Brief an den DHL-Zusteller

Lieber DHL-Zusteller,

im vergangenen Jahr war ich wirklich sehr artig gewesen. Ich habe immer brav den Teller leer gemacht und war nie böse zu meinem kleinen Hamster. Und ich habe immer die Zähne geputzt. Deshalb, lieber DHL-Zusteller, wünsche ich mir, dass Du auch einmal wieder an meine Tür klopfst.

Ich kann ganz viele tolle Sachen bestellen, über das Internet, weißt Du? Und manchmal denke ich mir, wie fein es doch wäre, genau jenes Buch zu besitzen, das auf den Bestseller-Listen ganz oben steht. Oder einen Film zu bestellen - um ihn anzusehen oder meiner Mama zu schenken. Das wäre toll, denke ich mir. Manchmal könnte ich mir eine Freude machen, und manchmal meinen Freunden. Schenken macht nämlich Freude, weißt Du?
Aber Du klopfst nicht mehr an meine Tür. Jeden Tag blicke ich aus dem Fenster, um Dein schönes gelbes DHL-Auto zu sehen. Ich glaube aber, Du machst einen Bogen um unser Haus. Denn sonst würde ich ja Dein DHL-Auto sehen. Es ist doch noch gelb, lieber Zusteller? Wenn es nicht mehr gelb ist, musst Du mir das sagen, dann schaue ich nach einem großen Auto in einer anderen Farbe. :)

Manchmal rufen fremde Menschen bei mir auf meinem Telefon an. Oder sie schreiben mir Post auf den Computer. Dann sagen sie mir immer, das Paket, das ich haben wollte, sei wieder bei ihnen angekommen. Sie sagen, ich sei "unbekannt". Ich würde doch gar nicht in meinem Haus wohnen! Das hättest Du ihnen gesagt. Ich werde dann immer ganz traurig. Denn das ist doch gar nicht wahr!!

Vor langer Zeit - da war ich noch klein - hast Du mir immer noch so kleine Karten in den Briefkasten gesteckt. Dann wusste ich, dass ich in das Postamt gehen konnte, um das Paket abzuholen. Aber ich glaube, Du hast gar keine Karten mehr. Sonst würdest Du sie mir doch in den Briefkasten werfen. Kannst Du Dir nicht neue Karten kaufen?

Papa sagt, man kann auch Pakete in einem kleinen Posthäuschen abholen. Packstation sagt Papa dazu. Damit Du, lieber DHL-Zusteller, nicht so viel zu tun hast, wollte ich das probieren. Deine Firma braucht dafür aber so unterschriebene Zettel von mir. Die solltest Du mir bringen, damit ich sie unterschreiben kann. Aber Du hast sie mir nicht gebracht. Dabei wollte ich Dir nur helfen, damit Du es leichter hast.

Nach der sechsten Stunde fahre ich bald mal mit meinem Fahrrad zu Deinem Chef und frage ihn, wie ich Dir helfen kann. Das freut Dich bestimmt sehr. :)

liebe Grüße

 

Einlullen

Denken ist unerwünscht. Denken macht unbequem. Denken ist dem Kommerz nicht zuträglich...Denken ist Kommunikation mit sich selbst. Aber an Selbstgesprächen verdient keiner der Telekommunikationsanbieter etwas. So war es nur eine Frage der Zeit, bis eine Werbeagentur im Auftrag vom Telekommunikationsanbieter Fonic zur Erkenntnis kam:

Wir denken nicht. Wir googeln. (...) Und das ist gut so.

Schier entsetzt hat mich die Schamlosigkeit, mit der dies hinaus posaunt wird. Ist es Sarkasmus? Kaum zu glauben. Wann jemals hat einer jener großen Anbieter von Telekommunikationsprodukten in Vergangenheit mit subversiver Werbung geglänzt? Erinnern kann ich mich nicht. Einzig das Gefühl, voll umsorgt zu sein, will suggeriert werden.

Oder ist es nur eine sachliche Beschreibung des Zustands, in dem sich die Gesellschaft bereits befindet? Schon seit Jahren vielleicht? Nicht von der Hand zu weisen ist: Das Internet zeigt uns mehr und mehr das, was wir sehen wollen. Nicht das, was wir sehen könnten. Oder imstande wären, zu sehen. Beispiel gefällig? Ich habe vor einigen Tagen Geschenkgutscheine für Freunde gesucht. Natürlich, Google. Seit dieser Anfrage sehe ich auf jeder zweiten Seite, die ich besuche, Werbung für Gutscheine, die mir für schlappe xxx Euro eine Stunde Fahrspaß in einem Ferrari ermöglichen. Ich werde sie nicht mehr los, diese Rennsemmeln. Überall, wo ich im Internet hinwill, sind sie schon da. Und so werden mir auch andere Suchfragen noch einmal aufgewärmt präsentiert, in der Hoffnung, ich könnte noch einmal klicken. Nicht denken.

Googles Ankündigung vor wenigen Tagen, die Suche noch personalisierter ablaufen zu lassen, ist ein Schritt zu mehr Abhängigkeit. Ich will nicht sehen, was mir ein Google-Algorithmus auf dem Silberteller präsentiert. Das verengt das Sichtfeld, lässt eine Blase entstehen, in der man sich selbst im Kreis dreht. Das macht das Internet kleiner, als es ist. Nur: Google dafür die Verantwortung zuzuschustern, wäre zu einfach. Und das System aus den Angeln zu heben, wird ebenfalls nicht funktionieren. Dass das Internet meistens eh nur dazu benutzt wird, sich bereits in einer vorgefertigen Meinung zu bestätigen, denn sich eine neue anzueignen, lasse ich einfach mal außen vor.

Kann es denn schon reichen, sich der Gefahr bewusst zu sein? Sich nicht einlullen zu lassen? Niemand sollte sich für eine Art Google-Verbot begeistern können. Der Nutzen lässt sich nicht leugnen. Aber googeln statt denken? Warum nicht googeln und denken? Oder besser: Denken und dann googeln.

Und bitte, bitte - um den Aufhänger dieses Eintrags noch einmal anzusprechen - sich nicht von einem Unternehmen einreden lassen, wann man zu denken habe. Und wann nicht. Es ist schon peinlich genug, dass man sich von seinem Handy belehren lässt, wann die nächste S-Bahn fährt, anstatt sich die (winzige) Mühe zu machen, sich die Fahrzeiten einfach zu merken.

 
Currently playing:Alice in Chains - Rooster

Breaking News: Grau macht alt!

Achtung! Folgende bahnbrechende Erkenntnis möchte ich keinem vorenthalten.

„Hollywood-Stars wie George Clooney oder Richard Gere wollen schon länger graue Haare populär machen. Doch: Frauen sind der Meinung: Graue Haare lassen Männer älter wirken! Dieses überraschende Ergebnis ergab eine neue, repräsentative GfK-Umfrage (Gesellschaft für Konsumforschung), die in den letzten Wochen im Auftrag der Dr. Wolff-Forschung bundesweit durchgeführt wurde. (…)“

Das überrascht mich nun wirklich! 56 Prozent der befragten Frauen denken so! Unter den befragten Ledigen, Männlein wie Weiblein, ist diese oberflächliche Meinung sogar bei 70 Prozent verbreitet. Auch das war mir vollkommen neu und „überraschend“.

Eine andere Umfrage ergab, dass Männer mit Holzbeinen eher auf Piratenschiffen vermutet werden. 60 Prozent der Anonymen Alkoholiker Bottrop-Kirchhellen sind dieser Meinung, unter arbeitslosen Drehbuchautoren ist diese Meinung mit 80 Prozent verbreitet. 100 Prozent der Holzbeinhersteller ist es egal – sie freuen sich über jedes Holzbein.

Überraschend auch die Ergebnisse einer Umfrage zum Thema Tier: 65 Prozent bevorzugt es medium.

 

Gedanken zur Weihnachtstyrannei

So, Herrschaften: Weihnachten kommt, festhalten bitte! Untrüglich zu bemerken ist es an vielerlei Sachen...es gibt bunten Glasperlenkitsch zum Spottpreis, die Menschen entdecken plötzlich ihre Spendenbereitschaft, die elenden Winterreifen müssen aufs Auto und alle Menschen sind wieder ein bisschen mehr weniger unfreundlich im Umgang mit ihren Nächsten - kurzum, wir sind gefangen in einer Spirale, die nur eine Richtung kennt, die in einem großen Finale endet und an deren Ende wieder ein paar Ehen mehr kaputt sind. UND: Es gibt Umfragen zur Gefühlslage der Nation, in der über die Befindlichkeit der Deutschen in Sachen Festtauglichkeit geurteilt wird.

So wie die der Stiftung für Zukunftsfragen. Diese Initiative, ins Leben gerufen von der British American Tobacco, hat 1000 Deutsche befragt, und die gaben freimütig Auskunft. Da ist dann zum Beispiel zu erfahren, das 78 Prozent der Befragten zunächst einmal an einen geschmückten Baum denken. Sehr wichtig! Die 17 Prozent, die Weihnachten auch mit Kitsch in Verbindung bringen, gehören wohl nicht dazu. Aber auch egal, diese Miesepeter will ja eh niemand unterm Baum. Da denken doch viel lieber 71 Prozent an die Geschenke zum Fest und 67 Prozent an geschmückte Geschäfte in den Innenstädten. Weihnachten muss ja auch wie Weihnachten aussehen. Das Elend, an der Hauswand kauernd, einfach überstrahlen mit Glitzerbonbons aus PVC...

In Westdeutschland sei übrigens die Religiösität der Menschen zum Weihnachtsfest ausgeprägter als im Osten, so die Studie. Ein berufener Mensch der Studie führt das darauf zurück, dass die Leute mal eben die christliche Bedeutung von Weihnachten wieder entdeckt haben - aha. Da geht man das ganz Jahr über nicht ins Gotteshaus und dann traut man sich einmal im jahr hin, lässt sich Bespaßen und bekommt ein kleines Krippenspiel mit Laiendarstellern präsentiert. Am Ende verlassen alle seelig und benommen vor Glück den Ort des Geschehens und schwören sich: "Nächstes Jahr wieder." Das klingt doch wie Europapark für Arme.
Vielleicht gehen aber auch wieder mehr Menschen an Weihnachten in die Kirche, weil das Gemeindehaus über die Feiertage der einzige Platz ist, an dem die Jungs und Mädels mal wieder was Warmes zu beißen bekommen.

Ach ja, richtig süß ist folgendes Detail der Studie. Von 100 Befragten assoziieren 42 "strahlende Kinderaugen" mit dem Fest.

Jaja. Diese Kinderaugen. Eine Antwortoption, die von den Machern der Studie vorgegeben wurde, wohlgemerkt! Aber welche Offenbarung der weitere Banalisierung jedweder Dinge, wie sie unentwegt fortgetrieben wird. Weitere Klischees, die man hätte bedienen MÜSSEN: Duftende Plätzchen, rieselnder Schnee, dampfender Glühwein, Wham! - Last Christmas, das Christkind und das Geräusch, das es macht, wenn ein erwachsener Mensch mit einem Stapel von Geschenken eine Treppe herunter fällt!

Oh, dabei mag ich doch Weihnachten und die Adventszeit wirklich. Es ist der einzige Zeitraum des Jahres, an dem ein erwachsener Mann bei einem Händler ein Kilogramm feinstes Lübecker Marzipan am Stück ordern kann, ohne Aufsehen zu erregen.

...wartet auf Fortsetzung... 

 
Currently playing:Spinal Tap - Christmas with the devil

2.0-Musik

Heute geht es nicht mehr ohne 2.0! Alles muss 2.0 sein, sogar unsere Sprache ist auf die neue Welt gepolt...Worthülsen, die wie Plastiktüten durch den Raum treiben, weil sie einfach zu bedeutungsleer sind, um Gewicht zu haben...überall begegnet man ihnen, leider. Ich mag es nicht. Ich kann es nicht mehr hören und nicht mehr lesen.

Dabei sind sie überall, diese armen Menschen, die sich notgedrungen ob ihrer Zugehörigkeit einer bestimmten Berufsgruppe mit diesen sinnentleerten Neologismen schmücken müssen...in der Wirtschaft geht es nicht mehr ohne, in der Musikindustrie, ja, die komplette Medienwelt ist voller Wörter, deren aufgedunsene Hülle wie ein verfaulender Wal in sich zusammensackt, sobald man sich dieses Ungetüms, stinkend wie es ist, entledigen will.

Heute nun habe ich einen Text zwischen die Finger bekommen, den ich nicht unkommentiert lassen möchte. Der Absender ist unwichtig. Vermutlich bleibt dem Autor nichts anderes übrig, als sich des 2.0-Gebrabbels zu bedienen, weil er nunmal zu den "Medienschaffenden" gehört.
Es geht um eine Veranstaltung aus dem Dunstkreis einer kulturellen Einrichtung, die ich hier ungenannt lassen möchte, den im Großen und Ganzen ist deren Zweck nicht in Frage zu stellen...obwohl...naja...anderes Thema.

Der Veranstaltungs-Titel: "Future Music Camp". Damit referiert er auf den Begriff des "Barcamps", ebenfalls einer jener Hülsen, die erfunden wurde für Menschen, die sich wohl zu hipp fühlen, um noch auf Veranstaltungen zu gehen, die sich "Konferenz" schimpfen. Nein, ein "Barcamp" ist etwas anderes. Dieses Camp läuft ohne Programmpunkte ab, ohne Einführung, ohne feste Redner...jeder plappert und am Ende klopfen sich alle auf die Schulter, wenn der Kaffee alle ist oder keine Power-Point-Folien mehr übrig sind.

Naja, so weit, so gut. Der Text war einfach dazu da, um auf diese Veranstaltung hinzuweisen. Es sei nämlich durchaus Wert, darüber Bescheid zu wissen!  Es sei nämlich das erste "Barcamp mit Fokus auf Musik & Entertainment 2.0". Teilnehmer seien unter anderem Vordenker aus der Medienbranche (ahja!), Vertreter der Netaudioszene (wer braucht sowas?), Berater (für was? 2.0?), Anwälte (kann man nicht genug von haben), Zukunftsexperten (das Gegenteil von Historikern?), Kreativköpfe (dazu fällt mir nunmal jetzt unkreativerweise gar nichts ein) und junge Querdenker (die wollen auch mal was sagen dürfen).

Übrigens - unbenommen der Tatsache, dass nicht einmal Begeisterung dafür heucheln kann - fehlt mir auf dieser Liste des Who-is-Who der Teilnehmer zum Thema Musik was ganz Entscheidendes: Die Musiker. Und das muss ich nicht kommentieren.

 
Über mich
einfach nur mein senf.
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