Über die Schulter geguckt.

Ich werde beobachtet, scheinbar die ganze Zeit. Wenn ich auf den Bahnsteig renne, um die Bahn noch zu erwischen, schaut mir jemand über die Schulter, ich spüre das. Auch in der Bahn bleibe ich unter Beobachtung und beim Umstieg in den Bus ist klammheimlich jemand dabei, genauso während der Fahrt zum Ziel, während ich mein Buch lese oder zu der Musik aus dem MP3-Player mit dem Fuß wippe. Gruselig, doch ich kann nichts machen, das Gefühl geht nicht weg, selbst dann nicht, wenn ich mich zum Einkaufen in der Stadt wiederfinde, bei H&M oder Schlecker, ganz egal. Und dann drehe ich mich einmal um die eigene Achse, um den Verfolger ausfindig zu machen, doch ich finde ihn nicht. Mit dem Gefühl, aus der Luft beobachtet zu werden, strecke ich meinen Kopf in den Himmel, wodurch mir schwindelig wird und ich mich auf eine Bank unter einem Baum mitten in der Stadt setze. Und dann passiert es. Endlich spricht mich jemand an, ganz in blau gekleidet und mit einer Mütze auf dem Kopf, mit ernster Miene bittet er mich, mit ihm zu gehen. Ich weigere mich, weiß ich doch nicht, weshalb ich dies tun sollte, doch die Person weiß das besser als ich und sie hat die Macht dazu, mich zu zwingen. Widerstrebend werde ich abgeführt und in das von ihm angesprochene Gebäude gebracht, wo ich in eine Zelle eingesperrt werde, immer noch das Gefühl der ständigen Beobachtung in mir, und jetzt endlich begreife ich, was geschehen ist.

Gibt es dir ein Gefühl der Sicherheit, wenn du aus dem Haus gehst und dir eine Kamera ins Gesicht blinzelt? Muss es ja, warum denn sonst lässt du genau dies zu? Wieso veröffentlichst du deine Adresse im Internet, auf dem Marktplatz bei einer „Postbank-Auto-Lotterie", bei einer Umfrage am Telefon? Warum lässt du es zu, bei einer Fahrt mit der S-Bahn gefilmt zu werden genauso wie beim Betreten des Elektrogeschäfts? Doch bestimmt nicht, weil du gerne in der Öffentlichkeit stehst. Wie weit möchtest du gehen, was deine persönliche Big-Brother-Mentalität angeht, was hältst du aus? Und bringt das wirklich mehr Sicherheit in dein Leben, oder vielleicht doch mehr Angst, als dir lieb ist, immer darauf bedacht, ja nichts Falsches zu tun, um nicht eingebuchtet zu werden. Der Überwachungsstaat ist nur die Vorform des Polizeistaats und es ist meiner Meinung nach höchste Aufmerksamkeit geboten, damit dieser fließende Übergang nicht vollzogen wird, was er, wenn er nicht selbst unter Beobachtung steht, nur zu gerne tut, immer mit dem Vorwand, dich doch nur schützen zu wollen. Aber wer schützt dich vor dem Beschützer?

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