kanyas welt

Weblog von Katrin Heins


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Montag, 26. Juni 2006

Nach oben buckeln - nach unten treten...

Am 1. Juli geht es los - die Tour de France. Also ist es an der Zeit, einmal über das Radfahren zu sprechen...

Glauben Sie an die Selbstheilkräfte eines Fahrrades? Ich nicht. Deshalb ist es höchste Zeit zur Besorgnis. Drei Monate lang hat mein Fahrrad zuverlässig geknackt. Nach dem ersten Drittel des Aufschwungs mit dem rechten Fuß hörte ich zuverlässig: Knack. Knack. Knack. Nach anfänglicher Irritation hatte das etwas Beruhigendes. Solange es knackte, war alles in Ordnung. Ich fuhr. Ich war da. Mein Fahrrad war da. Wir waren eine Einheit. Seit heute ist das vorbei. Es ist - Stille. Ich ahne das Schlimmste. Ich befürchte, dass mein Fahrrad reagiert wie meine Pflanzen. Die blühen regelmäßig vor dem Verdursten in ungeahnter Pracht, selbst Pflanzen, von denen nicht einmal Botaniker ahnten, dass sie überhaupt blühen könnten.

Trotzdem verlebten mein Fahrrad und ich heute schöne Momente. Rückenwind auf dem Nachhauseweg, mit atemberaubender Geschwindigkeit fliegen wir über den Radweg. Bis uns einer dieser Radkuriere überholt, mit einem Affentempo, versteht sich. Da fühlte ich mich wie Lance Armstrong und Jan Ullrich in einer Person, bis dieser Verrückte mich auf den Boden zurückholt.

Überhaupt gibt es Typen von Radfahrern. Mein Lieblingshassobjekt sind Patria-Rad-Fahrer. Patria ist eine schweineteure Fahrradmarke - spricht da etwa Neid aus meinen Worten? - und ihre Besitzer scheinen der festen Überzeugung, dass die alleinige Benutzung sämtlicher Radwege im Kaufpreis mit enthalten sind. Patria-Besitzer sind also das pedalistische Äquivalent von Mercedes-Fahrern.

Und dann war da heute noch dieser Lutscher, der sich wohl zehn Minuten in meinem Windschatten herumgetrieben hat. Es ist ja bekannt, dass man an die 40 % seiner Kräfte sparen kann, wenn man nicht im Wind fährt. Ein anständiger Radfahrer bietet in einem solchen Fall Teamwork an - das Prinzip des belgischen Kreisels sollte schließlich jedem Radfahrer bekannt sein. Nicht aber dieser Lutscher, der sich an mein Hinterrad geklemmt hat. Ein Ignorant der abscheulichsten Art.

Wie gesagt - am Samstag geht es los. Drei Wochen quer durch Frankreich. Ist ja stinklangweilig, sagen Sie? Sie haben Recht. Tour de France im Fernsehen gucken ist eine Form der Meditation. Aber gibt es etwas Schöneres, als die Namen winzigster Dörfer aufzusaugen, die man niemals besuchen und sofort wieder vergessen wird, und dabei 170 erwachsene Männer zu beobachten, wie sie 3.600 km auf zwei Arschbacken absitzen? Für mich jedenfalls nicht - was ist dagegen schon eine Fußball-WM?

von: kanya
Entry modified
Geändert am 26. Juni 2006 um 23:40

Sonntag, 25. Juni 2006

Zu Besuch bei Herrn Tim

Es gehört schon eine gewisse Frechheit dazu, dachte ich, als wir in Övelgönne vom Schiff stiegen. Da nennt der Herr Mälzer - seines Zeichens Fernsehkoch der Nation - sein Restaurant "Das weiße Haus", ganz als sei es das einzige weiße Haus weit und breit. Dabei ist das Övelgönner Fährhaus gleich neben an viel größer und viel weißer.

Naja, zwei Monate nach der schwierigen, aber letztlich erfolgreichen Reservierung haben wir uns also aufgemacht, uns von Herrn Mälzer bekochen zu lassen. Er war nicht selbst im Hause, damit hatten wir auch nicht gerechnet, enttäuscht waren wir trotzdem ein bisschen. Aber wir bekommen einen schönen Tisch, der große Ventilator über unseren Köpfen verteilt angenehm kühle Luft. Das Lokal ist lässig-stylish, dabei ein kleines bisschen schäbig, alles in allem eine sehr gelungene Atmosphäre, in der man sich wohlfühlen kann. Trotz weißer Tischdecken und aufgereihtem Besteck ist es kein bisschen steif, dafür sorgen das freundliche Mädchen und der freundliche junge Mann und nicht zuletzt die Gäste, jung, ungezwungen zumeist, keine Krawatten, sondern bedruckte Tshirts allenthalben.

Es gibt keine Speisekarte im Weißen Haus, erfahren wir sogleich, wir nicken wissend - schließlich haben wir uns schon vorher schlau gemacht. Ob es allergiebedingte Unverträglichkeiten gibt, werden wir noch gefragt, wir schütteln den Kopf, wir sind startklar für das Überraschungsmenü à la Tim Mälzer.

Und er wird seiner Philosophie, traditionelle Hausmannskost mit moderner Cross-Over-Küche zu kombinieren gleich bei der Hauptspeise gerecht: Matjestatar mit Pumpernickel und Limettenchutney. Darauf muss Koch erstmal kommen. Und es schmeckt so gut, dass selbst der bekennende Matjesverächter voll des Lobes ist. Weiter geht es mit dem Zwischengang - Flusskrebse auf Pfannkuchen mit Kräutersalat und Kaviar. Ein Essen, bei dem es auf Details, auf Nuancen ankommt, bei dem jeder Bissen neu schmeckt, je nachdem, was man alles auf seine Gabel häuft. Beim Hauptgang stehen die guten Zutaten im Mittelpunkt, ein großes Stück Hirschsteak mit Pfefferkruste, dazu gedünstete Kartoffeln mit Streifen von Zuckerschoten und Mango sowie Kirschtomaten und Pfifferlinge. Jede Zutat besticht vor allem durch ihren Eigengeschmack. Ob wir denn noch Platz gelassen haben für das Dessert, möchte das freundliche Mädchen schließlich wissen. Wir nicken. Na klar doch. Und es wäre wirklich schade gewesen, sich die Ziegenkäsecreme mit Aprikosen und Maracuya-Sorbet entgehen zu lassen. Auch wenn der Matjesverächter nicht zum Ziegenkäse-Freund geworden ist - sein Teller ist trotzdem leer geworden...

Zum Ende kommts, wie es kommen musste - die dicke Rechnung wird jedem präsentiert. Da hilft nur eins, Augen zu und durch... Und gleich anzufangen, für das nächste Mal zu sparen!

von: kanya

Freitag, 23. Juni 2006

Wo komme ich eigentlich her?

Ich will das auch - so eine Familie, in der die Großmutter Hochseiltänzerin war und der andere Großvater Reißverschlussfabrikant, in der es nicht sicher ist, wer der Vater meines Vaters war und in der zwei verrückte Onkel als Einsiedler in den Ardennen leben. Ich will auch solche Geschichten erzählen können, souverän und erprobt, mit perfektem Grinsen, weil ich genau weiß, dass mir das Interesse meines Gegenübers gewiss ist und die Lacher auf meiner Seite sein werden. In diesen Momenten, wenn mich der Neid übermannt auf das geborgte Interessantsein des Erzählenden, werde ich immer ganz still, weiß gar nichts mehr zu erzählen aus meiner Mutter-Vater-Kind-Familie, da vergesse ich sogar, dass mein Großvater Leuchtturmwärter war und meine Mutter fast von ihrer Stiefmutter erstochen wurde - die einzigen, offensichtlich erzählenswerten Familiengeschichten, die ich mir mühsam zusammengestrickt habe.

Jeder Mensch ist seine Familie, nicht nur, aber auch. Das ist ein Faktum, mit dem sich jeder auseinanderzusetzen hat. Jeder Mensch ist geprägt von der Welt, in der er aufgewachsen ist. Ich bin meine Familie, in mir ist das filigrane Mutter-Vater-Kind-Geflecht abgebildet, das meine Familie ausmacht. Das sind keine Sensationsgeschichten, die mich geprägt haben, das ist diese besondere Stille, wenn mein Vater nach Hause kam und ich versuchte, die Stimmung abzuschätzen, die er mit sich brachte. Das sind die wechselnden Allianzen, die unsere Dreierbeziehung bestimmten, Mutter und Tochter, innig und selbstverständlich, Vater und Tochter, ein frauenfeindlicher Versuch, der Sohn zu sein, was ich nicht war, Mutter und Vater, eine machtvolle Einheit, der das Kind ohnmächtig gegenüber stand. Auch das sind Geschichten, Geschichten, die erzählt werden können, banal und alltäglich, individuell und gleichzeitig universal.

Der ganz normale bundesdeutsche Alltag in den siebziger Jahren, der so einzigartig ist wie jede andere Familiengeschichte. So ist meine Familie. Und dann gibts da ja noch den Urgroßvater, der Seeräuber war, und den Großonkel, der vor den Nazis nach Amerika flüchtete...

 

von: kanya

Mittwoch, 21. Juni 2006

Genug ist genug!

Guten Tag, mein Name ist Hase - was kann ich für Sie tun? Ich kann es wirklich nicht mehr hören - all diese gedrillten Callcenter-Mitarbeiter, die jeder für sich ja nichts dafür können, nur ihren Job machen und ja auch irgendwie ihr Geld verdienen müssen. Das sehe ich ja alles ein. Trotzdem reicht es mir. Ich will endlich wieder irgendwo anrufen können und dabei das Gefühl haben, mit einem Menschen zu sprechen. Ich will nicht mehr fünfmal in der Minute mit meinem Namen angesprochen werden. Ich weiß selbst, wie ich heiße - verdammt noch mal... Ich will auch niemanden, der höflich über meine Witze lacht, während ich genau spüre, dass er nur nach dem richtigen Moment sucht, mir einen neuen Telefontarif aufschwatzen zu können. Meinetwegen soll jemand mürrisch sein am Telefon, dann merke ich wenigstens, dass ich es mit einem lebenden, fühlenden Menschen zu tun habe. Ich kann mir ja vorstellen, dass es nicht lustig ist, den ganzen Tag mit wildfremden Menschen zu telefonieren. Was ist so schlimm, wenn er es gerade an mir auslässt? Lieber ärgere ich mich über jemanden, der unfreundlich ist, dann habe ich wenigstens das Gefühl, im Recht zu sein, als diese unverbindliche Wischi-waschi-Freundlichkeit, über die ich mich genauso ärgere und wo ich mir dann noch selbst Vorwürfe mache, weil ich nicht ebenso unverbindlich-freundlich antworten kann. Genug ist genug, hoffentlich kommt das auch bald bei den Ausbildungszentren für Callcenter-Mitarbeiter an. Ich schlage einen Aufbaukurs "Wie ich mich professionell unprofessionell verhalte" vor. Sonst freue ich mich eines Tages noch, wenn ich mit einem Computer telefoniere...
von: kanya

Dienstag, 20. Juni 2006

Gestalten

Die Zeugung eines Textes ist ein mythischer Moment. Sein Anfang ist ein Satz, ein Bild, ein Gefühl, auf jeden Fall etwas, das sich in wenigen Augenblicken zu einer Gestalt verdichtet, die alles in sich enthält - Farben, Töne, Bewegungen, Gerüche, Worte, Stimmungen. Im Moment seiner Zeugung ist jeder Text perfekt. In diesem Moment, in dem er seine erste Gestalt annimmt, ist er alles, er ist er selbst in seiner Bestimmung, in seiner Reinheit. Vergänglichkeit liegt in ihm wie in einem vollerblühten Magnolienbaum, denn ich, die Autorin, weiß schon jetzt, dass ich diese Gestalt niemals abbilden kann. Sie ist unabbildbar, sie ist das Mysterium der menschlichen Vorstellungskraft, die in einem einzigen Gedanken Fülle und Vielfalt denken kann, wie sie niemals auf einem Blatt Papier, einer Leinwand, in einer Skulptur sichtbar werden kann. Ich weiß, dass die Geburt ein anstrengender, ein schmerzvoller Prozess werden wird. Vielleicht wird die Gestalt verkümmern, vielleicht erweist sie sich als ein Lichtwesen, dass sich der Schöpfung völlig entziehen wird. Aber die Erinnerung an den Moment ihrer Zeugung bleibt in mir, und wenn ich später beim Schreiben nicht weiter weiß, unsicher bin oder frustriert, kann ich zurückgehen zu diesem Moment, der wahren Gestalt des Textes nachspüren, in dem ich mich an seine Zeugung erinnere, seine ersten vollkommenen Gestalt, der ich mich annähere mit meinen bescheidenen Mitteln.
von: kanya
Entry modified
Geändert am 20. Juni 2006 um 14:23
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