Abtropfen, entnehmen und zubereiten.

Gleich wird es klingeln, ich bin mir sicher. Gleich klingelt es, ich nehme ab und frage: „Hallo?". Dann wird man mir antworten, der Gegenüber wird sich mir vorstellen und wir werden ein Gespräch führen, wie noch ein Gespräch am Telefon geführt worden ist! Weggewischt sind die Rekorde der Vergangenheit, jetzt zählt nur noch mein Symbol.

Oftmals stelle ich mir Derartiges vor, wenn ich mir meine Medizin in den Arsch stopfe. Besser ist es noch nie geworden, es zögert nur den Moment der Offenbarung hinaus, den Moment, indem es nicht mehr reicht, indem mehr zu wollen die Trendwende ist. Heilung zum Beispiel!

Sitzend bewege ich mich auf der Stelle, stampfe den Beat einer Generation, Beatgeneration, ach währt ihr doch wieder da. Vielleich steht, sitzt, liegt sie direkt vor mir, zum Greifen nah, braucht nur noch ein Strecken, ein Recken, danach, um sie zu holen. Schön wärs. Während ich hier sitze sterben Menschen, klar, diesen Spruch hört man sehr oft und noch öfter ist er wahr, doch Bemerkung schenkt man ihm schon lange nicht mehr. Ich laß gestern in einer Abizeitung, in der eine Person, um sich der Aufmerksamkeit der Anderen gewiß zu sein, zunächst schriftlich das Wort „Penis" in den Raum wirft. Nicht sehr taktvoll, doch in diesem Etablissment sicherlich gewinnbringend, skandalös eventuell, doch wie man weiß bringen Skandale die meiste Aufmerksamkeit. Was also ist NICHT skandalös am Mord eines Menschen? Nur weil er alltäglich ist macht es ihn noch nicht weniger bedeutend, nein, sogar wesentlich bedeutender als alles andere, nicht vergleichbar mit sogenannten Boulevard-Skandalen. Und dennoch ist er aus dem Blickwinkel der Menschen verschwunden. Sie kümmern sich nicht darum, nur um sich selbst und finden das auch noch gut. Ist das erstrebenswert? Wohl kaum. Woran es allerdings liegen mag, dass Tote jede Publicity verloren haben, weiß niemand.

Viele sagen, das sie nichts ändern können. Das mag stimmen, allerdings ist dies kein Argument, nichts zu tun. Ich sage ja auch nicht zu mir, duschen macht mich nicht sauberer, weil ich eh wieder dreckig werde, sondern ich sage zu mir: „Duschen macht mich kurze Zeit sauber, wenn ich wieder schmutzig bin, dusche ich erneut. So sollte man es machen. Wenn wieder Menschen sterben, muss man wieder etwas tun, auch wenn es sich langfristig nicht ändert, dass Menschen sterben. Liege ich hier richtig oder was?! Auf Antwort wird gebeten, Gott, der du nicht existierst.

Gestern war ich joggen, mal was für meine Gesundheit tun. Da ich es auf dem Land getan habe, de facto mir wenig Menschen begegnen, blieb mir der leidvolle Anblick der joggenden Meute in der Stadt verwehrt, wie sie mit ihren Ipods, auf Profi-Jogger getrimmt, daherhecheln, schwitzend, sabbernd, wie geifernde Freier auf dem Straßenstrich, wenn sie vom Angebot überfordert sind. Ich hasse diese Abkehr von der urtümlichen Joggingmoral, dieses Eins sein mit der Natur, diese Grüppchenbildung, dieses Aufmachen einer eigenen Klasse des Joggings. Wie eine verschworene Gemeinschaft sahen sie aus, die stolzen Athleten. Heutzutage lieben sie ihren Individualismus so sehr, dass sie am liebsten mit sich selbst schlafen würden, doch da dies nicht so viel Spaß macht, gehen sie eben alleine joggen, abgegrenzt von der Außenwelt, der sie wiederum einen Scheiß bedeuten und so weiter und so fort.

Durch die Individualisierung des Menschen sind so viele ursprünglichen Gemeinschaftsinstinkte im Dreck verkommen, dass die Vorteile den Verlust schon lange nicht mehr aufwiegen können. Egoismus macht sie überall breit, wo der Einzelne die Gemeinschaft verlässt, man sieht es beim Steuerbetrug, man sieht es im Kegelverein, man sieht es bei der Arbeit. Hauptsache, frei und unabhängig zu sein, nach mir die Sinnflut. Jeder hat seine Welt, Verantworung wird weggeschoben und am Ende der Tabelle stehen die, die keine andere Wahl haben beziehnungsweise Menschen, die dem Zeitgeist hinterherhinken in ihrer „Wir sind alle Gleich"-Idylle. Wahrscheinlich gehöre ich auch dazu, wahrscheinlich bin ich von vorgestern, wahrscheinlich sollte ich nach dem Turbo-Abi einen Turbo-Job anfangen und somit eine Turbo-Karriere beginnen, die später zu einem Turbo-Leben mit einem Turbo-Tod führt. Was würde ich glücklich werden, ich kann mir diese Perspektive verdammt gut ausmalen, ja förmlich mahle ich sie mir aus, und zwar aus dem Schädel. Müßiggang ist des Menschen verderben, na das wollen wir doch mal sehen! Abgrund, ich komme, aber wenigstens sehe ich in diesem Untergang noch einen Sinn, die Karrierefutzis werden schon bald keinen mehr haben. Wenn sie tot sind.

Allerdings kann selbst ich mich Egokacke (nicht zu verwechseln mit der Esokacke, dazu ein anderes Mal) nicht gänzlich entziehen, natürlich nicht, ich bin ja auch nur ein Mensch. Mit leckerem Essen, mit Bücher lesen, mit Musik, die beim Joggen aus meinen Kopfhörern dringt, ich bin ein alberner Wicht, ziehe andere in den Dreck und hab es selber am stecken, oder auch einfach meiner Tagesplanung, die ich allem anderen unterstelle. Nach mir die Sinnflut, wie gesagt. Ein Mittelding ist alles, was nötig ist, sagte ich auch schon einmal an anderer Stelle.

So heißt es jetzt, sich hochschwingen aus der tiefsitzenden Verkrustung befreien, atmen, spüren, können, Energie. And love is all you need. Wer dies bedenkt, kann weiterkommen, da bin ich mir sicher, der wird alsbald den Hörer abnehmen, der Beat wird wieder pochen, ich werde in stampfen, atmen, fühlen und verbreiten, denn das ist meine Aufgabe, mein Ziel, dem alles andere unterzuordnen ist.

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