Alt und brav

Nelson Mandela hat Geburtstag. Neunzig Jahre ist er geworden, großer Party in London. Man kann es ihm herzlich gönnen; er hat ja große Verdienste für Südafrika.
Aber der hätte doch mal was zum Problem Mugabe sagen können; auf den hätte man gehört. Aber nein, er hat neuerdings bloß etwas gemurmelt über ‘failing leadership in Zimbabwe’. Spät und schwach.
 

Die Fahnen hoch!

Die Frankfurter Allgemeine kann einem so richtig den Magen verderben. Am Vorabend des großen deutsch-türkischen Fußballtreffens klägelt Berthold Kohler auf der Vorderseite noch mal was über türkischen Nationalismus und Parallelgesellschaften. Er hat Verständnis und Respekt für den türkischen Nationalismus, behauptet er; möchte ihn aber hier nicht sehen. ‘Der türkische Fahnenwald in Deutschland ist [...] ein Mene Tekel für diese Republik.’

Sind Sie noch bei Trost, Herr Kohler? Was heute zählt, ist das Foto, das eine andere Redaktion gleich neben Ihren Beitrag abgedruckt hat: eine deutsche Fahne, auf deren roten Streifen jemand die rote Türkische Fahne genäht hat. Und die zahllose Autos, die mit doppelter, also deutscher und türkischer Beflaggung, herumfahren. Es kann gut sein, daß sich dies als wichtiger erweisen wird als die ganze sog. ‘Integrationsdebatte’ und die europäische Verfassung zusammen. Hier wächst Europa wirklich! Ein Schritt vorwärts, vergleichbar mit der Befreiung der deutschen Fahne bei den WM vor zwei Jahren. Jetzt geht es darum, daß eine Fahne, ach, auch nur eine Fahne ist ... .

 

Ziegenkot

Gerade zog ein heftiges Gewitter an meiner Wohnung vorbei, und mein Balkon war auf einmal voll mit Hagelsteinen. Wie groß waren diese? Ich würde sagen: wie Ziegenkot. Oder hätten Sie lieber Haselnüsse?
Anlaß für einen Eiervergleich gab es nicht. ‘Hagelsteine, so groß wie Taubeneier,’ heißt es ja bei Unwetter. Irre ich mich nicht, ist aber das Hühnerei stark im Kommen, und das erste Entenei ist auch längst von Himmel gefallen. Angesichts des Klimawandels ist dieser Trend zum größeren Ei nicht verwunderlich; das Herabstürzen des ersten Strausseneis ist nur eine Frage der Zeit.
Natürlich, es gibt auch Eiermeider, die von Golfbällen reden und so ihre gute Kinderstube zeigen wollen. 
 

Leere Kanne

Einer der Sekretärinnen im Institut, bei der ich mir immer gerne eine Tasse Kaffee hole, war die Thermoskanne kaputt gegangen. Ich sagte, ich hätte zu Hause noch eine Kanne übrig; die könnte ich gerne stiften. Zu Hause merkte ich, daß ich die Kanne nicht mehr hatte. Ärgerlich; sollte ich jetzt extra eine Kanne kaufen? Aber nein, bei einer Radtour kam ich an einer entrümpelten Wohnung vorbei, wo zwischen dem Sperrmüll eine Thermoskanne auf der Straße stand. Mitgenommen, gereinigt und desinfiziert; jetzt ist sie im Sekretariat in Gebrauch. 
Gibt es eine höhere Weltregie, die so etwas regelt?

 

Geruchsspaziergang

Wie wunderbar heute Nachmittag, mein Kurzspaziergang hinterm Haus bis zum Ende des Tals und wieder zurück. Tropisch-warm war die Luft nach einem Regenschauer, den ich auf dem Balkon genossen hatte. Alles hat so lecker gerochen: die Blumen in den Gärten, die Bäumen, sogar die Fäulnis. Es war möglich, zwei, drei Gerüche getrennt von einander zu verspüren, die danach doch eine angenehme Mischung mit einander angingen.

 

Bildung

Nachdem Frau Merkel erst vergeblich versucht hat, Deutschland, die Welt und das Klima zu retten, versucht Sie sich jetzt an der Bildung, was immer das auch sei. Aber einmal laut ‘Bildung!’ rufen ist nicht genug. Es ist seit einigen Jahrzehnten ein Trend in der ganzen westlichen Welt, die Bildung zu vernachlässigen, ja abzubauen. Die Gründe sind sehr komplex, aber der Wunsch nach Verdummung sitzt sehr tief; den kriegt man nicht so schnell weg. Am Anfang steht vielleicht die Idee, daß die zarten Kinderseelen nicht belastet werden dürfen, oder is das nur Gerede, und ist der eigentliche Grund vielmehr, daß die Lehrer nicht genug mitzuteilen haben? Oder daß man es nicht verträgt, daß das eine Kind nun mal mehr lernen kann als das andere?
Ach, wie lernhungrig war ich zwischen meinem siebten und vierzehnten Lebensjahr; sind die heutigen Kinder das etwa nicht mehr? Aber sie dürfen nicht; sie werden betäubt mit elektronischen Geräten, die sie vom lernen abhalten sollen. Diese belasten angeblich die Kinderseele nicht, deshalb eignen sie sich hervorragend als Geburtstagsgeschenk. In den Schulen herrschen Schäbigkeit, Aggression und Streß, was das Lernen noch erschwert. Die Lehrer haben verständlicherweise keine Lust mehr und Französisch ist längst abgeschafft, sodaß ich nicht mehr weiß, wie ich meine Studenten noch in die Fachliteratur einweihen soll. Ich wette, daß die Hälfte der Studenten die Uni verläßt ohne auch nur ein Buch ganz zu Ende gelesen zu haben. Wozu noch das Ganze? Auch in den Naturwissenschaften klagt man über ausbleibenden Nachwuchs, hier wie in Amerika, Schweden, Israel, sogar in Osteuropa. Ja, der Bildungsabbau hat schon Erfolg gehabt. Nur in Ost- und Südasien wird noch studiert. Aus reiner Rückständigheit, wie ich vermute. 
Bildung; mein Gott, Angela! Wenn Du es ernst meinst, bringt das  etwas extra Geld, so hier und da, aber Ideen, Bestrebungen, Ziele, ein Ruck durch Deutschland? nein, die gibt es bei weitem nicht. Also, das Geld wird irgendwo versickern.
In den Unis ist das Hauptproblem längst nicht mehr die Finanzierung, sondern daß es keine Studenten gibt, die noch ein Buch lesen können/wollen. Wikipedia reicht nämlich wirklich nicht. Überdies sinken die Kinderzahlen, wenigstens in uniberechtigten Kreisen. Die Amerikaner sind wenigstens so clever, kluge Köpfe zu importieren; dazu wird Deutschland wohl nie in der Lage sein. Ausländer; igitt! Hier hat man seine Türken lieber ungebildet, wie die eigenen Arbeiterkinder auch.
Vielleicht brauchen wir gar keine Bildung. In The travels of Sir John Chardin into Persia, London 1686, lese ich, daß die persischen Jungs damals bis achtzehn spielen sollten und danach erst zu lernen anfingen. Geht auch.

 

Bequemschuhe

Gestern einen alten Freund in Köln besucht. Es stellte sich heraus, daß seine Frau inzwischen Chefin eines Schuhladens geworden ist. Bei ihr habe ich endlich mal wieder mit Vergnügen ein Paar Schuhe kaufen können.
Allmählich hatte ich mit Schuhen nicht mehr viel Auswahl. Meine Füße sind recht breit geworden; dazu habe ich Einlagen, die nur in wenigen Modellen passen. Ich fand natürlich trotzdem Schuhe, aber nur solche, an deren Aussehen ich kein Spaß haben konnte. Bei der Firma Trippen in Köln dagegen – ja, hier mache ich begeistert und voller Überzeugung auch mal etwas Werbung! – fand ich Schuhe, wo ich rein passe, die komfortabel sitzen, auf denen ich laufen kann und die zu gleicher Zeit gut aussehen. Nicht alle, aber mehrere Modelle haben eine eigenartige Mischung von Mittelalter und trendy, die auch ältere Herrschaften sich angedeihen lassen können. Endlich machte mir Schuhe kaufen wieder Spaß. Überdies werden diese Schuhe von richtigen Menschen und auf menschlicher Weise angefertigt, in Brandenburg und Italien.
http://www.trippen.com/de/uebertrippen/shops.html
 

Schwan

Die CDU ist also der Meinung, daß Demokratie am schönsten ist, wenn es nur einen Kandidaten gibt.
 

Auto kaufen

Jetzt doch mal den alten Gebrauchtwagen für etwas Neues eingetäuscht. Ein Augenblick spürte ich die Verführung, ein Auto zu kaufen, das zu mir passen würde, das mir richtig gefällt, das mir ‘stehen’ wurde wie ein Kleidungsstück. Das ist natürlich Unsinn, denn das wäre gleich um 10.000 oder 20.000 Euro teurer gewesen. Und ein Auto ist kein Kleidungsstück, sondern ein ziemlich miserables Ding, mit dem man von A nach B kommt und das man leider selbst fahren muß, weil ein Chauffeur unbezahlbar ist und die Bahn versagt hat.
Daß die Anschaffung mich nicht glücklich gemacht hat ist bei dieser Haltung kein Wunder. Aber unglücklich hat es mir auch nicht gemacht, so mal eine größere Summe auszugeben. Es ist mir eigentlich egal.
Merkwürdig: die Deutschen Männer spendieren null Geld an Kleidung. Es ist ihnen Wurst wie sie ausschauen, und sie gehen auch ruhig in Trainingsanzug oder in Sandalen zum Restaurant. Aber die Kleidung im geräumigeren Sinne, die äußere Schicht, das Auto, das muß bei vielen tipptopp in Ordnung sein und darf auch viel kosten.

 

Serbien Wahl

Well done, Serbians! Welcome to Europe.
 
Über mich
Als ob ich eine Wahl hätte! Ich werde einfach dorthin versetzt. Nicht daß ich das schlimm finde. Ich war eh reif für einen Umzug ins Grüne, und die Uni ist in Ordnung. Aber das Städtchen, das ist schon klein ...
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