Einträge "Februar 2005":

Sonntag, 27. Februar 2005

Altarabische Herrenbekleidung

Auf einer assyrischen Abbildung von Jahrhunderten vor Christus sieht man arabische Krieger, die nichts als ein Lendentuch tragen. Entweder hatten sie noch keine lange Gewänder, oder die haben sie zum kämpfen abgelegt.

Das lange Gewand existierte auf jeden Fall in der Entstehungszeit des Islam. Zu dem Kleidungsstück paßt das Wort tashmîr, das Aufkrempeln der Ärmel, aber vor allem das Aufschürzen des unteren Teils, der mit einem Gürtel befestigt wurde. Hoch ging das Gewand wenn man zu arbeiten, rennen, jagen oder kämpfen hatte, um größere Beweglichkeit zu ermöglichen.
Im Koran steht der Ausdruck: ‘am Tage des Gerichts, da ein Unterschenkel entblößt wird (yukshafu ‘an sâq)’ (Koran 68:42). Das bedeutet, daß an dem Tag ein Gewand aufgeschürzt wird, weil es hart zugeht, es drauf und drüber geht. Wessen Unterschenkel wird in dem Koranvers entblößt? Am Tage des Gerichts ist es Gott, der tätig wird; also betrifft es dessen Bein? Tatsächlich gibt es eine Tradition von Abu Sa‘id al-Chudri, übergeliefert bei al-Buchari, in der es heißt: ‘Ich habe den Propheten sagen hörten: Unser Herr wird seinen Unterschenkel entblößen ... usw.’ Wenn Gott eine Hand hat, wird er wohl auch ein Bein haben. Mit dieser Vorstellung hatte man kein Problem, man sollt nur nicht fragen, wie genau. Ein wenig sprachwissenschaftliche Erfahrung führt aber zu einer rationaleren Einsicht. ‘Es wird ein Unterschenkel entblößt’ war bestimmt schon längst ein idiomatischer Ausdruck geworden, wobei niemand mehr an ein konkretes Bein von wem auch immer dachte. Sowie im Deutschen bei: ‘seine Hände in Unschuld waschen’ auch niemand mehr an eingeseifte Hände denkt.

In der Kunst des Mittelalters haben die biblischen Gestalten immer europäische Bekleidung getragen. Bis man sie allmählich - Rembrandt war vielleicht ein der ersten - türkische Kleidung anzog. Ab dem 19. Jahrhundert tragen sie alle schlecht verstandene arabische Kleider; nicht nur in der großen Kunst, auch in Andachtsbildchen, Kinderbibeln und Bibelfilmen. Das Konzept ‘Orient’ spielt dabei sicherlich eine Rolle, aber auch die Tatsache, daß arabische Kleidung so bedeckend ist wird willkommen gewesen sein. Man möchte sich Jesus und sein Umfeld nicht mit nackten Oberkörpern oder in Lendentüchern vorstellen, wie in der lässigen Mode der Griechen und Römer. Ja, am Kreuz, da muß er fast nackt sein. Das hat eine eigene Erotik; aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Autor: hatif in: “Orient”

Samstag, 26. Februar 2005

Osthäppchen

In Le progrès égyptien standen immer die kulturelle Veranstaltungen annonciert, die die Botschaften der europäischen Staaten organisierten. Der Zutritt war frei. So konnte man auch als Student mal in Konzerte gehen, zu Film-Festivals oder zu Vernissagen, bei denen das interessanteste oft war, daß dort auch Häppchen serviert wurden. Leckere Häppchen hatten die Italiener, aber auch das Herder Institut, das zur Botschaft der DDR gehörte. Dieses Institut hatte deutlich die Absicht, es den ägyptischen Studenten angenehm zu machen und unter ihnen Anhänger zu gewinnen. Daß auch Nicht-Ägypter die Häppchen genossen, wurde weniger geschätzt. Das Personal hatte Sprechverbot: Die kalten blonden Schönheiten konnte man nicht einfach so anreden; sie sagten kein Wort zurück, und schon gar nicht wenn man sie später irgendwo in der Stadt sah..
Es war aus einer gewissen Langeweile, daß ich auch ein, zwei Mal ins Herder Institut gegangen war. Später habe ich das bedauert, denn sie hatten mich wohl auf einer Liste zur Beobachtung eingetragen; das wurde noch lästig.
Die DDR hatte auch eine Propaganda-Zeitschrift auf Arabisch, die kostenlos verteilt wurde. Was darin stand, weiß ich nicht mehr; es war aber populär bei den Studenten wegen den cover girls. Das muß man in Leipzig doch gewußt haben: Eine kräftige, blonde Traktoristin in kurzen Arbeitshosen auf dem Umschlag, das kam in Ägypten herüber wie reine Pornographie. Das Blatt wurde weiter nicht ernst genommen, die Fotos um so mehr.
Es gab Studenten, die die gesammelten Schriften von Marx und/oder Lenin auf Deutsch besaßen, und das waren viele Bände. Ich nehme an, daß auch die aus dem Herder Institut stammten. Deutsch lesen konnten sie aber nicht. Im Nachhinein waren das vielleicht gerade die Studenten, die irgendwie als Spitzel tätig waren. Nun, wer war das nicht in Ägypten? Aber es machte doch ein Unterschied, ob es einfach für die ägyptische Geheimdienst war, oder für die DDR. Die waren noch schlimmer als die Russen, hieß es.
Und jetzt käme ich zu einem peinlichen Erlebnis mit so einem Spitzel, so peinlich, daß es sogar mit zu meiner verfrühten Abreise geführt hat. Aber jetzt fühle ich mich gehemmt; nein, das kann ich nicht aufschreiben. Politisch und geheimpolizeilich ist die Sache längst entschärft, da war auch nicht viel; aber oh Mann, da werde ich innerlich auf einmal sehr unruhig; heftiger Widerstand.
(Nein, es ist nicht gut geschrieben, aber darum geht es jetzt nicht. Erst mal strömen lassen, korrigieren kann immer noch.)
Autor: hatif in: Kairo früher

Treppenhäuser

Kairo, ach ja. Die Treppenhäuser. Marmor, ein Aufzug mit Gußeisenernem Gitter und geschliffenem Glas. Beim Eingang ein meistens bauchiger Portier in einer weißen Galabiyya auf einem Küchenstuhl, der alles weiß, alles sieht. Aus Kostengründen nur eine Birne an der hohen Decke. Und dadurch dieses einzigartige, krümelige, nein pulverige Licht.

Es sieht so aus, daß noch eine Menge Erinnerungen an Kairo unterwegs ist. Das hatte ich total nicht erwartet! Möglicherweise ist die Ursache in der Tatsache des Blogführens selbst gelegen. Unwichtiges Gekritzel, am Rande des Lebens. Wahrscheinlich kommt es gerade deshalb hoch. Ich sollte es vielleicht mal korrigieren und schöner machen. Aber dann wäre die Echtheit wieder gefährdet.

Auf jeden Fall werde ich am Ende des Monats alles nach Möglichkeit sprachlich korrigieren - ohne einen richtigen Deutschen zur Hilfe zu ziehen, aber die Kasusendungen, Wortgeschlechter usw., kann ich auch selbst - und die Texte in die verschiedene Rubriken ablegen. Dann gerät Kairo wieder mehr aus dem Sicht, aber es bleibt doch noch da.
Autor: hatif in: Kairo früher

Freitag, 25. Februar 2005

Ghasîl makwâ

Die Erinnerungen von Kairo sind glaube ich hoch gekommen durch die Kurzgeschichte von Salwâ Bakr, die ich gerade las. Mußte auf einmal denken an den Weg von der Uni in Kairo zur Innenstadt, denn die Geschichte spielt sich nämlich ab an der Straße seitlich von der Uni nach Bulâq Dakrûr. Ich wohnte dort in einem Studentenwohnheim, und sah wieder vor mir wie ich dann abends mal in die Stadt ging. Man konnte auch mit dem Bus fahren, die Linie 888 (1), aber oft war mir abends nach spazieren zu Mute.
Erst kam man dann beim Bügler (2) vorbei; dort waren meistens wohl einige Kommilitonen. Manche von ihnen hatten nur ein Hemd; sie wuschen das am Nachmittag im Waschbecken. Wahrscheinlich mit Rabso, dem weißen Riesen Ägyptens (‘I am Mister Rabso!’ sagte das Männchen in der Werbung, ganz auf Englisch). Wenig Detergentien und viel Scheuerpulver war das, Rabso; Endergebnis bei weißen Textilien meistens grau. Nun, wenn der Student das Hemd dann gewaschen hatte, war es an der Luft schnell getrocknet und dann ging er im Schlafanzug zum besagten Bügler, der makwagi, der für ein, oder waren es zwei, Piaster das Hemd wieder Tiptopp bügelte. Erst nahm sein Gehilfe noch seinen Mund voll Wasser und sprühte das geschickt über das Hemd, wie ein lebendiges Pflanzensprühgerät. Mit ungewaschenem oder ungebügeltem Hemd oder mit ungeputzten Schuhen zur Uni gehen, das war undenkbar. Von daher auch die ganze Reihe Schuhputzer beim großen Tor.
Wo war ich? ja, beim Bügler. Dort standen immer Bekannten herum, es war ein richtiger Treff. Manchmal fragte ich, ob jemand Lust hatte, mit in die Innenstadt zu gehen, aber meistens nein. Die Studenten, die sich hier aufhielten waren arm; sie hatten einfach nicht den Mut, sie fanden sich nicht vornehm genug für die Innenstadt. Warum sollten sie sich das teure Leben ansehen, das sie eh nicht bezahlen konnten?
Dann  ging es zu Fuß weiter, durch Doqqi. Ein schöner, ruhiger Spaziergang war es; das ist jetzt nicht mehr vorstellbar. Am Misaha-Platz stand links noch die Villa, in der eine alte Prinzessin wohnte, die so respektabel (oder einfach alt) war, daß man sie nicht verjagt hatte. In der Villa rechts war der Studentenklub der Kuwaitis untergebracht, erkennbar an den geparkten Rolls Royces und den Kästen Whisky auf den Balkons (3). Scotch scheint in Kuwait das Nationalgetränk zu sein.
Was tat ich dann in der Innenstadt? Den Geruch der großen Welt einatmen. Schaufenster gucken, wenn auch wenig Begehrenswertes darin lag. Kinobesuch: richtig gut waren die ägyptischen Filme noch. Ein Getränk vielleicht auch, bei Groppi oder bei Excelsior, wo auch die Russen herkamen und wo es weibliche Bedienung gab. Oder in dem unsäglichen griechischen Saufloch in Tawfîqîya. Zurück mit dem Taxi? Dreizehn Piaster. Ja, ich hatte schon etwas mehr Geld als die ägyptischen Studenten: 36 Pfund im Monat. Und meine Hemde mußten nicht teuer gebügelt werden, denn sie waren selbstbügelnd - was sich allerdings in der Sommerhitze als Nachteil erwies.


(1) Das stimmt nicht; die 888 fuhr nach Zamalik. In die Stadt fuhren die 8 und die 9.  (11.10.2007)
(2) Wo der Bügler war, ist jetzt ein Frisörladen. (25.2.2006)
(3) Die Villa beherbergt jetzt die Sprachabteilung des Goethe-Instituts. (25.2.2006)
Autor: hatif in: Kairo früher

Straßenkunst

Zwei italienische Clowns springen zum Vorschein aus ein Seitengäßchen und führen ihren Akt auf, ganz auf die Schnelle; heimlich natürlich, denn solche Künste sind im Polizeistaat Ägypten strengstens verboten! Ihr Akt ist grob, obszön, schwul. Noch während ihres Auftritts sammeln sie das Geld ein bei dem schnell zugeströmten, mitwissenden Publikum. Dann verschwinden sie irgendwo in ein Treppenhaus, und auch die Zuschauer sind weg. Nichts gewesen - aber welch ein Trost in so einem Land!

Autor: hatif in: Kairo früher

Samstag, 5. Februar 2005

Schreibangst

Also dann. Bis Montag nichts für die Universität zu tun. Das Arbeitszimmer aufgeräumt. Nachschlagewerke und Sekundarliteratur bereit gelegt. Eine Kanne Ingwerwasser gekocht, zum feucht bleiben. Eine Fluchtroute vorbereitet: wenn die Spannung zu hoch wird, werde ich mir kurz den Liebesroman Aschwâk von Sayyid Qutb ansehen. Mal sehen, ob auch dieses Werkchen meine Vermutung bestätigt, daß Fundamentalismus auf Sexualangst zurück zu führen ist. Oder mindestens immer damit einhergeht.
Aber das Hauptanliegen bleibt: an meinem Artikel über die Verbindung zwischen Koran und Prophetenbiographie zu arbeiten. Sonst wird Jane böse, und noch abgesehen davon, ich würde mich schämen. Bis morgen 13.00 habe ich Zeit; dann steht ein Waldspaziergang mit N. an.


Autor: hatif in: Verschiedenes

Die beste Zeitungsüberschrift der letzten Tage: Bush droht dem Nahost mit Frieden (taz, 4.2.2005)
Autor: hatif in: “Orient”

Islamwissenschaft

Die Zeitung meldet, daß die Frankfurter Uni demnächst zwei durch die Türkei bezahlte Professoren anstellen wird. Religionswissenschaft sollen die lehren, und zwar Islamwissenschaft. Das ist keine gute Nachricht. Bis jetzt hat die Türkei nur Imame exportiert; jetzt kommt auch der Oberbau.  Gegen den in der Türkei offiziell verbreiteten Islam ist nicht viel einzuwenden; er ist mild, pragmatisch und wahrscheinlich sogar hilfreich gegen Terrorismus. Aber es gehört sich nicht! Deutsche Unis sollen unabhängig bleiben. Ist die Republik schon so verarmt, daß sie selbst nicht mehr ein paar Professoren bezahlen kann? Oder hat man in Frankfurt einen Rektor, der wahllos jedem Geldbeutel hinterherläuft?

Autor: hatif in: “Orient”