Es ist bewiesen...
Seit gestern Nacht ist es also bewiesen. Die Zeit ist umkehrbar. Es ist nie zu spät, seine Träume zu erfüllen. Da kann man 43 sein, seit 10 Jahren nicht geboxt haben - trotzdem: Es ist noch immer möglich, die größte Niederlage in den größten Sieg zu verwandeln. Die Rede ist - natürlich - von Henry Maske. Natürlich ist Boxen schrecklich. Kein Mensch guckt sich gern an, wie sich andere Menschen verprügeln. (Oder doch?) Aber dieser Kampf war anders. Dagegen wirkte Stefan Raabs Showgetue gegen Regina Halmich (nichts für ungut) wie eine schale Vorspeise. Denn wenn Henry Maske boxt, geht es nicht ums Boxen. Dieser Kampf gestern war nur zufällig ein Boxkampf. Denn eigentlich war es eine Ermutigung an jeden. Stell Dich Deiner Niederlage. Sieh ihr ins Auge und schlag sie nieder. So einfach ist das. Und wenn er verloren hätte? Naja, dann hätte er es wenigstens versucht. Wäre ja auch schon was gewesen.
Ob gestern Michael Kutzop zugeschaut hat? Sie wissen nicht mehr, wer das war? Okay, Sie kommen nicht aus Bremen. Sonst wüssten Sie es - garantiert. Michael Kutzop hat anno 1986 mit seinem vergebenen Elfmeter geben Bayern München Werder Bremens Meisterschaft verspielt. Er war ein guter Fußballspieler. Ein Mann, der tat, was getan werden musste. Nur eben einmal nicht, als es drauf ankam.
That's life? Oder: Probiers noch einmal, Michael!
Sommer??? Sommer???
Sommer war es, als ich das letzte Mal hier schrieb. Jetzt ist es nicht Winter. Eigentlich wäre es Winter, aber in diesem Jahr, scheint der Winter auszufallen. Es ist mehr ein nicht enden wollender Herbst mit kleinen Frühlingsschubsern zwischendrin. So vor zwei Tagen, als die Luft trügerisch lau wurde, ganz leichter Wind im Haar, Sonnenkitzeln auf der Haut, Vögelzwitschern im Ohr. Einen Tag später dann der Sturm der Stürme. Klimawandel in aller Munde, aufgeregt, hysterisch, unfundiert.
Weiterschreiben in den nächsten Tagen hier? Wer weiß? Schaun mer mal, sagt doch unser Kaiser immer so schön...
Sommer
Sommer... Sommerpause... Entspannung. Gelassenheit. Sonne, leichter Wind auf der Haut, träge Sinnlichkeit. Ein Sommer wie aus dem Bilderbuch und nach so langen Wochen die ignorante Gewissheit, dass es bis Oktober so bleiben wird...
Welt und Bild
Die Welt, aber auch die Menschen erfassen wir in mehr oder weniger festen Bildern. Solange Welt und Bild im Einklang sind, scheint alles gut, geordnet. Wir fühlen uns sicher. Aber plötzlich gibt es Situationen, da zeigt sich, dass die Welt, die Menschen anders sind als das Bild, das wir von ihr, von ihnen haben. Es tut sich ein Riss auf, ein Blick ins Leere, plötzlich spüren wir, dass die Welt, die Menschen kein Teil von uns, kein Bild, sind, sondern etwas eigenes, im Grunde ganz und gar unverständliches. Ich kann nur das Bild verstehen, dass ich von der Welt habe, aber keinesfalls die Welt selbst. Und ich kann die Menschen, die mich umgeben, nicht verstehen, kann nur in den Bildern, die ich von ihnen habe, Teile von mir selbst wiederfinden. Meist funktioniert das, meist gelingt es, auf dieser Ebene zu kommunizieren, aber die Grenzen dessen sind eng gesteckt, und manchmal braucht es nicht viel, mich das spüren zu lassen. Es verstört, wenn ein Mensch, den ich zu kennen glaubte, mir plötzlich ganz fremd entgegentritt. Aber es ist nicht seine Schuld, so wenig wie meine, es ist nur die Beschränktheit meiner Wahrnehmung, die mich erschreckt.
Eine Frage zum Stolz
Spätestens seit der Fußball-WM geht es beim Fußballgucken nicht mehr um Fußball. Es geht um Emotionen, auch ganz offiziell. Fußball ist unsere Religion, Fußball ist der Spiegel auf unser Leben. Na gut, dann gucke ich jetzt mal durch diesen Spiegel auf mich selbst.
Als ich zwei Tage vor dem Spiel gegen Portugal (auch Spiel um die goldene Ananas genannt) zum ersten Mal davon gehört habe, dass Oliver Kahn dieses Spiel machen sollte, war meine Reaktion eindeutig. So ein Almosen, wie demütigend, das würde ich ja nie machen an seiner Stelle, dieses Angebot anzunehmen. Schließlich hätte ich meinen Stolz, dachte ich stolz. Abgesehen davon, dass ich nie in einer vergleichbaren Situation gewesen bin - ich hätte mich durch meinen Stolz um den Lohn meiner jahrelangen Arbeit gebracht. Olli Kahn hat sich mit diesem letzten Einsatz ein Denkmal gesetzt, ein größeres vielleicht, als wenn er als Nummer Eins Weltmeister geworden wäre. Olli Kahn ist endgültig vom Affen zum Menschen mutiert. Da ging es nicht um sportlichen Erfolg, um sportliche Leistung, da ging es um menschliche Größe, um die Erfahrung, plötzlich, unabhängig vom Sportlichen von den Fans geliebt zu werden.
Das hätte mein Stolz verhindert. Was verhindert er noch alles?, frage ich mich seitdem.