Einlullen
Denken ist unerwünscht. Denken macht unbequem. Denken ist dem Kommerz nicht zuträglich...Denken ist Kommunikation mit sich selbst. Aber an Selbstgesprächen verdient keiner der Telekommunikationsanbieter etwas. So war es nur eine Frage der Zeit, bis eine Werbeagentur im Auftrag vom Telekommunikationsanbieter Fonic zur Erkenntnis kam:
Wir denken nicht. Wir googeln. (...) Und das ist gut so.
Schier entsetzt hat mich die Schamlosigkeit, mit der dies hinaus posaunt wird. Ist es Sarkasmus? Kaum zu glauben. Wann jemals hat einer jener großen Anbieter von Telekommunikationsprodukten in Vergangenheit mit subversiver Werbung geglänzt? Erinnern kann ich mich nicht. Einzig das Gefühl, voll umsorgt zu sein, will suggeriert werden.
Oder ist es nur eine sachliche Beschreibung des Zustands, in dem sich die Gesellschaft bereits befindet? Schon seit Jahren vielleicht? Nicht von der Hand zu weisen ist: Das Internet zeigt uns mehr und mehr das, was wir sehen wollen. Nicht das, was wir sehen könnten. Oder imstande wären, zu sehen. Beispiel gefällig? Ich habe vor einigen Tagen Geschenkgutscheine für Freunde gesucht. Natürlich, Google. Seit dieser Anfrage sehe ich auf jeder zweiten Seite, die ich besuche, Werbung für Gutscheine, die mir für schlappe xxx Euro eine Stunde Fahrspaß in einem Ferrari ermöglichen. Ich werde sie nicht mehr los, diese Rennsemmeln. Überall, wo ich im Internet hinwill, sind sie schon da. Und so werden mir auch andere Suchfragen noch einmal aufgewärmt präsentiert, in der Hoffnung, ich könnte noch einmal klicken. Nicht denken.
Googles Ankündigung vor wenigen Tagen, die Suche noch personalisierter ablaufen zu lassen, ist ein Schritt zu mehr Abhängigkeit. Ich will nicht sehen, was mir ein Google-Algorithmus auf dem Silberteller präsentiert. Das verengt das Sichtfeld, lässt eine Blase entstehen, in der man sich selbst im Kreis dreht. Das macht das Internet kleiner, als es ist. Nur: Google dafür die Verantwortung zuzuschustern, wäre zu einfach. Und das System aus den Angeln zu heben, wird ebenfalls nicht funktionieren. Dass das Internet meistens eh nur dazu benutzt wird, sich bereits in einer vorgefertigen Meinung zu bestätigen, denn sich eine neue anzueignen, lasse ich einfach mal außen vor.
Kann es denn schon reichen, sich der Gefahr bewusst zu sein? Sich nicht einlullen zu lassen? Niemand sollte sich für eine Art Google-Verbot begeistern können. Der Nutzen lässt sich nicht leugnen. Aber googeln statt denken? Warum nicht googeln und denken? Oder besser: Denken und dann googeln.
Und bitte, bitte - um den Aufhänger dieses Eintrags noch einmal anzusprechen - sich nicht von einem Unternehmen einreden lassen, wann man zu denken habe. Und wann nicht. Es ist schon peinlich genug, dass man sich von seinem Handy belehren lässt, wann die nächste S-Bahn fährt, anstatt sich die (winzige) Mühe zu machen, sich die Fahrzeiten einfach zu merken.
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Über die implizit erwähnte Filterbubble gibt es aber auch sehr kontroverse Ansichten ;-)