Einträge "Juli 2005":
Sonntag, 24. Juli 2005
Selbstmordattentäter
Ein hervorragender Artikel zum Thema islamistische Selbstmordattentäter: Olivier Roy, Wiedergeboren, um zu töten. http://www.zeit.de/2005/30/Islamismus
Samstag, 23. Juli 2005
Der Lohn der Märtyrer
Junge islamistische Märtyrer freuen sich wohl am meisten
auf das Paradies wegen des Verkehrs mit den Huris, den
Paradiesjungfrauen. Was man hier nicht haben kann, bitte im
Jenseits! Eine weitverbreitete Überzeugung ist, daß jeder
Märtyrer nach seinem Tod sofort in das Paradies kommt, wo 72 Huris ihn
erwarten. Etliche Texte zeugen davon, daß durch die Jahrhunderte Männer
von himmlischen Bräuten für tapfere Krieger geträumt haben, auch in
Zeiten als es gar keinen Krieg gab. In manchen dieser Texte äugeln die
Huris bereits auf dem Schlachtfeld mit den Kämpfern.
Nicht auszuschließen ist jedoch, daß die Märtyrer nach ihrem Tod gerade in diesem Punkt schlecht wegkommen werden. Der Koran bleibt vage in Bezug auf das Wie und Wann der Belohnung für ihren kriegerischen Einsatz. An verschiedenen Stellen im Koran werden die Paradiesjungfern erwähnt, aber nicht speziell in Verbindung mit Märtyrern. Die Rede ist von einem gewaltigen Lohn, von Barmherzigkeit und Vergebung, und vom Paradies; die Märtyrer werden „zu Gott versammelt werden” (Koran 3:158). Aber das alles wird auch den anderen Gläubigen zuteil. Das wirklich Besondere ist, daß die Märtyrer nicht tot sind: „Meine nicht, daß diejenigen, die für Gottes Sache gestorben sind, tot sind. Nein, sie sind lebendig, und ihnen wird bei ihrem Herrn Lebensunterhalt gegeben” (Koran 3:169; auch 2:154).
Die Auslegung und die Tradition des Propheten (hadîth) zu diesem Thema sind nicht einstimmig. Der Gedanke, daß Märtyrer sofort nach ihrem Tode ins Paradies eintreten werden, ist alt, wie eine Passage bei Ibn Ishâq (704-767) beweist. Als die Muslime eines Tages das kostbare Gewand eines besiegten Kleinkönigs bestaunten, sagte der Prophet:
Sa‘d war ein Märtyrer, denn er war kurz zuvor an einer Kriegsverletzung gestorben. Von Huris wird hier nicht gesprochen; Sa‘d sitzt offenbar an einem Festgelage. In der als kanonisch geltenden Traditionsliteratur, die von allen frühen Texten unter Muslimen das meiste Prestige hat, kommen diese 72 Huris nur einmal vor:
Der Augenblick, in dem die Märtyrer mit diesen Huris vereinigt werden sollen, bleibt unklar. Der Text ist eine sogenannte Sammeltradition: hier wird eine Anzahl von Verdiensten der Märtyrer so summarisch aufgelistet, daß jeder einzelne an anderer Stelle wohl ausführlicher besprochen worden sein muß. In den kanonischen Traditionssammlungen hat das jedoch keine Spuren hinterlassen. Es gibt nur eine Tradition, die um 800 mit einem unvollständigen, um 850 auch mit einem vollständigen Überliefererkette überliefert wird:
Hier werden also nur zwei Frauen erwähnt, die sofort nach dem Martyrium zur Verfügung stehen, aber deren Verlangen nach den Märtyrern mit dem Mutterinstinkt(!) von Kamelstuten verglichen wird.
Mindestens so weit verbreitet wie die Traditionen bezüglich der sofortigen Aufnahme ins Paradies ist die Auffassung, daß die Märtyrer nach ihrem Tod nicht sofort dorthin gehen. „Die Märtyrer sind an der Bâriq,” heißt es bei Ibn Ishâq, „ein Fluß beim Paradiestor, in einem grünen Rundzelt, und ihren Lebensunterhalt bekommen sie morgens und abends aus dem Paradies.” Dies scheint eine Art Warteraum für das jüngste Gericht zu sein. In dieser Vorstellung existiert das Paradies schon, aber es ist noch nicht zugänglich. Der Koranausleger al-Tabarî (839–923) weiß es genau: „Sie sind bei ihrem Herrn, sie werden ernährt mit den Früchten aus dem Paradies und sie riechen dessen Brise, aber sie sind nicht darin. Ihr Privileg in dem Zwischenzustand ist, dass sie ernährt werden mit Paradiesnahrung, die vor der Auferstehung niemand außer ihnen zu essen bekommt.”
Al-Tabarîs Auffassung wird durch die sogenannte „Vogel-Tradition” gestützt. Diese ist in zahlreichen Fassungen mit und ohne einer anerkannten Überlieferungskette überliefert worden. Eine alte Fassung lautet:
Nach diesem Text suchen die Märtyrer in diesen Vögeln oder durch sie Nahrung im Paradies, wo sie sogar Siesta halten, aber sie wohnen dort nicht. Ihr Aufenthaltsort ist sehr nahe bei Gott; vielleicht ist es dort sogar besser als das Paradies. Huris gibt es an dem Ort bestimmt nicht, aber in ihrem Zustand hätten sie wohl kaum Bedürfnis danach.
Nicht auszuschließen ist jedoch, daß die Märtyrer nach ihrem Tod gerade in diesem Punkt schlecht wegkommen werden. Der Koran bleibt vage in Bezug auf das Wie und Wann der Belohnung für ihren kriegerischen Einsatz. An verschiedenen Stellen im Koran werden die Paradiesjungfern erwähnt, aber nicht speziell in Verbindung mit Märtyrern. Die Rede ist von einem gewaltigen Lohn, von Barmherzigkeit und Vergebung, und vom Paradies; die Märtyrer werden „zu Gott versammelt werden” (Koran 3:158). Aber das alles wird auch den anderen Gläubigen zuteil. Das wirklich Besondere ist, daß die Märtyrer nicht tot sind: „Meine nicht, daß diejenigen, die für Gottes Sache gestorben sind, tot sind. Nein, sie sind lebendig, und ihnen wird bei ihrem Herrn Lebensunterhalt gegeben” (Koran 3:169; auch 2:154).
Die Auslegung und die Tradition des Propheten (hadîth) zu diesem Thema sind nicht einstimmig. Der Gedanke, daß Märtyrer sofort nach ihrem Tode ins Paradies eintreten werden, ist alt, wie eine Passage bei Ibn Ishâq (704-767) beweist. Als die Muslime eines Tages das kostbare Gewand eines besiegten Kleinkönigs bestaunten, sagte der Prophet:
„Findet ihr das schön?
Bei Ihm, in dessen Hand mein Leben ist: die Servietten von Sa‘d ibn
Mu‘âdh im Paradies sind viel schöner!”
Sa‘d war ein Märtyrer, denn er war kurz zuvor an einer Kriegsverletzung gestorben. Von Huris wird hier nicht gesprochen; Sa‘d sitzt offenbar an einem Festgelage. In der als kanonisch geltenden Traditionsliteratur, die von allen frühen Texten unter Muslimen das meiste Prestige hat, kommen diese 72 Huris nur einmal vor:
Der Prophet hat
gesagt: „Ein Märtyrer hat sechs Verdienste bei Gott: Ihm wird beim
ersten Blutschwall Vergebung gewährt, ihm wird sein Platz im Paradies
gezeigt, er wird vor der Bestrafung im Grabe geschützt, er ist vor dem
allergrößten Schrecken sicher, ihm wird die Krone der Würde aufgesetzt,
deren Rubin prachtvoller ist als die ganze Welt und was darin ist, ihm
werden 72 großäugige Huris geschenkt und er wird für 70 Verwandten zum
Fürsprecher gemacht.”
Der Augenblick, in dem die Märtyrer mit diesen Huris vereinigt werden sollen, bleibt unklar. Der Text ist eine sogenannte Sammeltradition: hier wird eine Anzahl von Verdiensten der Märtyrer so summarisch aufgelistet, daß jeder einzelne an anderer Stelle wohl ausführlicher besprochen worden sein muß. In den kanonischen Traditionssammlungen hat das jedoch keine Spuren hinterlassen. Es gibt nur eine Tradition, die um 800 mit einem unvollständigen, um 850 auch mit einem vollständigen Überliefererkette überliefert wird:
Als in Anwesenheit des
Propheten einmal über Märtyrer geredet wurde, sagte er: „Das Erdreich
ist noch nicht trocken vom Blut eines Märtyrers, da kommen schon seine
beide Gattinnen herbeigeeilt, wie Kamelstuten, die ihre Jungen in einem
weiten Land verloren hatten. Jede von beiden erscheint in einem Gewand,
das prachtvoller ist als diese ganze Welt und was darin ist.”
Hier werden also nur zwei Frauen erwähnt, die sofort nach dem Martyrium zur Verfügung stehen, aber deren Verlangen nach den Märtyrern mit dem Mutterinstinkt(!) von Kamelstuten verglichen wird.
Mindestens so weit verbreitet wie die Traditionen bezüglich der sofortigen Aufnahme ins Paradies ist die Auffassung, daß die Märtyrer nach ihrem Tod nicht sofort dorthin gehen. „Die Märtyrer sind an der Bâriq,” heißt es bei Ibn Ishâq, „ein Fluß beim Paradiestor, in einem grünen Rundzelt, und ihren Lebensunterhalt bekommen sie morgens und abends aus dem Paradies.” Dies scheint eine Art Warteraum für das jüngste Gericht zu sein. In dieser Vorstellung existiert das Paradies schon, aber es ist noch nicht zugänglich. Der Koranausleger al-Tabarî (839–923) weiß es genau: „Sie sind bei ihrem Herrn, sie werden ernährt mit den Früchten aus dem Paradies und sie riechen dessen Brise, aber sie sind nicht darin. Ihr Privileg in dem Zwischenzustand ist, dass sie ernährt werden mit Paradiesnahrung, die vor der Auferstehung niemand außer ihnen zu essen bekommt.”
Al-Tabarîs Auffassung wird durch die sogenannte „Vogel-Tradition” gestützt. Diese ist in zahlreichen Fassungen mit und ohne einer anerkannten Überlieferungskette überliefert worden. Eine alte Fassung lautet:
Der Prophet hat gesagt:
„Als eure Brüder in Uhud gefallen waren, tat Gott ihre Seelen in das
Innere grüner Vögel, die aus den Flüssen des Paradieses trinken, von
seinen Früchten essen und nisten in goldenen Lampen im Schatten von
Gottes Thron. Als sie den Wohlgeruch ihres Essens und ihrer Getränke
rochen und die schöne Stätte ihrer Mittagsruhe gewahr wurden, sagten
sie: „Ach, wenn doch unsere Brüder wüßten, was Gott uns getan hat, so
daß sie den Dschihad nicht aufgeben und nicht vor dem Kampf
zurückschrecken.” Dann sagte Gott: „Ich werde ihnen von euch
berichten.” Darauf offenbarte Er: „Meine nicht, daß diejenigen, die für
Gottes Sache gestorben sind, tot sind ...”. (Folgt der Rest des Verses.)
Nach diesem Text suchen die Märtyrer in diesen Vögeln oder durch sie Nahrung im Paradies, wo sie sogar Siesta halten, aber sie wohnen dort nicht. Ihr Aufenthaltsort ist sehr nahe bei Gott; vielleicht ist es dort sogar besser als das Paradies. Huris gibt es an dem Ort bestimmt nicht, aber in ihrem Zustand hätten sie wohl kaum Bedürfnis danach.
Dienstag, 19. Juli 2005
Birne
Unter den ersten Anschaffungen für das Zimmer im Studentenwohnheim in
Kairo war die Glühbirne die größte. 50 Piaster kostete sie; ein kleines
Vermögen. Das Theekännchen (kanaka) kostete glaube ich nur zehn; den Spiritusbrenner (sbirtaye) 25 PT, eine Flasche ‘Spiritus’ (sbirtu)
2 PT. Wobei dann die Flasche noch die größere Investierung gewesen
wäre, aber ich hatte noch eine etwas beschleunigt ausgetrunkene
Ginflasche aus dem Flugzeug.
Die Birne war von der Sorte, die nie kaputt geht. (Die gab es schon längst, sie wurden nur in reichen Ländern nicht verkauft.) Eine echte Philips war es. Die Fabrik muß vor den Nationalisierungen schon da gewesen sein und hatte irgendwie ihren Name behalten dürfen.
Da hing sie dann, meine Birne, an der Decke. Ungehindert durch Lampenschirm oder -glocke verbreitete sie ein strahlendes Licht. Es sei denn, die Elektrizität fiel aus. Für den Fall gab es eine Kerze, durch eine Struktur aus drei Spiegeln umgeben. Das ging auch ganz gut, war aber relativ teuer.
Jetzt galt es, die Birne zu überwachen. Dazu gab es Choueimy, der das Zimmer reinigte und das Bett machte, aber dessen Hauptaufgabe war, mich zu überwachen. Die Birne überwachte er gleich mit. Die größte Bedrohung für die Birne war wohl Choueimy selbst. Jedesmal wenn ich mich kurz verreiste nahm er sie an sich, um Diebstahl vorzubeugen, wie er sagte. Wenn ich zurückkam holte ich sie bei ihm wieder ab. Einmal war ich eine ganze Woche weggeblieben und war er sichtlich enttäuscht, daß ich wieder da war. Als ich endgültig abreiste bin ich ihm zuvorgekommen und habe ihm die Birne geschenkt. Da strahlte er.
Die Birne war von der Sorte, die nie kaputt geht. (Die gab es schon längst, sie wurden nur in reichen Ländern nicht verkauft.) Eine echte Philips war es. Die Fabrik muß vor den Nationalisierungen schon da gewesen sein und hatte irgendwie ihren Name behalten dürfen.
Da hing sie dann, meine Birne, an der Decke. Ungehindert durch Lampenschirm oder -glocke verbreitete sie ein strahlendes Licht. Es sei denn, die Elektrizität fiel aus. Für den Fall gab es eine Kerze, durch eine Struktur aus drei Spiegeln umgeben. Das ging auch ganz gut, war aber relativ teuer.
Jetzt galt es, die Birne zu überwachen. Dazu gab es Choueimy, der das Zimmer reinigte und das Bett machte, aber dessen Hauptaufgabe war, mich zu überwachen. Die Birne überwachte er gleich mit. Die größte Bedrohung für die Birne war wohl Choueimy selbst. Jedesmal wenn ich mich kurz verreiste nahm er sie an sich, um Diebstahl vorzubeugen, wie er sagte. Wenn ich zurückkam holte ich sie bei ihm wieder ab. Einmal war ich eine ganze Woche weggeblieben und war er sichtlich enttäuscht, daß ich wieder da war. Als ich endgültig abreiste bin ich ihm zuvorgekommen und habe ihm die Birne geschenkt. Da strahlte er.
Sonntag, 3. Juli 2005
Kopfschmerzen
Während des Sozialismus passierte es in Kairo einmal, daß ich in den Apotheken kein Aspirin fand, als ich Kopfschmerzen hatte. Dann bin ich nach Bûlâq Dakrûr, ein ganz verkommenes Viertel hinter den Studentenwohnheimen. Dort gab es schon noch ausreichend Aspirin. Denn die Menschen waren so arm, daß sie sich eh keine Kopfschmerzen leisten konnten.
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