Einträge "Januar 2006":

Dienstag, 31. Januar 2006

Jobwechsel3

Wenn ein möglicher, aber nicht sicherer Jobwechsel ansteht, verträumt der Mensch sich gelegentlich in die herbeibeworbenen neuen Umstände. So habe ich mir einige Wochen lang vorgestellt, wie es wäre, in Kairo zu arbeiten. Spannend, auf jeden Fall, aber auch ein Leben der Entbehrungen. Aber gerade die scheine ich mir zu wünschen; sonst kann ich mir meine Begeisterung für Kairo nicht erklären. Gegen Deutschland spräche die Sklerose, die Veralterung dieses Land, und die Umwandlung der Unis in Gymnasien, wo das Arabisch und die Orientalistik doch ehrlich gesagt nichts zu suchen haben. Arabisch studieren werden dann weiter die Chinesen machen. Ein komfortabeles aber immer kleiner werdendes Leben bis ins Seniorenheim. In Kairo könnte ich noch einmal etwas bedeuten, für andere, und dadurch auch für mich selbst. Und so ganz alt müßte ich dort auch nicht werden. Die Alltagsumständen verkurzen die Lebenserwartung erheblich.

Jetzt aber bin ich seit über eine Woche in meiner Vorstellung wieder ganz in Deutschland. Ja, ich werde bleiben, ein neues Fahhrrad kaufen, umziehen, mich noch mal häuten; das geht doch hier auch? Alles was hier unaufregend und zweitrangig ist kann ich doch ergänzen mit was auch immer? Die Freiheit ist fast hundertrprozentig. Ich habe hier liebe Freunde, die lassen sich nicht ersetzen. Ich kann hier sagen und schreiben, was ich will. Die Luft ist klar, das Klima herrlich. Es herrscht hier die Stille eines Kurviertels. Junge deutsche Köche wirken Wunder mit Schweinelendchen und Karotten. Die Oper ist unendlich viel besser als die in Kairo.

Was es nun wird? Erst Ende Februar wird entschieden, erst mal von dem Arbeitgeber, dann von mir, ob ich es will, gegebenenfalls. Aber es ist gut, davor schon in seinen Gedanken alles mal durchprobiert zu haben. Sollte ich dann hier bleiben, so ist es doch nicht mehr dasselbe wie davor.
Autor: hatif in: Verschiedenes

Sonntag, 29. Januar 2006

Scheinoffenbarung

Im Traum wurde mir ein ganze neues Buch offenbart: Bild und Vorstellung im Islam. Wenigstens die Inhaltsaufgabe und ein Teil des Bildmaterials. Die Erfahrung lehrt aber, daß hinter so etwas gar nichts steckt: sollte ich jetzt anfangen, daran zu schreiben, so hätte ich nichts von diesem Traum. Überdies stehen noch zwei andere Bücher in der Warteschlange. Merkwürdig bleibt aber die Thematik: über Bild und Vorstellung im Islam habe ich noch nie nachgedacht. Wie ist das in meine Seele geraten?
Autor: hatif in: Verschiedenes

Freitag, 27. Januar 2006

Bärtchen

Als Student hatte Samir ein Bärtchen, was damals nicht so üblich war. Er studierte an der Filmakademie, da gehörte ein Bärtchen schon dazu, das war künstlerisch und auch ein bißchen links. Als er dann später Lehrer wurde an derselben Akademie hatte er noch immer das Bärtchen. Sein Beamtengehalt war nicht hoch, aber er verdiente ein Zubrot als Drehbuchautor. Ein großer Spielfilm, einige Kurzfilme und Dokumentarfilme; zu einem großen Durchbruch oder Ruhm ist es nie gekommen. Dann kamen die Saudis mit ihrem fetten Geld. Die bestellten auch Dokumentarfilme, aber keine künstlerische, sondern islamische. Er arbeitete nicht gerne für sie, aber er brauchte das Geld; er hatte ja Frau und Kind. Allmählich wurde dasselbe Bärtchen ein islamisches Bärtchen, und das ist es heute noch.
Autor: hatif in: Kairo früher

Montag, 23. Januar 2006

Umschlag

Seit dem Wochenende ist meine Stimmung beim Kippen: bleibe ich nicht doch lieber hier? Anlaß war der wunderschöne Freitagabend mit Freunden. Ich würde schon etwas zurücklassen!
Und hatte ich nicht vor zehn Jahren schon mal beschlossen, daß es Unsinn sei, immer in Katastrophengebiete zu fahren? Soll ich nicht endlich mal nach Ligurien und Südwest England?

Autor: hatif in: Verschiedenes

Freitag, 20. Januar 2006

Bestrafung

„Das Reisen ist ein Teil der Bestrafung,” soll der Prophet gesagt haben. Sicherlich hat er dabei Ägypten in Gedanken gehabt. Das letzte Mal als ich da war, habe ich mal den Bus nach Alexandrien genommen. Wegen der zentralen Lage der Haltestellen schien das bequemer als der Zug. War es aber nicht. Der Bus, der glaube ich Golden Rocket hieß, war tadellos: neu, komfortabel, sauber, klimatisiert. Jedoch, es gab dort ein Videogerät, das während der ganzen Reise einen amerikanischen C-Film vorführte (in Europa ist dieser Schund nicht mal bekannt!), und das sehr lautstark. Ich war kaputt als ich in Alexandrien eintraf.
Weil die Zivilisation unaufhaltsam fortschreitet, wird es in den ägyptischen Verkehrsmitteln nicht ruhiger geworden sein.
Autor: hatif in: Kairo früher

Montag, 16. Januar 2006

Analyse

Ja, das wäre schon was für dich, meinte S., der Job in Kairo. Die Aufgaben kannst du. Mit deinem Privatleben wird es wohl eh nichts mehr, und genießen und Freizeit magst du überhaupt nicht; Pflichtausübung ist es, was dich glücklich macht. Die Perioden von Lähmung und Passivität, die du gelegentlich hast, kommen nur vor wenn du frei hast. Sobald du etwas tun mußt, gehst du an die Arbeit. Und sogar die seltenen depressiven Phasen überkommst du durch arbeiten. Die schlimme Stadt, die für andere ein hardship post ist, ist für dich Genuß.
Ich mag S. Er kennt mich gut und redet nicht drum herum, sagt einfach was er denkt, wenn ich ihn darum bete.


Autor: hatif in: Verschiedenes

Fliegen

Die Würfel sind gefallen: Mitte Februar fliege ich für eine Woche nach Kairo, zum Auffrischen der Erinnerungen, zum Schnuppern und Riechen, zum Gucken halt.
Autor: hatif in: Verschiedenes

Mittwoch, 11. Januar 2006

Aus Ägyptenland

Ägypten zu verlassen war unter dem Sozialismus eine Riesending. Erst dauerte es eine Woche, eine Ausreisegenehmigung zu erschleichen und dann ging es endlich zum Flughafen. Die Spannung bei der Paßkontrolle, auch noch wenn man schon im Flugzeug saß, besonders wenn es zögerte, aufzusteigen: werden die noch kommen um dich herauszuholen? Was war da eigentlich zu befürchten? Nichts Konkretes vielleicht, aber die Atmosphäre war so angespannt, daß man überall böse Geheimpolizei vermutete. Allgemeine Erleichterung, wenn das Flugzeug abhob, und erst recht wenn die Mittelmeerküste sichtbar wurde. Alle Passagiere ausgelassen.
Welch ein Unterschied, Jahre später, als die Beklemmung weg war, und ich einmal fast mein Flugzeug verpaßte, weil ich in der Wartehalle angenehm mit jemand ins Gespräch gekommen war. Erst als man wiederholt meinen Namen abrief war mir bewußt, das ich jetzt zum Gate gehen sollte, und das tat ich dann ganz locker


Autor: hatif in: Kairo früher

Donnerstag, 5. Januar 2006

Weblog schreiben

Ein Jahr alt ist mein Weblog jetzt. Was hat es gebracht? Ein Paar Sachen habe ich geschrieben, die ich sonst nicht geschrieben hätte. Als Kladde und Schmierpapier für vorbeifliegende Gedanken hat es mir sehr gefallen. Ab und zu kamen auch wertvolle Reaktionen. In der letzten Zeit habe ich wenig geschrieben, weil ich andauernd über meinen nicht ganz auszuschliessenden Umzug nach Kairo denken muß. In Kairo wär es mit dem Bloggen vorbei; dort herrscht ja keine Offenheit. Sollte ich aber hier bleiben, schreibe ich ruhig weiter; ganz unverbindlich wie gehabt.
Autor: hatif in: Verschiedenes