Die Nacht über hat es in Strömen geregnet. Ich bin immer wieder aufgewacht. Irgendwann ist mir eingefallen, das ich irgendwo Oropax in meiner Kiste mitgenommen hatte. Die haben dann endlich Ruhe gebracht.
Mitten in der Nacht bin ich allerdings doch noch einmal wach geworden. Auf dem Weg zu Küche, viel mir auch unsere schlafende Nachtwache auf. Erst habe ich gepfiffen, dann habe ich ihm mit der Taschenlampe in Gesicht gestrahlt, schließlich habe ich an ihm gezupft. So richtig wollte er aber nicht wach werden. Dabei sind die letzten Wachen erst entlassen worden, weil sie Nachts immer geschlafen haben.
Heute Morgen fing der Tag dann sonnig an, der Regen hatte sich zum Gück verzogen. Als erstes stand jemand vor der Tür der Geld für in Auftrag gegebene Latrinen wollte. Da ich erst zur Bank mußte, konnte ich ihn nur auf Nachmittags vertrösten. So bin ich mit Zulfi zur Wechselstube gefahren. Ein Büro im ersten Stock eines schiefen Hauses, welches man nur über eine Wendeltreppe aus Stahl erreichen konnte. Vor dem Eingang standen eine Reihe Menschen, die sich unterhielten und anscheinend auf Geld warteten. Die Wechselstube war gerade so groß, das eine Bank, ein Tisch und ein Thresen mit einem Trenngitter hinein passten. Zuerst wurde auf das staatliche Zertifikat zum tauschen von Devisen hingewiesen, welches an der Wand hinter dem Thresen hing. Zulfi erklärte mir das 20 Dollar Noten allerdings einen schlechteren Umtauschkurs als 100 Dollar Noten bringen würden. So wurde das Wechselgeld auch schön getrennt für die 100 Dollar Noten und für die 20 Dollar Noten ausgerechnet und übergeben. Das muss einer verstehen. Das zählen des pakistanischen Geldes dauerte ein Weile, so dass ich den angebotenen Tee gerne annahm. Der Inhaber der Wechselstube drückte mir noch schnell seine Visitenkarte in die Hand und ich bedankte mich mit "Schukria" was soviel wie Danke auf Urdu heißt.
Auf dem Rückweg habe ich noch schnell Cracker für Wilhelm gekauft, der mit einem Magenproblem flach lag. Man lernt immer wieder bei den Einkäufen in Batagram dazu. Telefonkarten sollte man nicht einfach im nächsten Laden kaufen. Sulfi wußte natürlich wo wir Rabatt bekommen können und wer keine Steuer auf die Karten aufschlägt.
Im Camp zurück war es mir doch ein Anliegen, die Produktion des Wassers ein wenig zu beobachten. Mir war aufgefallen, das ziemlich viel Chemikalien für den Filter verbraucht wurde. Mir war aber nicht klar, warum das so ist. Es gab verschiedene Ursachen für das häufige Anspülen des Filters. Ich schaute mir erst einmal an, wie unsere pakistanischen Mitarbeiter für die Wasserproduktion die einzelnen Schritte durchführten. Das Spülen des Filters wurde nicht sorgfältig genug gemacht. Dies hat keine Auswirkungen auf die Qualität des Wassers, eher auf die Schnelligkeit wie sich der Filter wieder zusetzt. Ich habe verschieden Schritte noch einmal erläutert, konnte aber immer noch nicht feststellen, das mit einem Filterkuchen mehrere 8000 Liter Behälter gefiltert werden konnten. Also nahm ich mir als nächstes die Vorbehandlung der Wasserbehälter vor. Hier wird das Wasser aus dem Fluss mit Chemikalien soweit vorbehandelt, das es nahezu klar wird.
Da für den Winterbetrieb eine Halle über die Becken gebaut wurde, konnte man gar nicht so genau erkennen, ob eine Flockung und eine Sedimentation im Behälter stattfindet. Wir haben dann die Rezeptur der einzelnen Becken stetig geändert und an die veränderten PH-Werte des Flusswassers angepasst. Morgen werden wir wohl eine etwas andere Rezeptur benutzen.
Wir werden auch oft die Wasserkocher genannt, weil wir verschiedene Chemikalien in unterschiedlichen Dossierungen ins Wasser geben und dann mit einem riesigen Paddel so lange im Wasser herumrühren, bis sich Flocken bilden. Das ist eine Reaktion des Eisen 3 Chlorids. Es bindet alle Schwebteilchen und nimmt sie durch ihr zunehmendes Eigengewicht mit auf den Grund des Behälters. So können wir das saubere Oberflächenwasser abnehmen und filtern. Je sauberer die Vorbehandlung ist, umso länger läßt sich mit einem angeschwommenen Filter das Wasser filtern.
Wir werden morgen sehen, ob es den gewünschten Effekt bringt.
Heute Abend haben uns unsere Arbeiter in eine "Restaurant" eingeladen. Es war eigentlich ganz witzig. Es gab scharfes Hühnchen, Reis, Linsen, und jede Menge Brot. Vorher erklärte mir Zulfi noch ganz bedeckt, das sie es gar nicht gewohnt seien mit Messer und Gabel zu essen. Es wäre zu umständlich. Er fragte, ob es uns etwas ausmachen würde, wenn Sie mit den Fingern essen würden. Wir sollten es auch einfach tun. Also haben wir unser Essen mit Brot und den Fingern zu einer handlichen Portion verarbeitet und dann gegessen. Für unser Arbeiter bedeutete es sicher ein Vermögen, uns zum essen einzuladen. Sie haben aber darauf bestanden. Wenn man solche Gastfreundlichkeiten ablehnt, kann man hier jemand schnell zu tiefst beleidigen. Für uns hätte das Essen für 10 Leute gerade einmal 10 Dollar gekostet.
Das zeigt mir, das unsere Hilfe sehr honoriert wird. Ich merke, wie die Menschen uns grüßen und genau wissen, das das Wasser vom Roten Kreuz kommt.
Als ich dann heute abend zum Duschen ins Franzosen Camp ging, welches nur gerade mal 100 Meter entfernt ist, hörte ich immer wieder Kinder "Marcus, Marcus.." rufen. Auch mein kleiner Freund kam heute ins Camp. Es war derjenige, der mir immer wieder die Hand gereicht hat um mich zum Franzosencamp zu begleiten. Alledrdings war er etwas zurückhaltener als beim letzten Mal...