Dienstag, 30. Mai 2006
Notizen eines Migranten
Vor zehn Jahren kam ich nach Deutschland, nach Frankfurt. Damals habe ich meine ersten Eindrücke aufgeschrieben. Die habe ich wiedergefunden, und hier sind einige davon. Sie sind oft ziemlich negativ. Die positiven Eindrücke, die weitaus in der Mehrzahl waren und noch immer sind, habe ich nur selten aufgeschrieben.
21.3.1996. Heute um halb acht geweckt durch ein penetrantes Muhen. Es erwies sich als der Türklingel meiner künftigen Wohnung; ich kam hoch vom Campingbett, machte die Tür auf und stand Auge in Auge mit einem Schornsteinfeger, der die Abgase messen wollte. Es war noch zu früh für Mißtrauen; überdies sah er ganz brav aus, und in dieser noch leeren Wohnung ist eh nichts zu holen.
Durch das Fenster sah ich eine kräftig gebaute Polizistin, die den Falschparkern Knöllchen ausschrieb. Die Bäckerei an der Ecke hatte auch schon auf. Sie verkaufen nicht nur frisches Brot, sondern servieren sogar ein komplettes Frühstück.
Nichts paßt hier. Telefon, Fax und Modem waren nicht anzuschließen. Andere Stecker haben die hier, das wußte ich, aber auch die Kabel sind anders. Wann soll ich dann Kartons auspacken, wenn ich andauernd zu Telefonläden muß? Der freundliche Techniker bei Telekom verstand das Problem. Es gibt spezielle Kabel für ausländische Telefongeräte. Telekom konnte die natürlich nicht liefern, denn es vertreibt ja nur deutsche Telefone, erkennbar an dem darauf gestempelten Adler, aber etwas weiter in der Straße gäbe es einen Laden mit koreanischem Zeug. Das war Schwein haben; es hätte ja auch sein können, daß der Junge es nicht gewußt hätte, oder mir den Weg zum Bösen nicht hätte zeigen wollen. Nach einer Stunde basteln funktionierte das Telefon; auf alles andere werde ich erst mal verzichten.
22.3.1996.
- So viel Platz, und so große, solide Häuser. Ein riesiger Bahnhof.
- Das Essen und Trinken sind hervorragend.
- In was für alten Film bin ich gelandet? Es sieht aus wie 1980. Veraltete ‘moderne’ Gebäuden, Herren mit Hüten, alte Zeichensätze. Straßenbahnen mit runden Popos und wagonbreiter Werbung für Tipp-Ex Korrekturflüssigkeit. Man benutzt hier offensichtlich noch Schreibmaschinen. Und es stehen sogar Zigarettenautomaten auf der Straße. Gibt es hier dann keine Kleingauner, die so etwas aufbrechen?
- Warum gucken die Leute so bedrückt? Ist die Pleuritis ausgebrochen, oder ist die Schokolade teurer geworden?
- Die Volksgesundheit läßt zu wünschen übrig. Viele Leute sehen schlecht aus. Waren sie in ihrer Jugendzeit unterernährt, oder haben sie in Fabriken schuften müssen?
- Es gibt hier sehr viele Ausländer. Slawische Sprachen hört man noch öfter als Türkisch. Dann kommen Englisch, Japanisch, Griechisch, Albanisch und Persisch. Und mir unbekannte Sprachen, die wohl Ungarisch oder Georgisch sein müssen. Ich finde das gemütlich, aber die Deutschen haben den Ruf, keine Ausländer zu mögen. Ausgerechnet sie kriegen aber die meisten Ausländer auf den Hals. Ist es die Strafe?
18.4.1996. Das erste Mal deutsche Studenten unterrichtet. Ihre Schulausbildung muß hervorragend gewesen sein. Aber sie scheinen so platt gemacht, so ohne jede Initiative. Tun sie je etwas anderes als das, was ihnen aufgetragen wird? Die werde ich mal schön in Verwirrung bringen. Mein Deutsch wird dramatisch schlechter, wenn ich unterrichte. Nicht grübeln.
Was ist mit Deutschland passiert? Als ich vor dreißig Jahren dieses Land zum ersten Mal besuchte, war ich tief beeindruckt: so reich, so sauber, so modern und solide. Davon bleiben jetzt zwar Reichtum und Solidität, aber es wirkt alt, es ist altes Geld. Das Land stagniert sichtbar, und es leidet darunter, aber es versteht nicht was ihm fehlt. Ich natürlich auch nicht; das wird noch dauern. Aber mit meinem Ausländerblick sehe ich es wenigstens; die Deutsche scheinen zu glauben, sie bleiben ewig reich. Als großes und Zentrales Land sollte Deutschland eigentlich die Lokomotive Europas sein. Aber daraus wird nicht viel, wenn das hier so lahm is. Armes Europa.
4.5.1996. Im Zug sprach jemand mich an über einen Prinz Eugen, der etwas mit der Türkei am Hut hatte. Der Zug hieß nämlich auch Prinz Eugen. Ich verstand nicht was der Mann meinte, weil es mir an Kenntnissen über die deutsche Geschichte fehlt. Das ist noch nachzuholen. Überdies soll ich ein kleines Buch kaufen in der Art von Bluff your way in Goethe, denn um Goethe kommt man hier nicht herum. Zur Not lese ich den Mann selbst. Und Karl May: es kann ja sein, daß die deutsche Sicht auf das Ausland von ihm geprägt worden ist. Aber seine Bücher fand ich als Junge schon langweilig, oder waren nur die Übersetzungen miserabel?
Wie soll das hier mit den Ausländern gehen, die nicht wirklich akzeptiert werden? Das gibt Ärger, auf die Dauer. Denn die Deutschen werden alt und bekommen nicht genug Kinder, und wer wird später die Senioren waschen und die Rollstühle schieben? Das werden die Enkelkinder der ausländischen Arbeiter und Asylanten tun müssen, und die haben natürlich kein Bock, so lange sie sich hier nicht zu Hause fühlen können. Aber die Integration von Ausländern scheint noch gänzlich undenkbar. Manch ein Rollstuhl wird also unerklärlich durchgehen, hügelab.
Sonntag, 21. Mai 2006
Migration
Im nächsten Jahr werde ich also wahrscheinlich doch nach Marburg ziehen. Es fühlt sich fast an wie eine zweite Migration, in ein Deutschland der anderen Geschwindigkeit und der dünneren Geldströme. Die Straßen sind nicht so ausgebaut, so daß es länger dauert bevor man wo anders ist. Zum ersten Mal habe ich das auf Malta kennen gelernt. Dort sind die Straßen so schlecht und voll, daß man im Schnitt 20 Km die Stunde fährt. Das macht diese klitzekleine Insel auf einmal viel größer. Wohin man auch fährt, man ist lange unterwegs.
In der Umgebung von Marburg besteht die Eisenbahn hauptsachlich aus Nebenstrecken und stillgelegten Gleisen. Ein neues Auto muß also doch her. Ein Toyota vielleicht?
Die Pampa, das gefürchtete Nord-Hessen, wo die Kannibalen wohnen, arm und rückständig; so habe ich Marburg und sein Umland beschreiben hören. Andere verkaufen Marburg noch als Mittel-Hessen, um das N-Wort zu vermeiden. Viele Leute sagen mir, sie möchten dort nie im Leben hinziehen. Aber ich schon; mir gefällt's. Mitten in diesem Nest und seinem endlosen Umland ist ja diese reiche Uni, die wirklich eine ist. Ich freue mich darauf, und auch auf das weite, neue Fahrradland drum herum. Überdies wird es so sein: gerade weil dort nicht viel urbanes in der Nähe ist, werden die Leute versuchen, das Beste daraus zu machen. Langweiliger als Princeton oder Cornell wird es nicht sein.
Freitag, 19. Mai 2006
Lahntal
10. Augustus 2005
Drei Tage mit dem Fahrrad unterwegs, zwei Nächte in Bad Laasphe. Der Fahrradausflug sollte diesmal von Marburg ausgehen, weil ich noch immer mit der Möglichkeit rechne, dorthin versetzt zu werden. Wollte mir das Umland mal ansehen.
Weil mein schönes, neues Fahrrad kürzlich gestohlen worden war, mußte also das alte noch mal Dienst tun. Weil das nicht so strapazierbar ist, und ich auch nicht mehr, angesichts meines kaputten Knies, war die Strecke ziemlich beschaulich gewählt: das Lahntal. Keine große Ansteigungen, und die Bahn in der Nähe für den Fall eines technischen Absturzes. Natürlich wollte ich auch einige Dörfer in der Umgebung von Marburg auf ihrer Bewohnbarkeit untersuchen.
Erst Marbach angeschaut: das wurde schnellstens ausgemustert. Verkommener alter Dorfskern mit vielen unorganisch gewachsenen, freistehenden Häusern drum herum. Keine Struktur. Unsympathisch wirkt auch die große pharmazeutische Fabrik, die man in einem Waldstuck versteckt hat. Aber als Arbeitgeber wohl unverzichtbar.
Als nächstes kam Dagobertshausen. Das ist schon eine sehr nette kleine Landidylle, aber kann man dort alleine wohnen? Da ist nichts: kein Laden, keine Kneipe, kein Arzt. Trotzdem könnte es schön sein: vorstellbar wäre ein größeres Anwesen, das hier wahrscheinlich gar nicht viel kostet, und dann mit einigen Leuten eine Wohngemeinschaft bilden. Aber vorerst kenne ich noch niemand in Marburg.
Dann kam Caldern: ein Dorf, das mir auf Anhieb gefiel: Es sieht attraktiv aus und wirkt offen. Ob es das auch ist weiß ich nicht; es ist schwer zu sagen, warum es ‘offener’, d. h. fremdenfreundlicher wirkt als z. B. das früher besuchte Cölbe.
Weiter ging es durch das Lahntal, eine gezähmte, ziemlich volle Landschaft, aber doch nett. Ich soll ja dieser braven Landschaft nicht vorwerfen, daß ich nicht mehr so radfahren kann wie früher, als ich die Hügelstrecken nicht vermeiden mußte; im Gegenteil. Schicksal. Es macht mich noch zu oft ein wenig bitter. Die Strecke Marburg-Caldern über Dagobertshausen war in meiner heutigen Verfassung schon anspruchsvoll genug gewesen. Als Kompensation für verpaßte Hügelstrecken gab es Gegenwind.
Biedenkopf hat nette Häuser (nicht fertig, muß jetzt ins Bett.)
Freitag, 19. Mai 2006
Marburg
3. Juni 2005
Möglicherweise bekomme ich einen Job in Marburg. Deshalb bin heute mal hingefahren, um einen Eindruck von der Stadt zu bekommen. Nun, Liebe auf dem ersten Blick war es nicht.
Die geographische Lage ist merkwürdig. Mit Frankfurt ist es gut angebunden, wenigstens mit der Bahn. Der Rest der Republik scheint auf einmal viel weiter. Kassel, Hannover, Hamburg, Berlin, das geht noch. Aber Köln, der Westen, der Süden, der Osten, Bayern, alles läuft über Gießen oder sogar Frankfurt und dauert einfach eine Stunde länger.
Mit dem Auto sind die Verbindungen mäßig. Keine Autobahn.
Die Marburger Altstadt ist ein Juwel, das ist klar. Aber heute wollte ich kein Tourist sein. Die Uni ist ein alt gewordener Neubau, eingeklemmt zwischen der verfehlten Autobahn und der Eisenbahn. Ärmlich, geschmacklos, wie deutsche Unis halt sind. Die UB ist sehr in Ordnung; ich habe im Katalog raffinierte und anspruchsvolle Stichproben genommen.
Ach, diese Bundesstraße. Weil die Stadt in einem Tal liegt und die Straße die Stadt durchschneidet, hört man das Ding an vielen Orten. Schade.
Lebensmittelhändler habe ich nicht gesehen. Die Bevölkerung wirkt aber nicht unterernährt. Weil die Stadt doch ein wenig eng ist und ich nicht unbedingt in meiner Freizeit auch Studenten sehen möchte, hatte ich gleich an außerhalb wohnen gedacht. Zwei Dörfer habe ich mir angeschaut. Cölbe sieht aus wie eine geschlossene Dorfgemeinschaft; für meinesgleichen wäre es sozialer Selbstmord, dort wohnen zu wollen. Wehrda ist besser, dort wohnen sicherlich viele Stadtmenschen, aber es wäre mir doch zu beschaulich. Das Südviertel von Marburg ist sehr schön zum Wohnen, aber wohl zu teuer für mich. Das waren nur ein Paar Versuche; später müßte ich die Gegend mal systematisch abklappern.
In weiter Umgebung gibt es keine anderen Zentren. Das bedeutet höchstwahrscheinlich, daß die Bevölkerung sein bestes tun wird, aus ihrer isolierten Lage etwas Schönes zu machen.
Burschenschaften machen sich bemerkbar, sie haben große Häuser. Aber das allgemeine Bild der Studenten ist eher links, oder post-links.
Es wimmelt übrigens von evangelischen Kirchen allerlei Couleur. Ein frommes Völkchen.
Als ich auf dem Zurückweg wieder an Gießen vorbei kam fiel mir der Kontrast auf. Gießen mag keine Schönheit sein, aber es sieht modern aus, lebendig, an der großen Welt angeschlossen. Marburg wirkt etwas alt, als ob es seit zwanzig Jahren kein Geld mehr hat.