Welche Farbe hat der Winter?
Der Winter, jaja... heute hat er "angefangen". So richtig. Also.. nein. Eigentlich nicht. Eigentlich bemerkte ich die ersten Anzeichen schon am letzten Wochenende, als mein Auto nur noch durch die Kofferaumklappe zugänglich war. Aber heute früh, als ich aus dem Haus ging um (mal wieder zu spät) auf Arbeit zu gelangen, spiele mir der Winter einen Streich. Ich bin ein Mensch, der grundsätzlich vergisst wo er sein Auto abstellt. Und da heute früh auf jedem dieser Fahrzeuge an der Straße eine dicke weiße Schneeschicht lag war es ein Ding der unmöglichkeit das richtige Auto zu finden. Bla...
Doch welche Farbe hat der Winter eigentlich wirklich? Ich würde behaupten, der Winter ist warm. Auch wenn viele einen anderen Eindruck haben muss ich sagen, das dieses (noch) strahlende weiß ein bisschen gute Laune bringt. Die letzten Wochen waren geplagt von ekligem Regenwetter und Dunkelheit, und Menschen ziehen ja bekanntlich Regengesichter. Ich werde manchmal verdutzt angesehen wenn ich lächelnd Menschen zunicke die mich nicht kennen - das passt so rein garnicht zur Menschlichen Natur, die sich jedem Kontakt verschließt, die jeden Tropfen abweisen will, so wie jedes Gespräch oder Lächeln gegenüber Menschen, die es "sich nicht verdient haben". Die man nicht kennt. Und ich habe gemerkt, das genau diese Menschen manchmal die sind, die wir gebraucht haben, nur wenn sie ihre Seele ein Stück für uns öffnen und von Ihrer Wärme abgeben. Der ausländische Verkäufer in der Bäckerei meines Vertrauens begrüßt mich jeden Morgen mit dem gleichen freundlich Gesicht, nimmt auch nach mehreren Monaten den 1 ct Trinkgeld (wie spendabel, ich weiß) noch nicht für selbstverständlich. Und Montag hat er mir mit einer ganz einfachen Geste gezeigt, was "Mensch sein" bedeutet. Ich kam rein, blickte in das Regal in dem normalerweise mein Schokocroissant auf mich wartet - doch es war leer. "Ein belegtes Brötchen mit Salami, bitte." "Heute gar kein Schokocroissant?" "Hm, naja das Regal ist leer, da muss ich heut wohl nur das Brötchen nehmen." Er grinst, und sagt "Ich hab Ihnen eins zurückgelegt." Natürlich wird dies eine Sonderbehandlung sein für einen Kunden, der seit einem viertel Jahr jeden Morgen für 3,10 Euro beim Bäcker einkauft, aber es ist eine tolle Geste. Und es ist mehr als nur ein Schokocroissant - und auch auf die Gefahr hin das das sehr weit ausgeholt ist: Ich denke es ist ein Zeichen, das wir ohne "Menschlichkeit" wohl kaum überleben können. Meine Beziehung zum Verkäufer in der Bäckerei könnte auch anders aussehen - und ehrlich gesagt ist schon das Wort "Beziehung" vollkommen hochgegriffen. Wir kennen uns nicht, wir haben noch nicht viel mehr als "Guten Morgen","Einen schönen Tag noch", "Bitte", "Danke" oder "so ein Mistwetter draußen" zueinander gesagt, und außer diesem Schokocroissant verbindet uns nichts. Außer vielleicht das es einfacher und schöner ist miteinander umzugehen, wenn man freundlich zueinander ist. Ich bin schon lange kein Mensch mehr, der dem Kellner verdeutlicht WER sein Trinkgeld im Portmonet hat, der dem Kontrolleur in der Bahn ohne Blickkontakt das Ticket vor die Nase hält, der zu Menschen die er nicht kennt unfreundlich ist. Denn es ist viel weniger anstrengend freundlich zu sein, und zu lächeln. Es bringt einen weiter im Leben.
Gerade in dieser Weihnachtszeit (oh nein jetzt hab ichs doch gesagt) sollten wir versuchen darüber nachzudenken, das wir in einer Gesellschaft leben, in der einer nicht ohne den anderen kann. Und auch als angehender "Schwerverdiener" kann man nicht leben ohne den Menschen der eine halbe Nacht eher aufsteht um die Brötchen in den Ofen zu schieben. Man erntet was man sät, und auch wenn wir einander vielleicht nicht viel zu geben haben, ein Lächeln ist schon ein sehr guter Anfang für eine bessere Welt.
Doch soviel zum predigenden Teil. Die Farbe des Winters... Ich nehme an, mein Winter wird dieses Jahr weiß mit einem Klecks grün. Denn unser Projekt (welchem wir eben diese Farben spendiert haben) läuft langsam an. In einer Stunde hole ich A. von Arbeit ab und dann basteln wir bei M. Plakate für unsere erste Aktion, in der wir das Internet auf die Straße holen. Ich hab noch garnicht um was es eigentlich geht.. ich weiß. Das liegt daran das ich bei all den nächtlichen Trinkgelagen kaum mehr Zeit zum schreiben fand.. In dem Projekt, welches mit einem Vortrag in der heiligen Stadt enden wird, geht es um die Auswirkungen und Ambitionen sozialer Netzwerke und moderner Kommunikationsmöglichkeiten in unserem Leben. Neben dem Studium der Theorie, Zahlen und Fakten wollen wir versuchen, in einem Selbstversuch herauszufinden, wie und ob es möglich ist, ohne die großen Errungenschaften des Web 2.0 zu überleben. Zu "überwintern" könnte man fast sagen. Wenn alles gut läuft, bin ich ab Anfang nächster Woche offline. Sowohl im studi, als auch auf Facebook, meinen e-mail Accounts, eBay, Amazon, Flickr.... um es kurz zu machen: Ich werde auf das Internet verzichten, für einen noch unbestimmten Zeitraum. 2 Wochen sollten es schon werden, und wer weiß - vielleicht schaff ich sogar 3 oder 4. Und vielleicht bin ich danach ja ein ganz anderer. ;)
Das große Fragezeichen hinter dieser Aktion, welche ich kurz vor Beginn hier natürlich noch einmal so richtig publik machen werde, ist, wie sehr das Social Network unser Leben verändert hat. Wie der Fakt "immer erreichbar zu sein" unsere Aufmerksamkeit raubt ("Oh, Moment, eine SMS, sorry bin gleich wieder da"), wie ICQ zwischenmenschliche soziale Verbindungen abbaut und - um auch die positiven Aspekte zu betrachten - wie wichtig all diese neuen Techniken für uns sind. Ohne Internet hätte mein Studium nach dem ersten Semester geendet, ich hätte noch keine Praktikumsstelle, und - um ehrlich zu sein - ich wüsste nicht einmal wie das Wort "Croissant" geschrieben wird.
Mit dieser geglückten Kehrtwende zum Anfang des Eklats Eintrags möchte ich mich vorerst verabschieden, bin auf Fragen und Reaktionen gespannt, und beende den Absatz mit einem freundlichen: "Zieh nich so n Gesicht, der Regen löst deine wunderschöne Haut schon nicht auf".
Oder auch: "Wenn der Winter vor allem in den Herzen sitzt, wird es zeit die Brocken mit einem strahlenden Lächeln voller Wärme zum schmelzen zu bringen."
Und um auch diesem kläglichen Versuch zur Poesie zu neigen ein Ende zu verleihen möchte ich als allerallerletztes erwähnen, das - auch wenn ich mir bei der Farbe des Winters nicht genau sicher bin - ich eins ganz genau weiß: Mein Auto ist dunkeldreckig.
Einen schönen Donnerstag Abend ;)
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