Einträge "“Orient”":

Freitag, 21. November 2008

Kilroy was there too!

Auch in der arabischen Halbinsel kritzeln die Menschen ihre Namen an Wänden und Mauern. Neuerdings wurde in Nordwest-Arabien, an der Straße von Medina nach Syrien, die folgende Inschrift entdeckt:

Bismillāh. Ana Zuhayr katabt zaman tuwuffiya ʿUmar sana arbaʿ wa-­ʿišrīn

„ Im Namen Gottes. Ich, Zuhayr, schreibe (dies) in der Zeit dass ʿUmar starb, im Jahre 24".

Diese Inschrift bestätigt 1) das traditionelle Todesjahr (=644) des Kalifen ʿUmar, 2) die frühe Einführung der islamischen Jahreszählung, 3) die frühe Existenz der diakritischen Punkten, mit denen in der arabischen Schrift einige Buchstaben auseinander gehalten werden.

Wenn es keine Fälschung ist, ist die Inschrift ein Rückschlag für die ganz modernen Geschichtschreiber, die von der Frühzeit der Islam gar nichts mehr übrig lassen möchten.

In: ʿAli ibn Ibrahim Ghabban, „The inscription of Zuhayr, the oldest Islamic inscription (24 AH/AD 644-45), the rise of the Arabic script and the nature of the early Islamic state," in Arabic archaeology and epigraphy 19 (2008), 209-236.

Autor: hatif

Dienstag, 19. August 2008

Orientalist und Spion

Spät, aber nicht zu spät habe ich angefangen, Ilija Trojanows Der Weltensammler zu lesen. Die Teile über Indien und Arabien habe ich schon durch. Ein sehr gutes Buch, das jeder Orientalist lesen sollte. Aber alle anderen natürlich auch.Der Roman verdichtet das Leben von Sir Richard Francis Burton (1821–1890), ein englischer Offizier, der sich in Indien schon gleich unterschied durch seine starke Neigung und Begabung, die örtlichen Sprachen zu lernen und sich unter die Inder zu mischen. Ein Orientalist also. Die Neigung des jungen Exzentrikers wurde alsbald von den kolonialen Behörden ausgenutzt. Der Weg vom teilnehmenden Beobachter zum Spitzel ist erstaunlich kurz.
Trojanow hat gut recherchiert; für die islamische Welt sind seine Sachkenntnisse in Ordnung. Sein Indien kann ich nicht beurteilen; auf jeden Fall bringt er es so, daß man es ihm abnimmt. Das liegt wohl auch an die sehr gekonnten Erzähltechniken, die die Handlung jeweils aus mehreren Perspektiven betrachten lassen.
Sein Burton ist auch nach Mekka gereist, was für Nicht-Muslime streng verboten war und ist. Er mußte also Muslim werden oder den Islam vortäuschen. Aber diese Verkleidung hatte er schon früher ausprobiert, er konnte das mit links. Ob der Held in Arabien auch Spitzel war? Das ist noch die Frage: er hat um sich geschaut und ein Buch geschrieben aus Interesse, aus Wissensdrang. Das die Regierung in London damit hoch erfreut war, dafür konnte er eigentlich nichts. Spitzel, Spion so fühlt man sich, so fühlte ich mich damals auch. Bloß die Nase in anderer Leute Sache stecken und alles diskret beobachten, das gibt einem bereits dieses Gefühl. Wenn dann auch das Gastland noch von Spionage besessen ist, wie mein Ägypten, oder Burtons Osmanische Reich, dann fühlt man sich wirklich Spion. Aber für wen? Ich selbst habe nie für jemanden spioniert; nur für mich.
(In unserer Zeit ist Spionage nicht mehr so nötig. Warum durch das Schlüsselloch Kenntnisse sammeln, wenn sie überall in der Öffentlichkeit zum greifen nah liegen? Die Schlüssellochperspektive ist veraltet; nur im Inland hat es noch eine Chance. Gefährliche Moscheen, Zellen usw.)
Warum hatte Trojanows Burton diesen Trieb? Sehr deutlich: weil er sich in seinem eigenem England nie zu Hause fühlen konnte. Daher sein ständiges Suchen nach Zugehörigkeit, die er auch an verschiedenen Orten erreichte, aber die nie von Dauer war. Und immer gab es heimlich eine Heimbasis, die er aber mißtraute, und sie ihn. Die erworbenen Kenntnisse verkaufte er im nachhinein schon an die ‘eigenen’ Leute, was ihn aber nicht näher zu seiner Heimat brachte.
So ein Burtonsches Handeln setzt voraus, daß das beobachtete Volk als fremd empfunden wird. In z.B. Dänemark kann man ja schwerlich Spion sein. Aber irgendwann werden auch die fernen Völker vielleicht nicht mehr so fremd sein. Nein, mit schwierigen Sprachen hat das nichts zu tun. Die Finnen und Ungarn sprechen für Nordwesteuropäer lästig erlernbare Sprachen, stehen uns aber ganz nahe, oder?
Lustig sind bei Trojanow auch die Gespräche der türkischen und mekkanischen Autoritäten über Burton. Sie hatten ihn schon längst auf dem Kieker, aber verstanden sein Motiv nicht, und sein späteres Buch auch nicht. Sie kamen nicht darauf, daß ein Orientalist einfach neugierig sein kann, wissen will.


Autor: hatif

Samstag, 26. April 2008

Islam und Wissenschaft

Islamische Rechtsgelehrte leiten die islamischen Rechtsregeln ab aus dem Koran, den Traditionen des Propheten und der Jurisprudenz. Das ist ihr Job. 
Manche aber halten es für nötig, darüber hinaus noch nachzuweisen, daß Gott Recht hatte als er die eine oder andere Regel einführte. Dann hört man z.B., daß Schweinefleisch verboten ist, weil es Krankheitserreger enthält, oder Alkohol verboten ist, weil es zu Fehlverhalten, Indiskretion und Aggressivität führt - und zu Alkoholismus natürlich. 
Als ob Gott solche Unterstutzung brauchte! Wenn man gottesgläubig ist, reicht doch Sein Wort, oder?
Regelrecht lächerlich werden die Gottesmänner, wenn sie bei solchen Argumentationen die Wissenschaft zu Rate ziehen. Sie haben natürlich keine Ahnung von Wissenschaft, denn sie haben nicht mal so etwas wie Abitur, geschweige denn eine wissenschaftliche Ausbildung.
So las ich gerade in Vom Erlaubten und Verbotenem im Islam des berühmten Medien-Mufti Yusuf al-Qaradawi aus Qatar die folgende ‘wissenschaftliche’ Untermauerung des prophetischen Hundenverbots (ja, außer Wach- und Jagdhunden sind Hunde verpönt):

‘Prof. Nöller hat bei Sektion menschlicher Körper in Deutschland gefunden, daß die Infektion mit Hundewürmen mindestens 1% beträgt. In manchen Ländern, wie Dalmatien, Island, Südost-Australien und Holland, wo Hunde benutzt werden um Schlitten zu ziehen, ist der Bandwurmbefall unter Hunden 12%. In Island beläuft sich die Zahl der Menschen, die unter der durch diesen Wurm verursachte Entzündung leiden, auf 43%. Wenn wir dann noch das menschliche Leiden in Betracht ziehen, den Fleischverlust durch Viehsterben und die ständige Gefährdung der menschlichen Gesundheit durch die Anwesenheit von Bandwürmen, können wir dieses Problem nicht auf die leichte Schulter nehmen.’
(http://www.witness-pioneer.org/vil/Books/Q_LP/ch2s3pre.htm#Keeping%20Dogs%20Without%20Necessity)

Das ist kein Einzelfall; die ‘Wissenschaft’, die von solchen Herren zitiert wird, sieht meistens so aus. Nie eine Quellenangabe, immer hochkarätiger Unsinn. Schon deshalb sollte man Imame in Deutschland ausbilden. Ohne Abitur kein Theologiestudium.
(Im Iran ist das Niveau übrigens erheblich höher.)

Autor: hatif

Dienstag, 12. Februar 2008

Menstruation

In meiner letzten Veranstaltung habe ich das Wort Menstruation ausgesprochen. Dabei habe ich mir nichts gedacht; das Wort mußte gesagt werden in Zusammenhang mit den islamischen Reinheitsvorschriften. Aber als ich es sagte, sah ich, wie zwei islamische Studentinnen zusammenzuckten. Ich mußte zurückdenken an die Sechziger, als das in Europa auch noch ein Tabuthema war. Wie peinlich war es, als meine Schwester einmal krank war und ich für sie eine Packung Monatsbinden kaufen mußte. Es war in England; vielleicht war das damals noch etwas prüder als Europa. Die Dame in der Drogerie war auch sichtlich geniert; sie errötete und tauchte ab unter den Ladentisch, um kurz danach mit einem ziemlich großen Päckchen in braunem Papier wieder hoch zu kommen.
Das Thema verdankt seine Enttabuisierung wohl der Erfindung des Tampons; oder nein, vielmehr erst der frechen Werbung für das Zeug: die Produkte mit Flügelchen, das eine noch starker absorbierend als das andere, was immer mit einer Flüssigkeit, die aussah wie Blue Curaçao, demonstriert wurde. War das 1990 ?
Die islamische Welt ist wie immer etwas später. Im Jahre 2001 hat der Syrer Ammar Abd al-Hamîd einen Roman mit dem provozierenden Titel Menstruation geschrieben - ja, auf Englisch. Der Autor hat eine Vergangenheit als fundamentalistischer Imam und möchte in diesem Buch alle denkbaren Tabus verletzen. Nicht nur über Menstruation handelt sein flott geschriebenes Werk, auch über viele Varianten der Sexualität. Unterhaltsam ist zum Beispiel, wie eine Frau einen Koranstudienverein besucht um dort eine Freundin zu finden, aber auch um für eine andere Freundin ein Treffen mit einem Kerl zu regeln. Oder wie ein Mann sich bei seiner Mutter beklagt über seine Frau, weil diese nicht begeistert genug guckt bei der freudlosen Nummer, die er ihr immer wieder antut. Und wie Frauen lesbisch werden, weil es mit ihrem fantasielosen Macho-Typ doch nie etwas wird. Ein Höhepunkt ist, wie eine verschleierte Frau bereits im Eingangsbereich ihrer Wohnung ihre ebenfalls verschleierte Freundin mit dem ‘Scheißding’, das sie sich vom Kopf zieht, wie ein Stierkämpferin herausfordert: Toro, toro! , bis sei beide laut lachend und balgend auf das Ehebett landen. Im letzten Kapitel, das weniger erzählend ist, wird regelrecht der Prophet beleidigt, was wohl der Grund ist, daß Verlage es nicht abgedruckt haben. Man kann es noch immer im Internet lesen: http://www.amarji.org/menstruation/conferen.htm
Vielleicht bringt es etwas, so ein Roman; aber ich glaube, Tamponwerbung ist wirksamer. Überdies ist eine Übersetzung ins Arabische noch lange nicht vorstellbar.

Autor: hatif

Freitag, 25. Januar 2008

East is east

Die Frankfurter Allgemeine berichtete gestern über die Verdrängung des bakkals durch westliche Einkaufszentren in der Türkei.
Westliche Einkaufszentren? Etwa Filiale von Karstadt oder Harrods? Aber nein, es betraf rein türkische Kaufhäuser und Supermärkte. Und was ist ein bakkal? Ein Lebensmittelladen. Aber die FAZ betrachtet das Ausland noch immer als exotisch. Wenn sie über ähnliche Zustände in England schreibt, wählt sie nicht das Wort grocery, aber das türkische Wort sollen wir unbedingt auf den Tisch bekommen damit uns die Türkei exotischer erscheint. 
Sie hätte schreiben sollen: Einkaufszentren verdrängen Lebensmittelläden, oder Tante Emmaläden. Damit hätte man das Phänomen in die Normalität zurückgebracht, denn das passiert überall. Vielleicht müsste man nicht mal darüber schreiben, so normal wie das ist.
Autor: hatif