Einträge "Oktober 2005":

Freitag, 7. Oktober 2005

Islamscham

Über die Paradiesjungfrauen mailte mir ein Muslim: ‘Huris sind keine irdische Frauen aus Fleisch und Blut und Seele - wie wir die um uns oder in uns sehen - sondern vielmehr metaphorische, jedoch lebensechte Einbildungen.’
    Wo hat er das her? Nicht aus dem Koran; dort sind die Huris echte Frauen. Auch nicht aus der Tradition des Propheten; dort werden sie äußerst sinnlich und appetitlich dargestellt. Was hätte man auch von Frauen, die keine sind? Überdies: Lebensechte Einbildungen können Ungläubige sich auch erdenken.
    Entweder ist der Mann modern geschult und denkt: das kann es nicht wirklich geben, das muß übertragen gemeint sein. Aber das würde dann auf das ganze Paradies zutreffen, und wenn es das nicht wirklich gäbe, wozu sich dann noch anstrengen?
    Oder es ist ein Fall von Islamscham. Orientalisten und Missionare haben vor hundert Jahren, als sie noch etwas galten, islamische Glaubensvorstellungen kritisiert und/oder belächelt. Manch ein Muslim, vielleicht auch mein Briefschreiber, hat das verinnerlicht und versucht jetzt seinen Glaube schöner darzustellen, indem er den vermeintlichen Stachel, das Erotische, herausnimmt. Aber für wen? Missionare gibt es nicht mehr, und Orientalisten und andere Europäer sind nicht mehr prüde und haben ihre Einwände gegen Huris längst fallen gelassen. Oder ist er selbst inzwischen so durch die viktorianische Prüderie beeinflußt, daß ihm der Gedanke an Fleischeslust peinlich geworden ist?
"... oder in uns sehen" - diese Wörter des Briefschreibers weisen darauf hin, daß er auch die Frauen mit einbezogen hat. Ein moderner Mensch also, der versucht, die alten Texte für die Moderne passend zu machen. Die Absicht ist zu preisen; aber so soll man doch nicht mit Texten umgehen.
Autor: hatif in: “Orient”