Einträge "August 2006":

Donnerstag, 24. August 2006

Eine verborgene Schrift

Der Apostel Paulus der Apostelgeschichte hat in dem Entstehungsmythos des Islam einen Parallel in der Gestalt des späteren Kalifen Umar ibn al-Chattâb. Beide Männer hatten erst kräftig ihre neu heranwachsende Religion bekämpft, beide wurden nach einer plötzlichen Bekehrung zu deren stursten Verteidigern. Die Bekehrung von Paulus geschah ganz plötzlich, indem er unterwegs nach Damaskus eine augenblendende Vision bekam (1). Umars Kehrtwendung verlief genau so blitzartig, als er aus der Wohnung seiner Schwester Fatima eine Rezitation aus dem Koran aufklingen hörte. Der Koran spielt die Hauptrolle bei seiner Bekehrung, und das ist fein islamisch gedacht.

Umar, kurz angebunden wie immer, stürmte bei seiner Schwester herein und fragte aggressiv, was dieser Unsinn gewesen sei. Fatima versteckte sofort das Blatt mit dem Korantext, indem sie sich darauf setzte! Das würde ein moderner islamischer Buchverehrer so nicht mehr hinnehmen, aber es steht in einem Text aus dem 8. Jahrhundert (2); da waren die Leute noch nicht so zimperlich.

Umar verlangt das Blatt zu sehen. Seine Schwester verweigert es ihm mit der Begründung, er sei unrein, und der Koran dürfe nur von Reinen berührt werden. Nachdem er sich gereinigt hat. liest er das Blatt dann doch und wird bekehrt. Es ist klar: der Erzähler hat hier Koran 56:77–79 im Kopf gehabt, ein Passus in dem ebenfalls der Koran zentral steht: „Das ist wahrlich ein trefflicher Koran, in einer verborgener Schrift (kitâb maknûn), die nur die berühren dürfen, die rein gemacht worden sind.” 
Über die „verborgene Schrift” ist im Laufe der Jahrhunderte viel frommes und mystisches gesagt worden: von Gott im Himmel verborgen usw. Aber liegt es nicht nahe, daß der frühe Erzähler der Umargeschichte diese beiden Wörter einfach zur Geltung gebracht hat, indem er Fatima auf ihre Weise das Blatt verbergen ließ?



(1) Bibel, Apostelgeschichte 9

(2) Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd al-Malik Ibn Hischâm, hrsg. F Wüstenfeldt. 2 Bde., Göttingen 1858-60, S. 224. Übersetzung: A. Guillaume, The life of Muhammad. A translation of Ishaq's (so!) Sîrat Rasûl Allâh, Oxford 1955, S. 155-59.

Autor: hatif in: “Orient”