Traumbegegnungen.
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.
Nachdem meine Uroma letztes Wochenende ihren 95sten hatte habe ich viel darüber nachgedacht. Nicht unbedingt über das älter werden, aber über das was man erlebt hatte. Mein Nachbar wohnte zu DDR-Zeiten in Berlin im Grenzgebiet. Er erzählte von Erlebnissen mit Grenzsoldaten und von allgemeinen Unannehmlichkeiten mit der damaligen Regierung. Und bei diesen Erzählungen ist mir mein Uropa eingefallen, der im zweiten Weltkrieg lang in Russland in Gefangenschaft saß und nach vielen Jahren wieder in die zerstörte Heimat zurückkehrte. In der Nacht hatte ich dann einen absolut krassen Traum... Wir waren auf einer Familienfeier und dort war mein Opa.. Und im Traum bemerkte ich, dass ich mich nie richtig von ihm verabschiedete. Er war damals ins betreute Wohnen gezogen, noch mit 90 Jahren packte er mit an und war voller Lebensenergie. Ich war krank als meine Eltern ihn besuchen fuhren und blieb lieber zuhause, da ich mich nicht so wohl fühlte. Eine Woche später verstarb er. Ich weiß nicht genau wann ich ihn überhaupt das letzte mal gesehen hatte.. Und wenn ich darüber nachdenke hatten wir nie lange Unterhaltungen, ich habe immer nur gelauscht und zugehört was er zu erzählen hatte. Ich hab vor seiner Kraft immer den hut gezogen, schließlich hatte er mehr mitgemacht als wir uns vorstellen können, sein Leben war nicht unbedingt von Freude geprägt und der Krieg... da muss man nichts dazu sagen. Im Traum jedenfalls waren wir uns fremd, wir redeten nicht, ich hab ihn nur gesehn. Und als ich kurz danach aufgewacht bin war ich voller Wut an mich selbst, ich hab so tief Luft geholt wie bei noch keinem Traum zuvor, es war als würde meine Brust gesprengt und an sich total komisch. Den ganzen Tag war mir dieser Traum vor Augen. Und das allerkomischste an dieser Sache war, das ich in der darauffolgenden Nacht einen ähnlichen Traum hatte. Wieder mein Opa und ich, er sagte irgendwas zu mir, ich weiß nicht mehr was, wahrscheinlich hatte ich es garnicht richtig verstanden. Jedenfalls sehe ich nur noch wie wir uns umarmen und ich ihm "Tschüss" sage, dann bin ich aufgewacht.. Und wenn ich jetzt so darüber nachdenke - trotz das wir uns nie richtig verabschiedet hatten - jetzt erst habe ich damit abgeschlossen. Natürlich war es nur ein Traum, aber ein skurriler. Und noch nie wirkte ein Traum so realitätsnah auf mich.
Irgendwie macht es mich glücklich das ich ihm Tschüss sagen durfte, auch wenn er es nicht gehört hat.
Ich bin nicht traurig oder so, es hatte mich auch nie belastet, aber irgendwie fühle ich mich ein Stück freier.
Vor kurzem starb hier ein Mädchen, dass erst 2 Jahre alt war oder so. Ganz plötzlich. Blutgerinsel im Gehirn. Niemand wusste davon und sie war einfach tot, von der einen Sekunde zur anderen nicht mehr da. Wie schlimm muss es für Menschen sein die ein solches Schicksal erleben müssen. Und wie schrecklich muss das Leben nur sein für Menschen, die wissen das das Leben es nicht gut mit ihnen meint.. und wie schlimm ist es, wenn man nicht Abschied nehmen darf.
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.
Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausende lang;
und ich weiss noch nicht:
bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein grosser Gesang.
(Ich glaube nicht an Gott, aber ich liebe Rilke, und ich liebe dieses Gedicht.)
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