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Der wesentlichste Charakterzug des Stiermenschen ist sein Beharrungsvermögen. Er ist nicht aus sich selbst heraus tätig, sondern wird es erst über einen Widerstand hinweg. Er braucht ein «rotes Tuch», einen Sinnesstachel, bevor er seine Aktivität verwirklicht. Sein inneres Gesetz ist nicht die Handlung, sondern das Warten. Dieser Zustand des Verharrens ist allerdings auch seiner Aktivität eigen, wenn sie einmal angestachelt ist. Er wird dann nicht ruhen und rasten, bis er an sein Ziel kommt, sogar dann noch, wenn er längst eingesehen hat, dass er es nicht erreichen kann.
Seine Haltung ist dabei sowohl ehrlich als auch töricht, ehrlich, weil er bis zur letzten Konsequenz zu seinen Taten steht, töricht, weil er damit gelegentlich wider seine Vernunft und bessere Einsicht handelt. Dabei verfügt er allerdings über einen beträchtlichen Kräftespeicher, er ist meistens der Mann, der den längeren Atem hat. Er weiß auch um seine Kraft und ist von einem großen inneren Selbstvertrauen, aber auch von einem Vertrauen zur Umwelt. Stiermenschen wollen nur das Gute sehen, sie sind geduldig, ruhig und verlieren nicht leicht die Nerven. Unsicher und unruhig wird der Stiermensch nur dort, wo er liebt. Seine oft etwas derbe äußere Haltung verbirgt ein unendlich anschmiegsames Innenleben, das nur allzu leicht verletzt wird. Wir können hier mit Recht von einer rauhen Schale sprechen, die einen weichen Kern verbirgt.
Das zweite wichtige Wesensmerkmal des Stieres ist die Bewahrung des einmal Erworbenen. Auch dies erklärt sich aus seiner Grundhaltung des Beharrens. Hilflos wird der Stier dort, wo sich sein Äußeres oder inneres Weltbild schlagartig verwandelt. Vor neuen Eindrücken und ungewohnten Situationen steht er unbeholfen, stammelnd, nach Ausdruck ringend. Dort, wo es darum geht, sein vertrautes Weltbild festzuhalten, wird er kein Mittel unversucht lassen, er wird flehen, bitten und beschwören, ja er wird sogar versuchen mit Gewalt das Fliehende zu halten.
Sein Eigentumssinn ist scharf ausgeprägt und aus seiner Beharrlichkeit und seiner Erdverbundenheit zu erklären. Er weiß um den Wert irdischen Besitzes und will ihn sich bewahren. Der Stier betrachtet aber auch die Geliebte als seinen Besitz, sein körperliches und geistiges Eigentum. Er ist an sich nicht ideenreich, sein Weltbild hat nichts von der schwellenden Fülle an sich, wie wir dies etwa beim Widder oder Löwen beobachten können. Er ist seinen Sinnen verhaftet und erlebt die Welt durch diese Sinne. Deshalb ist seine Triebnatur so ausgeprägt.


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