Wenn ein möglicher, aber nicht sicherer Jobwechsel
ansteht, verträumt der Mensch sich gelegentlich in die herbeibeworbenen
neuen Umstände. So habe ich mir einige Wochen lang vorgestellt, wie es
wäre, in Kairo zu arbeiten. Spannend, auf jeden Fall, aber auch ein
Leben der Entbehrungen. Aber gerade die scheine ich mir zu wünschen;
sonst kann ich mir meine Begeisterung für Kairo nicht erklären. Gegen
Deutschland spräche die Sklerose, die Veralterung dieses Land, und die
Umwandlung der Unis in Gymnasien, wo das Arabisch und die Orientalistik
doch ehrlich gesagt nichts zu suchen haben. Arabisch studieren werden
dann weiter die Chinesen machen. Ein komfortabeles aber immer kleiner
werdendes Leben bis ins Seniorenheim. In Kairo könnte ich noch einmal
etwas bedeuten, für andere, und dadurch auch für mich selbst. Und so
ganz alt müßte ich dort auch nicht werden. Die Alltagsumständen
verkurzen die Lebenserwartung erheblich.
Jetzt aber bin ich seit über eine Woche in meiner Vorstellung wieder
ganz in Deutschland. Ja, ich werde bleiben, ein neues Fahhrrad kaufen,
umziehen, mich noch mal häuten; das geht doch hier auch? Alles was hier
unaufregend und zweitrangig ist kann ich doch ergänzen mit was auch
immer? Die Freiheit ist fast hundertrprozentig. Ich habe hier liebe
Freunde, die lassen sich nicht ersetzen. Ich kann hier sagen und
schreiben, was ich will. Die Luft ist klar, das Klima herrlich. Es
herrscht hier die Stille eines Kurviertels. Junge deutsche Köche wirken
Wunder mit Schweinelendchen und Karotten. Die Oper ist unendlich viel
besser als die in Kairo.
Was es nun wird? Erst Ende Februar wird entschieden, erst mal von dem
Arbeitgeber, dann von mir, ob ich es will, gegebenenfalls. Aber es ist
gut, davor schon in seinen Gedanken alles mal durchprobiert zu haben.
Sollte ich dann hier bleiben, so ist es doch nicht mehr dasselbe wie
davor.
Einträge "Januar 2006":
Dienstag, 31. Januar 2006
Sonntag, 29. Januar 2006
Scheinoffenbarung
Im Traum wurde mir ein ganze neues Buch offenbart: Bild und Vorstellung im Islam. Wenigstens die Inhaltsaufgabe und ein Teil des Bildmaterials. Die Erfahrung lehrt aber, daß hinter so etwas gar nichts steckt: sollte ich jetzt anfangen, daran zu schreiben, so hätte ich nichts von diesem Traum. Überdies stehen noch zwei andere Bücher in der Warteschlange. Merkwürdig bleibt aber die Thematik: über Bild und Vorstellung im Islam habe ich noch nie nachgedacht. Wie ist das in meine Seele geraten?
Freitag, 27. Januar 2006
Bärtchen
Als Student hatte Samir ein Bärtchen, was damals nicht
so üblich war. Er studierte an der Filmakademie, da gehörte ein
Bärtchen schon dazu, das war künstlerisch und auch ein bißchen links.
Als er dann später Lehrer wurde an derselben Akademie hatte er noch
immer das Bärtchen. Sein Beamtengehalt war nicht hoch, aber er
verdiente ein Zubrot als Drehbuchautor. Ein großer Spielfilm, einige
Kurzfilme und Dokumentarfilme; zu einem großen Durchbruch oder Ruhm ist
es nie gekommen. Dann kamen die Saudis mit ihrem fetten Geld. Die
bestellten auch Dokumentarfilme, aber keine künstlerische, sondern
islamische. Er arbeitete nicht gerne für sie, aber er brauchte das
Geld; er hatte ja Frau und Kind. Allmählich wurde dasselbe Bärtchen ein
islamisches Bärtchen, und das ist es heute noch.
Montag, 23. Januar 2006
Umschlag
Seit dem Wochenende ist meine Stimmung beim Kippen:
bleibe ich nicht doch lieber hier? Anlaß war der wunderschöne
Freitagabend mit Freunden. Ich würde schon etwas zurücklassen!
Und hatte ich nicht vor zehn Jahren schon mal beschlossen, daß es Unsinn sei, immer in Katastrophengebiete zu fahren? Soll ich nicht endlich mal nach Ligurien und Südwest England?
Und hatte ich nicht vor zehn Jahren schon mal beschlossen, daß es Unsinn sei, immer in Katastrophengebiete zu fahren? Soll ich nicht endlich mal nach Ligurien und Südwest England?
Freitag, 20. Januar 2006
Bestrafung
„Das Reisen ist ein Teil der Bestrafung,” soll der
Prophet gesagt haben. Sicherlich hat er dabei Ägypten in Gedanken
gehabt. Das letzte Mal als ich da war, habe ich mal den Bus nach
Alexandrien genommen. Wegen der zentralen Lage der Haltestellen schien
das bequemer als der Zug. War es aber nicht. Der Bus, der glaube ich
Golden Rocket hieß, war tadellos: neu, komfortabel, sauber,
klimatisiert. Jedoch, es gab dort ein Videogerät, das während der
ganzen Reise einen amerikanischen C-Film vorführte (in Europa ist
dieser Schund nicht mal bekannt!), und das sehr lautstark. Ich war
kaputt als ich in Alexandrien eintraf.
Weil die Zivilisation unaufhaltsam fortschreitet, wird es in den ägyptischen Verkehrsmitteln nicht ruhiger geworden sein.
Weil die Zivilisation unaufhaltsam fortschreitet, wird es in den ägyptischen Verkehrsmitteln nicht ruhiger geworden sein.
Montag, 16. Januar 2006
Analyse
Ja, das wäre schon was für dich, meinte S., der Job in
Kairo. Die Aufgaben kannst du. Mit deinem Privatleben wird es wohl eh
nichts mehr, und genießen und Freizeit magst du überhaupt nicht;
Pflichtausübung ist es, was dich glücklich macht. Die Perioden von
Lähmung und Passivität, die du gelegentlich hast, kommen nur vor wenn
du frei hast. Sobald du etwas tun mußt, gehst du an die Arbeit. Und
sogar die seltenen depressiven Phasen überkommst du durch arbeiten. Die
schlimme Stadt, die für andere ein hardship post ist, ist für dich Genuß.
Ich mag S. Er kennt mich gut und redet nicht drum herum, sagt einfach was er denkt, wenn ich ihn darum bete.
Ich mag S. Er kennt mich gut und redet nicht drum herum, sagt einfach was er denkt, wenn ich ihn darum bete.
Fliegen
Die Würfel sind gefallen: Mitte Februar fliege ich für eine Woche nach Kairo, zum Auffrischen der Erinnerungen, zum Schnuppern und Riechen, zum Gucken halt.
Mittwoch, 11. Januar 2006
Aus Ägyptenland
Ägypten zu verlassen war unter dem Sozialismus eine
Riesending. Erst dauerte es eine Woche, eine Ausreisegenehmigung zu
erschleichen und dann ging es endlich zum Flughafen. Die Spannung bei
der Paßkontrolle, auch noch wenn man schon im Flugzeug saß, besonders
wenn es zögerte, aufzusteigen: werden die noch kommen um dich
herauszuholen? Was war da eigentlich zu befürchten? Nichts Konkretes
vielleicht, aber die Atmosphäre war so angespannt, daß man überall böse
Geheimpolizei vermutete. Allgemeine Erleichterung, wenn das Flugzeug
abhob, und erst recht wenn die Mittelmeerküste sichtbar wurde. Alle
Passagiere ausgelassen.
Welch ein Unterschied, Jahre später, als die Beklemmung weg war, und ich einmal fast mein Flugzeug verpaßte, weil ich in der Wartehalle angenehm mit jemand ins Gespräch gekommen war. Erst als man wiederholt meinen Namen abrief war mir bewußt, das ich jetzt zum Gate gehen sollte, und das tat ich dann ganz locker
Welch ein Unterschied, Jahre später, als die Beklemmung weg war, und ich einmal fast mein Flugzeug verpaßte, weil ich in der Wartehalle angenehm mit jemand ins Gespräch gekommen war. Erst als man wiederholt meinen Namen abrief war mir bewußt, das ich jetzt zum Gate gehen sollte, und das tat ich dann ganz locker
Donnerstag, 5. Januar 2006
Weblog schreiben
Ein Jahr alt ist mein Weblog jetzt. Was hat es gebracht? Ein Paar Sachen habe ich geschrieben, die ich sonst nicht geschrieben hätte. Als Kladde und Schmierpapier für vorbeifliegende Gedanken hat es mir sehr gefallen. Ab und zu kamen auch wertvolle Reaktionen.
In der letzten Zeit habe ich wenig geschrieben, weil ich andauernd über meinen nicht ganz auszuschliessenden Umzug nach Kairo denken muß. In Kairo wär es mit dem Bloggen vorbei; dort herrscht ja keine Offenheit. Sollte ich aber hier bleiben, schreibe ich ruhig weiter; ganz unverbindlich wie gehabt.
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