Am 1. Juli geht es los - die Tour de France. Also ist es an der Zeit, einmal über das Radfahren zu sprechen...
Glauben Sie an die Selbstheilkräfte eines Fahrrades? Ich nicht. Deshalb ist es höchste Zeit zur Besorgnis. Drei Monate lang hat mein Fahrrad zuverlässig geknackt. Nach dem ersten Drittel des Aufschwungs mit dem rechten Fuß hörte ich zuverlässig: Knack. Knack. Knack. Nach anfänglicher Irritation hatte das etwas Beruhigendes. Solange es knackte, war alles in Ordnung. Ich fuhr. Ich war da. Mein Fahrrad war da. Wir waren eine Einheit. Seit heute ist das vorbei. Es ist - Stille. Ich ahne das Schlimmste. Ich befürchte, dass mein Fahrrad reagiert wie meine Pflanzen. Die blühen regelmäßig vor dem Verdursten in ungeahnter Pracht, selbst Pflanzen, von denen nicht einmal Botaniker ahnten, dass sie überhaupt blühen könnten.
Trotzdem verlebten mein Fahrrad und ich heute schöne Momente. Rückenwind auf dem Nachhauseweg, mit atemberaubender Geschwindigkeit fliegen wir über den Radweg. Bis uns einer dieser Radkuriere überholt, mit einem Affentempo, versteht sich. Da fühlte ich mich wie Lance Armstrong und Jan Ullrich in einer Person, bis dieser Verrückte mich auf den Boden zurückholt.
Überhaupt gibt es Typen von Radfahrern. Mein Lieblingshassobjekt sind Patria-Rad-Fahrer. Patria ist eine schweineteure Fahrradmarke - spricht da etwa Neid aus meinen Worten? - und ihre Besitzer scheinen der festen Überzeugung, dass die alleinige Benutzung sämtlicher Radwege im Kaufpreis mit enthalten sind. Patria-Besitzer sind also das pedalistische Äquivalent von Mercedes-Fahrern.
Und dann war da heute noch dieser Lutscher, der sich wohl zehn Minuten in meinem Windschatten herumgetrieben hat. Es ist ja bekannt, dass man an die 40 % seiner Kräfte sparen kann, wenn man nicht im Wind fährt. Ein anständiger Radfahrer bietet in einem solchen Fall Teamwork an - das Prinzip des belgischen Kreisels sollte schließlich jedem Radfahrer bekannt sein. Nicht aber dieser Lutscher, der sich an mein Hinterrad geklemmt hat. Ein Ignorant der abscheulichsten Art.
Wie gesagt - am Samstag geht es los. Drei Wochen quer durch Frankreich. Ist ja stinklangweilig, sagen Sie? Sie haben Recht. Tour de France im Fernsehen gucken ist eine Form der Meditation. Aber gibt es etwas Schöneres, als die Namen winzigster Dörfer aufzusaugen, die man niemals besuchen und sofort wieder vergessen wird, und dabei 170 erwachsene Männer zu beobachten, wie sie 3.600 km auf zwei Arschbacken absitzen? Für mich jedenfalls nicht - was ist dagegen schon eine Fußball-WM?

