Es ist so heiß, denkt Mandy Schulz. Ihre verschwitzten Füße quietschen in den Flip-Flops. Sie geht breitbeinig, damit ihre Schenkel nicht weiter gegeneinander scheuern. Mandy weiß, wie sie aussehen werden, rot und wundgescheuert. Sie wird Puder darauf tun, wenn sie zuhause ist.
Nein, Luca, sagt sie.
Das Kind schiebt die Unterlippe nach vorn, aber er weint noch nicht. Seine wässrig blauen Augen starren unbeweglich zu ihr, als schätze er genau ab, wie weit er gehen kann. Mandy nimmt ihm die Packung mit den Tampons aus der Hand.
Nein, sagt sie noch mal, sie will, dass ihre Stimme energisch klingt, aber sie hört selbst die Müdigkeit. Keine Schwäche zeigen, flüstert sie beschwörend, nicht vor dem Kind.
Sie schiebt den Einkaufswagen weiter über den brütend heißen Parkplatz. Sie ärgert sich, dass sie nicht näher am Eingang geparkt hat. Sie nimmt immer den erstbesten Parkplatz, und später ärgert sie sich darüber.
Das Kind lacht. Sie sieht zu ihm, seine Augen starren immer noch zu ihr, seine Unterlippe klebt vor der Oberlippe. Mandy ist sich sicher, dass sie sich das Lachen nicht eingebildet hat.
Was lachst du, fragt sie.
Nicht, sagt sie dann zu sich, so sollst du nicht mit ihm sprechen.
Keine Schwäche zeigen, genau so hat die Frau im Fernsehen das auch gesagt. Sie dürfen vor dem Kind keine Schwäche zeigen, und die Frau, der sie helfen sollte, hatte geweint währenddessen, sie war schwach gewesen und verachtenswert, und die Kinder hatten mit Cornflakes nach ihr geworfen.
Du nicht, sagt Mandy laut. Sie seufzt erleichtert, als sie das Auto erreichen. Es steht natürlich direkt in der Sonne. Mandy glaubt, dass sie es im Schatten geparkt hat, aber sie ist sich nicht sicher. Es ist auch nichts in der Nähe, was Schatten hätte werfen können.
Dann ist es eben heiß, sagt sie trotzig, heiß ist es sowieso.
Es ist, als ob es schon seit Monaten so heiß ist. Das ist Quatsch, das weiß Mandy, trotzdem fühlt es sich so an. Sie schließt das Auto auf, öffnet die hintere Tür, wirft den Schlüssel nach vorn auf den Beifahrersitz. Sie wischt die Krümel aus dem Kindersitz in den Fußraum.
Sie dreht sich um zu dem Kind. Jetzt kommt der schwierigste Teil. Wenn ich nur nicht so schwitzen würde, dachte sie, obwohl sie wusste, dass es nichts damit zu tun hatte. Sie mochte es einfach nicht, das Kind hochzuheben, aber anders ging es nicht, das konnte das Kind noch nicht, allein aus dem Einkaufswagen klettern.
Jetzt grinste er. Seine Augen waren unbewegt dabei. Sie musste immer an diesen Film denken, wenn sie das Kind sah, mit den Kindern, die von Außerirdischen gezeugt worden waren. Vielleicht war Ben ein Außerirdischer gewesen, dachte sie plötzlich, der Gedanke erregte sie, dass etwas an ihm außergewöhnlich gewesen sein könnte. Dass sie selbst so auch etwas Außergewöhnliches an sich hätte.
Trotzdem hätte sie lieber ein normales Kind. Ein Mädchen, dem sie hübsche Kleider anziehen könnte. Wenn sie Luca ein Kleid anzog, dann riss er es sich gleich vom Leib, als wüsste er viel besser als sie, dass das nicht gut für ihn war, in Kleidern herumzulaufen.
Mandy atmet tief durch. Jetzt, sagt sie, sie greift beherzt zu, sie ignoriert seinen Blick und sein Schweigen, sie hält ihn am ausgestreckten Arm, soweit es geht, hofft, dass seine Beine und Arme irgendwie ihren Platz finden würden in dem Kindersitz. So, sagt sie triumphierend, und schnallt ihn mit dem Gurt fest, dass er sich nicht mehr rühren kann.
Sie wirft die Tür zu. Sie betrachtet das Auto, den Schlüssel auf dem Beifahrersitz. Sie erinnert sich, wie heiß es in dem Auto ist. Das Kind starrt ungerührt geradeaus.
Keine Schwäche zeigen, denkt sie.
: 0
