher glaubte ich, so das, was letztlich passieren würde, aufhalten zu können. Indem ich die ärztlichen Unterlagen ganz versteckt und weit weg von mir aufbewahrte. „Das ist es nicht, was ich dir zeigen wollte." flüsterte ich dir zu, „hier ist er: der Ring meiner Großmutter, der ich zu verdanken habe, dass ich überhaupt so lange überlebt habe. Ich hab dir erzählt, wie sehr ich sie vermisse. Sie ist gegangen, weil sie mich gerettet hat." Der Ring mit seinem winzigen roten Diamanten glitzerte ein wenig im Licht meiner Nachttischlampe. Ich musste lächeln, als ich ihn so ansah und mir noch einmal durch den Kopf gehen ließ, was ich mit ihm vorhatte. „Er soll dir gehören.", damit nahm ich abermals deine linke Hand und küsste die Fingerkuppe des Ringfingers. „Lea", es war ein Hauch, der deinen Mund verließ und meinen Namen bildete, „Lea", sagtest du darauf etwas lauter und an deiner rechten Wange lief eine einzige weitere Träne hinunter. Ich beobachtete sie eine Sekunde, bevor ich dir den Ring über den Knöchel auf seinen Platz schob. Er passte genau. „Alexa, ich liebe dich. Du bedeutest mir mehr als alles andere. Nimm diesen Ring, wenn du genauso fühlst, nimm mich ... zu deiner Frau." Ich hatte es getan. „Lea! Meine Gefühle für dich sind unbeschreiblich... ich möchte nichts lieber, als deine Frau sein. Du sollst zu meiner Frau werden! Ich liebe dich". Der Kuss schmeckte salzig, aber das kribbeln war nie stärker, meine Liebe für dich nie zuvor so stark, wie in diesem Moment.

 

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