kanyas welt

Weblog von Katrin Heins


Einträge "kanyas welt":

Mittwoch, 5. Juli 2006

Ausgeträumt

Es ist vorbei. Da gibt es nun wirklich nichts zu diskutieren. 0:2 verloren. Kein Finale - wir fahren nach Stuttgart - Italien fährt nach Berlin. Deutschland trauert, lese ich überall. Ob "trauern" das richtige Wort ist, wo doch - zum Glück - keiner gestorben ist, mag dahin gestellt bleiben. Die Deutschen sind traurig, das hört sich besser an.

Das hört sich aber auch neu an. Ist das "das neue Deutschland"? Ein Deutschland, das traurig ist? Das ist nicht so fatalistisch gemeint, wie es sich anhören mag. Vorher hat Deutschland gefeiert, weltoffen und selbstverliebt. Jetzt sind wir traurig, ein, zwei Tage, eine Woche. Was bleiben wird, ist die Erinnerung an unsere Freude und an das Gefühl der Verletztheit. Nicht alle Träume gehen in Erfüllung. Das macht das Leben sympathisch. Wir müssen nicht gewinnen. Wir können auch verlieren und wir selbst bleiben. Wir können ein Fußballspiel, sogar eine Weltmeisterschaft verlieren und trotzdem stolz sein auf eine Mannschaft, die uns Freude bereitet hat.

Das ist das neue Deutschland, das ist das, was uns diese Weltmeisterschaft gezeigt hat. Wir lieben uns auch in der Niederlage. Wir üben keine Selbstzerfleischung, wir jammern nicht über den Untergang des Abendlandes. Wir sind eben einfach traurig - ein paar Tage lang...

von: kanya

Dienstag, 4. Juli 2006

Mysterium

Es gibt Dinge, die lassen sich einfach nicht verlieren. In meinem Leben sind das merkwürdigerweise Dinge, die die Aufschrift  "CDU" tragen. Das erste dieser Dinge war ein Bleistift, den ich Mitte der siebziger Jahre von meiner Oma geschenkt bekam. Ich weiß nicht, wie sie an ihn gekommen ist - in meiner Familie gibt es keine CDU-Wähler. Vielleicht wollte sie die Partei schädigen, als sie das Wahlgeschenk annahm. Vielleicht dachte sie, dass er mir gefallen würde, weil er so bunt war. Wie auch immer.

Ich wusste nicht, was die CDU war. Aber er gefiel mir, weil er schön bunt war. Es sah hübsch aus, wenn er in dem orangefarbenen Stiftbehälter stand. Dort war er zuverlässig, viele Jahre lang. Auch als ich längst wusste, was die CDU war und den Stift dafür verachtete, ging er einfach nicht unter in dem schöpferischen Chaos, in dem sich alle meine anderen Dinge befanden. Ich bin überzeugt, dass er heute noch dort ist, in dem orangefarbenen Stiftbehälter auf dem Schreibtisch in meinem Kinderzimmer. Ich muss mal nachsehen, wenn ich das nächste Mal dort bin.

Das zweite dieser Dinge ist ein Marke für den Einkaufswagen. Er ist rot, ein wenig abgegriffen und die Buchstaben CDU sind auf einer Seite eingraviert. Ich habe ihn einmal eingetauscht gegen eine grasgrüne Marke, die zu einem Schlüsselanhänger gehört, den ich längst verloren habe. Oft war ich überzeugt, dass die CDU-Marke nun doch verloren gegangen ist. aber jedesmal taucht sie wieder auf, in der Falte einer Jackentasche, in einem aufgegebenen Portemonnaie. Inzwischen bin ich froh, dass ich weiß, dass ich mich auf sie verlassen kann. Inzwischen genieße ich diese Fixpunkte im Leben.

Nicht, dass ich deshalb CDU wählen würde. Aber vielleicht sollte ich im nächsten Wahlkampf mal versuchen, eine CDU-Sonnenbrille abzugreifen (gibt es so etwas überhaupt? Falls nicht... liebe Wahlkampfstrategen, bitte einführen...) Sonnenbrillen verliere ich nämlich ständig...

von: kanya

Montag, 3. Juli 2006

Warum Wanderungen mit Gepäcktransport scheiße sind...

Zurück. 80 km zu Fuß in vier Tagen. Blasen an den Füßen. Verhärtete Waden. Wechselnde Schmerzen im ganzen Körper, vor allem im Rücken, an den Schultern, in den Knöcheln. Das befriedigende Gefühl, auf die Karte zu sehen und festzustellen, dass wir sie von links nach rechts durchwandert haben. Die verschwommene Erinnerung an verschlafene Orte, in denen sich nicht einmal Straßenköter sehen ließen. Den Charme der untergegangenen DDR-Kultur wiederentdeckt. Die Stille, hörbar gemacht durch das Rauschen des Windes in hohen Baumwipfeln, das Singen unsichtbarer Vögel. Das Spiel von Sonne und Schatten auf federnden Waldwegen.

Vier intensive Tage. Das Spektakuläre ist das Einfache, das Wesentliche. Die Begegnung mit sich selbst, mit seinen Grenzen. Die Begegnung mit der Natur, zu deren Teil wir beim Wandern wurden. Es braucht keine Animation, keine Events. Es reicht der Blick zurück durch das durchwanderte Tal, der Blick auf andere Gipfel, vor allem aber das einfache Da-Sein. Wandern ist die Form der Fortbewegung, die der Seele gemäß ist.

Auf dem Rücken trage ich mein Gepäck. Ich habe vielleicht zuviel eingepackt, das ich nun mit mir herumschleppen muss. Anderes habe ich vergessen. Es ist mein Gepäck, das ich trage. Ich trage es immer, auch wenn ich nicht wandere. So ist das nun mal. Einiges ist zuviel, anderes zu wenig. Beim Wandern spüre ich es auf meinen Schultern. Im Alltag spüre ich es nur selten bewusst, deshalb tut es gut, beim Wandern genau hinzuspüren. Das ist ein Erlebnis des Wanderns, dass ich mein Gepäck von einem Ort zum nächsten trage. Ich kann mein Wandergepäck transportieren lassen. Das ist praktisch. Das ist bequem. Das ist Selbstbetrug.

Es gibt Dinge, die kann ich mir von niemanden abnehmen lassen. Da muss ich selbst durch. Und es ist gut zu spüren, dass ich es kann.

von: kanya

Mittwoch, 28. Juni 2006

So weit die Füße tragen...

Morgen werde ich wandern gehen. Morgen und übermorgen und überübermorgen. 70 Kilometer durch den Harz. Zum Glück ist wandern ja total in, seit Manuel Andrack (der von Harald Schmidt) das Buch "Du musst wandern" geschrieben hat und Hape Kerkeling den Jakobsweg gegangen ist. Das ist beruhigend. Man fühlt sich doch immer besser, wenn man sich vom allgemeinen Trend begleitet fühlt. Außerdem ist das praktisch. Man kann ganz einfach sagen, dass man wandern geht. Keine Entschuldigungen, kein Rechtfertigungsdruck. Auf die möglichen Reaktionen ist man schließlich vorbereitet. Entweder kennt das Gegenüber den Trend. Dann kann man sich an seinem bewundernden, zumindest wissenden Gesichtsausdruck erfreuen. Vielleicht sagt er, ja, das habe ich letzten Monat gemacht, so dass sich ein Fachgespräch über die besten Wandergebiete entwickeln kann. Oder - noch besser - er sagt, das wollte ich auch schon immer tun, dann kann man sich mehr oder weniger still an seinem Neid ergötzen. Wenn das Gegenüber den Trend nicht kennt, ist eine andere Strategie gefragt. Es kommt auf Nuancen an, eine mitleidig-hochgezogene Augenbraue, ein schneller Blick nach links und rechts, um dem Gegenüber zu signalisieren, dass man mitfühlend abcheckt, ob auch niemand aus der Umgebung seine Trend-Kapitulation anhören musste. Dann ist es an der Zeit, das unwissende Gegenüber mit adäquaten Mitteln aufzuklären - dabei ist darauf zu achten, ein ausreichendes Maß von Mildtätigkeit in die Stimme zu legen.

Morgen geht es also los. Morgen um diese Zeit ist der Brocken hoffentlich bezwungen. Von da ab bis nach Schierke geht es nur noch bergab...

von: kanya

Dienstag, 27. Juni 2006

Unter Tage

Mein DSL-Anschluss muckt. Die Rauschtoleranz ist zu niedrig, sagt der Techniker. Ganz so sagt er es natürlich nicht, aber das ist das, was ich verstanden habe von dem, was er gesagt hat. Wobei Verständnis auch das falsche Wort ist. Was ist Rauschtoleranz? Was ist überhaupt Rauschen? Das ist so ein Wort, das wird einfach in den Raum geworfen, es ist ja auch ein einfaches, bodenständiges Wort, kein kompliziert auszusprechendes Fremdwort, sondern eines von der Art, wie sie in einem Kinderbuch auftauchen könnten. Das klingt nach dunklen, rauschenden Tannen, nach Wind, der aus weiter Ferne leicht herangeweht gekommen ist. Rauschen klingt aber auch nach der großen Muschel, die man sich an das Ohr hält, oder an das Fernsehbild nach Sendeschluss - auch so ein Phänomen aus der Kindheit, das nicht wiederkommen wird.

Aber wer weiß schon, dass es im ehemaligen Ostpreußen einen Badeort gab, der Rauschen hieß? Jetzt heißt der Ort Swetlogorsk, ist an die Vorortbahn von Kaliningrad angeschlossen und noch immer ein beliebtes Ausflugsziel. Swetlogorsk lässt sich mit heller Berg oder heller Ort übersetzen - ist Rauschen also eigentlich ein helles Wort? Wie passt das zu den dunklen Tannen in meinem Kopf?

Noch interessanter ist die sexuelle Dimension des Wortes. Rauschen bezeichnet nämlich in der Jägersprache die Paarungszeit des Schwarzwildes. Also doch dunkle Tannen - untermalt von durchs Unterholz dringendem Wild und brünftigem Stöhnen. Wobei - laut Jägersprache - Wildschweine, die die Rauschzeit durchleben per definitionem nicht brünftig sein können, da dieses Paarhufern wie Rehen vorbehalten ist.

Aber das ist Jägersprache für Fortgeschrittene - und was hat das mit meinem DSL-Anschluss zu tun? Nichts vermutlich, denn die mangelnde Rauschtoleranz ist wohl doch ein physikalisches Phänomen. In der Physik ist Rauschen ein Signal begrenzter Leistung, von dem nur zufällige (statistische) Eigenschaften bekannt sind. Soweit Wikipedia. Was das bedeutet? Das könnte mir vielleicht der Telekom-Techniker erklären. Der ist aber längst weg und hat weder zufällige noch bekannte Eigenschaften offenbart. Er wird nun mein Problem an die Unterirdischen weiterleiten. Früher sagte man wohl Kabelaffen. Da klingt unterirdisch doch viel netter - irgendwie außer-, aber zumindest überirdisch. Fragt sich nur noch, wie die Rauschzeit bei den Aliens heißt...

von: kanya
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