Einträge "November 2005":

Donnerstag, 1. Dezember 2005

Das Lachen des Propheten

"Jesus weinte" (Joh. 11:35). Der Buddha lächelt. Indische Gurus lächeln auch, manche vielleicht ein wenig zwielichtig. Andere Gründerfiguren wie Lenin und Hitler schauen meistens grimmig oder griesgrämig aus der Wäsche. Laut zu lachen, das gehört sich nicht für einen religiösen Führer. Fromme Menschen lassen Raum für ‘angemessene Freude’, aber lautes Gelachter wird schon bald mit dem schallendem Gelachter der Hölle in Verbindung gebracht.
Mohammed dagegen hat laut gelacht. Das behaupten wenigsten bestimmte frühe Muslime, die über ihn erzählt haben. In den Traditionen (hadîth) stehen manchmal Sätze wie: ‘Der Prophet lachte so laut, daß er seine Eckzähne bloßlegte,’ oder: ‘Der Prophet lachte so laut, daß man sein Zäpfchen sehen konnte.’ Geräusch machte er dazu auch: ‘Wenn der Prophet lachte, sagte er: qah qah’—was wohl dem deutschen ha ha entsprechen wird.
Andererseits gibt es auch eine hartnäckige Tradition, in der es heißt: ‘Wenn der Prophet lachte, lächelte er nur,’ und in vielen Texten, in den der Prophet lachend dargestellt wird, steht nicht mal mehr das Wort ‘lachen’ sondern hat man schon gleich ‘lächeln’ geschrieben.
Wer alle korrekt überlieferte Traditionen von und über den Propheten als Augenzeugenberichte auffaßt, bekommt hier vielleicht ein Problem. Denn es gibt zwei Arten Traditionen über das Lachen des Propheten: die in denen er schallend lacht und die in denen er nur lächelt. Am Wortlaut der Texte kann man sehen, daß es keine neutrale Mitteilungen sind, aber daß die Sprecher mit gewisser Betonung einen Standpunkt hervorbringen wollen. Denn warum würde jemand sich die Mühe nehmen, zu verkünden, daß der Prophet immer nur lächelte, wenn nicht erst jemand das Gegenteil gedacht oder gesagt hatte? Anderseits, nach den Texten mit dem schallenden Gelächter hat der Prophet seinen Mund sperrangelweit aufgesperrt, was arg übertrieben ist. Es sieht danach aus, als hätten sich diese Erzähler über das fade Lächeln aufgeregt, das man ihrem Propheten andichten wollte. Es betrifft hier wohl keine Berichte aus der Zeit des Propheten, aber man hat in den Traditionen die Frage ausdiskutiert, ob und wie der Prophet gelacht hat. Die Frage war wichtig, denn das Verhalten des Propheten war und ist bestimmend für das Verhalten der Muslime.
Die alte Idee, daß ein Prophet(, Gründer, Führer, usw.) ein ernsthafter Mann sein soll, für den schallendes Gelächter unpassend ist, hat also im frühen Islam schon ihre Anhänger gehabt. Aber, zum Trost für den, der selbst auch gerne lacht: es gab genügend Muslime, die diese energisch bestritten haben und es schafften, auch die Texte mit dem schallenden Gelächter in den islamischen ‘Kanon’ aufgenommen zu bekommen, nämlich in die Traditionssammlungen von Buchari und Muslim. Der Widerspruch ist nie gelöst worden; jeder kann also die Traditionen wählen, bei denen er oder sie sich am wohlsten fühlt. Bei Buchari und Muslim sind übrigens auch einige recht gute Witze überliefert worden, mit der Erwähnung, daß der Prophet darüber gelacht hat. Das Lachen hat also, wenigstens theoretisch, im Islam doch bessere Chancen als in manch einer anderen Religion.

Autor: hatif in: “Orient”

Sonntag, 6. November 2005

Korrektur im Korantext

In dem gestern signalisierten Die dunklen Anfänge erläutert G. R. Puin z. B. wie im Koran zwei Mal al-'ayka vorkommt und zwei Mal layka, wo es doch offensichtlich überall auf dasselbe hinweist. Al-'ayka bedeutet ‘das Dickicht’, Layka muß ein Ortsname sein, wie man hier und da noch an der Kasusendung sehen kann, und wie gewisse alte Korankommentatoren noch wußten oder annahmen. Was läge da näher als eine kleine Textkorrektur? Puin schlägt vor, überal Layka zu lesen. Er begründet es gut; es leuchtet ein, und so bald man seinen Artikel zu Ende gelesen hat ist es, als ob es schon immer so war. Er weiß dieses Layka sogar zu orten: das antike Leuke Kome war es, das er (wieder mit guten Gründen) südlicher an der arabischen Küste plaziert als bisjetzt üblich. Die rätselhaften ‘Leute des Dickichts’ im Koran können also durch ‘die Leute von Layka’ ersetzt werden, was in den Kontexten besser paßt.
    Ein sauberes Stückchen philologische Arbeit also; hier natürlich nur dürftig zusammengefaßt. Das Pikante daran ist aber, daß es hier eine Textkorrektur in dem arabischen Koran betrifft: für viele islamische Buchverehrer ein unglaubliches Tabu! Besonders wenn ein Ungläubiger sie vornimmt. Wohlbetrachtet haben muslimische Gelehrten jedoch auch geändert, indem sie
klammheimlich, per Vereinheitlichung der Rechtschreibung, überall al-'ayka durchgesetzt haben. Die alten Muslime, aus der Anfangszeit des Islam, waren eh viel weniger zimperlich.
    Das ‘Dickicht’ ist in die ausführliche und Jahrhunderte alte Koranauslegung eingegangen; man hat schon früh den Ortsnamen Layka nicht mehr gekannt. Die Phantasie der Erzähler hat sich des Dickichts bemächtigt und noch mehr Dickicht kreiert. Ist es einmal da, will man nicht mehr darauf verzichten.
    Einen Frühjahrsputz brauchte der Islam. Jedoch, wenn Nicht-Muslime den vornehmen, wird es einen Aufschrei geben; das geht nicht. Sie müßten es schon selbst tun. Nun, wenn es dann irgendwann so weit ist, liegen Studien wie diese schon bereit.

Autor: hatif in: “Orient”

Samstag, 5. November 2005

Orientalistische Grundlagenforschung

In einem neuen Buch, das ich mit roten Ohren lese, wird mal wieder an den Gründungsmythen des Islam gerüttelt. Jahrzehnte lang war das vor lauter political correctness nicht möglich; jetzt passiert es immer öfter, wenn auch selten in Deutschland. Ich meine:
Karl-Heinz Ohlig/Gerd R. Puin (Hg.) Die dunklen Anfänge. Neue Forschungen zur Entstehung und frühen Geschichte des Islam, [Berlin,] Verlag Hans Schiler 2005.
Das Buch bietet viel Neues und Spannendes und ist zu empfehlen, aber es ist schon für die Fachwelt gedacht (Orientalisten, Historiker, Religionswissenschaftler). Daß die Inhalte auch einem allgemeinen Publikum zugänglich gemacht werden, kann noch etwas dauern.
Ich komme sicherlich auf dieses Buch zurück. Vielleicht wird es sogar ein größeres Thema: in meinem eigenen Buch werde ich mich ja mit denselben Fragen auseinandersetzen müssen. Hier könnte ich dann informell meine Gedanken vorordnen.

Autor: hatif in: “Orient”