Kurzliste der Bedingungen, die man bei der Aufnahme der Türkei in die EU stellen sollte.
- Kurdenproblem dezent lösen
- Armenier-Genozid anerkennen
- Mißstände in der Justiz und bei der Polizei beheben
- Zypern anerkennen
- Kriegsdienstverweigerung anerkennen
- Presse- und Meinungsfreiheit durchführen
- Rechte von Schwulen und Lesben anerkennen
- Bibliotheken und Archive frei zugänglich machen
Bestimmt habe ich noch einiges vergessen.
Aber Europa kann keine Bedingungen stellen, 1. weil es die Türkei mehr braucht als umgekehrt, 2. weil es noch nicht mal eine Verfassung hat, 3. weil Europa butterweich ist. Das letzte haben wir mit Zypern gesehen. Wie einfach wäre es dort gewesen, zu sagen: Zypern herzlich willkommen, aber erst euer Problem aus die Welt schaffen! Das hätte geklappt.
Die EU dreht nicht nur um ‘Kohlen und Stahl’, sie ist auch ein Bündnis gegen Nationalismus, die Viruskrankheit, die auf dem kleinen Subkontinent so verheerend gewütet hat. Wenn das die EU selbst nicht mehr versteht, so gnade uns Gott. Oder Allah.
Einträge "September 2005":
Samstag, 10. September 2005
Montag, 5. September 2005
Kaufrausch
Das Warenangebot des ägyptischen Sozialismus hat 1971 in
mir bewirkt was kein Kapitalismus je hat bewirken können: ein reges
Interesse an käuflichen Gütern.
Es fing mit der Tinte an. Ich schrieb mit meinem Füller und hatte nicht vor, diesen durch billige, immer fleckende ägyptische Kulis zu ersetzen. Es sollte also Tinte her. Massenweise angeboten wurde Reid, eine wahrscheinlich früher respektabel gewesene Englische Marke, die aber nach der Verstaatlichung um sowohl ihre Englischheit als ihre sonstigen guten Eigenschaften gebracht war. Reid vertrocknete schnell, bereits in dem Füller und das war in dem trocknen Klima unpraktisch. Parker Quink sollte also her, mit Solv-X®. Das vertrocknet nicht. Ein langer Streifzug durch Kairo folgte. Das Angebot dieses genuin importierten Zeugs war äußerst gering; das Preisniveau zwanzig Mal höher als das des ägyptischen Produkts. Aber irgendwann war es mir gelungen, eine Flasche echten Quink zu erwerben. Gerettet.
Tee war auch eine Lebensnotwendigkeit. Als Student bekam man pro Monat 7.5 Gramm Tee, Pulverzeug der schlimmsten Sorte aus Ceylon. Mehr von dem Zeug konnte man in den kooperativen Ahrâm-Läden erwerben, für wenig Geld und lange Schlange stehen. Das Zeug war aber so minderwertig; ich wollte richtigen Tee. Das führte mich wiederum in den privaten Sektor, ich landete bei Ridgways Darjeeling, £ E 1 pro quarter pound!
Soweit meine Luxuswünsche. Ach ja, Tabak noch; ich rauchte ja Pfeife. Der kostete auch £ 1 und war nicht schwer zu beschaffen. Die gelegentliche Festzigarre war fast geschenkt: sie kam aus Kuba, gegen sozialistische Freundschaftspreise importiert.
Alles andere, was ich kaufte, war inländisch. Gut war da nur die Wäsche: aus feinster Baumwolle und sehr langlebig.
Es fing mit der Tinte an. Ich schrieb mit meinem Füller und hatte nicht vor, diesen durch billige, immer fleckende ägyptische Kulis zu ersetzen. Es sollte also Tinte her. Massenweise angeboten wurde Reid, eine wahrscheinlich früher respektabel gewesene Englische Marke, die aber nach der Verstaatlichung um sowohl ihre Englischheit als ihre sonstigen guten Eigenschaften gebracht war. Reid vertrocknete schnell, bereits in dem Füller und das war in dem trocknen Klima unpraktisch. Parker Quink sollte also her, mit Solv-X®. Das vertrocknet nicht. Ein langer Streifzug durch Kairo folgte. Das Angebot dieses genuin importierten Zeugs war äußerst gering; das Preisniveau zwanzig Mal höher als das des ägyptischen Produkts. Aber irgendwann war es mir gelungen, eine Flasche echten Quink zu erwerben. Gerettet.
Tee war auch eine Lebensnotwendigkeit. Als Student bekam man pro Monat 7.5 Gramm Tee, Pulverzeug der schlimmsten Sorte aus Ceylon. Mehr von dem Zeug konnte man in den kooperativen Ahrâm-Läden erwerben, für wenig Geld und lange Schlange stehen. Das Zeug war aber so minderwertig; ich wollte richtigen Tee. Das führte mich wiederum in den privaten Sektor, ich landete bei Ridgways Darjeeling, £ E 1 pro quarter pound!
Soweit meine Luxuswünsche. Ach ja, Tabak noch; ich rauchte ja Pfeife. Der kostete auch £ 1 und war nicht schwer zu beschaffen. Die gelegentliche Festzigarre war fast geschenkt: sie kam aus Kuba, gegen sozialistische Freundschaftspreise importiert.
Alles andere, was ich kaufte, war inländisch. Gut war da nur die Wäsche: aus feinster Baumwolle und sehr langlebig.
Die Reste des Orients
In alten arabischen Innenstädten findet der Europäer nie
seinen weg. Im Wirrwarr von verwinkelten Gäßchen kommt er nur mit Hilfe
eines einheimischen Führers zurecht.
Unsinn natürlich. Solches Gerede gehört zu dem Fundus des Orientalismus, das sich seit dem Anfang des Tourismus um 1850 tausendfach verbreitet hat
Die Altstadt Kairos hatte ich damals schnell bewältigt; sie ist überschaubar. Das europäische Zentrum, mit allen diesen einander ähnelnden italienischen und französischen Straßen, hat mehr Zeit gekostet. Das lag natürlich nur daran, daß es keine gute Stadtplanen gab. Heutzutage gibt es die, und damit kommt man genau so schnell voran wie in Hamburg oder Berlin.
Die Einwohner der alten Innenstädten gestalten gerne das Klischee des Orients, weil es Geld bringt; sowie auch der Portier im Hotel in einer Tracht gehüllt ist, die eher aus europäischen Bilderbüchern als aus der gelebten Vergangenheit stammt. Abends schimpft er zu seiner Frau, daß ihm der Kopf so juckt unter dem verdammten Polyesterturban.
Ziauddin Sardar, ein Brite Pakistanischer Herkunft, hat die arabischen Länder bereist und verwendet Orientmotive in seinem Desperately seeking Paradise. Eines Tages befindet er sich in Aleppo, eine Stadt mit einem großen überdachten Basar. Und siehe da, Sardar bemüht sich, den Weg darin zu finden, aber er verläuft sich ständig, es gelingt ihm nie, denselben Ausgang wieder zu finden durch den er reingekommen ist. Nicht daß er das schlimm findet, denn der Basar ist wunderschön. Nun, das stimmt. In jedem Winkel wird er aber überrascht durch die ‘verborgenen Schätze’ des Basars. ‘Es gab fast nichts in diesem Markt, das nicht aus Jahrhunderten Handwerk geformt war: der Schweiß und die Arbeit der Handwerker produzierten Gegenstände, die Kunst mit Nutzen verknüpften, traditionelle Technologie mit Kreativität, und menschlichen Ausdruck in leblose Gegenstände einhauchten.’ (S. 111; meine Übersetzung; ich weiß, sie taugt nicht). Hm. Ich war zur selben Zeit auch in Aleppo und fand dort schon einige guten Läden, aber das Meiste war doch einfach Billigkram, zum Teil schon damals aus China, besonders die von Sardar noch extra erwähnten Alltagsgegenstände. Das Angebot unterscheidet sich nicht wesentlich von dem in türkischen Billigläden in deutschen Städten. Nur wurde in Aleppo tatsächlich noch einiges von Hand gemacht, weil dort Menschenkraft günstiger ist als Maschinen. Qualität oder Kreativität garantiert das keineswegs. Und--ist das nicht authentisch?--die Menschen schwitzen, 12, 14 Stunden am Tag vielleicht, für einen geringen Lohn. In London würde Sardar das eine Schande finden; in Aleppo jedoch ist das malerisch.
Die nächste Orientfalle erwartet ihn schon. Ein Ladenbesitzer heißt ihn willkommen, mein Haus ist dein Haus, er bietet ihm Tee an, mehr Tee, ein Mittagsschläfchen, ein Essen sogar, und letztendlich verläßt er den Laden mit einem völlig überflüssigen Eselsattel für einen vermeintlichen Freundschaftspreis. Ab jetzt zeigt der Verfasser Durchblick:
„Sag mir,” fragte ich, ihm recht in die Augen sehend, „verläßt je ein Mensch Ihren Laden mit leeren Händen?”
„Nicht nachdem sie meinen Tee akzeptiert haben,” antwortete er schmunzelnd.
Der Ladenbesitzer spielt also Orient, weil ihm das Geld bringt; der Halborientale Sardar fällt brav darauf ein, und bemerkt erst im Nachhinein, daß er einem alten Muster folgt.
Etwas später ist es endgültig vorbei mit Orient. Plötzlich muß er wegtauchen; Soldaten ballern mit Maschinengewehren herum, es werden Extremisten gejagt, eine Leiche wird abgeschleppt. Der Alltag hat die letzten Reste der Illusion zerstört.
Ziauddin Sardar, Desperately seeking Paradise. Journey of a Sceptical Muslim, London 2004.
Unsinn natürlich. Solches Gerede gehört zu dem Fundus des Orientalismus, das sich seit dem Anfang des Tourismus um 1850 tausendfach verbreitet hat
Die Altstadt Kairos hatte ich damals schnell bewältigt; sie ist überschaubar. Das europäische Zentrum, mit allen diesen einander ähnelnden italienischen und französischen Straßen, hat mehr Zeit gekostet. Das lag natürlich nur daran, daß es keine gute Stadtplanen gab. Heutzutage gibt es die, und damit kommt man genau so schnell voran wie in Hamburg oder Berlin.
Die Einwohner der alten Innenstädten gestalten gerne das Klischee des Orients, weil es Geld bringt; sowie auch der Portier im Hotel in einer Tracht gehüllt ist, die eher aus europäischen Bilderbüchern als aus der gelebten Vergangenheit stammt. Abends schimpft er zu seiner Frau, daß ihm der Kopf so juckt unter dem verdammten Polyesterturban.
Ziauddin Sardar, ein Brite Pakistanischer Herkunft, hat die arabischen Länder bereist und verwendet Orientmotive in seinem Desperately seeking Paradise. Eines Tages befindet er sich in Aleppo, eine Stadt mit einem großen überdachten Basar. Und siehe da, Sardar bemüht sich, den Weg darin zu finden, aber er verläuft sich ständig, es gelingt ihm nie, denselben Ausgang wieder zu finden durch den er reingekommen ist. Nicht daß er das schlimm findet, denn der Basar ist wunderschön. Nun, das stimmt. In jedem Winkel wird er aber überrascht durch die ‘verborgenen Schätze’ des Basars. ‘Es gab fast nichts in diesem Markt, das nicht aus Jahrhunderten Handwerk geformt war: der Schweiß und die Arbeit der Handwerker produzierten Gegenstände, die Kunst mit Nutzen verknüpften, traditionelle Technologie mit Kreativität, und menschlichen Ausdruck in leblose Gegenstände einhauchten.’ (S. 111; meine Übersetzung; ich weiß, sie taugt nicht). Hm. Ich war zur selben Zeit auch in Aleppo und fand dort schon einige guten Läden, aber das Meiste war doch einfach Billigkram, zum Teil schon damals aus China, besonders die von Sardar noch extra erwähnten Alltagsgegenstände. Das Angebot unterscheidet sich nicht wesentlich von dem in türkischen Billigläden in deutschen Städten. Nur wurde in Aleppo tatsächlich noch einiges von Hand gemacht, weil dort Menschenkraft günstiger ist als Maschinen. Qualität oder Kreativität garantiert das keineswegs. Und--ist das nicht authentisch?--die Menschen schwitzen, 12, 14 Stunden am Tag vielleicht, für einen geringen Lohn. In London würde Sardar das eine Schande finden; in Aleppo jedoch ist das malerisch.
Die nächste Orientfalle erwartet ihn schon. Ein Ladenbesitzer heißt ihn willkommen, mein Haus ist dein Haus, er bietet ihm Tee an, mehr Tee, ein Mittagsschläfchen, ein Essen sogar, und letztendlich verläßt er den Laden mit einem völlig überflüssigen Eselsattel für einen vermeintlichen Freundschaftspreis. Ab jetzt zeigt der Verfasser Durchblick:
„Sag mir,” fragte ich, ihm recht in die Augen sehend, „verläßt je ein Mensch Ihren Laden mit leeren Händen?”
„Nicht nachdem sie meinen Tee akzeptiert haben,” antwortete er schmunzelnd.
Der Ladenbesitzer spielt also Orient, weil ihm das Geld bringt; der Halborientale Sardar fällt brav darauf ein, und bemerkt erst im Nachhinein, daß er einem alten Muster folgt.
Etwas später ist es endgültig vorbei mit Orient. Plötzlich muß er wegtauchen; Soldaten ballern mit Maschinengewehren herum, es werden Extremisten gejagt, eine Leiche wird abgeschleppt. Der Alltag hat die letzten Reste der Illusion zerstört.
Ziauddin Sardar, Desperately seeking Paradise. Journey of a Sceptical Muslim, London 2004.
Sonntag, 4. September 2005
Traumreise
Heute Nacht mal wieder nach Kairo geflogen, aus dem Flughafen Münster/Osnabrück. Sehr praktisch, kurze Anfahrt, keine Hektik. Aber aus FMO wird Kairo doch gar nicht angeflogen? Im Traum schon. Habe die Verbindung schon mehrmals genutzt. Nur den Hinflug.
Donnerstag, 1. September 2005
Altarabische Herrenbekleidung 2
‘Eine der merkwürdigsten Erscheinungen der Liebe ist, daß der Geliebte
aus Treue gegen den Liebhaber gegen sein Herz eifersüchtig ist, daß es
sich keinem anderen zuwende [...]. Daher erzählt einer der Leute, die
etwas von der Liebe verstehen, er habe einmal zugehört, wie ein
Geliebter seinen Liebhaber mit Vorwürfen überschüttete, die so hart
waren, daß es dem Zuhörer zu Herzen ging. Dieser wollte nach dem
Vorfalle den Geliebten zur Rede stellen wegen der Behandlung, die er
dem Liebenden hatte zuteil werden lassen. Doch als dieser zu ihm
herauskam, war er verschleiert (mubarqa‘).
Als er fragte, was das bedeute, sprach jener: “Er hat meine harten
Vorwürfe ertragen, er ist zu mir aus seiner Heimat ausgewandert, um
mein Gesicht sehen zu können. Darum lasse ich niemand mein Gesicht
sehen als ihn.”’
(Arabisch, 13. Jahrhundert. Zitiert bei Helmut Ritter, Das Meer der Seele, Leiden 1955, S. 383)
(Arabisch, 13. Jahrhundert. Zitiert bei Helmut Ritter, Das Meer der Seele, Leiden 1955, S. 383)
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