Der Anfang vom Ende..
Bis jetzt bin ich schön brav jeden Tag in die Schule gegangen, alles war vorbestimmt, bis zu meinem Abitur. Meine einzige Anstrengung lag darin, durch angemessene Leistungen diesen ersten Lebensplan zu unterstützen. Jetzt wird es Zeit, dass ich meine Zukunft selbst in die Hand nehme.
M e i n e Z u k u n f t . Wie oft habe ich davon geträumt! Meine erste eigene Wohnung. Studieren, was mich interessiert, Menschen kennenlernen, die vielleicht ein wenig mehr wie ich ticken. Vielleicht den Menschen kennenlernen, den ich lieben möchte. Ja, nächtelang, seit Jahren, viel zu vielen Jahren male ich mir jeden Abend meine Seifenblasenträumchen aus. Wie wunderschön allein diese gedankliche Vorstellung an mein zukünftiges Leben mit Partner ist! Und ich weiß nicht, seit wie vielen Jahren ich mich auf meine erste Schwangerschaft freue. Ich weiß nur, dass mich alle ausgelacht haben, oder es vielleicht auch jetzt noch absurd finden.. Aber ja, ich finde es so unheimlich schön, dieses Gefühl. Auch wenn ich das eigentlich noch nicht wissen kann.
Vielleicht bin ich auch einfach zu dumm für diese Welt. Ich zucke zusammen, wenn ich höre, wie jemand "mein Mann" oder "meine Frau" sagt. Wie oft hört man am Tag "mein Freund" oder "meine Freundin".. aber mein Mann. Wow. Das ist etwas anderes. Das ist so.. fest, feierlich, unantastbar. So merkwürdig, das von Personen zu hören, die vor Kurzem noch einfach von Freund gesprochen haben.. Und das trifft in meinem Herzen so eine Faser, die eines der merkwürdigsten Gefühle ausschüttet, die ich verspüre. So eine Art wehmütiger Schmerz. Ein trauriger, schöner, sehnsüchtiger, romantischer, hoffnungsvoller und leidiger, tiefer Schmerz. Ich glaube, ich lebe viel zu viel in Träumen.
Nun ist es jedenfalls an der Zeit, den ersten Schritt Richtung "Traumleben" zu tun. Den richtigen Beruf ersinnen, eine entsprechende Studienrichtung wählen, eine schöne Stadt aussuchen, eine Wohnung finden.
Miau! Ich habe mir vorgenommen, dann ganz anders zu leben. Richtig zu leben. So, wie es die anderen tun. Etwas unbeschwerter, spontaner, extrovertierter.
Ja, ich habe mich hier in den letzten 3 Jahren unheimlich zurückgezogen. Erst der Schulwechsel. Diese endlos graue Depressionsphase. Der Selbstmord einer Freundin. Die eigenen Selbstmordgedanken mit einer Freundin zusammen, die ich kennengelernt hatte und die mir so unheimlich nahe war, wie nie jemand zuvor. Die Selbstverletzung. Das völlige Abkapseln von der Außenwelt, denn die anderen waren ja eh "viel zu dumm, um zu fühlen und zu verstehen".
Ich bin so froh, diese Phase überstanden zu haben! Ja, ich kann wirklich sagen, dass ich das Leben wieder mit anderen Augen sehe. Aber ich bereue diese "schwarze Zeit" trotzdem nicht, auch wenn sie viele tiefe Wunden zurückgelassen hat. Ich habe in diesen Jahren den Kontakt zu wirklich wichtigen Menschen verloren und bis heute nicht wiedergefunden. Das Schlimmste ist, dass ich diese Menschen nicht etwa vergessen habe. Im Gegenteil, ich träume ständig von ihnen, mein Unterbewusstsein quält mich, indem es mir immer wieder zeigt, wie sehr ich sie vermisse. Wie sehr ich sie liebe, wie wichtig sie mir sind. Doch ich stehe mir selbst im Weg, weiß nicht, wo den Faden wieder aufrollen, denn der letzte Eindruck, den ich hinterlassen habe, war der völliger Egalität.
Aber ich habe in dieser Zeit auch eine wundervolle, tiefsinnige und enge Freundschaft erlebt. Ja, eine Seelenverwandtschaft. Und vorallem aber habe ich gelernt. Wurde geprägt. Denke anders, vielleicht reifer. Bin in vielen Sachen erhabener geworden. Auch wenn ich noch immer nicht meine Mitte, meine innere Ruhe gefunden habe.
Ich hatte wieder Wünsche und Träume, habe wieder etwas vom Leben erwartet und vorallem dafür gekämpft. Als mein Vater meine Mutter verlassen hat, wurde ich eine stützende Säule, konnte endlich auch einmal bedingungslos Geben. Wirklich für jemanden dasein. Ich liebe meine Mutter über alles! Wieder hatte eine dunkle Phase des Lebens etwas unschätzbar Positives. Wir sind uns so nahe gekommen, haben uns gegenseitig Kraft gegeben und uns gestützt. Ja, meine Mutter und ich, wir sind nicht nur Mutter und Tochter. Wir sind wirklich beste Freundinnen geworden! Und dieses Gefühl ist einfach wunderschön.
Und eben hier setzt jetzt wieder der bittere Nachgeschmack zu all dem, über das ich gerade nachdenke, an. Bis jetzt habe ich mich nur auf mein Studium gefreut, eben weil ein neuer Abschnitt meines Lebens beginnt. Ich habe ja auch meine Seifenblasenträume von der Zukunft, die ich zu verwirklichen wünsche. Aber was mir dabei noch nie eingefallen ist: es ist der Anfang vom Ende.
Ich gehe mit dem Gefühl von zu Hause weg, dass ich studiere. Das ist klar, das wollte ich schon immer und das werde ich auch tun, so wie viele tausend andere zu dieser Zeit.
Aber ich werde nie wieder zurückkommen. Es ist nicht wie ein Auslandsjahr, ein Praktikum, eine Sprachreise. Ich studiere nicht und komme dann in meine Familie zurück, wie es vorher war. Nein. Ich werde dann wirklich mein eigenes Leben führen, vielleicht für immer in einer anderen Stadt wohnen. Wenn ich nach Hause komme, am Anfang sicherlich noch häufiger, dann nur am Wochenende. Irgendwann wird es für Johanna und Mama nur noch so sein, wie wenn Oma oder Tante vorbeikommen. Ich bin dann meine eigene Familie.
Es ist schrecklich, ich bin kein kleines Kind und niemand, der bis 30 bei Mutti wohnen will. Aber ich stehe meinen beiden Schätzen so nahe, so nahe, dass ich mir nicht vorstellen kann, wie sie leben werden, wenn ich nicht da bin. Irgendwann auch nicht mehr mit dem Gedanken, dass ich fehle. Sie brauchen mich so sehr und ich brauche sie. Wir sind so fest zusammengewachsen in den letzten 1,5 Jahren. Ich bin nicht nur die große Schwester für meine Schwester, sondern auch eine zweite Mutter.
Wie wird das alles; selbstständig werden, aber seine Familie dabei im Stich lassen?! Das ist gerade so wirr, scheint mir so absurd. Aber ich glaube, es ist der Lauf das Lebens..
Ich möchte leben und ich selbst werden.
Aber ich möchte auch, dass es ihnen gut geht, für sie da sein.
Möchte eigentlich nie wieder die enge Verbindung zu meiner Familie verlieren!

Kommentare: 2
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mit bleibt aber im grunde nur deutlich zu sagen: ich kann dich so verdammt gut verstehen! die gefühle, die du beschreibst, dieser süßliche schmerz, wenn man an die zukunft denkt. man ist gespannt, möchte nun alles anders/besser machen, aber auf der anderen seite hat man auch angst. angst, zu sehr in träumen zu leben und seinen "großen plan vom glück" irgendwann deprimiert wegwerfen zu müssen, und angst, geliebte menschen zu verlieren.
aber glaub mir, "verlieren" wirst du deine mutter und deine schwester nicht. der kontakt, eure beziehung wird sich mit der zeit verändern, aber das kann man nicht vermeiden. das heißt ja nicht, dass ihr euch fremder werdet. vielleicht hat es auch was gutes, wenn man die kostbaren momente, in denen man sich dann sieht und umarmen kann und lachen kann, dass man diese momente dann intensiver ausschöpft und wahrnimmt.
und so dumm es klingt, abschied nehmen gehört nunmal dazu. aber wo du in der einen stadt abschied nimmst, so lernst du in der anderen viele neue interessante bekanntschaften, ja zukünftige freunde kennen. das ist das, worauf ich mich am meisten freue, die neuen menschen!
vielleicht ist es daher eher der anfang vom ende alter abhängigkeiten. du wirst dich selbst suchen, und alte fesseln abschütteln. ich stell mir das als eine unglaublich aufregende zeit vor, die man genießen sollte.
man muss etwas wagen, ein risiko eingehen, "man lebt nur einmal" (ein vielgebrauchter satz, aber unglaublich wahr). und träume sind nicht behindernd, eher spornen sie dich an. setz deine ziele hoch, aber sprich nicht von "versagen" wenn du merkst, dass traum und realität nicht übereinstimmen und du dich umeintscheidest.
auch generell hab ich mich so schön in deinem eintrag wiedererkannt :) ich stehe gerade ein paar tage davor, von einem seelenverwandten abschied zu nehmen. auch er hat mich geprägt, mir meinen horitzont erweitert. als wenn er mir jeden tag ins ohr geflüstert hätte "das ist dein leben. dein einziges. lache, tanze, singe, freu dich mit anderen, entdecke andere länder und städte und kulturen, sei offen für alles"
dir steht so viel offen. ich wünsche dir alles alles gute, und vor allem viel kraft. wobei ich mir sicher bin, dass du stark genug bist, deinen weg zu gehen. aber es gibt immer schwere und leichtere zeiten und die wird es auch immer geben. ich wünsche dir, dass dann immer menschen für dich da sind, und dir zeigen, dass es immer hoffnung gibt. und natürlich auch herzlichen glückwunsch zum abitur :)
liebste grüße, marasca
ich wünsch dir was!
miyu
ps. auch herzlichen glückwunsch zum abi!!