Mein Name ist Edgar B. Taugeviel. Ich bin 32 Jahre alt und lebe in Deutschland. Überall dort. Montags bin ich in München, Dienstags in Stuttgart, Mittwochs in Düsseldorf, Donnerstags in Hamburg, Freitags in Berlin, Samstags in Dresden und Sonntags in Nürnberg.
Das klingt nach Stress. Eigentlich macht es mir aber eine ganze Menge Spaß, da ich gerne Zug fahre. Das hindert mich kein bisschen daran, ca. 10% meiner Privatgespräche mit Kritik an der Deutschen Bahn, insbesondere in Bezug auf deren Pünktlichkeit zu vergeuden. Macht man halt so, denn wir sind ja alle Deutsche und Deutsche meckern nun mal gern.
Man kann sich darüber aufregen oder sich gar darüber lustig machen, dass das so ist, aber ich finde es völlig in Ordnung. In anderen Ländern wird auch über eigenartige Umwege kommuniziert. Und ob wir nun Interesse am Familienleben unseres Gesprächspartners heucheln oder einfach über alles meckern macht doch letztlich keinen Unterschied.
Beide Kommunikationsformen zeigen jedoch eines: unsere Leben sind relativ langweilig. Und was noch schlimmer ist: andere finden sie noch viel langweiliger als wir selbst. Genau deshalb meckern wir, statt uns darüber zu unterhalten, ob wir unsere morgendliche Koffeinspritze nun mit fettarmer Milch, Vollmilch oder gar mit Kaffeesahne geölt haben. Wir könnten uns statt alledem natürlich auch darüber unterhalten, wieso wir überhaupt Koffein zu uns nehmen und wieso wir dieses pur eher unbeliebte Anregungsmittel mit Fett und Zucker aufpeppen müssen, damit uns nicht schon morgens schlecht wird. Man könnte sich natürlich auch über das alte Gerücht unterhalten, Kaffee würde dem Körper ungeheure Mengen an Flüssigkeit rauben und wieso es sich immer noch hält. Aber zu solchen Gesprächen fehlen einem meist die Partner. Deshalb wird gemeckert. Und ich kann nicht behaupten, es würde mir keinen Spaß machen. Ganz im Gegenteil: ich meckere gerne. Ich meckere gerne über fast alles. Nur bei dem Wetter hört der Spaß auf.
Denn das Wetter in Deutschland macht mir wirklich nur wenig Spaß. Einerseits weiß ich es zwar zu schätzen, dass mein Heimatland zu den wenigen Regionen auf der Welt zählt, die zu keiner Zeit einen Mangel an Wasser zu beklagen haben. Das kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Und wer einmal im Frühsommer aus einem Wüstenstaat zurück nach Deutschland zurück zu kommen das Glück hatte, der weiß wovon ich spreche. Wer Ähnliches nicht selbst erlebt hat, der weiß gar nicht, was für intensive Eindrücke der Farbe Grün das menschliche Gehirn wirklich erleben kann.
Ein weiterer sehr angenehmer Punkt, den ich ursächlich mit dem deutschen Klima in Zusammenhang bringe, ist dass in Deutschland alles einigermaßen so funktioniert, wie ich es mir wünsche. Damit meine ich, dass mir selbst beim schönsten Wetter die Laune vergeht, wenn alle Leute, von denen ich Dienstleistungen oder das Einhalten von Verabredungen erwarte, in einen müden Trott verfallen und so zuverlässig funktionieren wie eine 5-Euro-Kaffeemaschine. Das ist mein Eindruck. Vielleicht geht es anderen anders, aber mein Eindruck ist, dass in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern bei allem Gejammere immer noch alles erfreulich gut funktioniert und auch die Menschen (wie gesagt: gemessen an anderen Ländern, nicht an Idealvorstellungen) auch erfreulich zuverlässig ihren Geschäften nachgehen.
Was ich natürlich nicht verschweigen darf, ist die Tatsache, dass ich bei 35 Grad auch nicht eben zielstrebig oder gar zuverlässig arbeiten kann.
Genau deshalb ist das mit dem Wetter so eine Zwickmühle. Einerseits haben wir unserem Klima alle Annehmlichkeiten, die unser Land zu bieten hat, zu verdanken. Andererseits macht es uns mürrisch und traurig und bewirkt bei manchem, dass er 5 Monate am Stück das Haus am liebsten gar nicht mehr verlassen würde. Kaum wird es Sommer, kommen die ganzen blassen und vormals zutiefst trübsinnigen Gestalten aus ihren Häuschen, legen ihre Schreibfeder aus der Hand, werfen die über den Winter verfassten tiefsinnigen Gedanken über Bord, reiben sich die Augen, blinzeln in die Sonne und werden gesellig. Dann sitzen sie 4 Monate in Biergärten und liegen auf Wiesen und haben keine grauen Gedanken im Kopf. Wenn der obligatorische Sommerregen kommt, gehen sie nachhause, telefonieren mit ihren Biergartenbekanntschaften und gehen mit ihnen lebensfrohe Dinge unternehmen.
Doch bald ist dieser Sommer wieder vorbei. Dann werden die Biergärten verschlossen, die Wiesen werden zugedeckt und alle sitzen wieder zuhause, schreiben Gedichte über den Tod und verlorene Liebe, trinken schweren Wein und stürzen sich am Tage auf ihre Arbeit. In diesen Phasen erfinden sie Automotoren, überarbeiten das Seerecht, organisieren Messen und halten das Weltgefüge im Gange. Im Sommer falten sie Papierschiffchen, spielen Solitaire und denken an gar nichts. Auch bleibt der schwere Wein im Sommer fest im Keller versperrt. Wer will schon mit schwerem Kopf durch das Leben tänzeln? Hier sind leichte Getränke gefragt, die jedermann versteht und die Freude bereiten. Daher denken sie sich im Winter Modegetränke für den Sommer aus: leichtes Bier in Flaschen, die sich nicht für die Lagerung von Bier eignen - oder Schnaps mit Limo - Hauptsache alles in klaren Flaschen, denn die werden im Sommer reichlich benötigt. Worin sonst als in klaren Flachen sollte man sonst die ganze Flaschenpost mit fröhlichen Sprüchen verschicken?
Aber wie schon gesagt: zu solchen Gesprächen fehlen mir zumeist die Partner. Vor allem hier vorne in der Fahrerkabine. Verdammte AXT! Bei dem schönen Wetter lassen sie auch nur die ärmsten Hunde Arbeiten! TUUUT...
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