Selbstdefinition arbeitsloser Wortpate

Ihr schuldet mir was, denn ich rette die deutsche Sprache für euch. Zumindest ein Wort davon. Ich soll es "häufig benutzen und mich darum kümmern, es hüten vor Mißbrauch und Verdrängung." Es ist wie geschaffen für mich, nebenbei gesagt. Und in der Tat, es muss wieder öfter erklingen, denn viel zu abgeflaut ist der Bogen in der Anwendungsstatistik. Darum lasst es uns nun lobpreisen, hochleben, immer wieder im Takt wiederholen, und vielleicht, ja nur vielleicht, wird unsere Welt allein durch diese Tat ein kleines Stück aus dem Schlund der Hölle befreit und in Richtung des Himmels geführt, wo die Luft rein ist und nicht von Stickoxiden verpestet, wo anstelle von Feuerschwaden Dunstwölkchen ihr Dasein fristen und die Menschen miteinander in Frieden und Gelassenheit miteinander, nicht nebeneinander oder gar gegeneinander, kommunzieren, argumentieren, transpirieren. Oder so ähnlich.

Spaß beiseite, ich mag dieses Wort wirklich gerne, es hat eine Bedeutung, die nicht gewichtig genug genannt werden kann, für mich wie für alle anderen, auch wenn es große Teile der Menschheit nicht wahrhaben wollen. Ja, ich meine euch, ihr angepassten, an eurem Sessel klebenden, stockkonservativen Einfallspinsel, mit eurem Antimut zum Leben zerstört ihr die Hoffnungen aller. Nietzsche wusste es schon immer, und die Marxisten sowieso, aber ihr müsst es endlich mal kapieren, wer Leben will, sollte nicht aufhören, revolutionär zu sein, mit jeder Pore im Herzen, mit jeder Synapse im Hirn.

Sagt euch ein (fast) arbeitsloser Stubenhocker, Möchtegernheld und Taugenichts, der nicht weiß, was er mit seinem Leben anfangen will. Ja, es ist aus, morgen um genauer zu sein, und ja, mir graust es innerlich vor der Leere, die dadurch entstehen wird. Ich will da nicht hineingezogen werden, darum fahre ich erst einmal in die Ferne, weit weg vom Loch, das auf mich wartet, was danach mit mir passiert, wer weiß? Aber es ist und bleibt seltsam, da hatte man ein Jahr lang etwas zu tun, ist seit einem Jahr in dieser Stadt, und nun ist Peng! alles vorbei und mir wird das so, wie ich es erwartet hatte, noch gar nicht bewusst, nein, ich glaube irgendwie immer noch daran, dass es nur eine Pause ist und kein Abschied auf ewig. Wir werden sehen, wer Recht hat, mein Gefühl oder mein Verstand. Ach diese beide Lümmel, können sich nur streiten! Ich bin da ja anders, und ich bin stolz darauf. Ich bin revolutionär.

 

Warum mein Abishirt an unterster Stelle im Schrank angekommen ist, während ich das 2009er Shirt gerne und häufig trage, wieso meine Füße so schmerzen und mein Herz so rast, weshalb ich Tinas Brille aufsetze und trotzdem nichts sehen kann.

Kurzum, all die verloren gegangen Dinge sind wieder aufgetaucht. Fragen über Fragen. Aber von vorne.

Heute war der Tag der Schuhe. Zunächst hatte ich die verschlissenen Teile an den Füßen, doch da diese Löcher haben und es geschüttet hat wie aus Kübeln, war ich alsbald gezwungen, auf meine niegelnagelneuen braunen Sneaker umzusteigen, ein Fehler, wie sich kurze Zeit später herausstellen sollte. Denn meine Füße sind ein Traum von Zartheit, und diese groben Dinger, noch vollkommen uneingelaufen, setzten ihnen böse zu, so böse, dass ich nach circa einer Stunde nicht mehr in der Lage war, normal zu laufen, geschweige denn schmerzfrei. Eine Art Tortur, die dicke Blasen an den Fersen zur Folge hatte. Deswegen die Schmerzen, ich habe keine Ahnung, wie ich den morgigen Tag hinter mich bringen soll, denn laufen muss ich auch dann wieder.

Dann habe ich in trauter Angepasstheit an die Situation einmündig beschlossen, den Tag Tag sein zu lassen und nicht mehr rauszugehen. Ich zog also meine Gammelklamotten an, dafür musste ich ein Gammelshirt finden, und wo findet man am ehesten ein Gammelshirt? Na klar, ganz unten in der Schublade, die meine T-Shirts beherbergt. Was ich dort sah, ist geschichtsreif. Mein Abi-Shirt. Noch nie angehabt, weil es viel zu groß ist, liegt es da seit einem Jahr rum, und ich habe mich ulkigerweise nie nach seinem Verbleiben gefragt, es ist einfach in Vergessenheit geraten. Ganz im Gegenteil, und das macht die Sache erst interessant, zu einem Abi-Shirt von diesem Jahr, von Tinas Jahrgang, welches mir passt, sie mir geschenkt hat und ich nun hin und wieder zu tragen pflege, denn es sieht nicht nur schön aus, es bietet mir auch die seltene Ausrede, noch kein ganzes Jahr aus der Schule zu sein und deshalb nicht tierisch unter Zukunftsangst leiden zu müssen, denn die Zukunft hat ja noch Zeit. Hat sie aber nicht mehr bei mir. Zu Schade.

Deshalb habe ich mich dann, Hundertstelsekunden bevor die Frist ablief, doch noch für einen Studienplatz beworben, ohne auch nur die geringste Sicherheit dahinter zu fühlen, diesen Studiengang auf Gedeih und Verderb durchziehen zu wollen. Also, im Grunde genommen hänge ich weiterhin durch, im nächsten Monat habe ich kein Gehalt mehr, muss dafür weiterhin Miete und allen anderen Kram bezahlen und habe keine Ahnung, wie es mit meinem Leben nun weitergehen soll. Beängstigenderweise ist es mir mittlerweile gleichgültig, vor zwei Wochen geriet ich deswegen noch tierisch in Panik.

Was mich zum letzten Punkt bringt, der Blindheit. Nichts kann ich noch klar sehen, alles ist verschwommen, grau in grau, öde. Da trifft sich eine Sache gut, ein Urlaub zu zweit. Der wurde gemacht, und seitdem ist irgendwas anders, vielleicht sogar zum Guten? Zwar ist die Umgebung immer noch nicht zu erkennen und ich würde keinen Cent auf mein Überleben in der harten Realität wetten, aber wenigstens kann ich, wenn ich mich ganz nah heran begebe, die Scheinwelt sehen, und in die stürze ich mich jetzt hinein. Es geht um Nummern, Liebe und Action, genau das, was ich jetzt brauche. Fernsehen, ich komme!

 

Konzert

Wenn man von einem Konzert sagt, dass es gut war und dass die Band einen mitgerissen hat, dann hat Aussenstehender sich das äußerst peinlich für den Gegenüber vorzustellen, denn natürlich bedeuten solche Worte nicht weniger, als dass man völlig aus sich herausgekommen ist, getanzt, geschrien und sich absolut nicht zivilisiert verhalten hat. IhBa! Für kurze Zeit tauchte man ein in die Welt, wie sie sich ohne Schamgefühl und Stolz präsentieren würde, wo alle ausgelassen sind, nicht verschlossen, und alle frei und glücklich. Ihgitt!

Ich war also am Mittwoch mit Tina bei Depeche Mode in der Arena im Volkspark, auch bekannt als HSH Nordbank Arena, und abgesehen von einem etwas sehr seitlichen Platz war es spitze, wie natürlich nicht anders angenommen. Tina bemerkte kurz danach, dass meine Gebären sie doch irgendwie amüsiert haben, mal ganz abgesehen von unseren Stehnachbarn, die teilweise äußerst exzentrisch abgetanzt haben, so richtig mit schwingenden Armen und kreisenden Hüften. Soweit ist es bei mir allerdings nicht gekommen, was schade ist, denn, wie ich immer wieder an mir selbst erkannte, umso mehr mich die einzelnen Songs mitrissen, desto ungehemmter, ja fast befreit bewegte ich mich. Zwischendurch schlief diese Art der Sorglosigkeit aber ein, auch am Anfang wollte der Funke nicht gänzlich überspringen, was weniger an der Qualität des Konzerts lag, sondern vielmehr an meinem Versagen, mich einfach gehen zu lassen. Immer wieder musste ich an die Umstehenden denken und ihre Blicke verfolgten mich, obwohl sie mich sicherlich keines Blickes gewürdigt haben. Doch mit Fortschreiten des Auftritts einer der besten Live-Bands der Welt verflogen diese Bedenken und es entstand das, was Tina danach so ulkig fand. Ich schmolz dahin, ich war in Ekstase, erregt, es war purer Sex. So soll es sein.

Wie es wohl wäre, wenn es nicht nur in derartigen Momenten so zugehen würde? Brauchen wir dieses Höchstmaß an Verstand wirklich, diese Sperre im Kopf, die uns sagt, was wir zu tun und zu lassen haben, was geht und was nicht? Brauche ich sie? Denn natürlich sind andere impulsiver als ich, sie entscheiden intuitiver, sie sind emotionaler, irrationale Entscheidungen sind an der Tagesordnung. Bei mir geht das alles nicht, da sind zu viele Gedanken, Rationalität, da ist kein Ausbruch, nur zögerlicher Aufbruch, ein Vortasten anstelle eines Vorpreschens, nur das „Vor" haben alle gemein. Doch wenn ich könnte, würde ich selbst das nicht mitmachen, sondern ein Zurück erfinden.

Es gibt noch einen weiteren Weg, der günstiger zu bestreiten ist, als ein Konzert, um aus seinem eigenen Schatten zu treten, das Heft in die Hand zu nehmen und das Leben ein wenig fröhlicher, tanzender, bewegter zu bestreiten. Es ist der Weg der Drogen. Es ist der einfache Weg, denn er bedingt nichts, man muss nicht selber für ihn schuften. Man nimmt sie zu sich, und schon verändert sich alles, dein Geist, dein Denken, dein Tun. Nur der Kater danach oder die Nebenwirkungen, die gilt es zu umgehen, was natürlich unmöglich ist. Deshalb tanze ich jetzt auch wieder im nüchternen Zustand zur Musik, die mich fesselt, die in mir Schaltkreise umlegt, die ansonsten ewig verborgen wären. Ich lasse mich gehen, und das heftigst, zumindest versuche ich es. Das habe ich im Übrigen auch am Mittwoch getan. Es war doppelt erfolgreich, ich tanzte und erstand sogar ein T-Shirt. Das kann man jetzt auch als Kommerz auslegen, doch ich nenne es eher Impulsivität. Mehr geht doch wohl nicht, oder?!

 

Bella Ciao

Sie kündigten ihn schon vor Stunden an, die singenden Genossen, und nun ist er da, so schön wie selten, was will er mir damit sagen? Dass sich das Aufbleiben lohnte? Dass der Ort wohlgewählt? Wohl kaum, denn er sagt mir nichts, das ist sein Schicksal. Er verrichtet seine Dinge, lässt sie aufgehen und wieder versinken, nur aus meinem Blickwinkel, nicht aus dem des Allmächtigen, da scheint sie immer, und immer fort. Bis sie irgendwann zerberstet, denn sie ist nicht geschaffen von Gott, das sind wir alle nicht.

Sie hat noch nie Vertrauen in mich gehabt, so sagte sie. Hat sie es wahrlich ernst gemeint? Wohl kaum. In der Hitze des Gefechts werden Dinge gesagt und Taten vollrichtet, an denen sich später niemand mehr gern erinnert oder gar aufrichtet, trotzdem werden sie gesagt oder getan, und das ist die Bredouille, in der wir uns alle befinden. Wir beide.

Im Krieg befinden wir uns. Niemand will das wahrhaben. Kurzfristig werden Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet, die nur kurz darauf widerrufen werden. Oder es werden gar keine Abkommen mehr unterzeichnet, denn der Feind untermauert all solche diplomatischen Gepflogenheiten mit Bomben, Granaten und Hinterhälten ja eh. Dann tun wir es ihm gleich, bezeichnen dies als Notwehr, und denken dies auch. Allein, es ist keine. Ein Blick zurück, und jeder selbstkritische Mensch beginnt zu begreifen, dass er selbst den Fehler begangen, dass er selbst den Hass ausgesäht. Jeder nicht selbstkritische Mensch beginnt nichts zu begreifen, nur, er greift wieder zu den Waffen, als sei es sein gutes Recht. Von wegen.

Irgendwann löst sich das Rot am Himmel, und das Gold schaut hervor. Es ist ein Zeichen des Sieges, ein Zeichen des Triumphs, dass wir, die wir nicht am Himmel kleben, sondern am Boden, irgendwann nicht nur das Blut vom Boden aufzuwischen haben, sondern auch das Gold der Reichen zu putzen. Und wir fühlen uns noch nicht einmal betrogen dabei, nicht erniedrigt, sondern sind glücklich, denn auf der Suche nach einer passenden Aufgabe fanden wir etwas erfüllendes, weil goldenes, doch leider ist es kein echtes Gold, nur billiges Messing, aber das wissen wir nicht. Zu dumm, zu unerfahren, zu kahl auf dem Kopf und im Gesicht.

Blühe noch einmal, du Blume, denn du bist die Einzige, die nicht lügt. Singe noch einmal, du Vöglein, denn dann ist es klar, es ist Morgen.

Bella Ciao, Bella Ciao, Bella Ciao Ciao Ciao.

 

Verjährung

Mit nur einem einzigen Thema Abende zu füllen, ist mir mittlerweile gleich mehrfach vergönnt. Trotzdem wird mir nicht langweilig, denn es sind ja spannende Themen, da kann man nichts gegen sagen.

Außer Gefecht gesetzt für mehrere Tage, keine Sorge, nichts schlimmes und ich habe es nachweislich überlebt, machte ich mich auf und tue dies weiterhin, einer Sache, die vor exakt einem Jahr geschah, zu gedenken. Damals war ich der Mittelpunkt des Ganzen, Abientlassung, bla, ich habe es dort auch bereits erwähnt, dieses Jahr gestalten sich derlei Veranstaltungen mehr und mehr zu einem Ehemaligentreffen, obwohl doch die frischen Leute, die Abiturienten, gefeiert werden sollen. Damit habe ich nicht wirklich gerechnet, doch es macht in gewissen Maße Sinn, schließlich haben die meisten des letzten Jahrgangs jetzt eh frei, sei es das Ende des Zivil- oder des Wehrdienstes,  und sind mehr oder minder eindeutig nostalgisch dieser Tage, die sich ja wie gesagt jähren, gehen dementsprechend gezielt dorthin, um noch einmal ein Wenig der alten Gefühle aus den verstaubten Schränken zu klopfen, oder die Ehemaligen sind durch Freund- und Bekanntschaften an solchen Aktionen ebenso gebunden wie ich es bin. Meistens beides. Aber was will ich damit eigentlich sagen, was interessiert mich daran? Zugegeben, im Grunde genommen wenig, allein die Tatsache, die alten Weggefährten mal wiederzusehen, ob man es nun will oder nicht, ist für sich genommen interessant, mehr aber auch nicht, denn vermisst hat man sie in der Regel in den seltensten Fällen, wobei ich sagen muss, dass es natürlich Zeiten gab, in denen es der guten alten Gepflogen- und Gewohnheiten ruhig öfter bedurft hätte, zumindest auf meiner Seite.

Ist es also ein Rückschritt für alle die, die nun ein Jahr nach der Entlassung in das alte Leben zurückzukehren versuchen, so als seien sie nie weg gewesen? Ist das ein Signal des Scheiterns ihrer bisherigen Bemühungen, der Vergangenheit im behüteten Kollektiv eine individuelle Zukunft entgegenzustellen? Oder ganz banal gefragt: War früher alles besser?

Sicherlich, in den meisten Fällen sind derlei Fragen offenkundig fehl am Platze, denn die Versprengten kehren nicht zurück aus einem komplexen Gefühl der melancholischen Sehnsucht heraus, sondern viel eher aus dem Verlangen nach einem erneuten Feiergelage und dem Wiedersehen alter Bekannter, die länger nicht gesichtet wurden. Es ist wie eine Art Klassentreffen. Und nebenbei sind halt immer noch die Abiturienten und Abiturientinnen, denen man anhängt, denn so ganz ohne diesen Grund würde sich kaum einer ein Erscheinen zutrauen, wäre es doch ein immenses Eingeständnis der eigenen Langeweile, ein Verlust des Stolzes vor einem selber und vor den Anderen. Man hat nichts Gescheites zustandegebracht, das einen über die Zeit bringt, man muss sich unweigerlich fragen, ob und warum man noch darauf angewiesen ist, auf Abibällen zu erscheinen, ist dieses Event wirklich so bedeutsam und spektakulär, das ein Besuch ausreichend gerechtfertigt ist? Sollte man nicht eine Steigerung dessen zumindest in Aussicht haben? Oder begnügt man sich letztendlich mit dieser Stufe? Natürlich, nur temporär sind diese Fragen von einer Bedeutung, wenn überhaupt, nach zehn Jahren hat man in der Regel keine Bekannten oder Verwandten mehr, denen man zu den Abiturfeierlichkeiten nachschleichen kann, mal ganz abgesehen davon, dass man dann ein ungünstiges Alter erreicht, um mit Zwanzigjährigen zu feiern, die Frage ist dann allerdings, wodurch die Lücke ergänzt wird... ach, seien wir mal ehrlich, so wichtig ist das Ganze auch wieder nicht. Ist halt nur spannend, darüber nachzudenken, zumal im eigenen Kontext...

Ach ja, und das zweite Thema, von dem ich oben sprach, ist meine Odyssee des Weisheitszähne-Ziehens und den damit verbundenen Strapazen, aber ich hab nun wirklich kein Bock mehr, darüber erneut zu sprechen.

 

Have you ever seen the light.

Im Moment geht einfach alles den Bach runter, und es tut mir unendlich Leid für die, die ich mit meinem Scheiß belästige oder gar verletze. Und mit alles, da meine ich alles. Man darf es auch nicht immer durch einen blümchenbesprenkelten Vorhang hindurch betrachten, man muss die Fakten so nehmen, wie sie fallen, und jetzt fallen sie eben so. Vielleicht ändert sich das auch mal wieder, wer weiß.

Aber wer will schon die Einzelheiten beschrieben bekommen? Niemand, den es nicht persönlich was angeht. Ihr alle wollt doch nur unterhalten werden, im guten wie im schlechten Zustand, ihr lechzt euch, ach was sage ich, wir alle lechzen nach dem miesen Gefühl des Gegenüber, wenn es sprachlich interessant verpackt wurde, oder sogar richtige „Action" abgegangen ist. Und die jeweiligen Herausgeber stören sich nicht daran, nein, sie haben es sich ja genauso ausgesucht, ich eingeschlossen, sie wollen ja dieses geheuchelte Mitgefühl mit der Hoffnung, dass daraus wirkliches Mitgefühl entsteht, oder sie belügen sich selbst und reden sich ein, dass es die Massen doch interessiert, wie das Wochenende mit dem Freund abgelaufen ist oder wie man zur aktuellen politischen Lage denkt. Aber hey! Ich werde doch wohl kaum mein eigenes Nest beschmutzen? Oh doch, denn zu verlieren habe ich nun eh nichts mehr. Zu weit aus dem Fenster gelehnt? Na dann lies doch nicht weiter, ich bot dir diese Exitstrategie ein ums andere Mal an.

Denkblockade, Schreibblockade, Egoprobleme, Beziehungs- beziehungsweise Sozialprobleme, Gesundheitsprobleme², Zukunftsprobleme, Arbeitsprobleme, Aktivitätsblockade, Serotoninblockade. Ein Überschuss an allem, was schlecht ist. Nun den Ernst der Lage begriffen, aber ahnungslos, was nun zu tun ist? Schon die Hoffnung aufgegeben oder sich kopfschüttelnd abgewendet aufgrund von gnadenloser Übertreibung meinerseits? Wer sagt denn, dass ich Wahrheiten ausspreche? Wenn ihr Wahrheiten wollt, wendet euch an euren Philosophen des Vertrauens, fast hätte ich Verrats geschrieben, kurzzeitiges Zwischenfunken des Cortex ins Broca-Areal oder umgekehrt oder völlig daneben.

Alles, was ich will, intuitiv gesprochen, ist Ruhe. Keinerlei Wellen mehr auf dem Meer, keine Wogen, die das kleine, kurz vor dem leckschlagende Boot, in dessen Kajüte ich der Kapitän bin, bis zum Erbersten weit ab vom Kurs schleudert. Wenn sich die See etwas beruhigen würde, nur für ein paar Tage, dann könnte ich eventuell ein paar Reparaturen durchführen, es wieder seetauglich machen, nur ein paar Tage.

Aber stattdessen versucht mein Gehirn zu flüchten, was Druck an den Schläfen auslöst, die tausend ungestellten Fragen warten auf die tausend abgekämpften Antworten und zu allem Überfluss ist das Wetter hier seit Wochen mehr als zum Kotzen. Wie wahr.

Nicht alles wörtlich nehmen.

 

Stillstand in allem.

Da schwindet sie dahin, die kostbare Zeit. Wird vertrödelt, weil einem nichts Besseres einfällt als das. Weil das gesamte, schlaue, prächtig gefüllte Gehirn bis auf das kleinste Neuron die Arbeit niedergelegt hat und für höheren Gehalt streikt, von was auch immer. Da schwindet es dahin, ein Teil meines Lebens. Wird verträumt, doch hält der Traum nie, was er verspricht. Weil die Zeit nicht reicht dafür, ihn zu verwirklichen, weil der Kopf so leer ist, wie weggefegt sind alle Strukturen.

Morgen dann letztendlich ein neuer Tag, ein neues Leid, ohne dass der alte Tag in irgendeiner noch so kleinen Form haften geblieben ist. Da freut man sich während der Arbeit noch auf den Feierabend und schon sind die Sektflaschen ausgetrunken und die Gäste längst Zuhause, nur man selber dümpelt noch in derselben Ecke herum wie vor Stunden. Da schwört man sich ewigliche Besserung und scheitert bereits beim Aufstehen wieder, wenn man anstatt konstruktiv zu sein nur Sudokus am Frühstückstisch löst, soll heißen, es versucht und kläglich scheitert. Der Grund ist ganz klar, ich nannte ihn bereits. Stillstand im Denken.

Und dann fragt man sich doch: Ist das jetzt nur eine Phase und was muss ich tun, um da herauszukommen, welche Stellschrauben müssen gedreht werden, oder ist das eine chronische Erkrankung der Lebenswege und nur ein Vernichten der Maschinerie kann Abhilfe versprechen, nur ein Sprengung kann den angehäuften Berg Elend in Schutt und Asche legen? Ja, aber wem sollte diese Frage gestellt werden? Man selber kann ja kaum noch gerade stehen, da darf man sich nicht überlasten mit einem solchen Findling der fundamental-philosophischen Abteilung. Und schon gar nicht darf man den inneren Schweinehund wecken, sonst hat man den auch noch an der Backe.

Also, wen fragen? Die Freundin, den Freund, die Putzfrau, die Eltern, die Arbeitskollegen, die Fremden im Bus, den Fremden in der Nebenkabine auf der öffentlichen Toilette? Die können einem doch wahrlich nicht helfen, da sind doch selbst meist Hopfen und Malz verloren. Also lieber ein Bierchen trinken und versuchen, alles zu verdrängen? Klappt meist nur für gewisse Momente, irgendwann hockt man dann doch in derselben Ecke wie immer und löst Sudoku. Also muss man am Ende doch selber ran, und jeder, der weiß, wovon ich spreche, weiß ebenfalls, wie schwer es ist, über seinen Schatten zu springen und dann auch noch sanft im grünen Gras zu landen. Apropos. Gestern lag ich im grünen Gras, heute in meiner Ecke. Der Weg ist lang, der Sprung muss hoch sein, beschwerlich ist alles und auch wenn zwischenzeitlich die Sektkorken knallen, nur wer ständig in Bewegung bleibt, bleibt nirgendwo liegen. Oder sitzen, oder stehen.

 

In Lohn und Brot

„Es reicht nicht, wenn man irgendwas ganz gut macht. Ganz gut ist gar nichts. Etwas ganz gut zu machen ist ein Scheiß. Das ist Zeitverschwendung. Man muss was finden, was man richtig gut macht. Und das kann nur etwas sein, was man auch richtig gerne macht. Und sei es nur, dass man das deshalb richtig gerne macht, weil man es richtig gut macht. Wenn man etwas nicht richtig gerne macht, dann macht man es auch nicht richtig gut. Und wenn man etwas nicht richtig gut macht, dann macht man es auch nicht richtig gerne."

 

Oh ja, da hast du so verdammt recht, Frank. Es dreht sich mal wieder voll um die Frage, was wird aus meinem Leben? Da verlässt mich so allmählich der Mut und die Inspiration. Oder aber beides will nicht unter ein Dach passen. Irgendwo hackt es, irgendwie klempts. Details auf Nachfrage. Nur, wenn nicht bald ein Wunder geschieht, dürft ihr mich zu einer von den 4,7 Millionen ohne Arbeit in diesem Jahr zählen, statistisch betrachtet. Das wäre nichtmal das Schlechteste, wieder einmal merke ich, dass ich zur Arbeit nicht erschaffen wurde. Das habe ich schon seit meiner Kindheit meinen Mitmenschen gepredigt, da hat sich auch durch den relativ geordneten, dafür aber umso herber kritisierten Lebenslauf seit Juli 2008, nichts dran geändert. Ich will nicht einer von denen sein, die sich Tag für Tag an irgendetwas den Arsch abarbeiten, nur um dann alle zwei Jahre 'nen Roadtrip zu machen, der von vorne bis hinten durchkalkuliert ist. Ich will heute in die Bahn steigen, morgen früh irgendwo ankommen, mich umsehen und dann weiter entscheiden, wohin mich meine Wege führen. Dass man dafür das nötige Flüssige braucht, ist der fundamentale Haken an der Sache. Du kannst in dieser Gesellschaft nichts werden ohne geregeltes Einkommen, dass direkt in die Abhängigkeit mündet, in die Abhängigkeit von Geld, Standort, Familie. Ist ja auch klar, denn keine Gesellschaft will ackern, nur damit einige sich ausklinken können. Alle oder niemand, in diesem Falle alle. Eine der wenige Konstanten im Leben, eine der wenigen Punkte, die unsere Gesellschaft noch zusammenhält. Wir sind alle Arbeitstiere.

 

Und ich will ja auch gar nicht nicht arbeiten, nur halt das, was mir gefällt und wo es mir gefällt. Gerade heutzutage ein Ding der Unmöglichkeit. Entweder man verdient nichts mit dem was man mag, oder aber man mag nicht das, was man tut, verdient aber ordentlich. Am besten, ich werde einfach Tagelöhner, oder Wegelagerer, oder Faultier. Die arbeiten nur, wenn sie es nötig haben. Ja, das ist es, das will ich machen.

 

Die Entdeckung der Armut.

Wir alle kommen am Elend vorbei und grüßen es nicht, sondern wir wenden uns ab, nicht nur aus einer Mischung aus Abscheu und dem bangen Hoffen, niemals in diese oder eine ähnlich Lage zu geraten, sondern vor allem um uns und unsere behütete Idylle nicht gänzlich zu verlieren, denn wenn du einmal die Armut in dein Herz gelassen hast, wirst du sie nie mehr los. Sie verfolgt dich, bis du daran zweifelst, deinen Wohlstand verdient zu haben, bis du dich dafür schämst, dem elendig-verzweifelten Penner keine müde Mark, nichtmal ein Lächeln zu schenken, aus Angst er könnte es versaufen. Und wenn schon! Dann versäuft er es halt, wenigstens muss er sich dieser Pein nicht länger bei vollem Bewusstsein stellen. Du wiederum stellst dir Fragen, die du dir in deiner Welt der Bequemlichkeit nie stellen wolltest, du denkst nach, kommst aus der Apathie heraus, dir öffnen sich andere Sphären, die du nie kennenlernen wolltest, als du noch Abends auf der Couch dein Feierabendbier aufgemacht und die Tagesschau gesehen hast. Du hinterfragst, du kritisierst, erst an dir selber, dann am System.

Spätestens da wird es gefährlich und du solltest schleunigst umziehen, in einer dieser wunderbaren Vorstadtdörfer, die keinerlei Armut kennen. Doch auch das könnte nicht helfen, wenn deine Arbeitsstelle immer noch neben dem Asylantenheim liegt, du musst kämpfen, um da heraus zu kommen, du musst neu erlernen, dich abzuhärten, die Armut zu ignorieren, sie als Teil der Welt, nicht als Teil des Systems zu verstehen, das Großkapital als deinen Freund und das Streben danach als deinen Lebenszweck anzusehen, auch wenn du nur ein kleiner Büroangestellter bist und niemals reich werden wirst, allein der Traum muss bestehen, Geld zu haben.

Oder aber, du gehst weiter, wählst beim nächsten Mal lieber nicht die CDU, sondern mal die SPD, oder noch schlimmer die Grünen, das ist sowohl gesellschaftsfähig als auch gesellschaftskritisch, alle deine Bedürfnisse werden befriedigt. Dann kommen sie an die Macht und verändern die Welt, denkst du, und stellst das Denken endlich ein. Aus den Augen, aus dem Sinn, sollen die sich doch darum kümmern, schließlich hast du sie gewählt.

Oder aber, du bleibst, wo du bist, denn die Selbstkritik ist ein ausgezeichneter Weg der Selbstfindung, und du möchtest unbedingt finden, wie du dein Leben ändern kannst, zufrieden bist nach deinen neuen Maßstäben, entstanden aus der Entdeckung der Armut, die sich so unglaublich stark von der gesellschaftlichen Norm unterscheiden. Du gibst dich scheinbaren Utopien hin von scheinbaren Idealisten, die von einer besseren Welt träumen und meinen, sie auch erreichen zu können, die die Ursachen der Armut und alles Schlechten auf Erden aufgedeckt haben, die wirklich etwas ändern wollen. Auch du möchtest jetzt etwas ändern, deshalb kündigst du deinen Job, schenkst dem Bettler vor der U-Bahn-Station deine letzte Flasche teuren Whisky, auf das er bald schon keinen Alkohol mehr braucht um sich zu benebeln, du prangerst an die Verursacher des Unrechts, allen voran dich selbst, du bist geläutert. Es war ein steiniger Weg voller Entbehrungen, denn du hast dich selbst aus der Gesellschaft herausgeworfen, gehörst einer Minderheit einer Minderheit an, und jetzt bist du dieser Penner, der da am Boden hockt und um Geld bittet, von niemanden beachtet wird, von allen gemieden wird, damit die bequeme und gewohnte Welt nicht zusammenbricht, damit nicht alles anders wird, alles besser wird?

 

Schweinenacken

Ich weiß ja nicht, wer da welche Recherchen durchgeführt hat, aber was da in Sachen Schweinegrippen-Informationen im Internet kursiert ist schon irgendwie irreführend, sogar mehr als das. Da haben wir auf der einen Seite Spiegelonline, die alles tun, um dem Boulevard-Journalismus in Puncto Apokalypse-News noch zu übertreffen. Da war dann gestern von der Angst der Börsianer, insbesondere der Fluggesellschaften, vor dem Virus die Rede (Och ihr Armen, könnt ihr keine dämlichen Pauschalflüge an irgendwelche Idioten mehr verkaufen?), und heute titeln sie, dass ganz Mexico-Stadt gelähmt ist vor der Angst vor H1N1. Generell wird hier ein äußerst düsteres Bild gezeichnet, das meiner Meinung nach in die Richtung der reinen Panikmache tendiert. Nicht gerade seriös.

Da kommt es einem schon spanisch vor, wenn an den jeweils gleichen Tagen, nämlich gestern und heute, taz.de just das Gegenteil verkündet: "Schweinegrippe lässt Mexiko Stadt kalt". War der taz-Reporter, der diesen Text geschrieben hat, in einer falschen Stadt unterwegs, oder haben die Kollegen vom Spiegel sich im Land geirrt? Oder aber Panik mit Armut und Chaos verwechselt, für welche Mexico-Stadt berühmt berüchtigt ist?

Gestern schrieben die taz übrigens noch, das man sich momentan keine Sorgen machen müsse, weil die vorhandenen Grippemittel in den USA anschlügen, die Menschen geheilt würden. Na ein Glück, die reichen Länder, die sich Medikamente leisten können, bleiben am Leben, die Bewohner der armen Länder verrecken elendig. Es geht einmal wieder so wunderbar gerecht zu auf Erden. Gleichzeitig bastelten auf Spiegelonline übrigens die Forscher der reichen Länder fieberhaft an einem Impfstoff, den sie dann gewinnbringend an die paranoiden Mitbürger verkaufen können. Sinn und Zweck dieser ganzen Übung? Fehlanzeige. Ich mach bei diesem Zirkus nicht mehr mit, das hier war mein letztes Wort zu dem Thema, soll ich doch dran krepieren, schaden würds der Welt nicht. Eine Welt ohne Menschen, stellt euch das mal vor! Wäre es nicht herrlich?

 

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