Was ist geblieben?
Zeit für eine erste Bilanz.
Im Juni hatten wir uns alle lieb. Wir tanzten ausgelassen, umarmten, freuten uns. Übrig geblieben sind nur die Erinnerungen. Die Tatsachen, so wie sie sich heute darstellen, sind ganz anders. Die vergangene Zeit war Illusion, war ein Traum, wie es hätte sein könnnen. Doch wir wurden von der Realität eingeholt, jetzt leben wir auf fremden Planeten, oder zumindest zu weit entfernt, um ernsthaft der Erinnerung folge leisten zu können. Wahrscheinlich waren wir einfach nur besoffen, ist wohl die einfachste Erklärung.
Aber warum durfte es so nicht weitergehen? Haben wir am Ende doch zu viele verschiedene Interessen verfolgt, wurden wir von ihnen auseinandergerissen? Im Juni sahen wir aus wie füreinander geschaffen, heute blicke ich zurück und sehe eine Zweckgemeinschaft, die nie länger halten sollte, als notwendig, die sogar voller Willen war, nach ein paar Wochen wieder zu zerbrechen. Dabei hätte es so brillant zugehen können. Im stänidgen Kontakt, immer noch im Herzen verbunden, an den anderen Denken und sagen: „Das waren noch Zeiten." Zwar vergangen, aber nicht zu bereuen, ganz im Gegenteil, zu akzeptieren, zu mögen. Stattdessen kam der Juli und mit ihm kamen die neuen Möglichkeiten, die Freiheit, alles zu tun, wovon man schon lange Zeit geträumt hatte. Das Alte, Eingeschworene, wurde seither verflucht, verdrängt, nicht vermisst.
Wahrscheinlich kommt nun die Ernüchterung, zumindest bei mir. Was mit den Anderen ist, weiß ich nicht. Mit den Wenigsten stehe ich noch in Kontakt, von den anderen habe ich keine Ahnung mehr. Dabei sind sie mir gar nicht mal so unwichtig und ich könnte, wenn ich wollte, jederzeit wieder mit ihnen reden, ich muss sie nur ansprechen. Doch genau hierin liegt die Hürde. Mein Verstand sagt mir, dass es falsch wäre, eine Schritt zu tun, denn der Gegenüber will ihn ja gar nicht, sonst wäre es längst bereits zu Annäherung gekommen. Es wäre mir peinlich und ich würde in ständiger Angst schweben, dem Gegenüber auf die Nerven zu gehen. Deshalb belasse ich es bei jetziger Situation, die sich allerdings Tag für Tag dramatisiert. Mit jeder Stunde die verstreicht, entrückt die Vergangeheit der Gegenwart, aus Präsens wird Präteritum, aus Präteritum wird Perfekt.
Andererseits: Vielleicht brauchte es gerade diese Zeitspanne, um zu erkennen, was gebraucht wird und was nicht. Und wenn ich gebraucht werde, werden es andere Menschen erkennen, früher oder später. Und sie wie auch ich werden wieder die Vergangenheit zurückholen in das Jetzt und Hier. Oder aber, es verblasst weiter und nichts ist geblieben, nichts ist passiert, was in den letzten Jahren von Bedeutung gewesen wäre. Ich kann nur froh sein, dass es nur für mich gilt, nicht für die Anderen. Vielleicht haben sie etwas gelernt, ich bin lediglich kein Teil davon.
Oft wünsche ich mir den Moment zurück, an dem ich auf dem Podest stehe und in der Masse jubele. Damals habe ich mich zugehörig und stolz gefühlt, etwas geschafft zu haben, es zusammen geschafft zu haben. Ich war mit allen versöhnt, auch mit denen, ich vorher gehasst hatte. Dieser Moment konnte sich nicht halten. Aber er war ein Zeichen dafür, dass es auch anders gehen kann, anders gehen muss. Nicht Perfekt, sondern Präsens. Ein bisschen mehr Gemeinschaft für alle, ein bisschen mehr Alkohol.
Gewidmet dem Traum vom 10.10.2008.
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