Notizen eines Migranten
Vor zehn Jahren kam ich nach Deutschland, nach Frankfurt. Damals habe ich meine ersten Eindrücke aufgeschrieben. Die habe ich wiedergefunden, und hier sind einige davon. Sie sind oft ziemlich negativ. Die positiven Eindrücke, die weitaus in der Mehrzahl waren und noch immer sind, habe ich nur selten aufgeschrieben.
21.3.1996. Heute um halb acht geweckt durch ein penetrantes Muhen. Es erwies sich als der Türklingel meiner künftigen Wohnung; ich kam hoch vom Campingbett, machte die Tür auf und stand Auge in Auge mit einem Schornsteinfeger, der die Abgase messen wollte. Es war noch zu früh für Mißtrauen; überdies sah er ganz brav aus, und in dieser noch leeren Wohnung ist eh nichts zu holen.
Durch das Fenster sah ich eine kräftig gebaute Polizistin, die den Falschparkern Knöllchen ausschrieb. Die Bäckerei an der Ecke hatte auch schon auf. Sie verkaufen nicht nur frisches Brot, sondern servieren sogar ein komplettes Frühstück.
Nichts paßt hier. Telefon, Fax und Modem waren nicht anzuschließen. Andere Stecker haben die hier, das wußte ich, aber auch die Kabel sind anders. Wann soll ich dann Kartons auspacken, wenn ich andauernd zu Telefonläden muß? Der freundliche Techniker bei Telekom verstand das Problem. Es gibt spezielle Kabel für ausländische Telefongeräte. Telekom konnte die natürlich nicht liefern, denn es vertreibt ja nur deutsche Telefone, erkennbar an dem darauf gestempelten Adler, aber etwas weiter in der Straße gäbe es einen Laden mit koreanischem Zeug. Das war Schwein haben; es hätte ja auch sein können, daß der Junge es nicht gewußt hätte, oder mir den Weg zum Bösen nicht hätte zeigen wollen. Nach einer Stunde basteln funktionierte das Telefon; auf alles andere werde ich erst mal verzichten.
22.3.1996.
- So viel Platz, und so große, solide Häuser. Ein riesiger Bahnhof.
- Das Essen und Trinken sind hervorragend.
- In was für alten Film bin ich gelandet? Es sieht aus wie 1980. Veraltete ‘moderne’ Gebäuden, Herren mit Hüten, alte Zeichensätze. Straßenbahnen mit runden Popos und wagonbreiter Werbung für Tipp-Ex Korrekturflüssigkeit. Man benutzt hier offensichtlich noch Schreibmaschinen. Und es stehen sogar Zigarettenautomaten auf der Straße. Gibt es hier dann keine Kleingauner, die so etwas aufbrechen?
- Warum gucken die Leute so bedrückt? Ist die Pleuritis ausgebrochen, oder ist die Schokolade teurer geworden?
- Die Volksgesundheit läßt zu wünschen übrig. Viele Leute sehen schlecht aus. Waren sie in ihrer Jugendzeit unterernährt, oder haben sie in Fabriken schuften müssen?
- Es gibt hier sehr viele Ausländer. Slawische Sprachen hört man noch öfter als Türkisch. Dann kommen Englisch, Japanisch, Griechisch, Albanisch und Persisch. Und mir unbekannte Sprachen, die wohl Ungarisch oder Georgisch sein müssen. Ich finde das gemütlich, aber die Deutschen haben den Ruf, keine Ausländer zu mögen. Ausgerechnet sie kriegen aber die meisten Ausländer auf den Hals. Ist es die Strafe?
18.4.1996. Das erste Mal deutsche Studenten unterrichtet. Ihre Schulausbildung muß hervorragend gewesen sein. Aber sie scheinen so platt gemacht, so ohne jede Initiative. Tun sie je etwas anderes als das, was ihnen aufgetragen wird? Die werde ich mal schön in Verwirrung bringen. Mein Deutsch wird dramatisch schlechter, wenn ich unterrichte. Nicht grübeln.
Was ist mit Deutschland passiert? Als ich vor dreißig Jahren dieses Land zum ersten Mal besuchte, war ich tief beeindruckt: so reich, so sauber, so modern und solide. Davon bleiben jetzt zwar Reichtum und Solidität, aber es wirkt alt, es ist altes Geld. Das Land stagniert sichtbar, und es leidet darunter, aber es versteht nicht was ihm fehlt. Ich natürlich auch nicht; das wird noch dauern. Aber mit meinem Ausländerblick sehe ich es wenigstens; die Deutsche scheinen zu glauben, sie bleiben ewig reich. Als großes und Zentrales Land sollte Deutschland eigentlich die Lokomotive Europas sein. Aber daraus wird nicht viel, wenn das hier so lahm is. Armes Europa.
4.5.1996. Im Zug sprach jemand mich an über einen Prinz Eugen, der etwas mit der Türkei am Hut hatte. Der Zug hieß nämlich auch Prinz Eugen. Ich verstand nicht was der Mann meinte, weil es mir an Kenntnissen über die deutsche Geschichte fehlt. Das ist noch nachzuholen. Überdies soll ich ein kleines Buch kaufen in der Art von Bluff your way in Goethe, denn um Goethe kommt man hier nicht herum. Zur Not lese ich den Mann selbst. Und Karl May: es kann ja sein, daß die deutsche Sicht auf das Ausland von ihm geprägt worden ist. Aber seine Bücher fand ich als Junge schon langweilig, oder waren nur die Übersetzungen miserabel?
Wie soll das hier mit den Ausländern gehen, die nicht wirklich akzeptiert werden? Das gibt Ärger, auf die Dauer. Denn die Deutschen werden alt und bekommen nicht genug Kinder, und wer wird später die Senioren waschen und die Rollstühle schieben? Das werden die Enkelkinder der ausländischen Arbeiter und Asylanten tun müssen, und die haben natürlich kein Bock, so lange sie sich hier nicht zu Hause fühlen können. Aber die Integration von Ausländern scheint noch gänzlich undenkbar. Manch ein Rollstuhl wird also unerklärlich durchgehen, hügelab.
Zurück zu den EinträgenEintrag kommentieren
Kommentare: 0
Punkte
: 0
: 0
Bisher keine Kommentare vorhanden.