Frau Müller und Frau Meier, beides Vorzimmerdamen Mitte vierzig, sitzen gelangweilt im Büro und warten darauf, dass der Arbeitstag zu Ende geht. Frau Müller verspeist gerade einen Doppelzentner Fruchtgummi, während Frau Meier vor Gier und Neid fast stirbt. Sie bemüht sich, Fassung zu bewahren. Beide tragen Übergröße.
Frau Müller: schmatzt.
Frau Meier: Ach jaa. Gleich hammers wieder. Ist schon lange, so ein Tag.
Frau Müller: schmatzt.
Stille.
Frau Meier: Ja, gleich isses wieder soweit, dann geht's endlich heim.
Frau Müller: schmatzt und grunzt, man hat fast den Eindruck, sie verliert alle menschlichen Züge und verwandelt sich in ein alles fressendes Schwein.
Frau Meier: Ach jaa. Der Erwin will mich heute Abend ausführen. Weil ich schon so fleißig abgenommen habe. Dabei ist es mir gar nicht so schwer gefallen.
Frau Müller: schmatzt.
Frau Meier: Hmm, ja. Ist schon ne Weile her, dass der Erwin und ich mal so richtig aus waren. Die letzten Jahre war's uns immer zu gemütlich daheim. Höchstens mal zum McDonald's, aber sonst... ich weiß gar nicht so recht, was mich erwartet, so richtig mit Kino und so. Richtig aufregend. Mein Erwin ist schon so einer.
kichert.
Frau Müller: raschelt, reißt eine neue Tüte auf.
Frau Meier: Ja ja, Erma, du weißt ja, ich hab sie auch immer gern gegessen, die Süßigkeiten und die Torten und sonst so. Aber das mit dem Abnehmen ist mir gar nicht schwer gefallen. Ich weiß gar nicht, wieso ich das nicht schon viel früher mal gemacht habe. Das soll ja soo gesund sein und so...
Der Geifer läuft ihr das Kinn herunter.
Sie öffnet ihre Tasche, holt eine Möhre hervor und knabbert zaghaft und sichtbar angewidert an dem Fremdkörper in ihrer Hand.
Frau Müller: frisst mittlerweile aus mehreren Tüten gleichzeitig, die Geräuschkulisse wird immer schweinischer.
Frau Meier: knabbert noch immer an ihrer Möhre, in ihren Augen stehen abwechselnd HASS, ZORN, VERZWEIFLUNG, ABSCHEU und einige andere ungute Gefühlsregungen.
Im Hintergrund schaltet sich das Radio von selbst ein und ein bedrohlich ruhiges Harfengeklimper untermalt die Szene.
Frau Müller: hält kurz inne, lauscht der Musik, dann stürzt sie sich wieder auf ihre Süßigkeiten. Sie liegt mittlerweile halbnackt auf dem Tisch und wälzt sich in einigen Schokoladentafeln.
Ein leichter Wind setzt ein und durchströmt das Büro auf unheimliche Weise.
Frau Meier: Ach jaaaa. Wie das halt so ist, jeden Tag...
Ihr Gesicht läuft rot an, auf ihren Lippen, aus denen Möhrenstückchen herunterfallen, sind immer wieder die stummen Worte
Erwin - töten.
abzulesen. Langsam tritt Schaum vor ihren Mund und sie erhebt sich.
Frau Müller: reißt sich die Kleidung in Fetzen vom Leibe und wälzt sich nun völlig hemmungslos in einem undefinierbaren Süßigkeiten-Matsch auf ihrem Schreibtisch.
Frau Meier: Ach jaaaa. Wie die Zeit vergeht. Und das Wetter...
Ganz langsam erhebt sie sich und durchschreitet den Raum, öffnet das Fenster und stürzt sich hinaus.
Nach einigen Sekunden hört man ein dumpfes, irgendwie unangenehmes Geräusch.
Frau Müller: hält kurz inne, übergibt sich und platzt.
Nach einigen Minuten geht die Tür auf. Ein vornehmer, vitaler Mann Mitte dreißig betritt den Raum und blickt sich kritisch um. Er betrachtet die Szene einen Moment lang, tritt dann zum Fenster, sieht nach unten, betrachtet sich auch diesen Anblick einige Momente, tritt dann zurück, kratzt sich am Kopf. Er nimmt den Telefonhörer, wählt zwei Ziffern.
Das Freizeichen.
Frauenstimme: Hallo? Vorzimmer Dr. Borstel.
Der vitale Mann: Hier Tschalenko. Geben sie mir bitte den Boss.
Frauenstimme: Natürlich, Herr Tschalenko. Einen Moment bitte. Ich verbinde.
Das übliche Gedudel in der Leitung.
Eine Stimme: Ja?
Der Mann: Hier Tschalenko. Die Dicken aus der Dritten machen wieder Ärger. Sie haben sich wieder irgendwas einfallen lassen, um mir auf die Nerven zu gehen. Ich habe keine Lust mehr auf diese Spielchen. Entweder Sie geben mir anständige Leute, oder ich sehe mich nach einer neuen Stelle um.
Die Stimme: Nun - Tschalenko. Ich will Ihnen mal was sagen. Langjährige Mitarbeiter wie die beiden netten Damen Meier und Müller bilden das Fundament dieses Unternehmens. Sie pflastern den Weg, auf dem Sie in Ihrer S-Klasse Ihrer ersten Million entgegenfahren. Vergessen Sie das nicht. Arrangieren Sie sich mich diesen Leuten, alles andere ist völlig indiskutabel. Diese Damen sind ebenso wie sie, Tschalenko, unverzichtbare Bestandteile dieser Firma. Aber im Gegensatz zu Ihnen, lieber Tschalenko, waren sie von der ersten Stunde an mit dabei, als ich aus einem Garagenverkauf ein Imperium machte, das heute seinesgleichen im Lande sucht. Seien Sie also so gut. Hören Sie auf, meine Zeit zu stehlen und nehmen sich ein Vorbild an diesen wunderbaren, achtenswerten Menschen, die im Gegensatz zu Ihnen einfach nur unverdorben, ehrlich und anständig sind. Guten Tag!
Er legt auf.
Das Radio schaltet sich wieder ein. Harfengeklimper. Dazu ein unheimliches Grollen von weiter Ferne.
Tschalenko tritt zum Fenster und lässt sich hinausfallen.
In diesem Moment fällt das Gebäude in sich zusammen und aus dem Harfengeklimper wird ein dröhnendes Orgelkonzert, das mindestens bis zum Ende der Welt zu hören sein muss.
Der Teufel: lacht.
Alles klar
Traurig
Grinsend