Fürs Archiv: altes Weblog Tagebuch 2005. Nummer 2.
Knirps æterna
Mein erster Knirps Regenschirm hat 18 Jahre gelebt und Schauer und Sturmwinde frohen Mutes ertragen. Mein zweiter war vielversprechend, ist aber zu früh von mir gegangen. Ich habe ihn nach zwei Jahren irgendwo in einem Zug vergessen. Mein dritter Knirps war nach dreiviertel Jahr kaputt. Irgendein billiger Plastikteil hatte den Geist aufgegeben. Früher war das aus Metall gewesen.
Die weiße Eterna Hemde aus der Schweiz haben mir Jahre lang hervorragend gedient. Die neuesten zwei Exemplare taugen aber nicht. In den Manschetten ist ein Material verarbeitet, das schon nach kurzem Tragen schwillt und sich faltet. Sieht jämmerlich aus.
Gehen die soliden bürgerlichen Marken den Bach herunter? Dann bleibt nur die Wahl: Billigzeug aus dem Kaffeeladen oder Maßanfertigung. Die meisten Menschen haben diese Wahl nicht.
Dienstag, 20. Dezember 2005 »14:17
Binnenmauer
Was war das gerade im Fernsehen? Eine Frau von den ‘Heimatvertriebenen’ erinnerte sich ihrer Jugendzeit als Flüchtlingskind. Vater, Mutter und zwei Kinder aus dem verlorenen Osten fanden sich wieder in einem Zimmerchen irgendwo in West-Deutschland. Die Kinder spielten zwar mit den Kindern des Dorfes, in dem sie Unterkunft gefunden hatten, aber hatten ständig das Gefühl, nicht richtig dazu zu gehören. Die Frau hatte als Kind damals gespürt, daß sie schweigen sollte über wie es bei ihnen in der Familie war, bzw. früher gewesen war. Das war ein unausgesprochenes Gesetz; ihre Eltern mußten es ihr nicht mal sagen.
Könnte das eine Erklärung sein für die Verschwiegenheit, die ich Deutschland so oft beobachte? Diese Neigung, alles Persönliche in Gesprächen auszuklammern?
Wenn ich mit dieser Vermutung halbwegs richtig liege, ist es bestimmt eine Binsenwahrheit, die jeder deutscher Soziologe kennt. Mir hat das aber bis jetzt niemand erklärt. Allerdings muß es noch andere Erklärungen geben; denn nicht alle Deutsche waren Flüchtlingskinder.
Und auch nicht alle sind verschwiegen.
Donnerstag, 17. November 2005 »23:03
Feen
An jedem Wiegchen steht eine böse Fee; bei der Geburt der großen Koalition wimmelt es geradezu von solchen Kreaturen, die ihr böses wünschen und vorhersagen. Nicht tun, Feen; Mund halten! Laßt sie jetzt erst mal ran! Auch wenn es nicht so ganz spektakulär werden sollte, was jetzt kommt: eine Regierung ist besser als gar keine. Die Blockierlust soll nicht ins lächerliche getrieben werden.
Sonntag, 13. November 2005 Kommentar:
Stolle (Homepage) am 13. November 2005 um 23:15
Stimme völlig überein - natürlich wünscht man/frau sich vieles ganz anders, natürlich hätte man sich keine Erhöhung der Mehrwertsteuer gewünscht. Außerdem: noch bleiben wir für ein Jahr von ihr verschont.
Aber die Realitäten sind eben so.
Einen ganz üblen Kommentar leistet sich dieser Herr:
http://www.ftd.de/me/cm/30091.html
Ebenso schön und sehr treffend die Replik auf dieser Website.
Ja, die Neo-Liberalen sind eben doch in ihrem verbalen Handeln eher intolerant.
Warm
Im September und Oktober keine Heizung gebraucht; jetzt nur ein wenig. Das macht die große Preiserhöhung des Erdgases wieder wett. So bleiben sie auf ihrem Stinkgas sitzen.
Mittwoch, 9. November 2005 »20:03
Anker Steinbaukasten
Die Bilder des Wiederaufbaus der Frauenkirche haben mich an die Anker Steinbaukästen erinnert, mit denen ich als Kind gespielt habe. Sie waren sehr viel älter als ich: mein Vater hatte schon damit gespielt, und vielleicht schon mein Großvater. Wenn ich an die Gestaltung dieser Kästen zurückdenke, das sah doch eher nach 1900 aus.
Als Spielzeug war es zeitlos und für ein Kind sehr schön. Auch war es meine erste Bekanntschaft mit der deutschen Architektur. Es passiert mir noch oft, daß ich ein Haus aus der Gründerzeit sehe, das mir bekannt vorkommt. Das ist manchmal, weil man es mit dem Anker Steinbaukasten nachbauen konnte.
Auch kommt es vor, daß ich eine Kopie oder Verwandte einer Villa in der Türkei oder Griechenland schon gesehen hatte, und dann hier das Original wiedererkenne.
Sonntag, 30. Oktober 2005 »19:39
Frauenkirche Dresden »19:20
Es kam mir anfangs ziemlich bekloppt vor, ein Gebäude das es schon nicht mehr gab, für sehr viel Geld wieder aufzubauen. Und dann noch eine Kirche; jetzt, wo doch praktisch niemand mehr in die Kirche geht, und im Osten schon gar nicht.
Als ich aber merkte, wie viele Deutsche diesen Wiederaufbau für wichtig hielten, habe ich es einfach akzeptiert. Es ist offensichtlich etwas, das man als Ausländer nicht nachvollziehen kann, habe ich gedacht; na, dann sei es so.
Durch die vielen Fernsehbeiträge, heute zur Eröffnung der neuen alten Kirche, ist das Ganze mir gefühlsmäßig doch näher gekommen. Ich habe sogar ein bißchen mitgeweint als gezeigt wurde, wie die Glocken hereingingen.
Abrechnung mit dem Weltkrieg, Deutsche Einheit, private Initiative versus öffentliche Lähmung: es spielt alles eine Rolle, aber es erklärt das Wunder nicht. Die Kirche ist auch wunderschön!
Mehr als einmal soll es aber nicht geschehen. Glaube ich. Es bleibt ja die Frage, aber das ist keine typische deutsche Frage: Warum kann man heute nichts neues mehr bauen? Wo doch das technische und künstlerische Können offensichtlich vorhanden ist? In China und in den Golfstaaten, dort kann man jetzt bauen. Dort sind die Architekten, dort ist das Geld, dort ist der Mut zur Zukunft.
How low can you go?
Wie heißt ein wino in Frankfurt? Klar: ein apple wino. Einen liegen gesehen auf der Zeil, neben einer leeren Flasche von dem Apfelgesöff. Dann ist man wirklich am Boden.
Samstag, 29. Oktober 2005 »15:48
Mitmenschen »07:26
Man tut sein Bestes, sich den Menschen zu öffnen, sie zu nehmen wie sie sind: Nasenringen, Tätowierungen und Kopftücher zu übersehen und sich zu konzentrieren auf den Gehirninhalt, auf den es ankommt. Aber soll man auch Toleranz haben für Leute mit Cowboystiefeln und zu großen geländegängigen Fahrzeugen mit Fußgängerschieber? Es gibt doch Grenzen.
Habemus mamam?
Montag, 10. Oktober 2005 »20:16
1 Kommentar
Stolle am 10. Oktober 2005 um 21:36
ja, aber ihre inthronisation wird nicht so stilsicher ausfallen wie diejenige in rom.
und auch das weltweite interesse wird sich in überschaubaren grenzen halten.
ob's gut wird? ja, was will man erwarten?
Klopapierhalter
Das erste Mal, daß ich die Toilette unseres Instituts besuchte war am Tage meines Dienstantritts, im April 1996. Bereits ein Monat danach verschwand der Klopapierhalter. Jemand hatte ihn einfach abgeschraubt und mitgehen lassen. Ziemlich frech; ziemlich jämmerlich auch, wenn man so arm ist. Jetzt, höre und staune! nach so vielen Jahren unkontrollierten Abrollens, hat die zentrale Verwaltung auf einmal wieder einen Klopapierhalter montiert. Keinen neuen; ein gebrauchtes Exemplar ist es. Aber in guter Verfassung. Und siehe da: in der Kabine nebenan genau so einen.
Das bedeutet, daß es irgendwo in der Uni ein Depot mit gebrauchten Klopapierhaltern geben muß. Und jemand, der das verwaltet. Und jemand, der den Zustand der Gebäude im Auge behält, bis in Einzelheiten. Einer, der sich wirklich kümmert.
Deutschland mag noch so arm werden, so lange es so etwas gibt, ist es reich!
Dienstag, 4. Oktober 2005 »11:33
Lehrermängel
Nach dem ‘Pisa-Schock’ wurden erst die Schüler schlecht geredet; jetzt liest und hört man mehr über die mangelnden Qualitäten der Lehrer. Dabei wird oft erwähnt, daß viele nur Lehrer werden, weil sie keinen anderen Job finden konnten, also als letzte Wahl. Mein Freund C. ist so einer. Gerne wäre er an der Uni geblieben, oder bei einem Verlag gelandet, oder bei der EU in Brüssel; das ging aber nicht. Jetzt versucht er notgezwungen, Pubertierenden und jungen Erwachsenen Französisch und Kunstgeschichte beizubringen. Wie ich höre ist er dabei erfolgreich: bei den Kollegen gern gesehen, von den Schülern respektiert und sogar mit dem ‘Beibringen’ klappt es. Er mag seinen Job. Körperlich hat er nicht viel Autorität, geistig hat er aber eine robuste Verfassung, und er hat keine Mühe, Ruhe und Ordnung zu bewahren. Er macht selbstverständlich etwas mehr als von ihm verlangt wird, weil er nicht faul ist und kein Minimalist: Was immer er tut, will er gut tun.
Ich behaupte, er macht seinen Lehrerjob so gut, weil er ihm egal ist. Selbst könnte ich nie Gymnasiallehrer sein, weil ich zu sensibel bin. Ich würde unter der Grobheit, den Obstruktionsversuchen und der gähnenden Leere in den Schülerseelen(, die auch aus vielen Schülerblogs spricht) leiden und mich um den Schlaf bringen lassen. C. keineswegs; ihm kann nichts etwas anhaben, und gerade daß er kein Berufener ist, befähigt ihn, ein guter Lehrer zu sein.
Sonntag, 2. Oktober 2005 »22:43
Papst evangelisch?
Ist der Papst evangelisch geworden? Es wird berichtet, daß er jetzt alle seine schwulen Mitarbeiter entlassen will, und zwar nicht nur diejenigen, die beichtbares getrieben haben, sondern auch diejenigen, die nur schwul sind. Der Priestermangel wird also dramatisch zunehmen. Gilt es auch für die Bischöfe und Kardinale? Und er selbst, ist er hetero; und wenn ja, woher weiß er das? Hat er doch mal mit einer Frau ...? Oder reicht es schon, daß er beim Onanieren seinerzeit immer nur die korrekten Versuchungen vor Augen gesehen hat?
Wie soll man sich die Sitzungen der Inquisition vorstellen? Einschlägige Pornoheftchen auf dem Tisch, wobei der um Job und Rente bangende Verdächtige verzweifelt versucht, eine Erektion zu unterdrucken?
Dieser bekloppte kleine Kulturkampf hat also auch Rom erreicht; obwohl ich davon überzeugt bin, daß er evangelischer Herkunft ist. In Süd-Europa, geschweige denn im Nahen Osten, hatte man nie so einfache Ideen über Sexualität. Hetero, Homo und wenn man gar nicht mehr weiter weiß Bi; das ist doch wirklich eine zu einfache Einteilung eines so komplexen und flexiblen Phänomens. Die Gedanke, daß ein Mensch schwul sein kann, also eine eindeutige und bleibende schwule Identität hat, kommt meines Wissens traditionell nur in Nord(west)-Europa und Nord-Amerika, also in den evangelischen Teilen der Welt vor.
Donnerstag, 22. September 2005 »20:05
Luftquatschen
Jetzt auch Handyverkehr im Flugzeug möglich. Kann man dann nirgendwo mehr ruhig sitzen?
Dienstag, 20. September 2005 »19:31
2 Kommentare
strongCurrent am 21. September 2005 um 11:41
Plakatquatschen
Jetzt wird es auch bald von allen Plakaten, Litfaßsäulen etc. (interaktiv)quatschen.
(http://adfab.typepad.com/adfab/2005/09/first_talking_a.html)
Schluss mit Ruhe!
Ich, am 22. September 2005 um 16:50
Dann warten wir in Wind und Regen auf die Bahn!
Kanzlerruhe
Was macht der Bundeskanzler heute Abend? Nach dieser letzten Scheißwahlkampfveranstaltung in Frankfurt hat er es so satt! Er will so schnell wie möglich nach Hause, mit dem Bundeshubschrauber oder dem Bundes-Maybach. Schade daß er den ICE nicht nehmen darf.
Zu Hause küßt er flüchtig Frau und Kind und spielt kurz mit dem Hund. Dann schenkt er sich erst mal einen doppelten Whisky ein, von dem ganz besonderen Tröpfchen, das Tony ihm neuerdings aus London mitgebracht hat. Eine Zigarre der vertrauten Sorte beruhigt ihn; dann aber überfällt ihn ein tiefes Gefühl der Leere. Er weiß bei Gott nicht, was er heute Abend machen soll. Ausnahmsweise schmeißt er mal den Fernseher an: Big Brother: Die Entscheidung vielleicht; ja, das ist doof genug. Karikaturen von Untertanen, regelrecht zum Kotzen; gerade worauf er jetzt Lust hat.
Die Kanzlergattin hatte sich gleich zurückgezogen; sie weiß, wann er nicht ansprechbar ist. Dann lockt sie ihn aber vorsichtig ins Eßzimmer: sie hat seine Verfassung vorgesehen und ein festliches Abendessen zu zweit vorbereitet. Während des Essens lebt er auf: er mag sie, ja, er liebt sie, und schlägt ihr vor, heute früh ins Bett zu gehen; man muß ja nicht gleich einschlafen. Diskret räumt die Kanzlergattin nach dem Essen die Whiskyflasche weg. Morgen beim Urnengang sollen sie ja frisch sein und strahlen; das bringt noch Stimmen. Aber das muß nicht unbedingt gleich um neun sein.
Samstag, 17. September 2005 »19:07
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