Mein Zimmer im Studentenwohnheim war in dem Altbau gelegen, im sogenannten mabnâ Hilton, nach dem gleichnamigen Hotel. Dort waren Ausländer untergebracht. Mein Nachbar war ein Japanischer Muslim namens Ashraf; weiter im Korridor wohnten Philippiner, nette Jungs, die wahrscheinlich später Guerillakämpfer auf entlegenen Inseln geworden sind. Auch gab es Somalier, mit denen ich besonders gerne verkehrte. Die waren hoch intelligent, angenehm im Umgang und hatten eine viel besseres Abitur als die ägyptischen Studenten. Als ihr Land noch existierte, muß es nicht schlecht gewesen sein.
An dem Tag, das wir unser Zimmer verließen um es zur Verfügung der Mekka-Pilger zu stellen, die in Quarantäne mußten, hat der Japaner mich überrascht. Unglücklicherweise gab es an dem Tag kaum Taxis, weil es in der Innenstadt schwere Unruhen gab. Die Nilbrücken waren gesperrt. Ashraf hatte jedoch ein Pferd und einen Wagen organisiert. Ich muß gestehen: da war ich nicht drauf gekommen.
Das Essen. Der Staat hatte verstanden, daß Studenten potenzielle Unruhestifter sind. Deshalb stellte er drei Mal am Tag etwas grobe, aber reichhaltige und doch eigentlich auch leckere Mahlzeiten zur Verfügung, um ihnen das Maul zu stopfen. Die Studenten aus armen Verhältnissen müssen das als große Luxus empfunden haben. Die ganze Verpflegung kostete £ E 5,50 pro Monat; das war ein eher symbolischer Preis, wenigstens für mich.
Einträge "Kairo früher":
Sonntag, 2. April 2006
Freitag, 27. Januar 2006
Bärtchen
Als Student hatte Samir ein Bärtchen, was damals nicht
so üblich war. Er studierte an der Filmakademie, da gehörte ein
Bärtchen schon dazu, das war künstlerisch und auch ein bißchen links.
Als er dann später Lehrer wurde an derselben Akademie hatte er noch
immer das Bärtchen. Sein Beamtengehalt war nicht hoch, aber er
verdiente ein Zubrot als Drehbuchautor. Ein großer Spielfilm, einige
Kurzfilme und Dokumentarfilme; zu einem großen Durchbruch oder Ruhm ist
es nie gekommen. Dann kamen die Saudis mit ihrem fetten Geld. Die
bestellten auch Dokumentarfilme, aber keine künstlerische, sondern
islamische. Er arbeitete nicht gerne für sie, aber er brauchte das
Geld; er hatte ja Frau und Kind. Allmählich wurde dasselbe Bärtchen ein
islamisches Bärtchen, und das ist es heute noch.
Freitag, 20. Januar 2006
Bestrafung
„Das Reisen ist ein Teil der Bestrafung,” soll der
Prophet gesagt haben. Sicherlich hat er dabei Ägypten in Gedanken
gehabt. Das letzte Mal als ich da war, habe ich mal den Bus nach
Alexandrien genommen. Wegen der zentralen Lage der Haltestellen schien
das bequemer als der Zug. War es aber nicht. Der Bus, der glaube ich
Golden Rocket hieß, war tadellos: neu, komfortabel, sauber,
klimatisiert. Jedoch, es gab dort ein Videogerät, das während der
ganzen Reise einen amerikanischen C-Film vorführte (in Europa ist
dieser Schund nicht mal bekannt!), und das sehr lautstark. Ich war
kaputt als ich in Alexandrien eintraf.
Weil die Zivilisation unaufhaltsam fortschreitet, wird es in den ägyptischen Verkehrsmitteln nicht ruhiger geworden sein.
Weil die Zivilisation unaufhaltsam fortschreitet, wird es in den ägyptischen Verkehrsmitteln nicht ruhiger geworden sein.
Mittwoch, 11. Januar 2006
Aus Ägyptenland
Ägypten zu verlassen war unter dem Sozialismus eine
Riesending. Erst dauerte es eine Woche, eine Ausreisegenehmigung zu
erschleichen und dann ging es endlich zum Flughafen. Die Spannung bei
der Paßkontrolle, auch noch wenn man schon im Flugzeug saß, besonders
wenn es zögerte, aufzusteigen: werden die noch kommen um dich
herauszuholen? Was war da eigentlich zu befürchten? Nichts Konkretes
vielleicht, aber die Atmosphäre war so angespannt, daß man überall böse
Geheimpolizei vermutete. Allgemeine Erleichterung, wenn das Flugzeug
abhob, und erst recht wenn die Mittelmeerküste sichtbar wurde. Alle
Passagiere ausgelassen.
Welch ein Unterschied, Jahre später, als die Beklemmung weg war, und ich einmal fast mein Flugzeug verpaßte, weil ich in der Wartehalle angenehm mit jemand ins Gespräch gekommen war. Erst als man wiederholt meinen Namen abrief war mir bewußt, das ich jetzt zum Gate gehen sollte, und das tat ich dann ganz locker
Welch ein Unterschied, Jahre später, als die Beklemmung weg war, und ich einmal fast mein Flugzeug verpaßte, weil ich in der Wartehalle angenehm mit jemand ins Gespräch gekommen war. Erst als man wiederholt meinen Namen abrief war mir bewußt, das ich jetzt zum Gate gehen sollte, und das tat ich dann ganz locker
Montag, 5. September 2005
Kaufrausch
Das Warenangebot des ägyptischen Sozialismus hat 1971 in
mir bewirkt was kein Kapitalismus je hat bewirken können: ein reges
Interesse an käuflichen Gütern.
Es fing mit der Tinte an. Ich schrieb mit meinem Füller und hatte nicht vor, diesen durch billige, immer fleckende ägyptische Kulis zu ersetzen. Es sollte also Tinte her. Massenweise angeboten wurde Reid, eine wahrscheinlich früher respektabel gewesene Englische Marke, die aber nach der Verstaatlichung um sowohl ihre Englischheit als ihre sonstigen guten Eigenschaften gebracht war. Reid vertrocknete schnell, bereits in dem Füller und das war in dem trocknen Klima unpraktisch. Parker Quink sollte also her, mit Solv-X®. Das vertrocknet nicht. Ein langer Streifzug durch Kairo folgte. Das Angebot dieses genuin importierten Zeugs war äußerst gering; das Preisniveau zwanzig Mal höher als das des ägyptischen Produkts. Aber irgendwann war es mir gelungen, eine Flasche echten Quink zu erwerben. Gerettet.
Tee war auch eine Lebensnotwendigkeit. Als Student bekam man pro Monat 7.5 Gramm Tee, Pulverzeug der schlimmsten Sorte aus Ceylon. Mehr von dem Zeug konnte man in den kooperativen Ahrâm-Läden erwerben, für wenig Geld und lange Schlange stehen. Das Zeug war aber so minderwertig; ich wollte richtigen Tee. Das führte mich wiederum in den privaten Sektor, ich landete bei Ridgways Darjeeling, £ E 1 pro quarter pound!
Soweit meine Luxuswünsche. Ach ja, Tabak noch; ich rauchte ja Pfeife. Der kostete auch £ 1 und war nicht schwer zu beschaffen. Die gelegentliche Festzigarre war fast geschenkt: sie kam aus Kuba, gegen sozialistische Freundschaftspreise importiert.
Alles andere, was ich kaufte, war inländisch. Gut war da nur die Wäsche: aus feinster Baumwolle und sehr langlebig.
Es fing mit der Tinte an. Ich schrieb mit meinem Füller und hatte nicht vor, diesen durch billige, immer fleckende ägyptische Kulis zu ersetzen. Es sollte also Tinte her. Massenweise angeboten wurde Reid, eine wahrscheinlich früher respektabel gewesene Englische Marke, die aber nach der Verstaatlichung um sowohl ihre Englischheit als ihre sonstigen guten Eigenschaften gebracht war. Reid vertrocknete schnell, bereits in dem Füller und das war in dem trocknen Klima unpraktisch. Parker Quink sollte also her, mit Solv-X®. Das vertrocknet nicht. Ein langer Streifzug durch Kairo folgte. Das Angebot dieses genuin importierten Zeugs war äußerst gering; das Preisniveau zwanzig Mal höher als das des ägyptischen Produkts. Aber irgendwann war es mir gelungen, eine Flasche echten Quink zu erwerben. Gerettet.
Tee war auch eine Lebensnotwendigkeit. Als Student bekam man pro Monat 7.5 Gramm Tee, Pulverzeug der schlimmsten Sorte aus Ceylon. Mehr von dem Zeug konnte man in den kooperativen Ahrâm-Läden erwerben, für wenig Geld und lange Schlange stehen. Das Zeug war aber so minderwertig; ich wollte richtigen Tee. Das führte mich wiederum in den privaten Sektor, ich landete bei Ridgways Darjeeling, £ E 1 pro quarter pound!
Soweit meine Luxuswünsche. Ach ja, Tabak noch; ich rauchte ja Pfeife. Der kostete auch £ 1 und war nicht schwer zu beschaffen. Die gelegentliche Festzigarre war fast geschenkt: sie kam aus Kuba, gegen sozialistische Freundschaftspreise importiert.
Alles andere, was ich kaufte, war inländisch. Gut war da nur die Wäsche: aus feinster Baumwolle und sehr langlebig.
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