Einträge "Februar 2006":

Sonntag, 26. Februar 2006

Kairo lesen

Ein Mitbringsel aus Kairo, das mir sehr viel Spaß macht ist der Roman ‘Imârat Ya‘qûbiân (‘Das Yaqubian-Gebäude’) von ‘Alâ' al-Aswânî. Man kann es einen ‘Kairo-Roman’ nennen, eine Gattung die in den Vierzigern von Nagib Mahfus kreiert ist, in der die Stadt, oder ein Viertel, in diesem Fall ein schickes, aber zerfallendes Wohngebäude und seine Umgebung in Kairo Mitte, die Hauptrolle spielt. Und das Haus steht natürlich für ganz Ägypten.
Eine bittere, aber auch fein-humorvolle Analyse des ägyptischen Alltags: nichts läuft ohne Korruption, keine Frau bleibt unbelästigt. Die ‘Ehre’ der Frau gibt es nur in Theorie: die Frauen im Buch, wie wohl auch in der Wirklichkeit, erreichen ihre einfache und legitime Ziele (Ernährung, Job) ausschließlich indem sie sich sexuelle Belästigungen von Männern gefallen lassen. Auch wird der Werdegang eines Islamisten beschrieben, peinlich genau und zutreffend.
Der Autor hat das Buch vorsichtshalber unter zwei Pharaonen früher situiert, in den 50ern, 60ern Jahren (Oder wird es noch die Neuzeit erreichen? Ich habe erst ein Drittel hinter mir.) Aber jeder Ägypter wird spüren, daß sich im Lande im wesentlichen nichts geändert hat.
Dieses Buch müßte sofort ins Deutsche übersetzt werden.
Früher habe ich oft arabische Romane aus Wohlwollen gelesen. Sie waren nicht so gut, aber man wollte sie doch zu Kenntnis nehmen. Warum würde man ein arabisches Buch lesen, wenn man viel bessere aus Europa, den beiden Amerikas oder Japan kriegen konnte? In den letzten zehn Jahren aber hat die arabische Literatur eine Klasse erreicht, die auf der Weltbühne mithalten kann; erst im Libanon, jetzt auch in Ägypten. Sie bleibt aber sehr klein: es is nur hin und wieder mal ein Buch.

Autor: hatif in: “Orient”

Ausland

Im Radio war gerade ein Mensch, der erzählte wie er aus der DDR nach Schwaben gekommen war und sich dort als Ausländer gefühlt hatte. Das Gefühl, nicht dazu zu gehören, nicht mitmachen zu können. Dieses Gefühl habe ich in Deutschland nur selten; nur zur Faschingszeit vielleicht. Oder wenn z.B. über irgendwelche Darsteller aus den Siebzigern geredet wird, die ich nie gekannt habe; aber das ist nur oberflächlich.
Sich Ausländer fühlen im Alltag also nicht sehr, aber das Ausländer sein sitzt bei mir sehr tief. Wirklich zu Hause war ich nur in unserem Dorf. Als meine Eltern dann mit mir in die Großstadt zogen und ich in die höhere Schule kam (Latein, Dialektverbot), verfremdete ich vom Dorf. Immer weniger konnte ich in den langen Sommerferien mich dort noch zu Hause fühlen. Aber nicht nur ich, auch das Dorf hat sich über die Jahre geändert. Die Bausubstanz ist noch da, wenn auch durch neue Straßen durchschnitten und von neuen Vierteln umgeben. Aber die Leute... es sind andere, und sie sind anders geworden. Ich habe keine Würzel mehr und könnte sie auch beim besten Willen nicht haben. Ganze zwanzig Verwandte habe ich dort noch; unter denen mein Lieblingsonkel, das stimmt. Mit ihm kann ich gut, aber mit seinen sechs Söhnen nicht mal mehr. Ich bin überall Ausländer, auch in meiner Heimat, und in soweit kann ich auch überall leben. Oder eben nicht leben.
Any place I hang my hat is home, hieß es, als die Engländer noch Kolonien hatten. Das war wohl eine Notlüge. In Ägypten würde ich notgezwungen in der Expat-Gemeinschaft verkehren müssen. Nur flüchtige Bekanntschaften mit in ein, zwei, drei Jahren wieder abreisenden Leuten. Die andauernd reden über wo zu essen, wo billig einkaufen, die Tax Free shops in Manila und wie blöd doch die ägyptischen (bzw. indischen, brasilianischen) Klempner sind. Und die sich nach ihrem tollen Abschiedsparty nicht mal mehr wiedererkennen würden.
Ich bin freundschaftsfähig und halte mich auch für fähig, mit Ägyptern richtig gute Freunde zu werden. Dann macht man sich aber bei den Ausländern (für die ich ja arbeiten würde!) wieder verdächtig. He went native, werden sie sagen; das ist nicht mehr ganz so schlimm wie in der Kolonialzeit, aber es gilt noch, besonders in islamischen Ländern. „An welcher Seite stehst du eigentlich?“ Aber schlimmer noch: dieser innere Spagat würde mir selbst Schmerzen bereiten, mir das Kreuz verrenken.
Autor: hatif in: Verschiedenes

Samstag, 25. Februar 2006

Zurück aus Kairo

Aber warum schmeckt Deutschland dann jetzt so fade und uninteressant: der Tee, das Essen, das Fernsehen? Nur die knusprige Winterluft gefällt mir. Ist in Kairo der Tee etwa besser? Um Gottes willen nein. In meiner Wohlstandsklasse bekommt man ja nur selten ägyptischen Tee angeboten; es ist meistens eine schlechte Kopie eines neueuropäischen Teekonzepts, der sog. Shay Lipton, ein minderwertiges Teebeutelchen in nicht ganz kochend heißem Leitungswasser zwanzig Minuten abhängen lassen und fertig! So ein Tee ist miserabel, trotzdem schmeckt mir hier mein eigener Tee nicht. Es ist ein Rätsel.
Auffällig ist weiter, daß die Deutschen auf der Straße so grob und aggressiv sind.

(Einige, aber nicht viele Notizen aus Kairo liegen noch da, handgeschrieben. Im Laufe der Tage werde ich sie eingeben. Oder auch nicht; schauen wir mal.)
Autor: hatif in: Verschiedenes

Samstag, 18. Februar 2006

‘Beten ist besser als schlafen,’ heißt es im morgendlichen Gebetsruf. Der klang, stark verstärkt, um 5.10 Uhr auch in diesem früher so schicken Wohnviertel. Wie die meisten anderen Einwohner auch versuchte ich, danach wieder einzuschlafen. Das gelang aber nicht. Ich fühle mich in meinen religiösen Gefühlen verletzt! Gut, dann eben wach bleiben, und ein bisschen in der Stadt herumlaufen.
Autor: hatif in: Verschiedenes

Window dressing

Es war enttäuschend, die Verlagsbuchhandlung XXXX zu besuchen. Früher war die bekannt um ihre (relativ) gewagte Literatur, wobei Konflikte mit der Zensur mutig angegangen wurden. Jetzt nur noch fromme Bücher im Laden, wie überall sonst auch, und griesgrämige Bedienung. Dort war ich schnell wieder weg. Kurz danach bemerkte ich aber wo anders, daß der Verlag doch noch immer liberale Bücher verlegt. Der ganze Laden ist wohl eine Art window dressing der vorauseilenden Frömmigkeit, um den Islamisten den Wind aus den Segeln zu nehmen.
Das hat die Regierung genau so gemacht, z. B. indem sie (schon vor Jahren) das Ausschenken alkoholhältiger Getränke auf teuere Hotels und Restaurants beschränkt hat. Wieder ein Thema weniger, über das die Schreier Radau machen konnten. Und mit der momentanen Homosexuellenverfolgung wird es auch so sein. Wem juckt es, ob jemand mit einem Mann schläft? Das haben die alten Ägypter bestimmt schon getan, und was soll man auch sonst, wenn an Frauen so schwer heranzukommen ist?  Der zynischen, säkulären Regierung ist das ganze Thema sicherlich egal, aber sie ist schwach und fürchtet die nächste Welle der sittsamen Empörung. So verhält sie sich paradoxerweise islamistischer als die Islamisten.
Plärrenden, fußstampfenden Kindern und Islamisten kann man ja schwerlich etwas verweigern.
Autor: hatif in: Verschiedenes

Mittwoch, 15. Februar 2006

Das Leben ist wo anders

Gestern Vorstellungsgespräch, morgen für eine Woche nach Kairo . Werde versuchen dort mehr zu bloggen. Jedoch,die Ergebnisse werden dann erst nächste Woche in den PC eingegeben. Sollte ich faul oder blockiert sein, oder sollte es dort sehr gemütlich werden, dann kommt nichts.
Autor: hatif in: Verschiedenes

Freitag, 3. Februar 2006

Karikatur

Die jämmerlichen Leberwürstchen in Arabien sollten sich mal Monty Python's Life of Brian anschauen, eine sehr lustige satirische Darstellung des Evangeliums; das ist erst Prophetenbeleidigung! Ich habe den Film kürzlich auf DVD gekauft und habe wieder darüber gelacht bis mir das Kreuz weh tat. Dazu ist das Heilige auch da. Im Vatikan erzählen sich die Prelaten ohne Zweifel auch blasphemische Witze, aber ich glaube, Monty Python ist besser.

Aber im Ernst: beleidigend für den Propheten Mohammed ist vor allem:
- enorme Gegensätze zwischen arm und reich bestehen zu lassen
- Frauen zu piesacken
- Gefangene zu foltern
- Darfur
- junge Menschen Schulung vorzuenthalten
- ständig Korantexte laut aus der Wand schallen zu lassen
- und Dummheit generell.
Prophetenbeleidigung kommt in der arabischen Welt leider sehr häufig vor. Nach der Scharia soll sie mit Hinrichtung bestraft werden; na ja, wem juckt's.
Autor: hatif in: “Orient”