Einträge "Kairo früher":

Sonntag, 2. April 2006

Studentenwohnheim

Mein Zimmer im Studentenwohnheim war in dem Altbau gelegen, im sogenannten mabnâ Hilton, nach dem gleichnamigen Hotel. Dort waren Ausländer untergebracht. Mein Nachbar war ein Japanischer Muslim namens Ashraf; weiter im Korridor wohnten Philippiner, nette Jungs, die wahrscheinlich später Guerillakämpfer auf entlegenen Inseln geworden sind. Auch gab es Somalier, mit denen ich besonders gerne verkehrte. Die waren hoch intelligent, angenehm im Umgang und hatten eine viel besseres Abitur als die ägyptischen Studenten. Als ihr Land noch existierte, muß es nicht schlecht gewesen sein.
An dem Tag, das wir unser Zimmer verließen um es zur Verfügung der Mekka-Pilger zu stellen, die in Quarantäne mußten, hat der Japaner mich überrascht. Unglücklicherweise gab es an dem Tag kaum Taxis, weil es in der Innenstadt schwere Unruhen gab. Die Nilbrücken waren gesperrt. Ashraf hatte jedoch ein Pferd und einen Wagen organisiert. Ich muß gestehen: da war ich nicht drauf gekommen.
Das Essen. Der Staat hatte verstanden, daß Studenten potenzielle Unruhestifter sind. Deshalb stellte er drei Mal am Tag etwas grobe, aber reichhaltige und doch eigentlich auch leckere Mahlzeiten zur Verfügung, um ihnen das Maul zu stopfen. Die Studenten aus armen Verhältnissen müssen das als große Luxus empfunden haben. Die ganze Verpflegung kostete £ E 5,50 pro Monat; das war ein eher symbolischer Preis, wenigstens für mich.
Autor: hatif

Freitag, 27. Januar 2006

Bärtchen

Als Student hatte Samir ein Bärtchen, was damals nicht so üblich war. Er studierte an der Filmakademie, da gehörte ein Bärtchen schon dazu, das war künstlerisch und auch ein bißchen links. Als er dann später Lehrer wurde an derselben Akademie hatte er noch immer das Bärtchen. Sein Beamtengehalt war nicht hoch, aber er verdiente ein Zubrot als Drehbuchautor. Ein großer Spielfilm, einige Kurzfilme und Dokumentarfilme; zu einem großen Durchbruch oder Ruhm ist es nie gekommen. Dann kamen die Saudis mit ihrem fetten Geld. Die bestellten auch Dokumentarfilme, aber keine künstlerische, sondern islamische. Er arbeitete nicht gerne für sie, aber er brauchte das Geld; er hatte ja Frau und Kind. Allmählich wurde dasselbe Bärtchen ein islamisches Bärtchen, und das ist es heute noch.
Autor: hatif

Freitag, 20. Januar 2006

Bestrafung

„Das Reisen ist ein Teil der Bestrafung,” soll der Prophet gesagt haben. Sicherlich hat er dabei Ägypten in Gedanken gehabt. Das letzte Mal als ich da war, habe ich mal den Bus nach Alexandrien genommen. Wegen der zentralen Lage der Haltestellen schien das bequemer als der Zug. War es aber nicht. Der Bus, der glaube ich Golden Rocket hieß, war tadellos: neu, komfortabel, sauber, klimatisiert. Jedoch, es gab dort ein Videogerät, das während der ganzen Reise einen amerikanischen C-Film vorführte (in Europa ist dieser Schund nicht mal bekannt!), und das sehr lautstark. Ich war kaputt als ich in Alexandrien eintraf.
Weil die Zivilisation unaufhaltsam fortschreitet, wird es in den ägyptischen Verkehrsmitteln nicht ruhiger geworden sein.
Autor: hatif

Mittwoch, 11. Januar 2006

Aus Ägyptenland

Ägypten zu verlassen war unter dem Sozialismus eine Riesending. Erst dauerte es eine Woche, eine Ausreisegenehmigung zu erschleichen und dann ging es endlich zum Flughafen. Die Spannung bei der Paßkontrolle, auch noch wenn man schon im Flugzeug saß, besonders wenn es zögerte, aufzusteigen: werden die noch kommen um dich herauszuholen? Was war da eigentlich zu befürchten? Nichts Konkretes vielleicht, aber die Atmosphäre war so angespannt, daß man überall böse Geheimpolizei vermutete. Allgemeine Erleichterung, wenn das Flugzeug abhob, und erst recht wenn die Mittelmeerküste sichtbar wurde. Alle Passagiere ausgelassen.
Welch ein Unterschied, Jahre später, als die Beklemmung weg war, und ich einmal fast mein Flugzeug verpaßte, weil ich in der Wartehalle angenehm mit jemand ins Gespräch gekommen war. Erst als man wiederholt meinen Namen abrief war mir bewußt, das ich jetzt zum Gate gehen sollte, und das tat ich dann ganz locker


Autor: hatif

Montag, 5. September 2005

Kaufrausch

Das Warenangebot des ägyptischen Sozialismus hat 1971 in mir bewirkt was kein Kapitalismus je hat bewirken können: ein reges Interesse an käuflichen Gütern.
    Es fing mit der Tinte an. Ich schrieb mit meinem Füller und hatte nicht vor, diesen durch billige, immer fleckende ägyptische Kulis zu ersetzen. Es sollte also Tinte her. Massenweise angeboten wurde Reid, eine wahrscheinlich früher respektabel gewesene Englische Marke, die aber nach der Verstaatlichung um sowohl ihre Englischheit als ihre sonstigen guten Eigenschaften gebracht war. Reid vertrocknete schnell, bereits in dem Füller und das war in dem trocknen Klima
unpraktisch. Parker Quink sollte also her, mit Solv-X®. Das vertrocknet nicht. Ein langer Streifzug durch Kairo folgte. Das Angebot dieses genuin importierten Zeugs war äußerst gering; das Preisniveau zwanzig Mal höher als das des ägyptischen Produkts. Aber irgendwann war es mir gelungen, eine Flasche echten Quink zu erwerben. Gerettet.
    Tee war auch eine Lebensnotwendigkeit. Als Student bekam man pro Monat 7.5 Gramm Tee, Pulverzeug der schlimmsten Sorte aus Ceylon. Mehr von dem Zeug konnte man in den kooperativen Ahrâm-Läden erwerben, für wenig Geld und lange Schlange stehen. Das Zeug war aber so minderwertig; ich wollte richtigen Tee. Das führte mich wiederum in den privaten Sektor, ich landete bei Ridgways Darjeeling, £ E 1 pro quarter pound!
    Soweit meine Luxuswünsche. Ach ja, Tabak noch; ich rauchte ja Pfeife. Der kostete auch £ 1 und war nicht schwer zu beschaffen. Die gelegentliche Festzigarre war fast geschenkt: sie kam aus Kuba, gegen sozialistische Freundschaftspreise importiert.
    Alles andere, was ich kaufte, war inländisch. Gut war da nur die Wäsche: aus feinster Baumwolle und sehr langlebig.


Autor: hatif