kanyas welt

Weblog von Katrin Heins


Einträge "bremen_stories":

Mittwoch, 12. Juli 2006

"Kind schließt sich ein" (Überschrift aus dem Weser-Kurier vom 11. Juli 2006) / Version 2

Sie macht das wirklich cool, dachte Max Degrand. Wirklich cool. Das hatte er Mandy nicht zugetraut, dass sie das so cool machen würde.

Er verlagerte vorsichtig das Gewicht vom rechten auf das linke Bein. Er passte auf, dass er kein Geräusch dabei machte, unsichtbar blieb. Er war zu weit entfernt, um ihre Stimmen zu hören, war darauf angewiesen, ihre Handlungen, ihre Gesten zu interpretieren.

Mandy tat ganz hysterisch. Der junge Polizist sah hilflos zu seiner Kollegin, damit sie Mandy beruhigte. Die Polizistin aber zuckte mit den Schultern, ging hinüber zum Streifenwagen, sprach ins Funkgerät. Der Polizist ging einen Schritt auf Mandy zu, legte seine Hand auf ihre Schulter, ganz vorsichtig, als sei Mandy eine heiße Herdplatte.

Das Kind konnte Max nicht sehen. Das schwitzte im Auto.

Er fasste sich an die Hosentasche, betastete den Ersatzschlüssel.

Die Polizistin trat an das Auto, sie fasste an den Türgriff, riss daran, aber natürlich bekam sie die Tür nicht auf. Sie sah zu ihrem Kollegen, tu doch was, schien ihr Blick zu sagen, typisch Frau, dachte Max, erst wollen sie alles selber können, und wenn sie es dann doch nicht können, dann sollen die Männer es richten. Schließlich sprach sie beruhigend auf das Kind ein, das im Auto schwitzte. Das hört dich doch sowieso nicht, wollte er ihr zurufen, im letzten Moment fiel im ein, dass er ja nur der Beobachter war, der Strippenzieher.

Mandy blickte zu ihm herüber. Sie wird doch wohl nicht schwach werden, dachte Max, wusste ich doch, dass sie es nicht packt. Er zog sich zwei Schritte tiefer ins Gebüsch zurück, dabei war er sich sicher, dass ihn keiner sehen konnte.

Mandy stieß den Polizisten von sich, riss die Frau vom Fenster weg, rüttelte selbst an der Tür. So eine verdammte Schauspielerin, dachte Max, sieht richtig echt aus, die aufgelöste Mutter, die besorgte Mutter.

Er hatte gar nichts gegen das Kind, obwohl es nicht seins war. Manchmal vergaß er das sogar, wenn das Kind auf ihm herumkrabbelte, wenn er es kitzelte, bis es zu weinen begann. Er wusste nicht, wer der Vater war. Mandy sagte, sie wüsste es selbst nicht, aber das glaubte er nicht. Der Mann, der die Alimente zahlte, war es jedenfalls nicht. So ein Idiot, dachte Max oft, lässt sich einfach ein Kind unterjubeln. Wenn er nicht mehr mit Mandy zusammen sein würde, würde er ihm das stecken, das hatte er sich längst vorgenommen. Jetzt natürlich nicht, jetzt hatte er ja was von dem Geld.

Ein zweiter Streifenwagen kam mit Martinshorn angefangen. Eine richtige Menschentraube hatte sich um Mandy und die Polizisten und das Auto gebildet, trotz der Hitze. Die neuen Polizisten kamen kaum durch, sie stiegen aus dem Wagen und drängten die Schaulustigen weg. Das da keiner ist, der einfach die Scheibe einschlägt, dachte Max. Wer das wohl bezahlen würde, wenn jemand die Scheibe kaputt machte. Aber sie hatten wohl Angst, das Kind zu verletzen oder zu erschrecken, dann schwitzte es wohl noch nicht genug.

Jetzt sah Mandy schon wieder herüber, würde sie nun doch die Nerven verlieren. Sie hatte das nicht glauben wollen, dass sie nicht durchhalten würde. Ich tu alles, was du von mir willst, hatte sie gesagt. Sie glaubte, das müsste so sein, sie wusste nicht, dass ihn das auf Dauer ankotzte. Vielleicht schon bald, dass er seine Sachen packte. Dass er zu dem Schwächling gehen würde, der sich für den Vater von dem Kind hielt. Einmal im Monat kam er, um den Kleinen zu sehen, nahm ihn im Kinderwagen mit nach draußen, schob ihn darin herum, zwei Stunden, drei Stunden, kam zurück mit so einem seelig-blöden Grinsen im Gesicht. Fast hätte Max es ihm schon vor zwei Wochen gesteckt. Guck doch mal hin, hätte er fast gesagt, das sieht doch ein Blinder, dass das nicht deins ist..

Ein drittes Auto fuhr heran, ein Mann stieg aus im Overall, mit einem Werkzeugkasten. Jetzt ging es also zuende. Sie hatte tatsächlich durchgehalten. Wenn ich den Polizisten erzähle, was wir gemacht haben, dachte Max, dann wäre es vorbei mit dem Geschrei des Kleinen. Dann würden sie ihr das Kind wegnehmen, es ins Heim stecken oder so. Dann könnten sie noch ein paar Tage Spaß miteinander haben, bevor er weggehen würde. Aber er hatte kein Bock auf den Ärger, das würde den Spaß nicht aufwiegen, da war es einfacher, sich eine andere Frau zu suchen.

Der Mann im Overall bekam das Auto innerhalb von einer halben Minute auf. Mandy schrie auf, als die Tür aufging, das hörte Max bis hierher. Sie beugte sich ins Auto und riss das Kind heraus, umarmte es so heftig, dass sie es fast zerdrückte. Die Polizistin ging dazwischen, versuchte, Mandy zu beruhigen. Sie spielt das zu gut, dachte Max plötzlich. Vielleicht hatte das gar nichts mit ihm zu tun, dass sie getan hatte, was er von ihr verlangte. Der Gedanke war komisch, dass sie es getan haben konnte, um ihre Liebe zu dem Kind zu spüren.

Max zog sich noch weiter zurück ins Gebüsch.

von: kanya

Dienstag, 11. Juli 2006

"Kind schließt sich ein" (Überschrift aus dem Weser-Kurier vom 11. Juli 2006)

Es ist so heiß, denkt Mandy Schulz. Ihre verschwitzten Füße quietschen in den Flip-Flops. Sie geht breitbeinig, damit ihre Schenkel nicht weiter gegeneinander scheuern. Mandy weiß, wie sie aussehen werden, rot und wundgescheuert. Sie wird Puder darauf tun, wenn sie zuhause ist.

Nein, Luca, sagt sie.

Das Kind schiebt die Unterlippe nach vorn, aber er weint noch nicht. Seine wässrig blauen Augen starren unbeweglich zu ihr, als schätze er genau ab, wie weit er gehen kann. Mandy nimmt ihm die Packung mit den Tampons aus der Hand.

Nein, sagt sie noch mal, sie will, dass ihre Stimme energisch klingt, aber sie hört selbst die Müdigkeit. Keine Schwäche zeigen, flüstert sie beschwörend, nicht vor dem Kind.

Sie schiebt den Einkaufswagen weiter über den brütend heißen Parkplatz. Sie ärgert sich, dass sie nicht näher am Eingang geparkt hat. Sie nimmt immer den erstbesten Parkplatz, und später ärgert sie sich darüber.

Das Kind lacht. Sie sieht zu ihm, seine Augen starren immer noch zu ihr, seine Unterlippe klebt vor der Oberlippe. Mandy ist sich sicher, dass sie sich das Lachen nicht eingebildet hat.

Was lachst du, fragt sie.

Nicht, sagt sie dann zu sich, so sollst du nicht mit ihm sprechen.

Keine Schwäche zeigen, genau so hat die Frau im Fernsehen das auch gesagt. Sie dürfen vor dem Kind keine Schwäche zeigen, und die Frau, der sie helfen sollte, hatte geweint währenddessen, sie war schwach gewesen und verachtenswert, und die Kinder hatten mit Cornflakes nach ihr geworfen.

Du nicht, sagt Mandy laut. Sie seufzt erleichtert, als sie das Auto erreichen. Es steht natürlich direkt in der Sonne. Mandy glaubt, dass sie es im Schatten geparkt hat, aber sie ist sich nicht sicher. Es ist auch nichts in der Nähe, was Schatten hätte werfen können.

Dann ist es eben heiß, sagt sie trotzig, heiß ist es sowieso.

Es ist, als ob es schon seit Monaten so heiß ist. Das ist Quatsch, das weiß Mandy, trotzdem fühlt es sich so an. Sie schließt das Auto auf, öffnet die hintere Tür, wirft den Schlüssel nach vorn auf den Beifahrersitz. Sie wischt die Krümel aus dem Kindersitz in den Fußraum.

Sie dreht sich um zu dem Kind. Jetzt kommt der schwierigste Teil. Wenn ich nur nicht so schwitzen würde, dachte sie, obwohl sie wusste, dass es nichts damit zu tun hatte. Sie mochte es einfach nicht, das Kind hochzuheben, aber anders ging es nicht, das konnte das Kind noch nicht, allein aus dem Einkaufswagen klettern.

Jetzt grinste er. Seine Augen waren unbewegt dabei. Sie musste immer an diesen Film denken, wenn sie das Kind sah, mit den Kindern, die von Außerirdischen gezeugt worden waren. Vielleicht war Ben ein Außerirdischer gewesen, dachte sie plötzlich, der Gedanke erregte sie, dass etwas an ihm außergewöhnlich gewesen sein könnte. Dass sie selbst so auch etwas Außergewöhnliches an sich hätte.

Trotzdem hätte sie lieber ein normales Kind. Ein Mädchen, dem sie hübsche Kleider anziehen könnte. Wenn sie Luca ein Kleid anzog, dann riss er es sich gleich vom Leib, als wüsste er viel besser als sie, dass das nicht gut für ihn war, in Kleidern herumzulaufen.

Mandy atmet tief durch. Jetzt, sagt sie, sie greift beherzt zu, sie ignoriert seinen Blick und sein Schweigen, sie hält ihn am ausgestreckten Arm, soweit es geht, hofft, dass seine Beine und Arme irgendwie ihren Platz finden würden in dem Kindersitz. So, sagt sie triumphierend, und schnallt ihn mit dem Gurt fest, dass er sich nicht mehr rühren kann.

Sie wirft die Tür zu. Sie betrachtet das Auto, den Schlüssel auf dem Beifahrersitz. Sie erinnert sich, wie heiß es in dem Auto ist. Das Kind starrt ungerührt geradeaus.

Keine Schwäche zeigen, denkt sie.
von: kanya
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